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Full text of "Esoterische Betrachtung karmischer Zusammenhänge. Zweiter Band"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange 

aus dem Jahre 1 924 



BAND I Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach am 16., 17., 23. und 24. Februar, 
1., 2., 8., 9., 15., 16., 22. und 23. Marz 1924 (Bibliographie-Nr. 235) 

BAND II Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach am 6., 12., 23., 26. und 27. 

April, 4., 9., 10., 11., 16., 18., 29. und 30. Mai, 4., 22., 27. und 29. Juni 
1924 (Bibliographie-Nr. 236) 

BAND III Die karmischen Zusammenhange der anthroposophischen Bewegung. 

Elf Vortrage, gehalten in Dornach am 1., 4., 6., 8., 11., 13. und 28. Juli, 
1., 3., 4. und 8. August 1924 (Bibliographie-Nr. 237) 

BAND IV Das geistige Leben der Gegenwart im Zusammenhang mit der anthro- 
posophischen Bewegung. 

Zehn Vortrage, gehalten in Dornach am 5., 7., 10., 12., 14., 16., 18., 19., 
21. und 23. September, sowie die «letzte Ansprache» vom 28. Septem- 
ber 1924 (Bibliographie-Nr. 238) 

BAND V Sechzehn Vortrage, gehalten in Prag vom 29. bis 31. Marz und am 
5. April, in Paris vom 23. bis 25. Mai, und in Breslau vom 7. bis 15. Juni 
1924 (Bibliographie-Nr. 239) 

BAND VI Fiinfzehn Vortrage, gehalten in Bern am 25. Januar und 16. April, in 
Zurich am 28. Januar, in Stuttgart am 6. Februar, 9. April und 1. Juni, 
in Arnheim vom 18. bis 20. Juli, in Torquay am 12., 14. und 21. August, 
und in London am 24. und 27. August 1924 (Bibliographie-Nr. 240) 



Zum Thema «Wiederverkdrperung und Karma» sei noch auf folgende B'dnde der 
Rudolf Steiner Gesamtausgabe hingewiesen: 

«Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Natur- 
wissenschaft notwendige Vorstellungen - Wie Karma wirkt», 1903 (im 
Band «Luzifer-Gnosis», Bibliographie-Nr. 34, und als Einzelausgabe) 

«Das Prinzip der spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wieder- 
verkorperungsfragen - Ein Aspekt der geistigen Fuhrung der Mensch- 
heit», 1909 (Bibliographie-Nr. 109/111) 

«Die Offenbarungen des Karma», 1910 (Bibliographie-Nr. 120) 

«Okkulte Geschichte. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusam- 
menhange von Personlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte», 
1911 (Bibliographie-Nr. 126) 

«Wiederverkorperung und Karma und ihre Bedeutung fur die Kultur 
der Gegenwart», 1912 (Bibliographie-Nr. 135) 



RUDOLF STEINER 



Esoterische Betrachtungen 
karmischer Zusammenhange 

Zweiter Band 



Siebzehn Vortrage, 
gehalten in Dornach zwischen dem 
6. April und 29. Juni 1924 



1988 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal 



1. Auflage, Domach 1934 

2. Auflage, erweitert um die Vortrage 
Stuttgart 9. April; Bern 16. April; Stuttgart 1. Juni 1924 
Gesamtausgabe Dornach 1959 

3. Auflage, Gesamtausgabe 1965 

4. Auflage, neu durchgesehen und verandert 
(ohne die Vortrage 
Stuttgart 9. April; Bern 16. April; Stuttgart 1. Juni 1924) 
Gesamtausgabe Dornach 1973 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1977 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988 



Bibliographie-Nr. 236 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Assja Turgenieff 
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
© 1973 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-2360-9 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie 
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlaflt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, flnden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 

Zur Wiedergabe des in diesen Vortragen Gesagten bemerkt 
Rudolf Steiner im Vortrag vom 22. Juni 1924, dafi diese nicht anders 
als durch Vorlesen des genauen Wortlautes erfolgen diirfe. 



INHALT 



KARMISCHE BETRACHTUNGEN 
IN BEZUG AUF DAS GESCHICHTLICHE WERDEN 

DER MENSCHHEIT 

Erster Vortrag, Dornach, 6. April 1924 

Baco von Verulam und Amos Comenius. Marx und Engels. Otto 
Hausner. 

Zweiter Vortrag, 12. April 1924 

Der esoterische Zug in der gegenwartigen anthroposophischen Be- 
wegung. Zusammenwirken karmisch verbundener Seelen im vorirdi- 
schen Dasein. Wirkung der Impulse Bacons in Leopold von Ranke 
und des Comenius in Schlosser. Heriiberwirken der einen Inkarna- 
tion in die andere. Conrad Ferdinand Meyer. 

Dritter Vortrag, 23. April 1924 

Das geschichtliche Leben der Menschheit raufi an die Betrachtung 
des Menschen selbst herangebracht werden. Friihere Epochen wer- 
den durch den Menschen selbst in spatere Epochen heriibergetragen. 
Pestalozzi, Conrad Ferdinand Meyer, Emerson, Herman Grimm. 

Vierter Vortrag, 26. April 1924 

Wie steht es mit der Wiederverkorperung fniherer Eingeweihter? 
Verschiedenheiten der aufeinanderfolgenden Erdenleben, Notwen- 
digkeit der Anpassung an die neuen Zivilisations- und Leibesver- 
haltnisse. Das friihere Wissen wird verschiitten, geht aber nicht ver- 
loren; es kommt auf eine andere Weise wieder zum Vorschein. Die 
vorderasiatischen Mysterien in den ersten nachchristlichen Jahr- 
hunderten. Die alte Initiationsweisheit aus fruheren Erdenleben 
drangt jetzt zu dichterisch kiinstlerischem Schaffen. Ibsen, Frank 
Wedekind, Holderlin, Hamerling. 

Funfter Vortrag, 27. April 1924 

Das Wunderbare in der Alltaglichkeit. Die Pragung von Menschen- 
charakteren aus geschichtlichen Ereignissen, die zu Seelenimpulsen 
fiir die folgenden Erdenleben werden. Kronprinz Rudolf. Gut und 
Bose im Lichte des Karma. Die Schicksalsfrage als moralisches Erleb- 
nis des Menschen. Die Bedeutung der Tempelarchitektur, des Kultus 
und der in Bildern verlaufenden Meditation: vertiefte Innenerkennt- 
nis und geheiltes Sinnesempfinden. Der Goetheanumbau war eine 
Erziehung zum karmischen Schauen. 



KARMISCHE BETRACHTUNGEN 
DES INDI VIDUELLEN MENSCHLICHEN LEBENS 



Sechster Vortrag, 4. Mai 1924 

Durch objektive Karmabetrachtung fliefit ein lebendiges Ethos in 
unsere Seelenverfassung ein. Vielen Menschen fehlt die Eignung, sich 
von sich selber loszulosen und an anderes hinzugeben; erhohter 
Egoismus ist eine Gefahr des geistigen Strebens. Karmischer Aus- 
gleich beim Ineinanderleben der karmisch verbundenen Menschen 
in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt; man geht 
aus sich heraus und in den anderen hinein. Karma wirft seine Schat- 
ten oder Lichter voraus. Praktische Karmaiibungen durch Weg- 
schaffung des sichtbaren Menschen, so daft hinter ihm die Saturn-, 
Sonnen- und Mondenimpulse sichtbar werden. 

SlEBENTER VORTRAG, 9. Mai 1924 

Innere Verrichtungen der Seele, um Karma anschauen zu lernen. Der 
Beginn des Erkenntnisweges ist, einen richtigen Gesichtspunkt zu 
gewinnen, indem man sich mit den weisheitsvollen Einrichtungen 
der Welt durchdringt. Dann handelt es sich darum, warten zu kon- 
nen. Durch das energische Heraufheben des Erlebten ins Bewufit- 
sein erlangt man die Gestaltung des Bildes durch den Astralleib im 
aufieren Ather. Spater werden die so substantiierten Bilder durch 
den Atherleib, dann durch den physischen Leib ausgearbeitet. Gei- 
stige Anstrengung durch Aktivitat der Seele sowie Besonnenheit von 
Kopf und Herz sind notwendig fur die Umwandlung des Willens 
zum Schauen. 

Achter Vortrag, 10. Mai 1924 

Karmische Betrachtungen in bezug auf die auftere Gestaltung, die 
Physiognomie, das Mienenspiel des Menschen. Die Materie ist die 
aufiere Offenbarung des Seelisch-Geistigen; des Menschen Gestalt 
und seine Bewegungsmoglichkeiten sind ein Bild der geistigen Welt. 
Haupt, rhythmisches System und Gliedmafien-Stoffwechselsystem 
innerhalb der karmischen Entwickelungsstromung. 

Neunter Vortrag, 11. Mai 1924 

Gesetzmaftige Zusammenhange fur die innere Konfiguration in der 
Bildung des Karma, seiner ethischen und geistigen Seite im mensch- 
lichen Leben. Zusammenhang der Karmabildung mit den Urlehrern 
der Menschheit, den jetzigen Mondbewohnern. Die negativen Bilder 
der menschlichen Taten. Das Leben in der Seelenwelt beim Ruck- 
gang durch die friiheren Erdennachte. Intensiver als die Erdener- 
lebnisse sind die erlebten Bilder der Mondenwesen-Region durch 



Einpragung der Weltsubstanz. Wiederfinden der Urweisheit. Das 
Lesen in der Weltenschrift mit den zehn Begriffen des Aristoteles. 
Betrachtung des Urbilds der Strader-Gestalt und Jakob Frohscham- 
mers bei der Ruckwanderung nach dem Tode. Radikale Verande- 
rungen nach dem Tode unter dem Einflufi dieser von den irdischen 
grundverschiedenen Krafte. Der Keim zum Karma, die im Welten- 
ather eingetragenen negativen Bilder, wird beim Zuruckkommen in 
den Erdenwillen aufgenommen. 



KARMABILDUNG BEIM ROCKLAUFIGEN 
DURCHLEBEN DES ERDENWANDELS 
UNMITTELBAR NACH DEM TODE 

Zehnter Vortrag, 16. Mai 1924 

Verschiedenheiten der Wirkungen der irdischen und der aufierirdi- 
schen Welt auf die Bildung des Karma. Obergang von dem Miterle- 
ben der Mondwesenheiten zu dem der Hierarchien. Durchgang 
durch die Planetenspharen. Im Bereich des Sonnenwirkens sind gei- 
stige Gesetze und Naturgesetze eins. Das wahrhaft Menschliche 
stammt aus dem Sonnendasein, das Irdische ist nur Bild davon. Zu- 
rvicklassen des schlimmen Karma vor dem Eintritt in das Sonnen- 
dasein; Wiederfinden des Bosen beim Riickgang aus dem Welten- 
dasein durch die Mondenregion. Homunkulus in Goethes «Faust». 
Durch das Sonnenleben entstehen die Gesundheitsanlagen; Krank- 
heit entsteht unterhalb der Sonnenregion. Ungiiltigkeit der Natur- 
gesetze im Bereich der zweiten Hierarchic Zuriickwandlung der 
geistigen Gesetze in das Physische in der Region der ersten Hier- 
archic 

Elfter Vortrag, 18. Mai 1924 

Beteiligung der Wesenheiten aus dem geistigen Weltenall am mensch- 
lichen Karma. Blick auf den Zusammenhang des Menschen mit dem 
Erdenwesen. Er tragt dem Raume nach die aufieren Naturwesen, 
der Zeit nach dem Reiche der hoheren Hierarchien in sich. Kar- 
mische Forderungen und Erfiillungen. Ungeborenheit, Unsterblich- 
keit. Geringe Tragfahigkeit moderner Gescheitheit. Zwei Beispiele 
fur das Versiegen jugendlicher Krafte durch den materialistischen 
Intellektualismus. Das Wissen von den Beziehungen zu den hoheren 
Hierarchien gibt Haltekraft im Geistigen. 

Zwolfter Vortrag, 29. Mai 1924 

Eingreifen der Hierarchienordnung und Spiegelungen der geistigen 
Wesen des Planetensystems. Imaginative und inspirierte Erkenntnis 



des Lebens nach dem Tode. Mond-, Merkur- und Venusregion, Son- 
nendasein, Mars-, Jupiter- und Saturnregion. Ausarbeitung des 
Karma im Verein mit hoheren Wesenheiten. Voltaire, Eliphas Levi, 
Victor Hugo. 

Dreizehnter Vortrag, 30. Mai 1924 220 

Das Verstandnis fur karmische Zusammenhange kann nur gewonnen 
werden durch das Einsehen dessen, was hinter dem gewohnlichen 
Bewufttsein vor sich geht, also durch die Betrachtung des mensch- 
lichen Wesens, wie es sich der iibersinnlichen Erkenntnis ergibt. 
Durch die Obungen in der Oberschau des Lebenstableaus kann der 
innerliche Zusammenhalt des seelischen Lebens mit dem physischen 
Leibe durchbrochen werden - trotz des Drinnensteckenbleibens -, 
sowohl in der imaginativen wie in der inspirierten Erkenntnis. 
Dann kann wahrgenommen werden, was am physischen Leibe war. 
Der physische Leib erscheint dann als Trager geistiger Wesenheiten. 
Unser Karma wird von den Gottern, die in uns sind, geformt. Frei- 
heit tritt erst auf durch die Entwickelung der Bewufkseinsseele; das 
ist die eine Seite, die andere ist die Hierarchienseite des Menschen. 
Menschliches Schicksal ist Gotterangelegenheit. Gelassenes Hinneh- 
men des Schicksals gibt die starksten geistigen Impulse. Die Myste- 
riendichtungen Rudolf Steiners. 



DIE KOSMISCHE FORM DES KARMA 
UND DIE IND I VIDUELLE BETRACHTUNG 
KARMISCHER ZUSAMMENHANGE 

VlERZEHNTER VORTRAG, 4. Juni 1924 237 

Der Pfingstgedanke als Empfindungsgrundlage zum Begreifen des 
Karma. Die Wahrnehmbarkeit des Ubersinnlichen im Kosmos. Him- 
melsblaue, Sternen-Leuchtekonfiguration, Geistselbstigkeit. 

Funfzehnter Vortrag, 22. Juni 1924 253 

Das Verantwortlichkeitsgefiihl gegenuber den Mitteilungen aus der 
geistigen Welt. Biographie in geisteswissenschaftlichem Sinne. Wor- 
in lebt sich das Karma des Menschen aus fiir die hohere Anschau- 
ung? Das Umsetzen der am Tage vollendeten Taten in das Karma, 
das Untertauchen in die Erinnerungserlebnisse der individuellen Er- 
denleben wahrend des Schlafes. Hinter den Weltgedanken leben 
die Hierarchien, wie hinter den Erinnerungsgedanken der einzelne 
Mensch. Karma liegt in dem, was wir als Stuck des Kosmos sehen, 
zuerteilt durch die Welt der Hierarchien, die auf unsere vorigen 
Erdenleben zunickblicken. Der Kosmos bringt die erste Form des 
Karma an den Menschen heran. 



Sechzehnter Vortrag, 27. Juni 1924 

Karmisch verbundene Menschengruppen. Das Wirken der Hier- 
archien im Leben der Menschen. Der Zusammenhang des aufieren 
naturhaften Geschehens mit dem Karmageschehen der Menschheit. 
Einwirkung des Karmaverlaufs auf die aufiere Natur in Vulkanaus- 
briichen, Erdbeben, Uberschwemmungen und so weiter. Das Wir- 
ken der zweiten Hierarchie im Sonnenhaften. «Die Sonne urn Mitter- 
nacht.» «Die Morgenrote im Aufgang.» Herausschwebend aus den 
Wesenheiten der zweiten Hierarchie wirkt die dritte Hierarchie auf 
der Erdflache wahrend des Menschenschlafes in unseren hinterlas- 
senen Gedankenspuren. In das Weben und Wesen der zweiten Hier- 
archie spielt hinein und schlagt durch bis in den abgewendeten Teil 
der Erde die erste Hierarchie, die mit der zweiten zusammenwirkt 
an unserem Ich und Astralleib. Imaginativ-bildliche Initiationsan- 
schauung im Kultus. 

SlEBZEHNTER VORTRAG, 29. Juni 1924 

Das Karma vom Standpunkte des gegenwiirtigen weltgeschichtlichen 
Augenblicks. Soziale Weltenordnungen werden unter dem Einflufi 
materialistisch-planetarischer Vorstellungen geschaffen. Elementa- 
rische Naturereignisse und zivilisatorische Elementarereignisse. In 
die menschlichen Gestaltungen gottlicher Taten spielen hinein luzi- 
ferische und ahrimanische Machte. Verschiedenheiten des Karma- 
waltens bei Elementarereignissen und zivilisatorischen Katastro- 
phen. Eingriffe in die naturgesetzliche Erdenentwickelung durch die 
in der Erde zurikkgebliebenen und von ahrimanischen Machten be - 
niitzten Krafte der alten Mondenzeit. Durch den Tod Jugendlicher 
bei elementarischen Katastrophen fliefit Irdisch-Bestimmtes in die 
geistigen Welten ein. Verscharfung der intellektuellen Eigenschaf- 
ten als karmische Folge bei Naturkatastrophen, Verstarkung der 
Willenseigenschaften bei Zivilisationskatastrophen. Bei Zivilisa- 
tionsverirrungen wird ein luziferisches Element hineingetragen, das 
nach dem Tode als dichte Finsternis in der geistigen Welt wirkt. 
Dort kann sie Ahriman benutzen zur Umgestaltung der in der Erde 
noch vorhandenen Mondenentwickelung. Zerstorerische Kulturim- 
pulse werden in dieser Umgestaltung zu Vulkanausbruchen, Erd- 
beben und so weiter. In dem Bestreben der guten Gotter, diese 
Schicksale wieder in die Bahn der Gerechtigkeit einzulenken, ver- 
flicht sich im Laufe des geistigen Kampfes Menschenschicksal mit 
Gotterschicksal. Das Ungliick in der Welt ist da, damit die Gotter 
Gliick daraus machen konnen. Karmaerkenntnis ist der heilige Gei- 
stesboden, auf dem wir die Hand des Gottes ergreifen. 

Hinweise 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



Karmische Betrachtungen 
in bezug auf das geschichtliche Werden 
der Menschheit 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 6. April 1924 

Lassen Sie mich jetzt an dasjenige ankniipfen, was ich iiber das Karma 
in der letzten Zeit hier vorgetragen habe. Ich habe Ihnen gezeigt, wie 
durch die Geschichte hindurch die seelischen Impulse der Menschen 
von einem Erdenleben zu dem anderen sich hiniiber fortpflanzen, so 
dafi immer von einer friiheren Epoche in die spatere Epoche dasjenige 
geleitet wird, was die Menschen selber hinUbertragen. 

Ein solcher Gedanke soli nicht nur theoretisch an uns herantreten, 
ein solcher Gedanke soil unser Empfindungsleben, soil unsere ganze 
Seele, soil unser Herz ergreifen. Wir sollen fiihlen, wie wir, die ja im 
Grunde genommen so, wie wir hier sind, viele Male innerhalb des Er- 
dendaseins vorhanden waren, jedesmal, wenn wir da vorhanden wa- 
ren, in unsere Seele auf genommen haben, was im Umkreise der Zivili- 
sation war. Wir haben das mit unserer Seele verbunden. Wir haben es 
immer heriibergetragen in die nachste Inkarnation, nachdem wir es 
vom geistigen Gesichtspunkte aus durchgearbeitet hatten zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt, so daft, wenn wir so zuruckblicken, wir 
eigentlich uns erst recht drinnenstehend fiihlen in der Gesamtheit der 
Menschheit. Und damit wir dieses fiihlen konnen, damit wir gewisser- 
maften mehr iibergehen konnen in den nachsten Vortragen zu dem, 
was, ich mdchte sagen, uns ganz intim selber angeht und das Hinein- 
stellen in den karmischen Zusammenhang uns nahebringt, damit das 
geschehen konne, sollten ja konkrete Beispiele vorgefiihrt werden. Und 
ich suchte an solchen konkreten Beispielen zu zeigen, wie das, was 
irgendeine Personlichkeit in alten Zeiten erlebt, ausgearbeitet hat, bis 
in die Gegenwart herein wirksam geblieben ist, weil es eben innerhalb 
des Karmas stand. 

Ich habe zum Beispiel hingewiesen auf Harun al Raschid, habe hin- 
gewiesen darauf, wie Harun al Raschid, dieser merkwiirdige Nach- 
folger Mohammeds im 8. und im 9. nachchristlichen Jahrhundert, im 
Mittelpunkte stand eines wunderbaren Kulturlebens, eines Kulturle- 
bens, welches weit alles iiberfliigelte, was gleichzeitig in Europa war. 



Denn das, was gleichzeitig in Europa war, war eigentlich eine primi- 
tive Kultur. Wahrend der Zeit, als in Europa Karl der Grofie herrschte, 
flofi dort am Hofe Harun al Raschids, im Orient driiben, alles das zu- 
sammen, was an asiatischem, von Europa befruchtetem Zivilisationsle- 
ben nur zusammenfliefien konnte: die Bliite dessen, was die griechische 
Kultur, was die altorientalischen Kulturen auf alien Gebieten des Le- 
bens hervorgebracht hatten. Architektur, Astronomie, wie sie damals 
getrieben wurde, Philosophic, Mystik, Kiinste, Geographie, Dichtung, 
sie bliihten am Hofe Harun al Raschids. 

Und Harun al Raschid versammelte um sich eigentlich die besten 
derjenigen, die in Asien dazumal irgend etwas bedeuteten. Das waren 
ja zum grofien Teile solche, die noch innerhalb der Eingeweihtenschu- 
len, innerhalb der Initiationsschulen ihre Bildung fanden. Und Harun 
al Raschid hatte in seiner Umgebung eine Personlichkeit - ich mochte 
nur diese eine Personlichkeit erwahnen -, die in jener Zeit - wir stehen 
ja damit schon im Mittelalter auch fur den Orient - zunachst in einer 
mehr intellektuellen Art aufnehmen konnte, was an wunderbarem 
Geistesgut von alten Zeiten her in die damals neueren iiberbracht 
wurde. Eine Personlichkeit lebte da am Hofe Harun al Raschids, die 
in viel alteren Zeiten selbst durch die Initiation durchgegangen war. 

Sie haben ja gehort von mir, wie es sehr wohl sein kann, dafi wenn 
irgendeine Personlichkeit, die fur ein Zeitalter als ein Initiierter da- 
steht, wiederkommt - weil sie den Leib benutzen mufi, der ihr eben zur 
Verfugung stehen kann, benutzen mufi die Erziehungsverhaltnisse, die 
ihr dann zur Verfugung stehen -, dafi eine solche Eingeweihten-Per- 
sonlichkeit dann nicht als ein Eingeweihter erscheint, trotzdem sie alle 
diejenigen Dinge in ihrer Seele tragt, die sie geschaut hat wahrend ihres 
Initiationslebens. 

So haben wir ja bei Garibaldi kennengelernt, wie er das, was er als 
einstmaliger irischer Initiierter war, ausgelebt hat als ein Visionar des 
Willens, hingegeben an die Verhaltnisse seiner unmittelbaren Gegen- 
wart. Aber erkennbar ist an ihm, wie er, indem er sich hineinstellt in 
diese Verhaltnisse seiner Umgebung, dennoch in sich andere Impulse 
tragt, als diejenigen sind, die ein gewohnlicher Mensch hatte aufneh- 
men konnen aus der Erziehung, der Umgebung. Es wirkte eben in 



Garibaldi der Impuls, der ihm kam von der irischen Einweihung her. 
Sie war nur verdeckt, und wahrscheinlich, wenn Garibaldi irgendeinen 
besonderen Schicksalsschlag oder sonst etwas erlebt hatte, das heraus- 
gefallen ware aus dem, was in der damaligen Zeit erlebt werden konnte, 
dann ware plotzlich aus seinem Inneren all das in Form von Imagina- 
tionen hervorgequollen, was er aus seiner irischen Einweihungszeit in 
sich trug. 

Und so ist es immer gewesen bis heute. Es kann einer ein Einge- 
weihter sein in einer bestiramten Epoche, und weil er eben in einer 
spateren Epoche einen Leib beniitzen mufi, der nicht aufnimmt, was 
die Seele in sich schliefit, erscheint der Betreffende in diesem Zeitalter 
nicht als ein Eingeweihter, sondern es lebt der Einweihungsimpuls in 
seinen Taten oder in irgendwelchen anderen Verhaltnissen. Und so war 
es auch, da$ eine Personlichkeit, die einmal ein hoherer Eingeweihter 
war, am Hofe Harun al Raschids lebte. Diese Personlichkeit, trotzdem 
sie nicht in einer aufierlich offenbaren Weise den Einweihungs-, den 
Initiationsinhalt in die spatere Zeit, in die Zeit Harun al Raschids 
hinubertragen konnte, war aber doch eine der glanzendsten Per- 
sonlichkeiten innerhalb der orientalischen Kultur im 8., 9. Jahrhun- 
dert. Sie war sozusagen der Organisator all desjenigen, was an Wis- 
senschaften und Kunsten am Hofe des Harun al Raschid vorhanden 
war. 

Nun haben wir ja schon besprochen, welchen Weg die Individuali- 
st des Harun al Raschid durch die Zeiten hindurch genommen hat. 
Als er durch die Pforte des Todes gegangen war, blieb in ihm der 
Drang, mehr nach dem Westen zu kommen, dasjenige, was sich an 
Arabismus nach dem Westen hin ausbreitete, mit eigener Seele nach 
dem Westen zu tragen. Dann hat ja Harun al Raschid, der hiniiber- 
blickte iiber die Gesamtheit der einzelnen orientalischen Wissens- und 
Kunstzweige, seine Wiederverkorperung gefunden als der beriihmte 
Baco von Verulam, der Organisator und Reformator des neueren phi- 
losophischen und wissenschaftlichen Geisteslebens. Wir sehen das, was 
Harun al Raschid gewissermafien urn sich herum gesehen hat, aber 
iibersetzt ins Abendlandische, in Bacon wiederum auftreten. 

Und nun nehmen Sie, meine lieben Freunde, diesen Weg, den von 



Bagdad aus, von der asiatischen Heimat, Harun al Raschid genommen 
hat nach England. Von England aus breitete sich ja dann in einer star- 
keren, intensiveren Weise, als man gewohnlich denkt, das, was Bacon 
gedacht hat in bezug auf die Organisierung der Wissenschaften, uber 
Europa aus (siehe Zeichnung, rot). 



\ \ V 



/ 

f 



V. 



Nun kann man etwa sagen: diese beiden Personlichkeiten, Harun 
al Raschid und sein grofier Ratgeber, die iiberragende Personlichkeit, 
die in friiheren Zeiten ein tiefer Eingeweihter war, sie trennten sich; 
aber sie trennten sich im Grunde genommen zu gemeinsamem Wirken, 
nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen waren. Harun al 
Raschid selber, der in glanzvollem Furstentum gelebt hatte, erwahlte 
den Weg, den ich Ihnen gezeigt habe, bis nach England herein, um als 
Baco von Verulam in bezug auf die Wissenschaft zu wirken. Die andere 
Seele, die Seele seines Ratgebers, sie wahlte den Weg heriiber (gruner 
Pfeil), um sich innerhalb Mitteleuropas zu begegnen mit dem, was von 
Bacon ausging. Wenn auch die Zeitalter nicht ganz stimmen, so hat 
das nichts weiter zu sagen, denn das hat fur dasjenige, fur das die Zeit 
selber nicht die tiefe Bedeutung hat, auch nicht solch grofie Bedeutung; 
denn manches, was oftmals Jahrhunderte auseinanderliegt, das wirkt 
zusammen in der spateren Zivilisation. 

Der Ratgeber Harun al Raschids, er wahlte den Weg durch den 
Osten Europas hindurch nach Mitteleuropa hinein wahrend seines Le- 



bens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und er wurde wie- 
dergeboren in Mitteleuropa, in mitteleuropaisches Geistesleben hinein, 
als Amos Comenius. 

Und so haben wir dieses merkwiirdige, grofie, bedeutsame Schau- 
spiel in dem geschichtlichen Werden, dafi sich Harun al Raschid ent- 
wickelt, um vom Westen nach Osten eine Kulturstromung einzuleiten, 
die abstrakt, aufterlich-sinnlich ist; und von Osten heruber hat ja Amos 
Comenius in Siebenbiirgen, in der heutigen Tschechoslowakei, bis nach 
Deutschland herein seine Tatigkeit entwickelt und ist dann in hollan- 
discher Verbannung gewesen. Amos Comenius hat - wer sein Leben 
verfolgt, wie er es darlebt als derReformator der neuerenPadagogik fiir 
die damalige Zeit und als der Verfasser der sogenannten «Pansophia», 
kann es sehen -, er hat heriibergetragen dasjenige, war er am Hofe 
Harun al Raschids aus alterer Einweihung heraus entwickelt hat. In 
der Zeit, als der Bund der «Mahrischen Briider» gegriindet wurde, in 
der Zeit auch, als das Rosenkreuzertum schon einige Jahrhunderte hin- 
durch gewirkt hatte, als die «Chymische Hochzeit» erschien, die « Re- 
formation der ganzen Welt» von Valentin Andreae, da hat Amos Co- 
menius, dieser grofie, bedeutende Geist des 1 7. Jahrhunderts, in all das, 
was da kam angeregt aus derselben Quelle heraus, seine bedeutsamen 
Anregungen hineingebracht. 

Und so sehen Sie drei hintereinander liegende bedeutsame Erden- 
leben - und an bedeutsamen Erdenleben kann man eben die weniger 
bedeutenden dann studieren und sich selber hinaufranken zum Begrei- 
fen des eigenen Karma so sehen Sie diese drei bedeutsamen Inkar- 
nationen hintereinander liegen: Zunachst tief drinnen in Asien dieselbe 
Individuality, die dann spater erscheint als Amos Comenius, in alter 
Mysterienstatte aufnehmend alle Weisheit einer uralten Zeit Asiens. Sie 
tragt diese Weisheit hinuber bis zur nachsten Inkarnation, in der sie am 
Hofe Harun al Raschids lebt, hier sich entwickelnd zum grofiartigen 
Organisator dessen, was unter der Obhut und unter dem Fiirsorgesinn 
des Harun al Raschid bliiht und gedeiht. Dann erscheint sie wieder, 
um gewisserma&en dem Baco von Verulam, der der wiederverkorperte 
Harun al Raschid ist, entgegenzukommen und sich mit ihm im Hin- 
blick auf dasjenige, was beide auszustromen haben in die europaische 



Zivilisation, innerhalb dieser europaischen Zivilisation von neuem zu 
begegnen. 

Was ich hier sage, das ist schon von einer grofien Bedeutung. Denn 
verfolgen Sie nur die Briefe, die geschrieben wurden und die den Weg 
machten - natiirlich auf ein kompliziertere Art, als das bei Briefen der 
Fall ist, die heute geschrieben werden — von Baconianern oder Leuten, 
die in irgendeiner Weise der Bacon-Kultur nahestanden, zu den Anhan- 
gern der Comenius-Schule, der Comenius-Weisheit. Da konnen Sie in 
Schreiben und Antwortschreiben verfolgen, was ich Ihnen hier mit 
ein paar Strichen (siehe Zeichnung) an die Tafel gezeichnet habe. 

Dasjenige, was an Briefen von Westen nach Osten und von Osten 
nach Westen geschrieben wurde, das war das lebendige Zusammen- 
stromen zweier Seelen, die auf diese Art sich begegneten, nachdem sie 
die Grundlage zu dieser Begegnung gelegt hatten, als sie gemeinsam 
im Orient driiben im 8. und 9. Jahrhundert wirkten und dann sich zu 
entgegengesetztem und doch harmonisch zusammenwirkendem Tun 
wiederum vereinten. 

Sehen Sie, so kann Geschichte studiert werden, so sehen wir die le- 
bendigen Menschenkrafte in die Geschichte hineinwirken! 

Oder nehmen wir einen anderen Fall. Es ergab sich mir aus ganz 
besonderen Verhaltnissen heraus, dafi sozusagen der Blick auf gewisse 
Ereignisse hingelenkt wurde, die, wir wurden heute sagen, im Nord- 
osten Frankreichs sich abspielten, aber sich abspielten auch im 8., 9. 
Jahrhundert, etwas spater als die Zeit ist, von der ich jetzt gesprochen 
habe. Es spielten sich da besondere Ereignisse ab. Es war ja eine Zeit, 
in der noch nicht die grofien Staatenbildungen da waren, in der deshalb 
dasjenige, was geschah, mehr innerhalb kleinerer Kreise der Mensch- 
heit geschah. 

Da hatte denn eine Fersonlichkeit von energischem Charakter einen 
gewissen grofien Besitz eben in dem Gebiet, das wir heute den Nord- 
osten Frankreichs nennen wurden. Dieser Mann verwaltete den Besitz 
in einer aufierordentlich geordneten Weise, in einer fiir die damalige 
Zeit aufierordentlich systematischen Weise, mbchte ich sagen. Er wufite, 
was er wollte, und war eine merkwiirdige Mischung von einem ziel- 
bewuflten Menschen und einer Abenteurernatur, so dafi er mit mehr 



oder weniger Erfolg kleine Kriegsziige machte von seinem Eigentum 
aus, mit Leuten, die sich, wie das ja dazumal iiblich war, als Krieger 
angezogen hatten. Es waren das kleine Heerhaufen, mit denen zog 
man aus und suchte das oder jenes zu erbeuten. 

Mit einer Schar solcher Krieger zog der Betreffende von dem Nord- 
osten Frankreichs aus. Und die Sache machte sich so, daft eine andere 
Personlichkeit, etwas weniger Abenteuer als er selber, aber energisch, 
wahrend der Abwesenheit des Eigentiimers des Landgutes - heute er- 
scheint das paradox, dazumal konnte eben so etwas geschehen ~ sich 
des Landgutes und des ganzen Besitztums bemachtigte. Als der Be- 
treffende nach Hause kam - er war alleinstehend fand er, daft ein 
anderer Besitzer sich seines Landgutes bemachtigt hatte. Und die Ver- 
nal tnisse entwickelten sich so, daft in der Tat der Betreffende nicht 
aufkam gegen den jetzigen Besitzer. Der war der Machtigere, hatte 
mehr Mannen, hatte mehr Krieger um sich. Er kam gegen ihn nicht 
auf. 

Nun waren die Dinge damals nicht so, daft man etwa, wenn man 
in seiner Heimat nicht fortkam, gleich in fremde Gegenden zog. Ge- 
wift, diese Personlichkeit war ja ein Abenteurer; aber das ergab sich 
doch nicht wiederum so rasch, er hatte nicht die Moglichkeit dazu, so 
da!5 der Betreffende mit einer Schar von Anhangern sogar eine Art 
Leibeigener wurde an seinem eigenen friiheren Besitzerhof. Er muftte 
nun wie ein Leibeigener arbeiten mit einer Schar von denen, die mit 
ihm auf Abenteuer ausgezogen waren, wahrend ihm sein Eigentum ent- 
rissen worden war. 

Da geschah es, daft bei all den Leuten, die da Leibeigene geworden 
waren, wahrend sie friiher die Herren waren, eine ganz besonders, ich 
mochte sagen, dem Herrschaftsprinzip abtragliche Gesinnung entstand. 
Und es brannten in diesen Gegenden, die bewaldet waren, in mancher 
Nacht die Feuer da, wo man zusammenkam und wo man allerlei Ver- 
schworungen besprach gegen diejenigen, welche sich des Eigentums 
bemachtigt hatten. 

Es war einfach so, daft der Betreffende, der vom groften Besitzer 
mehr oder weniger zum Leibeigenen, zum Sklaven geworden war, sein 
iibriges Leben nunmehr damit ausfuilte, abgesehen von dem, was er 



arbeiten mujRte, Plane zu Schmieden, wie man etwa wiederum zu Be- 
sitz und Eigentum kommen konne. Man hafite denjenigen, der sich 
des Eigentums bemachtigt hatte. 

Nun, sehen Sie, diese beiden Personlichkeiten von damals gingen in 
ihren Individualitaten durch die Pforte des Todes, machten in der 
geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt alles das mit, 
was seit jener Zeit eben mitgemacht werden konnte, und erschienen 
im 19. Jahrhundert wiederum. Derjenige, der Haus und Hof verloren 
hatte und zu einer Art von leibeigenem Sklaven geworden war, er- 
schien als Karl Marx, der Begriinder des neueren Sozialismus. Und der 
andere, der ihm dazumal seinen Gutshof abgenommen hatte, erschien 
als sein Freund Engels. Was sie dazumal miteinander auszumachen hat- 
ten, das pragte sich um wahrend des langen Weges zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt in den Drang, das, was sie einander zugefugt 
hatten, auszugleichen. 

Und lesen Sie, was sich zwischen Marx und Engels abgespielt hat, 
lesen Sie all das, was die besondere Geisteskonfiguration des Karl Marx 
ist, und halten Sie das damit zusammen, dafi im 8., 9. Jahrhundert die- 
selben Individualitaten ja vorhanden waren, so wie ich es Ihnen er- 
zahlt habe. Dann wird Ihnen, ich mochte sagen, auf jeden Satz bei 
Marx und Engels ein neues Licht fallen, und Sie werden nicht in die 
Gefahr kommen, in abstrakter Art zu sagen, das eine ist durch dieses in 
der Geschichte verursacht, das andere ist durch jenes verursacht, son- 
dern Sie sehen die Menschen, die etwas heriibertragen in eine andere 
Zeit, das allerdings ganz anders erscheint, aber doch wiederum eine 
gewisse Ahnlichkeit mit dem fruheren hat. 

Was glauben Sie: im 8., 9. Jahrhundert, da hat man sich an Wald- 
feuern zusammengesetzt, da hat man in anderer Weise gesprochen, als 
man im 19. Jahrhundert zu sprechen Veranlassung hatte, wo Hegel ge- 
wirkt hatte, wo alles mit Dialektik abgemacht wurde. Aber versuchen 
Sie einmal sich vorzustellen den Wald im Nordosten Frankreichs im 9. 
Jahrhundert: da sitzen die Verschworer, die Flucher, die Schimpfer in 
ihrer damaligen Sprache. Und ubersetzen Sie sich das ins Mathema- 
tisch-Dialektische des 19. Jahrhunderts, dann haben Sie dasjenige, was 
bei Marx und Engels steht. 



Das sind die Dinge, die von dem blofi Sensationellen, das man leicht 
verbinden kann mit Ideen iiber konkrete Reinkarnationsverhaltnisse, 
herausfuhren und in das Verstandnis des geschichtlichen Lebens hin- 
einfuhren. Und man bewahrt sich am besten vor Irrttimern, wenn man 
nicht auf das Sensationelle ausgeht, wenn man nicht nur wissen will: 
Wie ist es mit der Wiederverkorperung? - sondern wenn man alles das, 
was im geschichtlichen Werden mit Wohl und Wehe, mit Leid und 
Freude der Menschheit zusammenhangt, aus den wiederkehrenden Er- 
denleben der einzelnen Menschen zu begreifen versucht. 

So war mir immer in der Zeit, als ich noch in Osterreich lebte, trotz- 
dem ich in 'Osterreich innerhalb des Deutschtums stand, eine Personlich- 
keit besonders interessant, die ein polnischer Reichsratabgeordneter war. 
Ich glaube, viele von Ihnen werden sich erinnern, dafl ich des ofteren 
von dem osterreichisch-polnischen Reichsratsabgeordneten Otto Haus- 
ner, der in den siebziger Jahren ganz besonders wirkte, gesprochen 
habe. Diejenigen, die langer schon hier sind, werden sich erinnern. Und 
mir steht wirklich, seitdem ich im osterreichischen Reichsrat Ende der 
siebziger Jahre, Anfang der achtziger Jahre immer wieder und wieder- 
um Otto Hausner gehort und gesehen habe, mir steht dieser merk- 
wiirdige Mann immer vor Augen: Er hat in dem einen Auge ein Mo- 
nokel; mit dem anderen Auge blickte er grundgescheit, aber so, dafi er 



die Schwachen der Gegner mit dem anderen Auge, das durchs Monokel 
guckte, erlauerte. Wahrend er redete, priifte er dann, ob der Pfeil ge- 
sessen hat. 




Dabei konnte er, der einen ganz merkwiirdigen Schnurrbart hatte - 
ich habe das in meiner Lebensbeschreibung nicht bis in diese Einzel- 
heiten ausfiihren wollen mit diesem Schnurrbart in merkwiirdiger 
Art das, was er sagte, begleiten, so dafi dieser Schnurrbart eine ganz 
merkwiirdig bewegliche Eurythmie dessen war, was er dem gegne- 
rischen Abgeordneten auf die beschriebene Weise ins Gesicht schleu- 
derte. 

Es war nun ein interessantes Bild. Stellen Sie sich vor: aufierste 
Linke, Linke, Mittelpartei, Tschechischer Klub, dann aufierste Rechte, 



Polenklub; hier stand Hausner, und hier waren alle seine Gegner auf 
der aufSersten Linken. Da waren sie alle; und das Kurioseste war, dafi, 
als Hausner gelegentlich der Frage der bosnischen Okkupation fiir 
Dsterreich war, er einen stiirmischen Beifall von diesen Leuten da auf 
der Linken hatte. Als er spater iiber den Bau der Arlbergbahn sprach, 
da hatte er einen absoluten Widerspruch bei denselben Leuten auf der 
aufiersten Linken. Und dieser Widerspruch blieb dann bei alldem, was 
er spater zum Ausdruck brachte. 

Aber gar manches von dem, was gerade Otto Hausner in den sieb- 
ziger und achtziger Jahren als Warner, als Prophet gesagt hat, das hat 
sich bis in unsere Tage herein wortlich erfiillt. Gerade heute hat man 
Veranlassung, oftmals zuriickzudenken an das, was Otto Hausner da- 
mals geredet hat. 

Nun, eines trat bei Otto Hausner fast bei jeder Rede her vor, und 
das wurde fiir mich, neben einigen anderen, wiederum nicht sehr be- 




deutenden Dingen des Hausner-Lebens, der Impuls, den karmischen 
Gang bei dieser Personlichkeit zu verfolgen. 

Otto Hausner konnte kaum eine Rede halten, ohne daft er so in 
Parenthesen eine Art Panegyrikus auf die Schweiz hielt. Immer stellte 
er die Schweiz Dsterreich als Muster hin, Weil in der Schweiz drei Na- 
tionalitaten sich gut vertragen, in Beziehung auf das Vertragen muster- 
gultig sind, wollte er auch, daft sich die dreizehn osterreichischen Natio- 
nalitaten die Schweiz zum Muster nehmen und diese dreizehn sich in 
ahnlicher Weise, f oderalistischer Weise vertragen wiirden wie diese drei 
Nationalitaten in der Schweiz. Er kam immer wieder darauf zuriick, 
es war merkwiirdig. Die Hausnerschen Reden hatten Ironie, hatten 
Humor, auch innere Logik; nicht immer, aber oftmals wieder kam der 
Panegyrikus auf die Schweiz. Da konnte man immer sehen: das Ent- 
wickeln einer reinen Sympathie; es sticht ihn, er will das sagen. Dann 
wuftte er seine Reden so auszurichten, daft eigentlich weiter niemand 
aufter einer Gruppe von links, von liberalen Abgeordneten - aber diese 
schrecklich! - sich argerte. Es war sehr interessant zu sehen, wenn so 
irgendein linksliberaler Abgeordneter geredet hatte, wie dann Otto 
Hausner sich zur Gegenrede erhob und mit seinem bemonokelten Auge 
keinen Blick von ihm abwandte, aber die unglaublichsten Schnodig- 
keiten hinuberrollen lieft nach der Linken. Es waren bedeutende Man- 
ner da, aber vor keinem machte er halt. Und seine Gesichtspunkte wa- 
ren im Grunde genommen immer grofte; er war einer der gebildesten 
Manner des osterreichischen Reichsrats. 

Das Karma eines solchen Menschen kann einen schon interessieren. 
Ich ging nun davon aus, daft er so diese Nebenleidenschaft hatte, immer 
wiederum auf eine Lobrede auf die Schweiz zuruckzukommen, und 
dann, daft er einmal in einer Rede iiber «Deutschtum und Deutsches 
Reich», die auch als Broschure erschienen ist, mit einer groften Nichts- 
nutzigkeit, aber mit Genialitat alles zusammengestellt hatte, was sich 
fiir das Deutschtum und gegen das Deutsche Reich von dazumal sagen 
lieft. Es ist wirklich auch da etwas grandios Prophetisches darinnen in 
dieser Rede, die im Beginn der achtziger Jahre gehalten worden ist, in 
der sozusagen das Deutsche Reich in den Grund gebohrt wird, ihm 
alles Schlechte nachgesagt wird, in der es der Ruinierer des deutschen 



Wesens genannt wird. Und bewiesen wurden diese Satze. Das war das 
zweite, sein eigentiimlicher, ich mochte sagen, liebender Haft und seine 
hassende Liebe fur Deutschtum und Deutsches Reich. 

Und das dritte war, wie Otto Hausner wirklich mit einer unge- 
heuren Lebendigkeit damals sprach, als der Arlbergtunnel, die Arlberg- 
bahn gebaut werden sollte, die Bahn, die von Osterreich heriiber nach 
der Schweiz geht und die also Mitteleuropa mit dem Westen verbinden 
sollte. Natiirlich brachte er auch damals sein Loblied auf die Schweiz, 
denn die Bahn sollte ja in die Schweiz hineinfiihren. Aber man hatte, 
als er diese Rede hielt, die ja gesalzen und gepfeffert war, aber in einer 
wirklich delikaten Weise, man hatte da wirklich das Gefuhl : der Mann, 
der weift von Dingen auszugehen, die auf eine merkwiirdige Weise in 
einem friiheren Erdenleben in ihm veranlagt sein miissen. 

Es war ja dazumal gerade iiberall die Rede von dem grandiosen 
Vorteil, den die europaische Zivilisation von dem deutsch-osterreichi- 
schen Bundnis haben werde. Otto Hausner entwickelte damals im 
osterreichischen Parlamente - woriiber natiirlich die anderen alle ihn 
furchtbar niederschmetterten - die Idee, die Arlbergbahn miisse ge- 
baut werden, weil ein Staat, wie er sich Osterreich vorstellte, nach dem 
Muster der Schweiz, dreizehn Nationen vereinigend, die Wahl haben 
miisse, sich seine Bundesgenossen zu suchen; und wenn es ihm paftt, hat 
er Deutschland zum Bundesgenossen, und wenn es ihm palk, mufi er 
einen strategischen Weg von Mitteleuropa nach dem Westen haben, 
um Frankreich zum Bundesgenossen haben zu konnen. Natiirlich, als 
in dem damaligen Osterreich das ausgesprochen wurde, da wurde er, 
wie man in Osterreich sagte, schon niedergebiigelt. Aber es war wirk- 
lich eine in herrlichster Weise mit alien Gewiirzen durchsetzte Rede. 
Diese Rede, die gab die Direktion nach dem Westen hiniiber. 

Und indem ich diese Dinge zusammenhielt, fand ich dann, wie her- 
uberwanderte von Westen nach Osten durch die Nordschweiz, in der 
Zeit, als Gallus, Columban auch heriibergezogen sind, die Individuali- 
st des Otto Hausner. Das Christentum sollte er bringen. Er zog mit 
denjenigen Menschen, die von irischen Einweihungen angeregt worden 
waren, heriiber. Er sollte mit ihnen das Christentum heriiberverpf lanzen. 
Auf dem Wege, ungefahr in der Gegend des heutigen Elsafi, wurde er 



ungeheuer angezogen von den Altertiimern des germanischen Heiden- 
wesens, angezogen von alledem, was im Elsafi, was in alemannischen 
Gegenden, was in der Schweiz hier an alten Gottererinnerungen, Got- 
terverehrungen, Gotterbildnissen, Gotterstatuen vorhanden war. Das 
nahm er in tiefbedeutsamer Weise auf . 

Und da entwickelte sich in ihm etwas, was man auf der einen Seite 
Hinneigung zum germanischen Wesen nennen kann, auf der anderen 
Seite aber wiederum entwickelte sich die Gegenkraft dazu: die Emp- 
findung, dafi er damals zu weit gegangen ware. Und das, was er in einer 
gewaltigen inneren Urnwandlung, in einer gewaltigen inneren Meta- 
morphose erlebt hat, das erschien dann in diesen umfassenden Gesichts- 
punkten. Er konnte iiber Deutschtum und Deutsches Reich reden wie 
einer, der einmal bei all diesen Dingen intim dabeigewesen ist, der aber 
doch sie eigentlich aufgenommen hat, ohne daft er es sollte. Er hatte ja 
das Christentum verbreiten sollen. Er war sozusagen, ohne daft er es 
sollte, hineingekommen in die Gegenden - das horte man selbst seinen 
Redewendungen an -, und er wollte wieder zuriick, um diese Dinge 
gutzumachen. Daher seine Leidenschaft fur die Schweiz, daher seine 
Leidenschaft fur den Bau der Arlbergbahn. Man kann schon sagen, 
selbst in der aufteren Gestalt, wenn Sie sich dieses anschauen, driickte 
sich das aus - er sah eigentlich nicht polnisch aus. Und Hausner sagte 
auch bei jeder Gelegenheit, daft er ja nicht einmal der physischen Ab- 
stammung nach ein Pole sei, sondern nur der Zivilisation und Erzie- 
hung nach, daft «ratisch-alemannische» Blutkugelchen, wie er sich aus- 
driickte, in seinen Adern rollten. Er hatte aber aus einer friiheren In- 
karnation sich das hiniibergenommen, daft er immer nach der Gegend 
schaute, wo er einmal gewesen war, in die er mit dem Columban und 
dem heiligen Gallus gezogen war, wo er das Christentum verbreiten 
wollte, aber eigentlich vom Germanentum festgehalten worden war. 
So machte er sozusagen den Versuch, in einer moglichst wenig polni- 
schen Familie wiederum geboren zu werden, und fernzustehen, aber 
doch zu gleicher Zeit mit Sehnsucht gegemiberzustehen demjenigen, in 
dem er fruher ganz drinnengestanden hatte. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, das sind Beispiele, die ich Ihnen 
zunachst einmal heute entwickeln wollte, um Sie darauf aufmerksam 



zu machen, wie merkwiirdig der Gang der karmischen Entwickelung 
ist. Wir werden nun das nachste Mai mehr eingehen auf die Art und 
Weise, wie das Gute und das Bose sich entwickelt durch die Inkarna- 
tionen der Menschen hindurch und durch das geschichtliche Leben. Wir 
werden auf diese Weise aber in der Lage sein, gerade von den bedeuten- 
deren Beispielen, die in der Geschichte uns entgegentreten, ein Licht 
verbreiten zu konnen iiber mehr alltagliche Verhaltnisse. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 12. April 1924 



Es ist etwas schwierig, die Fortsetzung desjenigen, was in den letzten 
anthroposophischen Vortragen hier gegeben worden ist, heute zu ge- 
stalten, da so viele Freunde erschienen sind, die eben die vorangehen- 
den Betrachtungen nicht mitgemacht haben. Aber auf der anderen 
Seite ist es nicht gut moglich, gerade heute, wo manches zu erganzen 
ist zu den friiheren Vortragen, mit etwas Neuem anzufangen, so da£ 
also die jetzt angekommenen Freunde schon es werden hinnehmen 
miissen, da$ mancherlei von den Betrachtungen, die an Voriges inner- 
lich, nicht aufierlich, ankniipfen, vielleicht dem Verstandnis Schwierig- 
keiten bereiten werde. Der geschlossene Vortragszyklus soil ja eben zu 
Ostern abgehalten werden, und der wird aus sich selber dann verstand- 
lich sein. Heute aber mufi ich die Fortsetzung desjenigen geben, was 
vorangegangen ist. Es ist ja auch durchaus nicht vorauszusehen gewe- 
sen, dafi so viele Freunde schon heute erscheinen, was auf der anderen 
Seite ja durchaus befriedigend ist. 

Es handelte sich namlich in unseren letzten Betrachtungen hier um 
die Besprechung konkreter karmischer Zusammenhange, die immer 
angestellt worden sind, nicht um irgend etwas Sensationelles in bezug 
auf aufeinanderfolgende Erdenleben zu sagen, sondern um nach und 
nach zu einem wirklichen konkreten Verstandnis der Schicksalszu- 
sammenhange im Menschenleben zu kommen. Und ich habe aufeinan- 
derfolgende Erdenleben geschildert, einfach so geschildert, wie sie zu- 
nachst an mehr historischen Personlichkeiten beobachtet werden kon- 
nen, um einen Begriff davon hervorzurufen - was ja nicht besonders 
leicht ist wie das eine Erdenleben in das andere hineinwirkt. Man 
raufi dabei immer wiederum im Auge behalten, dafi ja seit der Dorn- 
acher Weihnachtstagung ein neuer Zug in die anthroposophische Bewe- 
gung hineingekommen ist. Und liber diesen Zug mochte ich nur ganz 
kurz einleitend ein paar Worte sagen. 

Sie wissen ja, meine lieben Freunde, es gab nach dem Jahre 1918 
allerlei Bestrebungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. 



Diese Bestrebungen hatten einen ganz bestimmten Ursprung. Als die 
Anthroposophische Gesellschaft 1913 begriindet worden ist, hat es sich 
darum gehandelt, einmal wirklich aus einem okkulten Grundimpuls 
heraus die Frage zu stellen: Wird diese Anthroposophische Gesellschaft 
sich weiter entwickeln durch die Kraft, die sie bis dahin in ihren Mit- 
gliedern gewonnen hatte? Und das konnte nur dadurch auserprobt wer- 
den, daft ich selber, der ich ja bis dahin als Generalsekretar die Leitung 
der Deutschen Sektion hatte, als welche die anthroposophische Bewe- 
gung in der Theosophischen Gesellschaft drinnen war, daft ich selber 
dazumal nicht weiter die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft 
in die Hand nahm; sondern ich wollte zusehen, wie diese Anthroposo- 
phische Gesellschaft sich nun aus ihrer eigenen Kraft entwickelt. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist etwas anderes, als es ge- 
wesen ware, wenn ich etwa dazumal geradeso wie bei der Weihnachts- 
tagung gesagt hatte, ich wolle selbst die Leitung der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft iibernehmen. Denn natiirlich rnufi ja die Anthropo- 
sophische Gesellschaft etwas ganz anderes sein, wenn sie von mir ge- 
leitet wird, oder wenn sie von jemandem anderen geleitet wird. Und 
aus gewissen Untergriinden heraus hatte die Anthroposophische Ge- 
sellschaft, ohne daft ich selber sozusagen die Verwaltungsleitung ge- 
habt hatte, um so besser geleitet werden konnen. Es hatten, wenn die 
Herzen gesprochen hatten, manche Dinge geschehen konnen, die eben 
dann unterblieben sind in Wirklichkeit, die nicht getan worden sind, 
ja, die sogar, unter dem Widerstand der Anthroposophen, von aus- 
warts getan worden sind. 

Und so ist es denn gekommen, daft - wahrend des Krieges war ja 
natiirlich nicht sehr viel Moglichkeit vorhanden, nach alien Seiten die 
Krafte zu entfalten -, so ist es denn gekommen, daft nach dem Jahre 
1918, ich mochte fast sagen, der Zustand, der da war, beniitzt worden 
ist von alien moglichen Seiten, um das oder jenes zu tun. Hatte ich da- 
zumal gesagt, das soil nicht geschehen, dann wiirde heute natiirlich die 
Rede dahin gehen, daft man sagt: Nun, hatte man das geschehen las- 
sen, so hatte man heute florierende Unternehmungen nach alien Seiten. 

Deshalb war es ja auch immer zu alien Zeiten Sitte, mochte ich 
sagen, daft die Leiter einer okkulten Bewegung sozusagen von denen, 



die etwas tun wollten, erproben liefien, wie das wird, damit durch die 
Tatsachen Oberzeugungen hervorgerufen werden konnen. Das ist ja 
die einzig mogliche Art, Uberzeugungen hervorzurufen. Und das mufite 
denn auch schon in diesem Falle geschehen. 

Und das alles hat ja dazu gefuhrt, dafi dann gerade seit dem Jahre 
1918 die Gegnerschaft in der Weise herangewachsen ist, wie sie nun 
einmal geworden ist, wie sie heute dasteht. Denn im Jahre 1918 hatten 
wir ja diese Gegnerschaft noch nicht. Wir hatten selbstverstandlich 
einzelne Gegner. Um die kiimmerte man sich nicht und brauchte sich 
nicht zu kiimmern. Aber eigentlich sind die Gegner erst seit dem Jahre 
1918 ins Kraut geschossen. Und das hat jenen heutigen Zustand her- 
vorgerufen, unter dessen EinflulS es mir zum Beispiel unmoglich ist, 
offentliche Vortrage innerhalb des Gebietes von Deutschland zu halten. 

Das alles sollte gerade in der Gegenwart der anthroposophischen 
Bewegung nicht verhehlt werden. Darauf sollte man mit aller Klarheit 
schauen, denn wir kommen nicht vorwarts, wenn wir mit Unklarhei- 
ten arbeiten. 

Nun ist aber auch verschiedenes experimentiert worden. Denken 
Sie nur einmal, was alles fur Experimente gemacht worden sind, um 
immerzu, sagen wir, «wissenschaftlich» zu sein, ganz begreiflicher- 
weise gewifi aus den Charakteren der Menschen heraus. Warum sollte 
es denn nicht dazu kommen, daft Wissenschafter, die ja auch teilneh- 
men an unserer Gesellschaft, wissenschaftlich sein wollen? Aber das 
argert die Gegner gerade. Denn dann, wenn man ihnen sagt, das oder 
jenes kann man beweisen als wissenschaftlich, dann treten sie mit ihren 
Aspirationen auf , die sie wissenschaftlich nennen, und dann werden sie 
natiirlich wiitend. Dariiber muE man sich ja ganz klar sein. Nichts hat 
die Gegner mehr geargert, als dafi man iiber dieselben Themen, uber 
die sie selber reden, in derselben Weise reden wollte, nur, wie man 
immer sagte, mit etwas «Einstr6menlassen» von Anthroposophie. Die- 
ses Einstromenlassen, das ist ja gerade das, was die Gegner in so grofien 
Scharen herbeigerufen hat. 

Und wenn man erst der Illusion sich hingibt, dafi man etwa, sa- 
gen wir, die Menschen verschiedener Religionsgesellschaften dadurch 
irgendwie fiir Anthroposophie gewinnen konne, dafi man dasselbe oder 



ahnliches sagt, was sie sagen, nur indem man wiederum Anthroposo- 
phie «einstromen» lalk, wenn man sich dieser Illusion hingibt, dann 
sundigt man ganz stark gegen die Lebensbedingungen der Anthropo- 
sophie. 

Nun, in all das, was auf anthroposophischem Felde geschehen ist, 
mufl eben seit der Weihnachtstagung ein ganz neuer Zug kommen. Und 
diejenigen, die bemerkt haben die Art, wie jetzt Anthroposophie hier 
vertreten wird, wie sie in Prag vertreten worden ist, wie sie jetzt wie- 
derum in Stuttgart vertreten worden ist, die werden ja gesehen haben, 
dafi nunmehr Impulse da sind, die auch in bezug auf die Gegner etwas 
ganz Neues hervorrufen. Denn wenn man wissenschaftlich sein will 
im gewohnlichen Sinne des Wortes, wie es leider viele haben sein wol- 
len, dann setzt man sozusagen voraus, es liefie sich mit den Gegnern 
diskutieren. Aber wenn Sie nun die Vortrage nehmen, die hier gehalten 
worden sind, die Vortrage, die in Prag gehalten worden sind, den Vor- 
trag, der in Stuttgart gehalten worden ist: Konnen Sie da einen Augen- 
blick noch glauben, dafi es sich nur darum handeln kann, mit dem Geg- 
ner zu diskutieren? Selbstverstandlich kann man nicht mit Gegnern 
diskutieren, wenn man von diesen Dingen spricht, denn wie soil man 
mit irgend jemandem von der heutigen Zivilisation dariiber diskutie- 
ren, dafi die Seele des Muawija in der Seele des Woodrow Wilson wie- 
dererschienen ist! 

Also es lebt jetzt in der ganzen anthroposophischen Bewegung ein 
Zug, der gar nicht auf etwas anderes hinausgehen kann als darauf , dafi 
nun endlich einmal Ernst gemacht werde mit diesem Nichtdiskutieren 
mit den Gegnern. Wenn es sich um Argumente handelt, da kommt man 
ja ohnedies nicht zurecht. Und es wird doch endlich einmal eingesehen 
werden, da£ es sich in bezug auf die Gegner nur handeln kann um das 
Zuriickweisen von Verleumdungen und Unwahrheiten und Lugen. Man 
wird sich nicht der Illusion hingeben diirfen, dafi man iiber solche 
Sachen diskutieren kann. Die miissen sich durch ihre eigene Macht und 
Gewalt verbreiten. Die lassen sich nicht durch Dialektik entscheiden. 

Das ist dasjenige, was vielleicht jetzt gerade durch die Haltung der 
anthroposophischen Bewegung, wie sie seit Weihnachten ist, immer 
mehr und mehr auch in unserer Mitgliedschaft eingesehen werden 



32 



wird. Und deshalb ist es schon so, dafi nunmehr die anthroposophische 
Bewegung so gestaltet wird, daft sie auf nichts mehr Riicksicht nimmt 
als auf das, was die geistige Welt von ihr haben will. 

Sehen Sie, ich habe nun von diesem Gesichtspunkte aus verschie- 
dene Karmabetrachtungen angestellt, und diejenigen, die hier dabei- 
gewesen sind, oder die das letzte Mai bei meinem Vortrag in Stutt- 
gart v/aren, die werden sich erinnern, daft ich zu zeigen versuchte, wie 
diejenigen Individualitaten, die im 8. und 9. nachchristlichen Jahr- 
hundert am Hofe des Harun al Raschid in Asien driiben vorhanden 
waren, nach verschiedenen Richtungen hin sich weiterentwickelt ha- 
ben nach dem Tode und dann in ihren Wiederverkorperungen eine ge- 
wisse Rolle gespielt haben. In der Zeit, die wir auch das Zeitalter des 
Dreifiigjahrigen Krieges nennen konnen, etwas vorher, da haben wir 
auf der einen Seite die Individualitat des Harun al Raschid, wieder- 
verkorpert in dem Englander Baco von Verulam, und haben den grofien 
Organisator am Hofe von Harun al Raschid, der dort gelebt hat, aller- 
dings nicht als Eingeweihter, aber als die Wiederverkorperung eines 
Eingeweihten, haben seine Individualitat gefunden in Amos Comenius. 
Sie hat dann mehr in Mitteleuropa gewirkt. Aber aus diesen beiden 
Stromungen ist eigentlich vieles in dem geistigen Teil der neueren Zivi- 
lisation zusammengeflossen. So dafl in dem geistigen Teil der neueren 
Zivilisation der Vordere Orient aus der Nach-Mohammed-Zeit gelebt 
hat, auf der einen Seite durch den wiederverkorperten Harun al Ra- 
schid in Baco von Verulam, auf der anderen Seite durch Amos Co- 
menius, seinen grofien Ratgeber. 

Nun wollen wir heute einmal das betonen, dafi ja die Entwickelung 
des Menschen nicht blofi stattfindet, wenn er hier auf Erden ist, son- 
dern dafi im wesentlichen auch die Entwickelung stattfindet, wenn die 
Menschen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind. So daft man 
sagen kann: Sowohl Bacon wie Amos Comenius, nachdem sie sozu- 
sagen den Arabismus von zwei verschiedenen Seiten her in der euro- 
paischen Zivilisation befestigt hatten, sind ja nach ihrem Tode einge- 
treten in das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da sind 
sie, sowohl Bacon wie Amos Comenius, mit verschiedenen Seelen zu- 
sammengewesen, welche spater auf der Erde waren als sie, welche im 



17. Jahrhundert starben und dann weiterlebten in der geistigen Welt. 
Dann sind ja Seel en im 19. Jahrhundert auf die Erde gekommen; die 
sind vom 17. bis 19. Jahrhundert mit den Seelen von Bacon und Amos 
Comenius in der geistigen Welt zusammen gewesen. 

Nun gab es solche Seelen, die sich vorzugsweise versammelten urn 
die Seele des ja tonangebenden Bacon, und solche Seelen, die sich sarn- 
melten um Amos Comesius. Und wenn das auch mehr bildlich ist, so 
diirfen wir doch nicht vergessen, dafi, natiirlich unter ganz anderen 
Verhaltnissen, auch in der geistigen Welt, die die Menschen durch- 
machen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, sozusagen Fiih- 
rerschaft und Anhangerschaft vorhanden ist. Und es wirkten solche 
Individualitaten nicht bloft durch das, was sie auf der Erde hier be- 
wirkten, etwa durch die Schriften von Bacon oder durch die Schriften 
von Amos Comenius, oder durch das, was in der Tradition hier auf 
der Erde fortlebte, sondern diese fiihrenden Geister wirkten ja dadurch 
auch, daft sie in den Seelen, die sie herunterschickten, oder mit denen sie 
zusammen waren und die heruntergeschickt wurden, etwas ganz Be- 
sonderes auch noch in der geistigen Welt aufkeimen lieften. Und so 
sind nun auch in den Menschen des 19. Jahrhunderts Seelen, welche in 
ihrer Entwickelung schon im vorirdischen Dasein abhangig geworden 
sind von einem der beiden Geister, dem entkorperten Amos Comenius, 
dem entkorperten Bacon. 

Und da mochte ich denn - wie gesagt, weil ich immer mehr und 
mehr hineinfiihren will in die Art und Weise, wie konkret Karma 
wirkt - aufmerksam machen auf zwei Personlichkeiten des 19. Jahr- 
hunderts, deren Namen den meisten bekannt sein werden, wovon der 
eine ganz besonders im vorirdischen Leben beeinfluftt war von Bacon, 
der andere beeinfluftt war von Amos Comenius. 

Wenn wir uns Bacon anschauen, wie er innerhalb der Erdenzivili- 
sation in seinem irdischen Leben als Lordkanzler in England gestan- 
den hat, so mussen wir sagen: Er wirkte ja so, daft zu spiiren ist, wie 
hinter seinem Wirken ein Eingeweihter stand. Der ganze Streit um 
Bacon und Shakespeare ist ja so, wie er aufterlich von Literaturhisto- 
rikern getrieben wird, etwas aufierordentlich Odes, denn es werden 
allerlei schone Argumente vorgefuhrt, die da zeigen sollen zum Bei- 



spiel, daft eigentlich der Schauspieler Shakespeare iiberhaupt nicht seine 
Dramen geschrieben hat, sondern daft sie der Philosoph und Staats- 
kanzler Bacon geschrieben haben soli, und dergleichen. 

Alle diese Dinge, die mit aufteren Mitteln arbeiten, Ahnlichkeiten 
aufsuchen in der Denkweise der Shakespearschen Dramen und der 
Baconschen philosophischen Werke, alle diese aufteren Dinge sind ja 
eigentlich ode, weil sie an die Sache gar nicht herankommen, da ja die 
Wahrheit so liegt, daft in der Zeit, als Bacon, Shakespeare, Jakob 
Bohme und noch ein anderer gewirkt haben, ein Eingeweihter da war, 
der eigentlich durch alle vier gesprochen hat. Daher ihre Verwandt- 
schaft, weil tatsachlich das auf einen Quell zuruckgeht. Aber na- 
tiirlich disputieren die Leute, die mit aufteren Argumenten disputieren, 
nicht iiber einen Eingeweihten, der dahintergestanden hat, sintemalen 
dieser Eingeweihte in der Geschichte geschildert wird, wie ja mancher 
moderne Eingeweihte, als ein ziemlich lastiger Patron. Aber er war 
nicht bloft das. In seinen aufteren Handlungen war er es schon auch, 
aber er war nicht bloft das, sondern er war eben ein Individuality, 
von der ungeheure Krafte ausgingen und auf die eigentlich zuriick- 
gingen sowohl die Baconschen philosophischen Werke wie auch die 
Shakespearschen Dramen, wie die Jakob Bohmeschen Werke und wie 
noch die Werke des Jesuiten Jakob Balde. Wenn man dies ins Auge 
fafit, so muft man schon in Bacon auf philosophischem Gebiete den 
Anreger einer ungeheuren, breiten Zeitstromung sehen. 

Will man sich nun vergegenwartigen, was aus einer Seele werden 
kann, die durch zwei Jahrhunderte im uberirdischen Leben ganz unter 
dem Einflusse des gestorbenen Bacon steht - es ist eine sehr interessante 
Frage -, dann muft man hinschauen auf die Art und Weise, wie Bacon 
nach seinem Tode gelebt hat. Es wird schon einmal wichtig werden fiir 
Betrachtungen der Menschengeschichte, daft man die Menschen, die 
auf der Erde leben, nicht bloft bis zu ihrem Tode betrachtet, sondern 
auch in ihrem Wirken iiber den Tod hinaus, wo sie, namentlich wenn 
sie Bedeutsames auf geistigem Gebiet geleistet haben, weiter wirken 
fvir die Seelen, die dann heruntersteigen auf die Erde. 

Diese Dinge sind ja naturlich zuweilen etwas schockierend fiir die 
Menschen der Gegenwart. So zum Beispiel erinnere ich mich ~ es sei 



nur ein kleines Intermezzo, das ich einschiebe -, dafi ich einmai auf 
dem Bahnhof einer kleineren deutschen Universitatsstadt, am Bahn- 
hofstor, mit einem Arzt stand, einem bekannten Arzt, der sich viel mit 
Okkultismus beschaftigt. Um uns herum standen viele andere Leute. 
Er wurde warm, und aus seinem Enthusiasmus heraus sagte er zu mir 
in einem etwas lauten Ton, so daft es viele Umstehende horen konnten: 
Ich werde Ihnen die Biographie von Robert Blum schenken, aber die 
fangt erst mit seinem Tode an. - Es war, weil das so laut gesprochen 
war, schon etwas von Schockiertsein bei den Umstehenden zu bemer- 
ken. Man kann heute nicht so ohne weiteres zu den Leuten sagen: Ich 
schenke Ihnen die Biographie eines Menschen, die aber erst mit dem 
Tode anfangt. 

Aber aufter dieser zweibandigen Biographie von Robert Blum, die 
nicht mit der Geburt, sondern mit dem Tode anfangt, ist ja noch wenig 
geschehen nach dieser Richtung hin, biographisch von den Menschen 
zu sprechen, nachdem sie gestorben sind. Man fangt gewohnlich bei der 
Geburt an und endigt mit dem Tode. Es gibt noch nicht viele Werke, 
die mit dem Tode anfangen. 

Nun liegt aber fiir das reale Geschehen ein ungeheuer Wichtiges 
gerade in dem, was der Mensch nach dem Tode tut, wenn er die Ergeb- 
nisse dessen, was er auf der Erde getan hat, umgesetzt in das Geistige, 
den Seelen vermittelt, die nach ihm herunterkommen. Und man ver- 
steht gar nicht die Folgezeit eines Zeitalters, wenn man nicht auch auf 
diese Seite des Lebens hinschaut. 

Es handelte sich fiir mich darum, einmai diejenigen Individualita- 
ten anzusehen, die um Bacon nach seinem Tode herum waren. Und es 
waren herum um Bacon solche Individualitaten, die dann als Natur- 
forscher geboren wurden in der Folgezeit, aber auch solche Individuali- 
taten, die als Geschichtsschreiber geboren wurden. Und wenn man sich 
nun den Einflufi des gestorbenen Lord Bacon auf diese Seelen anschaut, 
so sieht man, wie das, was er auf der Erde begriindet hat, der Materia- 
lismus, das blofte Forschen in der Sinneswelt - alles andere ist ja fiir 
ihn Idol -, wie das, hinaufgesetzt, iibersetzt ins Geistige, in einen Ra- 
dikalismus umschlagt. So dafi in der Tat diese Seelen mitten in der 
geistigen Welt Impulse aufnehmen, die dahin gehen, nach ihrer Ge- 



hurt, nachdem sie heruntergestiegen sind, auf der Erde nur auf dasje- 
nige etwas zu geben, was eine Tatsache ist, die man mit den Sinnen 
sehen kann. 

Nun mochte ich etwas popular sprechen, aber ich bitte Sie, das 
Populare eben auch nicht ganz wortlich zu verstehen, denn natiirlich 
ist es dann furchtbar leicht zu sagen: Das ist grotesk. - Unter diesen 
Seelen waren auch solche, die nach ihren friiheren Anlagen, nach den 
Anlagen ihrer friiheren Erdenleben eben Historiker haben werden sol- 
len. Einer unter ihnen war - ich meine, driiben noch im vorirdischen 
Leben - einer der Bedeutendsten. Alle diese Seelen haben eigentlich 
unter dem Eindruck der Impulse von Lord Bacon gesagt: Man darf 
jetzt nicht mehr Geschichte schreiben, wie die Friiheren geschrieben 
haben, so dafi man Ideen hat, dafi man Zusammenhange erforscht, son- 
dern es miissen die realen Tatsachen erforscht werden. 

Nun frage ich Sie: "Was heifk in der Geschichte, die reale Tatsache 
benutzen? - Das Wichtigste in der Geschichte sind fa die Absichten der 
Menschen, die nicht reale Tatsachen sind. Aber das zu erforschen, ha- 
ben sich diese Seelen dann gar nicht mehr gestattet, und am wenigsten 
hat es sich gestattet diejenige Seele, die dann als einer der groflten Ge- 
schichtsschreiber des 19. Jahrhunderts wieder erschienen ist, Leopold 
von Ranke, ein vorirdischer Schuler Lord Bacons, der eben als Leopold 
von Ranke wieder erschienen ist. 

Verfolgt man nun den irdischen Historikerlauf des Leopold von 
Ranke, welches ist denn sein Grundsatz? Rankes Grundsatz als Ge- 
schichtsschreiber ist der: Nichts darf in der Geschichte geschrieben wer- 
den, als was man in Archiven liest; man mufi die ganze Geschichte aus 
Archiven, aus den Verhandlungen der Diplomaten zusammenstellen. 

Ranke, der ja ein deutscher Protestant ist, dem das aber gegeniiber 
seinem Wirklichkeitssinn ganz gleichgiiltig ist, arbeitet mit Objekti- 
vitat, das heifk, mit Archivobjektivitat schreibt er die Geschichte der 
Papste, die beste Geschichte der Papste, die geschrieben worden ist vom 
reinen Archivstandpunkte aus. Wenn man Ranke liest, so ist man etwas 
irritiert, eigentlich im Grunde schrecklich irritiert. Denn es ist etwas 
Odes, den bis ins hochste Alter beweglichen und regsamen Herrn sich 
denken zu miissen blofi in Archiven sitzend und zusammenstellend, 



was diplomatische Verhandlungen waren. Es ist ja gar keine wirkliche 
Geschichte. Aber es ist eine Geschichte, die nur mit den Tatsachen der 
Sinneswelt rechnet, und die sind fur die Geschichte eben die Archive. 

Und so haben wir gerade unter dem Gesichtspunkt der Beriick- 
sichtigung auch des aufierirdischen Lebens die Moglichkeit, ein Ver- 
standnis dafiir zu gewinnen: Warum ist Ranke so geworden? 

Aber man kann auch hinuberschauen, wenn man solche Betrach- 
tungen anstellt, zu Amos Comenius, wie der gewirkt hat auf das vor- 
irdische Wollen von Seelen, die nachher heruntergestiegen sind. Und 
ebenso wie Leopold von Ranke der bedeutendste nachtodliche Schiiler 
Bacons geworden ist, so ist Schlosser der bedeutendste nachtodliche 
Schiiler von Amos Comesius geworden. 

Und nun nehmen Sie bei Schlosser, wenn Sie seine Geschichte durch- 
lesen, den ganzen Duktus, den ganzen Grundton: Uberall spricht der 
Moralist, derjenige, der die menschlichen Seelen, die menschlichen Her- 
zen ergreifen will, der zu den Herzen sprechen will. Manchmal ge- 
lingt es ihm ja schwer, weil er eben doch einen pedantischen Zug hat. 
Nun, er spricht halt auf pedantische Weise zu den Herzen, aber er 
spricht zu den Herzen, weil er ein vorirdischer Schiiler des Amos Co- 
menius ist, weil er von ihm etwas davon aufgenommen hat, was in 
diesem Amos Comenius steckte, der gerade durch seine besondere Gei- 
stesart so charakteristisch ist. 

Denken Sie sich, er kommt ja doch vom Mohammedanismus her- 
iiber. Er ist etwas ganz anderes, als etwa die Geister sind, die sich an 
Lord Bacon angeschlossen haben; aber in die reale Aufienwelt ging auch 
Amos Comenius in seiner Amos Comenius-Inkarnation. Uberall f orderte 
er Anschaulichkeit fur den Unterricht, uberall soil Bildliches zugrunde 
liegen. Anschauung fordert er, das Sinnliche wird betont, aber auf eine 
andere Art. Denn Amos Comenius ist zugleich einer derjenigen, die im 
Zeitalter des Dreifiigjahrigen Krieges in der allerlebendigsten "Weise 
zum Beispiel an dem Eintritt des sogenannten «Tausendjahrigen Rei- 
ches» festhalten; er ist der, der in seiner «Pansophia» grofie, weltum- 
spannende Ideen geschrieben hat, der es also darauf abgesehen hatte, 
durch Stofikraf t auf die Erziehung der Menschen zu wirken. Das wirkte 
in Schlosser noch nach, das ist in Schlosser drinnen. 



Ich erwahnte diese beiden Gestalten, Ranke und Schlosser, aus dem 
Grunde, um Ihnen zu zeigen, wie man das, was im Menschen als geistig 
produzierend auftritt, nur begreifen kann, wenn man das aufierirdische 
Leben eben auch in Betracht zieht. Dann erst versteht man es, so wie 
wir manches verstanden haben dadurch, daft wir die wiederholten Er- 
denleben ins Auge gefafit haben. 

Nun ist ja bemerklich geworden in den Betrachtungen, die ich hier 
in den voranliegenden Stunden vor Ihnen angestellt habe, dafi in einer 
merkwiirdigen Weise von einer Inkarnation in die andere hiniiberge- 
wirkt wird, und ich erwahne, wie ich schon sagte, diese Beispiele aus 
dem Grunde, damit dann eingegangen werden kann auf die Art und 
Weise, wie jemand iiber sein eigenes Karma denken kann. Man mufl, 
bevor man eingeht auf die Art und Weise, wie Gut und Bose hiniiber- 
wirken von einer Inkarnation in die andere, wie Krankheiten und 
dergleichen hinuberwirken, erst eine Anschauung davon gewinnen, wie 
dasjenige hiniiberwirkt, was dann im eigentlichen Geistesleben der Zi- 
vilisation zutage tritt. 

Ich darf gestehen, meine lieben Freunde, daft eine der aufierst inter- 
essanten Personlichkeiten mit Bezug auf ihr Karma aus dem neueren 
Geistesleben fur mich Conrad Ferdinand Meyer war. Denn wer Con- 
rad Ferdinand Meyer in seiner Gestalt, wie er gelebt hat als der Dich- 
ter Conrad Ferdinand Meyer, betrachtet, der sieht ja, dafi die schon- 
sten Leistungen Conrad Ferdinand Meyers darauf beruhen, daft im- 
mer und immer wieder in seiner gesamtmenschheitlichen Verfassung 
etwas da war wie ein Entfliehenwollen des Ich und des astralischen 
Leibes heraus aus dem physischen Leib und dem Atherleib. 

Krankhafte Zustande treten bei Conrad Ferdinand Meyer auf, bis 
hart an die Grenze des Geistesgestortseins kommend. Es sind Zustande, 
die nur in einer etwas extremeren Form das zustande bringen, was 
eigentlich im Entstehungsgrunde, im Status nascendi immer bei ihm 
vorhanden ist: heraus will das eigentliche Geistig-Seelische und halt nur 
mit leisem Band das Physisch-Atherische. 

Und in diesen Zustanden, wo das Geistig-Seelische mit leisem Bande 
das Physisch-Atherische halt, entstehen bei Conrad Ferdinand Meyer 
die schonsten seiner Leistungen, sowohl die schonsten seiner grofieren 



Dichtungen wie auch die schonsten seiner kleineren Gedichte. Man 
kann schon sagen, halb aufierhab des Leibes sind die schonsten der 
Dichtungen von Conrad Ferdinand Meyer entstanden, Es war ein 
ganz eigentumliches Gefiige zwischen den vier Gliedern der Menschen- 
natur bei diesem Conrad Ferdinand Meyer vorhanden. Es ist wirklich 
ein Unterschied zwischen einer solchen Personlichkeit und einem 
Durchschnittsmenschen der Gegenwart. Bei einem Durchschnittsmen- 
schen des materialistischen Zeitalters, da hat man es gewohnlich mit 
einer sehr robusten Verbindung des Geistig-Seelischen mit dem Phy- 
sisch-Atherischen zu tun. Da steckt das Geistig-Seelische tief im Phy- 
sisch-Atherischen drinnen, setzt sich ganz hinein. Bei Conrad Ferdi- 
nand Meyer war das nicht vorhanden. Da war ein zartes Verhaltnis des 
Geistig-Seelischen mit dem Physisch-Atherischen. Und die Psyche die- 
ses Menschen zu beschreiben, gehort wirklich zu dem Interessantesten, 
das man in bezug auf die neuere Geistesentwickelung machen kann. 
Es ist schon aufierordentlich interessant zu sehen, wie manches, was bei 
Conrad Ferdinand Meyer heraufkommt, sich fast ausnimmt wie eine 
getriibte Erinnerung, die aber schon geworden ist durch die Triibung. 
Man hat immer das Gefiihl: Wenn Conrad Ferdinand Meyer schreibt, 
so erinnert er sich an etwas, aber nicht genau. Er verandert es, aber er 
verandert es ins Schone und ins Formvollendete. Das ist fiir einzelne 
seiner Dichtungen auch wiederum Stuck fiir Stuck in einer wunder- 
baren Weise zu beobachten. 

Nun ist es ja das Charakteristische im inneren Karma eines Men- 
schen, wenn ein ganz bestimmtes Verhaltnis der vier Glieder der 
menschlichen Natur vorhanden ist, von physischem Leib, Atherleib, 
astralischem Leib und Ich. Diese sonderbar intime Verbindung hat man 
nun zuriickzuverfolgen. Da kommt man zunachst zuriick in das Zeit- 
alter des Dreifiigjahrigen Krieges. Das war mir zuerst bei dieser Per- 
sonlichkeit klar: da liegt etwas von einem vorigen Erdenleben in der 
Zeit des DreilSigjahrigen Krieges. Dann wiederum ein weiter vorange- 
hendes Erdenleben, das geht zuriick bis in die vorkarolingische Zeit und 
geht deutlich zuriick in die italienische Geschichte. 

Aber bei dem Verfolgen des Karma von Conrad Ferdinand Meyer 
iibertragt sich, ich mochte sagen, das eigentiimlich Verschwimmende 



seines Wesens, das aber doch wiederum in solcher Formvollendung auf- 
tritt, auf die Untersuchung, und man hat dann das Gefiihl: du kommst 
in die Verwirrung hinein. Und es ist eigentlich nur etwas getan, wenn 
ich diese Dinge tatsachlich so schildere, wie sie sich ergeben. Man hat, 
wenn man da zuriickgeht in die Zeit des 7., 8. Jahrhunderts in Italien, 
man hat das Gefiihl: du kommst in etwas aufterordentlich Unsicheres 
hinein. Man wird immer wieder zuriickgestofien, und man merkt erst 
nach und nach, daft das nicht an einem selber liegt, sondern daft es an 
der Sache liegt; daft da in der Seele, in der Individualist des Conrad 
Ferdinand Meyer etwas liegt, was einen selber in die Verwirrung bringt 
beim Untersuchen. Denn man muft ja, wenn man eine solche Sache un~ 
tersucht, immer wieder zuruckkommen in die gegenwartige Inkarna- 
tion, respektive in die jiingst vergangene vorhergehende, in die weiter 
vorangehende, dann mulS man wiederum, ich mochte sagen, Posto 
fassen und immer wieder zuruckkommen. 

Und nun ergab sich folgendes. Sie miissen denken: Alles, was in 
vorangehenden Inkarnationen in einer Menschenseele gelebt hat, 
kommt ja in den verschiedensten Formen, in fur die aufiere Betrach- 
tung manchmal gar nicht konstatierbaren Ahnlichkeiten zutage. Das 
werden Sie schon an anderen Wiederverkorperungen gesehen haben, 
die ich in diesen Wochen hier entwickelt habe. 

Und so kommt man zu einer Inkarnation in Italien in den ersten 
christlichen Jahrhunderten, das heiftt am Anfang der zweiten Halfte 
des ersten christlichen Jahrtausends, wo die Seele, bei der man zunachst 
halt machen mufi, gelebt hat - viel in Ravenna, viel am romischen 
Hofe. Aber nun kommt man dadurch in eine Verwirrung hinein, daft 
man sich doch fragen muft: Was lebte in der Seele? - In dem Augen- 
blicke, wo man sich fragt, um die okkulte Forschung herauszufordern: 
Was lebte in der Seele? - da loscht sich einem das wieder aus. Man 
kommt auf die Erlebnisse, die diese Seele hat, die am Ravenna-Hofe, 
am romischen Hofe lebt; man kommt in diese Erlebnisse hinein, man 
glaubt sie zu haben: da loschen sie sich einem wieder aus. Und man 
wird dann zuriickgetrieben zu dem in jiingster Zeit lebenden Conrad 
Ferdinand Meyer, bis man darauf kommt: Er loscht einem in diesem 
spateren Leben seinen eigenen Seeleninhalt des friiheren Lebens aus. 



Und wirklich, erst nach langer Miihe kommt man darauf, wie sich die 
Sache verhalt. Da kommt man darauf: Conrad Ferdinand Meyer, das 
heifit die Individuality, die in ihm lebte, lebte dazumal in Italien in ei- 
nem gewissen Verhaltnisse zu einem Papste, der diese Individuality mit 
anderen zusammen in einer katholischen christlichen Mission nach 
England schickte. So dafS diese Individuality, die dann Conrad Fer- 
dinand Meyer wurde, erst all jenen wunderbaren Formensinn aufge- 
nommen hatte, den man gerade in jener Zeit in Italien aufnehmen 
konnte, von dem namentlich die Mosaikkunste in Italien sprechen, von 
dem die altere italienische Malerei spricht, die zum grofiten Teile ja 
uberhaupt ganz zugrunde gegangen ist - das hat ja aufgehort -, und er 
ging dann mit einer katholisch-christlichen Mission zu den Angel- 
sachsen. 

Ein Genosse von ihm begriindete das Bistum Canterbury. Und 
dasjenige, was in Canterbury geschehen ist, das hat sich im wesent- 
lichen an diese Begriindung angeschlossen. Die Individuality, die dann 
als Conrad Ferdinand Meyer erschienen ist, war nur dabei, aber diese 
Individuality war eine sehr regsame und hat dadurch den Unwillen 
eines Angelsachsenhauptlings hervorgerufen und ist auf das Anstiften 
dieses Angelsachsenhauptlings ermordet worden. Das ist etwas, das 
man zunachst findet. Aber es war in der Seele des Conrad Ferdinand 
Meyer, wahrend er in England verweilte, etwas, was sie ihres Lebens 
nicht froh werden liefi. Diese Seele wurzelte eigentlich in der damali- 
gen italienischen Kunst, wenn man das so nennen will, in dem italieni- 
schen Geistesleben. Sie wurde nicht froh bei der Ausiibung der Mis- 
sionstatigkeit in England, widmete sich aber dieser Missionstatigkeit 
dennoch in einer intensiven Weise, so dafi eben dann die Ermordung 
sogar die Reaktion darauf war. 

Dieses Nicht-froh-Werden, dieses eigentlich Abgestofiensein von 
etwas, das er aber wiederum aus einem anderen Trieb des Herzens 
heraus mit aller Kraft, mit aller Hingabe ausfiihrte, das wirkte in einer 
gewissen Weise so, dafi nun beim Durchgang durch das nachste Erden- 
leben eine kosmische Triibung des Gedachtmsses eintrat. Der Impuls 
war da, aber er deckte sich nicht mit irgendeinem Begriffe mehr. 

Und so wurde zustande gebracht, dafi dann in der Conrad Ferdi- 



nand Meyer-Inkarnation ein unbestimmter Impuls sich gel tend machte: 
In England wirkte ich; etwas hangt zusammen mit Canterbury, ermor- 
det worden bin ich wegen meines Zusammenhanges mit Canterbury. 

Darauf hin wirkt nun das aufiere Leben der Conrad Ferdinand 
Meyer-Inkarnation. Conrad Ferdinand Meyer studiert englische Ge- 
schichte, er studiert Canterbury, er studiert, was da im Zusammen- 
hange mit der englischen Geschichte und Canterbury vor sich geht. Er 
stofk auf Thomas Becket, den Kanzler des Konigs Heinrich II. im 12. 
Jahrhundert, auf dieses eigentumliche Schicksal des Thomas Becket, 
der zuerst ein allmachtiger Kanzler Heinrichs II. war, dann ermordet 
wurde auf Anstiften Heinrichs II. Dann erschien dem Conrad Ferdi- 
nand Meyer im Conrad Ferdinand Meyer-Leben in diesem Thomas 
Becket sein eigenes, halbvergessenes Schicksal - im Unterbewufiten, 
meine ich, halbvergessen, denn ich rede natiirlich von dem Unterbe- 
wufiten, das da erscheint. Und da schildert er sein eigenes Schicksal 
aus uralter Zeit, indem er es schildert in der Geschichte, die sich abge- 
spielt hat im J 2. Jahrhundert zwischen dem Konig Heinrich II. und 
dem Thomas Becket von Canterbury, indem er dieses Schicksal schil- 
dert in seiner Dichtung «Der Heilige». Es ist gerade so - nur spielt sich 
das alles in dem Unterbewufiten ab, das die aufeinanderfolgenden Er- 
denleben umfafit -, es ist alles so, wie wenn etwa ein Mensch in einem 
Erdenleben in friiher Jugend im Zusammenhange mit irgendeinem 
Orte etwas erlebt hatte, vielleicht im zweiten, dritten Lebensjahre etwas 
erlebt hat, das er dann vergessen hat, das nicht auftaucht. Dann taucht 
ein ahnliches anderes Schicksal auf, der Ort wird genannt: dieser Ort 
ruft hervor, dafi der Betreffende eine besondere Sympathie hat fur 
dieses andere Schicksal und dieses andere Schicksal anders empfindet 
als eben einer, der nicht mit diesem Orte irgendwie in eine Ideenasso- 
ziation tritt. So wie sich das in einem Erdenleben abspielen kann, so 
spielt es sich ab in diesem konkreten Falle, den ich Ihnen angebe: Das 
Wirken in Canterbury, die Ermordung einer an Canterbury gebun- 
denen Personlichkeit - denn Thomas Becket ist ja Erzbischof von Can- 
terbury - durch den Konig von England. Indem also diese Motive zu- 
sammenwirken, schildert er das eigene Schicksal in demjenigen, was er 
darstellt. 



Nun geht es aber fort bei Conrad Ferdinand Meyer - das ist das 
Interessante: Er wird wiedergeboren so im Zeitalter des Dreifiigjahri- 
gen Krieges, als Frau wiedergeboren, als regsame, geistig interessen- 
reiche Frau geboren in der Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges, sieht man- 
ches Abenteuerliche. Diese Frau heiratet einen Mann, der zunachst an 
all den Wirren, die da waren im Dreifiigjahrigen Kriege, teilnahm, dem 
es dann aber zu dumm geworden ist und der nach der Schweiz aus- 
wanderte, nach Graubiinden, und da als ein ziemlich philistroser Herr 
lebte. Aber seine Frau nahm alles das auf, was innerhalb des Grau- 
biindner Landes selber sich abspielte unter dem Einflufi der Verhalt- 
nisse des DreijRigjahrigen Krieges. 

Das ist wiederum wie mit einer Schicht zugedeckt, weil schon ein- 
mal dasjenige, was in dieser Individuality ist, ich mochte sagen, sich 
kosmisch leicht vergifit und dennoch wiederum in Veranderung herauf- 
geholt wird und dann glorioser, intensiver wird. Und aus dem, was 
diese Frau erlebt hat in ihrer Anschauung, entsteht die wunderbare 
Charakteristik des «Jiirg Jenatsch», des Mannes aus Graubiinden. Und 
so hat man, wenn man nun diesen Conrad Ferdinand Meyer in seiner 
Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation ansieht, keine Erklarung fur 
seine Eigentumlichkeit, wenn man nicht auf sein Karma eingehen kann. 
Denn eigentlich mufi ich sagen - das ist cum grano salis gesprochen 
selbstverstandlich, denn das Wort pafit nicht recht -, eigentlich beneide 
ich die Leute, die Conrad Ferdinand Meyer so leichten Herzens ver- 
stehen. Als ich seine friihere Verkorperung noch nicht gekannt habe, 
habe ich nur verstanden, dafi ich ihn eigentlich nicht verstehe. Denn 
diese wunderbare Geschlossenheit der Form, diese innere Freude an der 
Form, dieses Reine der Form, diese Kraft, die Gewalt, die in «Jurg 
Jenatsch» lebt, dieses ungemein Personlich-Lebendige, das in dem «Hei- 
ligen» lebt - man mufi schon ein Stuck Oberflachlichkeit haben, wenn 
man das ohne weiteres zu verstehen glaubt. 

Wenn man aber merkt: in den schonen Formen, die zugleich etwas 
Linienhaftes, etwas Strenges haben, die gemak und wieder nicht ge- 
malt sind, leben die Mosaiken von Ravenna; in dem «Heiligen» lebt 
eine Geschichte, die einstmals von der Individualist selber durchge- 
macht worden ist, iiber die sich aber Seelendunst breitete, so dafi aus 



dem Seelendunst eine andere Formung herauskam - und wenn man 
weift: vom Frauengemiit ist dasjenige aufgenommen worden, was in 
der Graubundner Dichtung des «Jurg Jenatsch» lebt, und in manchem, 
was da ist an Stoftigem in dieser Graubundner Dichtung, da lebt wieder- 
um der Haudegen aus dem Dreifiigjahrigen Kriege, der ein ziemlich phi- 
listroser Herr, aber dennoch ein Haudegen war; wenn man weift: da 
lebt in der Seele in einer eigentiimlichen Form dasjenige auf, was von frii- 
heren Erdenerlebnissen heruberkommt - dann beginnt man eigentlich 
erst zu begreifen. Und man sagt sich dann: In alten Zeiten der Mensch- 
heitsentwickelung haben die Menschen ungeniert gesprochen iiber die 
Art und Weise, wie uberirdische Geister auf die Erde herabgestiegen 
sind, wie wiederum Menschen der Erde sich hinaufgelebt haben, um 
von der Geisteswelt aus weiterzuwirken, und das ist etwas, was wieder 
kommen mufi, sonst bleibt der Mensch bei seinem Regenwurm-Mate- 
rialismus. Denn was sich heute naturwissenschaftHche Weltanschau- 
ung nennt, ist ja eine Regenwurm-Weltanschauung. 

Die Menschen leben eigentlich so auf Erden, als wenn nur die Erde 
sie anginge und als wenn nicht der ganze Kosmos auf das Irdische 
wirkte und im Menschen lebte, und als wenn nicht friihere Zeiten 
fortlebten dadurch, daft wir dasjenige, was wir in ihnen aufgenommen 
haben, selber heriibertragen in die spateren Zeiten. Und Karma ver- 
stehen, heiftt nicht, irgendwie begrifflich reden zu konnen iiber auf ein- 
anderfolgende Erdeninkarnationen, sondern Karma verstehen, heiftt, 
in seinem Herzen das zu fiihlen, was man fiihlen kann, wenn man in 
spatere Epochen in Menschenseelen selbst dasjenige heriiberflieften 
sieht, was vor Zeiten da war. Wenn man sieht, wie Karma wirkt, dann 
erhalt das menschliche Leben ja einen ganz anderen Inhalt. Man fiihlt 
sich selber ganz anders in dem menschlichen Leben drinnenstehend. 

Solch ein Geist wie Conrad Ferdinand Meyer tritt auf und fiihlt die 
friiheren Erdenleben wie einen Grundton in seinem Wesen darinnen, 
wie Untertone, die da heriibertonen. Man versteht erst das, was da ist, 
wenn man ein Verstandnis fur diese Grundtone entwickelt. Und der 
Fortschritt der Menschheit im Geistesleben wird darauf beruhen, dafi 
in dieser Weise das Leben wird betrachtet werden konnen, daft man 
wirklich wird eingehen konnen auf das, was durch Menschen selber 



aus friiheren Epochen der Weltenentwickelung in spatere Epochen der 
Weltenentwickelung hinuberstromt. Das Eigentiimliche von mancher 
Seele, etwa wie die Psychoanalytiker es tun, auf torichte Art aus «ver- 
borgenen Seelenprovinzen» heraus zu erklaren - man kann ja dem Ver- 
borgenen ailes zuschreiben -, das wird aufhoren, und man wird die 
wirklichen Ursachen suchen. Denn das Treiben der Psychoanalytiker, 
die ja in gewisser Beziehung wirklich wiederum ganz Gutes leisten, das 
erinnert einen manchmal daran, wie wenn jemand sagen wiirde: Im 
Jahre 1 749 ist in Frankfurt einem Patrizier ein spater begabt auf treten- 
der Sohn geboren worden; man kann heute noch den Ort feststellen, 
wo in Frankfurt dieser spater als Wolfgang Goethe auftretende Mensch 
geboren worden ist. Man grabe einmal nach in der Erde, durch welche 
Ausdiinstung seine Anlagen zustande gekommen sind. - So kommen 
einem die Psychoanalytiker manchmal vor! Sie graben unten ins Erd- 
reich der Seele hinein, in die «verborgenen Provinzen», die sie erst sel- 
ber hypothetisch entdecken, wahrend man in Wirklichkeit in den vor- 
angegangenen Erdenleben und in den Leben, die zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt sind, suchen mufi. Dann eroffnet sich das Ver- 
standnis von Menschenseelen. Menschenseelen sind wahrhaft viel zu 
reich, als dafi man ihren Inhalt aus einem einzigen Erdenleben heraus 
erkennen konnte. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 23. April 1924 

Ich mochte zu dem in diesen Tagen Gesagten einiges hinzufiigen fiir 
die Freunde, die gelegentlich des Osterkursus hierhergekommen sind 
und die manches von dem in der letzten Zeit hier Gesagten nicht gehort 
haben, hinzufiigen aus den Gebieten karmischer Zusammenhange. Fiir 
diejenigen Freunde, die in den vorigen Stunden vor der Ostertagung 
hier gewesen sind, wird vielleicht einiges eine Wiederholung sein, allein 
das ist eben aus der Natur unserer jetzigen Veranstaltung hier doch 
wohl notwendig. 

Ich habe ja in der letzten Zeit ganz besonders betont, wie das ge- 
schichtliche Leben der Menschheit herangebracht werden mufi an die 
Betrachtung des Menschen selbst. All unser Streben geht ja darauf hin, 
den Menschen uberhaupt wiederum in den Mittelpunkt der Weltbe- 
trachtungen zu stellen. Es wird dadurch ein Doppeltes erreicht: Erstens, 
es wird uberhaupt dadurch erst eine Weltbetrachtung moglich, weil 
dasjenige, was um den Menschen herum in der aufiermenschlichen Na- 
tur ausgebreitet ist, doch nur einen Teil, ein gewisses Gebiet der Welt 
darstellt. Etwa so nimmt sich eine Weltbetrachtung aus, welche sich auf 
dieses Naturgebiet beschrankt, wie eine Pflanzenbetrachtung, die im- 
mer stehenbleibt bei der Anschauung von Wurzeln, griinen Blattern 
und Stengeln, und niemals dazu kommt, Bliite und Frucht zu sehen. 
Eine solche Betrachtung liefert einfach nicht die ganze Pflanze. Kdnn- 
ten Sie sich ein Wesen vorstellen, das stets nur zu einer Zeit geboren 
wird und zu einer Zeit lebt, in der die Pflanze nur bis zu den griinen 
Blattern wachst, das niemals eine Bliite sieht, das zu der Zeit, wenn die 
Bliite kommen soil, stirbt, und erst wieder hervorkommt, wenn nur 
Wurzeln und grime Blatter da sind? Ein solches Wesen wiirde die voile, 
die ganze Pflanze niemals kennenlernen, wiirde von der Pflanze als 
einem Wesen reden, das nur Wurzel und Blatter hat. 

In eine ahnliche Lage gegenuber der ganzen Weltbetrachtung hat 
sich die moderne materialistische Gesinnung gebracht. Sie betrachtet 
nur die breitere Unterlage des Lebens, nicht das, was aus der Gesamt- 



heit des irdischen Werdens und Seins hervorsprielk: den Menschen 
selber. Unsere Naturbetrachtung muft durchaus so sein, daft die Natur 
in ihren Weiten betrachtet wird, aber uns gleich in der Betrachtung so 
vorkommt, als ob sie aus sich heraus den Menschen schaffen miiftte. 
Dadurch erscheint der Mensch wirklich als ein Mikrokosmos, als eine 
Konzentrierung alles dessen, was sich in den Weiten des Kosmos f indet. 

Sobald man diese Art der Betrachtung auf die Geschichte anwen- 
det, ist man nicht mehr in der Lage, den Menschen bloft so zu betrach- 
ten, daft man die Krafte der Geschichte auf den Menschen konzentriert 
und ein einheitlich zusammengehaltenes Wesen im Menschen sieht, son- 
dern da mufi man den Menschen betrachten, wie er durch verschiedene 
Erdenleben geht, denn er ist mit dem einen Erdenleben in einer alteren 
Zeit, mit dem anderen Erdenleben in einer spateren Zeit verbunden. 
Und der Umstand, daft es so ist, stellt wiederum den Menschen, aber 
jetzt die Totalitat des Menschen, die Individuality des Menschen, in 
den Mittelpunkt der Betrachtung. Das ist das eine, was durch eine 
solche Anschauung von Natur und Geschichte erreicht wird. 

Das andere ist, daft gerade dann, wenn man den Menschen in den 
Mittelpunkt der Betrachtungen stellt, ethisch das erreicht werden wird, 
daft in dem menschlichen Charakter eine gewisse Bescheidenheit ein- 
treten wird. Unbescheidenheit kommt eigentlich nur aus mangelnder 
Menschenerkenntnis. Es wird ganz gewifi nicht aus einer eindring- 
lichen, umfassenden Menschenerkenntnis im Zusammenhange mit den 
Welt- und Geschichtsereignissen das folgen, daft der Mensch sich iiber- 
schatzt, sondern es wird zur Folge haben, daft der Mensch sich objek- 
tiver nimmt. Gerade wenn der Mensch sich nicht kennt, so sprieften in 
ihm diejenigen Gefuhle auf, die eben aus dem Unbekannten seiner eige- 
nen Wesenheit kommen. Instinktive emotionelle Regungen ziehen aus 
ihm auf, und diese im Unterbewuftten wurzelnden instinktiven emo- 
tionellen Regungen, die machen den Menschen eigentlich unbescheiden, 
hochmiitig und so weiter. Dagegen wenn das Bewufttsein immer mehr 
und mehr hinuntersteigt in diejenigen Regionen, in denen sich der 
Mensch erkennt, wie er den Weiten des Weltenalls und dem Leben der 
aufeinanderfolgenden geschichtlichen Ereignisse angehort, wird sich 
im Menschen einem innerlichen Gesetze nach Bescheidenheit entwickeln. 



Denn die Anpassung an das Weltendasein ruft immer Bescheidenheit 
hervor, nicht Oberhebung. Alles, was als eine reale, wahre Betrachtung 
in der Anthroposophie gepflogen werden kann, hat durchaus auch 
seine ethische Seite, zeitigt seine ethischen Impulse. Anthroposophie 
wird nicht eine Lebensauffassung hervor bringen so wie die neuere ma- 
terialistische Zeit, welche die Ethik, die Moral als etwas AulSerliches 
hat, sondern die Ethik, die Moral wird ihr etwas sein, was innerlich 
hervorgetrieben wird aus alledem, was man betrachtet. 

Nun mochte ich zeigen, wie in gewissen Menschenwesenheiten frii- 
here Epochen heriibergetragen werden durch den Menschen selber in 
spatere Epochen. Ich mochte das an einzelnen Beispielen auch heute 
zeigen. Da haben wir ein, ich mochte sagen, sehr fesselndes Beispiel, das 
uns in der Betrachtung in diese schweizerischen Gegenden fiihren kann. 

Wir wenden den Blick hin auf einen Menschen der vorchristlichen 
Zeit, etwa ein Jahrhundert vor der Begriindung des Christentums, und 
finden da - ich erzahle, was in einer geisteswissenschaftlichen Betrach- 
tung gefunden werden konnte - eine Personlichkeit, die eine Art Skla- 
venaufseher ist, die, wie gesagt, ein Jahrhundert vor der Begriindung 
des Christentums in sudlichen Gegenden Europas eine Art Sklavenauf- 
seher ist. 

Man darf sich unter einem Sklavenaufseher der damaligen Zeit nicht 
dasjenige vorstellen, was sogleich bei diesen Worten in uns an Ge- 
fiihlen und Empfindungen erregt wird. Die Sklaverei war ja im Alter- 
tum etwas, was durchaus als gang und gabe angesehen worden ist, und 
sie war in der Zeit, von der ich hier spreche, eigentlich im wesentlichen 
schon gemildert, und die Sklavenaufseher waren gebildete Leute. In 
dieser Zeit waren ja sogar oftmals die Lehrer von sehr bedeutenden 
Leuten Sklaven, weil unter den Sklaven auch die Bildung, die litera- 
rische Bildung, die wissenschaftliche Bildung der damaligen Zeit viel- 
fach herrschte. Also man mufi sich schon gesiindere Ansichten iiber das 
Sklaventum verschaffen, ohne es selbstverstandlich auch nur im ge- 
ringsten zu verteidigen, wenn man auf das Altertum in dieser Bezie- 
hung hinsieht. 

Wir haben also eine solche Personlichkeit, deren Beruf es ist, sich 
mit der Austeilung der Arbeit, mit der Behandlung einer Reihe von 



Sklaven zu beschaftigen. Aber diese Personlichkeit, die eine aufter- 
ordentlich liebenswiirdige ist, eine milde Personlichkeit, die alles tut, 
wenn sie sich selber folgen kann, urn den Sklaven das Leben angenehm 
zu machen, untersteht nun einer rauhen, etwas brutalen Personlichkeit. 
Wir wiirden nach unseren heutigen Benennungen jene Personlichkeit 
den Vorgesetzten nennen. Dem raufi sie folgen, diese Personlichkeit. 
Dadurch kommt manches, was Groll erzeugt bei den Gefuhrten. Und es 
stellt sich dann heraus, dafi, als die Personlichkeit, von der ich rede, der 
Sklavenaufseher, durch die Pforte des Todes geht, sie umringt ist in 
der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt von all den See- 
len die mit ihr dadurch verbunden waren, dafi sie ihr Sklavenauf- 
seher war. Aber insbesondere stark verbunden war die Individuality 
dieser Personlichkeit mit jenem Vorgesetzten, und zwar dadurch, daft 
sie, als sie Sklavenfiihrer war, diesem Vorgesetzten folgen muftte, daft 
sie oftmals widerwillig, aber doch immer nach der Sitte der damaligen 
Zeit fur ein solches soziales Verhaltnis, ihm folgte. Das begrundete 
einen tieferen karmischen Zusammenhang. Es begrundete auch einen 
tieferen karmischen Zusammenhang das Verhaltnis, das da war in der 
physischen Welt zwischen dem Sklavenfiihrer, man konnte auch sagen 
in vieler Beziehung Sklavenlehrer, und der Schar der Sklaven. 

So miissen wir uns also vorstellen, dafi sich nun ein weiteres Leben 
entwickelt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zwischen all die- 
sen Menschenindividualitaten, von denen ich jetzt gesprochen habe. 

Dann wird etwa im 9. nachchristlichen Jahrhundert die Individua- 
list dieses Sklavenfuhrers wiederum geboren, in Mitteleuropa, aber 
jetzt als Frau. Wir haben es also jetzt zu tun mit einer Wiederverkor- 
perung jenes Sklavenfuhrers als Frau, und zwar, weil die karmischen 
Verbindungen so sind, als Frau gerade jenes Vorgesetzten, der als 
Mann wiedergeboren wird. Und es entwickelt sich ein nicht gerade 
glanzendes Eheverhaltnis zwischen den beiden, ein Eheverhaltnis, das 
aber karmisch durchaus dasjenige ausgleicht, was sich karmisch ge- 
griindet hat in der Zeit des Untertanen-Vorgesetztenverhaltnisses wah- 
rend der alten Zeit im Beginne des ersten Jahrhunderts vor der christ- 
lichen Zeitrechnung. Dieser Vorgesetzte lebt jetzt, etwa im 9. Jahrhun- 
dert, in Mitteleuropa innerhalb einer Gemeinde, deren Burger in einem 



aufierordentlich familiaren Verhaltnis miteinander stehen. Er ist da 
als eine Art Gemeindebeamter tatig, der aber eigentlich aller Diener 
ist und aufierordentlich starkt gepufft wird. 

Wir kommen darauf, wenn wir die ganze Sache untersuchen, daft 
die Mitglieder dieser etwas ausgebreiteten Gemeinde alle die Sklaven 
sind, die einstmals in der von mir erwahnten Weise gefiihrt worden 
sind, behandelt worden sind, denen ihre Arbeit angewiesen worden 
ist. Also der Vorgesetzte ist sozusagen aller Diener geworden und mufi 
auflerordentlich viel karmisch in Erfullung gehen sehen von dem, was 
durch seine Brutalitat auf dem Umwege iiber den Sklavenfiihrer an 
diesen Menschen getan worden ist. 

Seine Frau, die ist nun aber der wiedergeborene Sklavenfiihrer, der, 
ich mochte sagen, in einer gewissen stilleren, zuriickgezogeneren Lebens- 
weise unter den Eindriicken leidet, die jetzt von dem stets unzufrie- 
denen friiheren Vorgesetzten in seiner Wiederverkorperung kommen, 
und man kann im einzelnen durchaus verfolgen, wie sich das karmische 
Schicksal hier erfiillt. 

Aber auf der anderen Seite sehen wir auch, wie dieses Karma durch- 
aus nicht erfiillt ist, in seiner Totalkat nicht erfiillt ist. Es ist nur ein 
Teil dieses Karma erfiillt. Nur was sich zwischen diesen beiden Men- 
schen abgespielt hat, dem Sklavenfiihrer und seinem Vorgesetzten, die- 
ses karmische Verhaltnis ist mit der mittelalterlichen Inkarnation im 
9. Jahrhundert im wesentlichen erschopft; denn da hat tatsachlich die 
Frau dasjenige abgedient, was sie durch die Brutalitat ihres ehemaligen 
Vorgesetzten, der jetzt ihr Gemahl war, an der eigenen Seele erfah- 
ren hat. 

Aber diese Frau, die Inkarnation des ehemaligen Sklavenfuhrers, 
wird wiederum geboren, geboren nun auch so, daft die Mehrzahl der- 
jenigen Seelen, die einstmals Sklaven waren und dann in der ausge- 
breiteten Gemeinde vereinigt waren, deren Schicksal also diese Indi- 
vidualist zweimal im Erdenleben mitgemacht hat, daft diese Gemeinde 
fur den wiedergeborenen Sklavenfiihrer jene Kinder liefert, deren Er- 
ziehung er sich jetzt in der neuen Verkorperung besonders annimmt. 
Denn diese Wiederverkorperung ist die des Pestalozzi. Und wir sehen, 
daft alles das, was jetzt an ungeheurer Milde, an Erzieherbegeisterung 



in Pestalozzi im 18. und 19. Jahrhundert lebt, die karmische Erfiillung 
ist gegenuber den Menschen, mit denen er zweimal in der geschilder- 
ten Weise verbunden war, die karmische Erfiillung dessen, was in frii- 
heren Inkarnationen erlebt, erlitten und erfahren worden ist. 

Es wird das, was in einzelnen Personlichkeiten auftritt, eben durch- 
aus erst durchsichtig, stellt sich vor die Seele in seiner begreiflichen 
Gegenstandlichkeit hin, wenn man beobachtet, wie auf dem Hinter- 
grunde eines gegenwartigen Erdenlebens die fruheren Erdenleben er- 
scheinen. Und zuweilen treten in irgendeinem Erdenleben Ziige eines 
Menschen auf, die nicht etwa blofi auf die vorhergehende Inkarnation 
zuriickgehen, sondern oftmals auf die vorvorige und noch auf weiter 
zuriickgelegene. Das ist so, dafi man sieht, wie mit einer gewissen in- 
neren geistigen Konsequenz hindurchwirkt, was in den einzelnen In- 
karnationen sich veranlagt hat und sein Dasein weiterfiihrt, indem der 
Mensch lebt durch Erdenleben hindurch, aber auch durch Leben zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt. 

In dieser Beziehung ist besonders fesselnd die Betrachtung eines 
Erdenlebens, das ich schon vor denjenigen, die vor der Ostertagung 
hier in Dornach waren, entwickelt habe, das Leben des Conrad Fer- 
dinand Meyer. 

Conrad Ferdinand Meyer gibt ja dem, der sein Leben innerlich be- 
trachtet und zu gleicher Zeit in einem hohen Grade seine Dichtungen 
bewundern kann, ganz besondere Ratsel auf. Conrad Ferdinand 
Meyers Dichtungen haben ja einen in der Form wunderbar harmo- 
nischen Stil, so dafi man sagen kann: Was in Conrad Ferdinand Meyer 
lebt, das schwebt eigentlich immer ein wenig iiber dem Irdischen in 
bezug auf den Stil, auch in bezug auf die ganze Denkungs-, Empfin- 
dungs- und Gefiihlsart. Und man merkt schon, wenn man sich auf die 
Schopfungen Conrad Ferdinand Meyers einlafit, wie er in einem Gei- 
stig-Seelischen drinnensteckt, das fortwahrend auf dem Sprunge ist, 
sich etwas loszulosen von dem Physisch-Leiblichen. Man sagt sich, 
wenn man die edleren Dichtungen Conrad Ferdinand Meyers, auch 
seine Prosadichtungen, vor sich hinlegt und betrachtet: Da ist etwas 
Schopferisches, was immer hinauswachsen will iiber den Zusammen- 
hang mit dem physischen Leibe. - Das hat sich ja dann dadurch aus- 



gesprochen, daft Conrad Ferdinand Meyer in der Tat in seiner Conrad 
Ferdinand Meyer-Inkarnation in krankhaften Zustanden leben mufite, 
in denen sich in einem sehr starken Grade das Geistig-Seelische von dem 
Physisch-Leiblichen losloste, so daft Wahnzustande auftraten oder we- 
nigstens Zustande, die Wahnzustanden ahnlich waren. Wiederum ist 
das Merkwurdige daran, daft zum Schonsten bei ihm gerade das gehort, 
was er in einer solchen Loslosung des Geistig-Seelischen von dem Phy- 
sisch-Leiblichen geschaffen hat. 

Nun wird man gerade bei Conrad Ferdinand Meyer, wenn man 
versucht, die karmischen Zusammenhange durch seine Erdenleben hin- 
durch zu erforschen, in eine Art Verwirrung hineingetrieben. Man f in- 
det sich nicht sogleich zurecht, wenn man den Faden ziehen will von 
der Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation zu den friiheren Inkar- 
nationen. Man wird zunachst in das 6. nachchristliche Jahrhundert ver- 
setzt, aber dann wiederum zuriickgeworfen in das 19. Jahrhundert, in 
die Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation, weil man bei der Beobach- 
tung auch durch die Sache selbst dazu verleitet wird, verfiihrt wird, 
in die Irre zu gehen. Sie mussen sich nur das richtig vorstellen, wie ein 
wirkliches Ringen um Erkenntnis auf diesem Felde es aufterordentlich 
schwer hat. Wer sich mit Phantastik begniigt, der hat es naturlich leicht, 
der kann irgendwie irgend etwas sich zurechtlegen. Wer aber auf die- 
sem Gebiete sich nicht mit Phantastik begniigt, sondern tatsachlich bis 
zu jenem Punkte in seinem Forschen weiterriickt, wo er das Gefiige 
seiner Seele beim Forschen verlaftlich findet, der hat es eigentlich 
schwer, wenn er solche Sachen verfolgt, insbesondere bei einer so kom- 
plizierten Individuality, wie sie sich in Conrad Ferdinand Meyer dar- 
gelebt hat. Und es ist ja beim Untersuchen von karmischen Zusammen- 
hangen durch eine Anzahl von Erdenleben hindurch einem keine grofte 
Hilfe, auf die besonders signifikanten Dinge hinzuschauen. Das, was 
am meisten auffallt an dem Menschen, was man wahrnimmt, wenn 
man dem Menschen begegnet oder durch die Geschichte etwas von ihm 
erf ahrt, das hat er eigentlich zumeist aus der irdischen Umgebung. Man 
ist ja als Mensch viel mehr, als man denkt, ein Produkt seiner irdischen 
Umgebung. Man nimmt durch die Erziehung dasjenige auf, was in der 
irdischen Umgebung lebt. Erst die feineren, intimeren Zuge eines Men- 



schen, recht konkret aufgefafk, fiihren durch das Leben zwischen Tod 
und neuer Geburt zuriick in vorige Erdenleben. 

Und fur eine solche Betrachtung kann wichtiger sein, die Art und 
Weise anzuschauen, wie ein Mensch seine Gesten macht, wie ein Mensch. 
als eine standige Gewohnheit irgend etwas halt, als die Betrachtung 
dessen, was er vielleicht als eine beruhmte Personlichkeit leistet. Die 
Art und Weise, wie jemand etwas halt, oder wie er immer gewohnheits- 
mafiig auf Dinge antwortet - nicht was er antwortet, aber wie er ant- 
wortet, daft er zum Beispiel zunachst immer abweist und erst, wenn er 
nicht mehr anders kann, zugibt, oder dafi er in aller Gutmiitigkeit etwas 
renommiert und so weiter -, solche ZUge, die sind es, die wichtig sind, 
und wenn man die besonders anschaut, so stellen sie sich in den Mit- 
telpunkt der Betrachtungen, und es wachst viel aus ihnen heraus. Man 
betrachtet die Art, wie jemand etwas angreift, macht sich es ganz ge- 
genstandlich, arbeitet es kunstlerisch aus; dann bleibt es nicht bei der 
Betrachtung der Geste, sondern da gliedert sich um die Geste die Ge- 
stalt eines anderen Menschen herum. 

Es kann durchaus das Folgende geschehen. Es gibt Menschen, die 
haben kleine Gewohnheiten, sagen wir die Gewohnheit, bevor sie ir- 
gend etwas beginnen, die Arme in einer bestimmten Weise zu bewegen. 
Ich habe Menschen kennengelernt, die konnten keine Arbeit tun, ohne 
zuerst die Arme zusammenzulegen. Macht man sich solch eine Geste 
ganz gegenstandlich, aber mit innerem kunstlerischem Sinn, so daft sie 
plastisch vor einem stent, dann lenkt man die Aufmerksamkeit ab von 
dem Menschen, der zu dieser Geste dazugehort. Aber diese Geste bleibt 
nicht allein. Sie wachst sich aus zu einer anderen Gestalt. Und kommt 
man nun an diese Gestalt heran, dann ist diese Gestalt etwas, was we- 
nigstens hindeutet auf etwas in der vorigen Inkarnation oder in der 
vorvorigen Inkarnation. Es kann dabei durchaus so sein, daft diese 
Geste auf irgend etwas angewendet wird, was in der vorigen Inkar- 
nation noch gar nicht vorhanden war, sagen wir auf das In-die-Hand- 
Nehmen eines Buches und dergleichen. Aber eine solche Art von Geste 
oder solche Art von Lebensgewohnheit mull es eigentlich sein, wofiir 
man Sinn haben mufi, um zuruckzukommen. 

Nun, bei solch einer Individuality wie die des Conrad Ferdinand 



Meyer ist aber eben dieses das Bedeutsame, dafi sie schafft mit einer 
gewissen Neigung - so will ich es genau ausdriicken - zur Lockerung 
des Geistig-Seelischen von dem Physisch-Leiblichen. Das ist ein An- 
haltspunkt, aber auf der anderen Seite auch wiederum ein Moment der 
leichten Verirrung. 

Nun wird man also hingetrieben ins 6. Jahrhundert. Man hat zu- 
nachst das Gefuhl: da muft er sein. Man findet auch eine Personlich- 
keit, die in Italien gelebt hat, die in Italien verschiedene Schicksale in 
jener Inkarnation durchgemacht hat und die da in einer Art Doppel- 
natur gelebt hat, auf der einen Seite mit aufierordentlicher Begeiste- 
rung hingegeben an das, was fur uns Spatere in der aufieren Welt ziem- 
lich verlorengegangen ist, was aber vorhanden war in grofiartiger 
Kunstentfaltung und was wir nur noch aus der Mosaiken-Kunstentfal- 
tung sehen. In dieser Kunstentfaltung Italiens, Ende des 5., Anfang des 
6. Jahrhunderts, hat nun diese Individuality, auf die man zunachst 
gestofien wird, gelebt. So stellt es sich zunachst dar. 

Aber nun verfinstert sich wiederum dieses ganze Bild, und man 
wird zuruckgeworfen auf Conrad Ferdinand Meyer. Und die Finster- 
nis, die man fur die Anschauung empfangen hat an dem Menschen des 
6. Jahrhunderts, die iiberstrahlt einem nun das Bild des Conrad Fer- 
dinand Meyer im 19. Jahrhundert. Und man ist genotigt, wiederum auf 
dasjenige hinzuschauen, was nun Conrad Ferdinand Meyer im 19. Jahr- 
hundert tut. 

Man wird hingelenkt darauf, dafi er in seiner Erzahlung «Der Hei- 
lige» den Kanzler Heinrichs II. von England behandelt hat, Thomas 
Becket. Man hat das Gefuhl, dafi das auSerordentlich wichtig ist. Man 
hat auch das Gefuhl, dafi man durch die Empfindung von dieser fru- 
heren Inkarnation hingestofien ist gerade zu dieser Tat des Conrad Fer- 
dinand Meyer. Jetzt aber wird man wiederum zuriickgestofien ins 6. 
Jahrhundert, und da gibt diese Tatsache keine Aufklarung. Und so 
wird man oftmals hin- und hergestofien zwischen diesen zwei Inkar- 
nationen, der fragwiirdigen Inkarnation zunachst im 6. Jahrhundert 
und der Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation, bis man darauf kommt, 
dafi in Conrad Ferdinand Meyer einfach aus der Geschichte her aus die 
Erzahlung von Thomas Becket dadurch entstanden ist, dafi die ganze 



Geschichte etwas Ahnlichkeit hat mit dem, was er selbst im 6. Jahrhun- 
dert erlebt hat, wo er als Mitglied einer katholischen Mission, die von 
dem Papst Gregor von Italien nach England geschickt worden war, 
audi von Italien nach England gegangen ist. Da ist die zweite Wesen- 
heit der Doppelnatur Conrad Ferdinand Meyers in der vorigen Inkar- 
nation drinnenliegend. Auf der einen Seite war er in der vorigen Inkar- 
nation im 6. Jahrhundert begeisterter Verehrer alles dessen, was in 
solcher Kunst lag, was dann ins Mosaikwesen ubergegangen ist - daher 
sein ganz umfassendes Formentalent. Auf der anderen Seite aber war 
er eben ein begeisterter Vertreter des Katholizismus, der aus diesem 
Grunde bei dieser Mission mitgegangen ist. Die Mitglieder dieser Mis- 
sion haben Canterbury begriindet, den Ort, wo dann das Bistum Can- 
terbury entstanden ist. 

Die Individuality, die dann als Conrad Ferdinand Meyer im 19. 
Jahrhundert gelebt hat, die wurde damals von einem angelsachsischen 
Hauptling ermordet, unter Umstanden, die aufierordentlich interessant 
sind. Es lag etwas Juristisch-Verleumderisches und Spitzfindiges, aller- 
dings in grober Art, in dem, was dazumal bei der Ermordung dieser 
Individuality sich abgespielt hat. 

Nun, Sie wissen ja, meine lieben Freunde, wenn irgend etwas auch 
im gewohnlichen Erdenleben in unseren Gesichtskreis getreten ist, was, 
ich mochte sagen, den Ton von etwas besonders hervorruft - ich habe 
einmal einen Namen gehort, ich habe ihn vielleicht nicht so stark be- 
achtet -, so kann spater im Zusammenhang mit diesem Namen eine 
ganze Summe von Ideenassoziationen auftreten. Aber durch die be- 
sonderen Umstande, wie dieses Mitglied einer katholischen Mission in 
England verbunden war mit dem, was spater Erzbistum von Canter- 
bury war, weil die Stadt Canterbury von dieser Mission begriindet 
worden ist, lebte das alles fort, lebte eigentlich im Klange des Namens 
Canterbury weiter. Und so lebte wieder auf der innere Klang dieses Na- 
mens Canterbury in der Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation. 

Dadurch wurde Conrad Ferdinand Meyer in der Ideenassoziation 
zu Thomas Becket gefuhrt, dem Lordkanzler von Canterbury, der der 
Kanzler Heinrichs II. aus dem Hause Plantagenet war und der in einer 
spitzfindigen Weise ermordet wurde. Nachdem er zunachst Gunstling 



war, wurde er nachher, weil er auf gewisse Propositionen von Hein- 
richll. nicht einging, von Heinrichll. ermordet. Diese ahnlich-unahn- 
lichen Schicksale fiihrten dazu, dafi dasjenige, was Conrad Ferdinand 
Meyer in einer fruheren Inkarnation im 6. Jahrhundert am eigenen 
Leibe, fern von seinem damaligen Vaterlande, erlebt hatte, von ihm 
aus der Geschichte heraus wiedergegeben worden ist an ganz anderen 
Gestalten. 

Aber denken Sie, wie interessant das ist! Hat man es einmal, dann 
wird man nicht mehr hin- und hergeworfen. Dann aber schaut man, 
wie gerade deshalb, weil in Conrad Ferdinand Meyer auch im 19. Jahr- 
hundert eine Art Doppelnatur lebt, leicht sich loslost sein Geistig-See- 
lisches von dem Physisch-Leiblichen. Weil in ihm erne Art Doppel- 
natur lebt, stellt sich an die Stelle dessen, was im Realen erlebt war, ein 
anderes, das dem nur ahnlich ist, so wie sich oftmals in der Phantasie 
des Menschen die Bilder verandern. In der gewohnlichen Phantasie 
eines Menschen im Laufe eines Erdenlebens verandern sich die Bilder 
in der Phantasie so, dafi die Phantasie frei schafft. Im Laufe durch die 
Erdenleben hindurch verandert sich die Sache so, dafi ein anderes 
historisches Ereignis, das mit dem betreffenden nur seiner Bildnatur 
nach zu tun hat, sich an die Stelle des wahren Ereignisses setzt. 

Nun wird diese Individuality, die das erfahren hat und bei der 
stehengeblieben ist, fortwirkend durch zwei Leben zwischen Tod und 
neuer Geburt hindurch, was dann zum Vorschein gekommen ist in der 
Erzahlung «Der Heilige», nun wird diese Individuality spater, und 
zwar in der Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges, wiedergeboren, jetzt als 
Frau. Wir brauchen uns nur zu erinnern, welche chaotischen Zustande 
zur Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges in Mitteleuropa iiberall vorhan- 
den waren, um auf unsere Seelen wirken zu lassen, wie es im Gemiite 
einer fein empfindenden Frau zugehen konnte, die im Miterleben der 
chaotischen Zustande wahrend des Dreifiigjahrigen Krieges einen phili- 
strosen, pedantischen, spiefibiirgerlichen Mann heiratet, der es im spa- 
teren Deutschland nicht aushalten konnte, auswanderte und in der 
Schweiz, in Graubiinden, eine Heimat fand. Er iiberlieS da seiner 
Frau eigentlich die Besorgung des Heimes. Er selber beschaftigte sich 
mehr mit einer ziemlich brutalen Bummelei. Aber die Frau hatte Gele- 



genheit, viel, viel zu beobachten; sowohl weiter historisch Ausgrei- 
fendes, wie die merkwiirdigen Graubundner Vernal tnisse, wirkten auf 
die Seele ein. Und das, was da an tatsachlichen Erfahrungen in dieser 
Frauenseele sich abspielte, gefarbt, nuanciert von den Erlebnissen mit 
dem philistrosen, spiefibiirgerlichen Mann, das zieht nun wiederum in 
die Untergriinde der Individuaiitat und lebt fort durch ein Leben zwi- 
schen Tod und neuer Geburt. Wir haben es mit einer auf die im 6. Jahr- 
hundert folgenden Inkarnation desjenigen, der spater Conrad Ferdi- 
nand Meyer wurde, in der Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges als Frau zu 
tun. Diese Individuaiitat lebte in Conrad Ferdinand Meyer wieder auf. 
Und was damals von der Frau erlebt worden ist, das wird in phanta- 
sievoller Weise umgestaltet in der Erzahlung «Jurg Jenatsch» von 
Conrad Ferdinand Meyer. 

So haben wir in dem Seelischen gerade dieser Personlichkeit Con- 
rad Ferdinand Meyers ein Fortwirkendes, das wir aus Einzelheiten der 
vorigen Inkarnationen bei ihm zusammensetzen. Aber was als eine so 
in sich geschlossene Individuaiitat erscheint wie der literarischen Be- 
trachtung Conrad Ferdinand Meyer - denn da erscheint er ja gerade 
in festen Formen, als ein Kiinstler, den man sehr scharf charakterisie- 
ren kann, weil er eben feste Formen hat -, gerade das verwirrt einen, 
weil man von diesen festen Formen sofort hingelenkt wird auf die 
labile, doppelwesenhafte Menschlichkeit. 

Wer blofi auf den Dichter Conrad Ferdinand Meyer schaut, auf 
die beriihmte Personlichkeit, die Werke geschaff en hat, der kommt ganz 
sicher nicht dazu, irgend etwas iiber die friiheren Inkarnationen dieser 
Personlichkeit zu wissen. Da mufi man von seinem Dichterischen auf 
das Menschliche hindurchschauen; dann erscheint eben auf dem Hin- 
tergrunde des Bildes dasjenige, was die Gestaltungen der vorigen In- 
karnationen darstellt. 

Nun, sehen Sie, so paradox es dem heutigen Menschen noch er- 
scheint, es wird vertieft werden konnen das Menschenleben nur, wenn 
man es in dieser Weise vertieft, dafi man das Geschichtliche, dieses 
aufierlich Geschichtliche, was man eben oftmals heute Geschichte 
nennt, hinlenkt zu der Betrachtung des Menschen in der Geschichte. 
Der lafit sich aber nicht als blofi einem Zeitalter angehdrig betrachten, 



als blofi in einem Erdenleben lebend, sondern der lafit sich nur so be- 
trachten, dafi man schaut, wie die Individuality von Erdenleben zu 
Erdenleben geht, und wie dann wirkt in der Zwischenzeit das Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt, gerade dasjenige umgestaltend, was 
mehr im Unterbewufken des Erdenlebens sich abspielt, was aber durch- 
aus gerade mit der wirklichen Schicksalsbildung des Menschen zusam- 
menhangt. Denn diese Schicksalsbildung des Menschen verlauft ja nicht 
in dem, was im Intellektuellen klar ist, sondern verlauft in dem, was im 
Unterbewufiten webt und west. 

Ich mochte noch auf ein Beispiel eines solchen Heruberwirkens in 
der Geschichte durch Menschenindividualiaten hinweisen. Wir haben 
in dem ersten Jahrhundert, oder etwa hundert Jahre nach der Ent- 
stehung des Christentums, einen aufterordentlich bedeutenden romi- 
schen Schriftsteller in Tacitus. 

Tacitus hat, aufier in anderen Werken, insbesondere auch in seiner 
«Germania» gezeigt, wie er einen aulSerordentlich prazisen, kurzen 
Stil zu schreiben verstand, wie er die historischen Tatsachen, die geo- 
graphischen Schilderungen in wunderbar gerundete Satze bringt, die 
epigrammatisch wirken, richtig epigrammatisch wirken. Wir konnen 
da auch daran erinnert werden, daft er, der grofte Weltmann, der eigent- 
lich alles weifi, was man dazumal fiir wissenswert gehalten hat, der ein 
Jahrhundert nach der Begriindung des Christentums lebte, Christus 
uberhaupt nur ganz voriibergehend erwahnt als jemanden, den die 
Juden gekreuzigt haben, was aber keine besondere Bedeutung eigent- 
lich hat. Und doch ist Tacitus tatsachlich einer der grofiten Romer. 

Nun ist mit Tacitus befreundet gewesen diejenige Personlichkeit, 
die in der Geschichte als der jiingere Plinius bekannt ist, der viele Brief e 
geschrieben hat und der ein grower Bewunderer des tacitischen Stiles 
war, so dafi eigentlich dieser jiingere Plinius, der selber Schrifsteller 
war, ganz aufging in der Bewunderung des Tacitus. 

Nun, betrachten wir zunachst diesen jiingeren Plinius. Dieser jiin- 
gere Plinius, er geht natiirlich durch die Pforte des Todes, geht durch 
das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, und er wird wiedergeboren 
im 1 1 . nachchristlichen Jahrhundert als eine Prinzessin von Tuscien in 
Italien, die sich vermahlt mit einem mitteleuropaischen Fiirsten, der sei- 



ner Lander von Heinrich dem Schwarzen aus dem frankisch-salischen 
Kaisergeschlecht beraubt worden ist und der in Italien wieder festen Bo- 
den fassen will. Diese Beatrix besitzt das Schloft Canossa, bei dem dann 
Heinrich IV., der Nachfolger Heinrichs III., des Schwarzen, seine be- 
riihmte Canossa-Bufte gegeniiber dem Papst Gregor zu vollziehen hatte. 

Nun, diese Markgrafin Beatrix, die ist eine aufterordentlich reg- 
same Personlichkeit, interessiert fiir all die Verhaltnisse, die sich da 
abspielen. Und sie mufi sich ja fiir alles interessieren, denn ihr Mann, 
Gottfried, der zuerst, als er noch nicht mit ihr verheiratet war, von 
Heinrich dem Schwarzen aus dem elsassischen Gebiete vertrieben 
wurde, nach Italien hin, wo er dann sich mit dieser Beatrix vermahlt 
hatte, der wird weiterverfolgt von Heinrich III., dem Schwarzen. 
Heinrich ist namlich ein ganz energischer Herr, der einfach seine Fiir- 
sten und die Hauptlinge seiner Nachbarschaft einen nach dem anderen 
absetzt, der in ausgiebigem Mafie macht, was er will, der sich auch 
nicht damit zufrieden gibt, einen einmal vertrieben zu haben, der es 
auch ein zweites Mai tut, wenn der andere sich wieder irgendwo fest- 
setzt. Also das ist, wie gesagt, ein ganz energischer Herr, ein Herr in 
gro/Sem Format des Mittelalters. Und er hat ja auch, als der Gottfried 
sich in Tuscien festgesetzt hat, erstens ihn vertrieben, dann aber auch 
die Markgrafin mit nach Deutschland genommen. 

Dadurch gliederte sich in ihrem Kopfe eine feinsinnige Betrachtung 
der italienischen Verhaltnisse zusammen mit den deutschen Verhalt- 
nissen. So dafi wir schon in dieser Personlichkeit eine stark represen- 
tative Personlichkeit der damaligen Zeit haben, eine scharf beobach- 
tende, aufierordentlich regsame, energische Frau, die aber zugleich 
etwas durchaus Weitherziges, weit Ausschauendes hatte. 

Als nun Heinrich IV. gerade seinen Bufigang nach Canossa unter- 
nehmen mufke, da war die Tochter der Beatrix, Mathilde, die Be- 
sitzerin von Canossa, und sie, die sehr gut mit ihrer Mutter stand, sie 
hatte eigentlich alle die Eigenschaften der Mutter auch auf sich ver- 
einigt, war eigentlich eine noch vorzuglichere Frau. Es sind zwei ganz 
aufierordentlich sympathische Frauen, die gerade durch alles das, was 
sich da abgespielt hat unter Heinrich III. und Heinrich IV., tief histo- 
risch interessiert worden sind. 



Vertieft man sich in das, so bekommt man das Merkwiirdige: Die 
Markgrafin Beatrix ist der wiederverkorperte Plinius der Jungere, und 
die Tochter Mathilde ist der wiederverkorperte Tacitus. Man findet 
also Tacitus, der Geschichte geschrieben hat in alten Zeiten, man fin- 
det ihn - es ist der Frau ja, wenn sie grofi ist, gerade das Betrachten so 
eigen - als einen Geschichtsbetrachter im GrolSen, als den Teilnehmer, 
als den unmittelbaren Teilnehmer an der Geschichte; denn Mathilde 
ist eben die Besitzerin von Canossa, und da spielt sich die ganze Szene 
ab, etwas, wodurch sich ungeheur viel im Mittelalter entscheidet. Wir 
finden ihn als Geschichtsbetrachter. 

Diese zwei Persdnlichkeiten wachsen recht innig ineinander, Mutter 
und Tochter, und ihre alte Schriftstellerei befahigt sie in ihrem Unbe- 
wufiten, die historischen Ereignisse in aller Intensitat aufzufassen und 
dadurch instinktiv sehr verbunden zu werden mit dem Weltengang 
sowohl in der Natur wie auch im geschichtlichen Leben. 

Nun spielt sich in spaterer Zeit das Folgende ab. Wir sehen, wie der 
jungere Plinius, der im Mittelalter die Markgrafin Beatrix ist, im 19. 
Jahrhundert wiedergeboren wird in romantischem Milieu, in roman- 
tischer Umgebung, alles Romantische mit grofier, man kann nicht sa- 
gen Begeisterung, aber mit grofiem asthetischem Genufi aufnimmt, sich 
hineinfindet zunachst in alles Romantische, indem er auf der einen 
Seite eben diese Romantik, auf der anderen Seite durch die Verwandt- 
schaft einen etwas gelehrten Stil hat. Er lebt sich in einen gelehrten Stil 
hinein - einen gelehrten Schreibstil meine ich, nicht einen Lebensstil 
aber der paftt nicht zu seiner Natur. Er will immer heraus, will immer 
diesen Stil wegwerfen. 

Diese Personlichkeit, die also der wiederverkorperte jungere Pli- 
nius und die wiederverkorperte Markgrafin Beatrix, Beatrice ist, diese 
Personlichkeit ist einmal, wie das Schicksal es eben fiigt, bei jemandem 
zu Besuch, blattert in einem auf dem Tische liegenden englisch geschrie- 
benen Buche und wird ungeheuer gefesselt von dem Stil, bekommt in 
diesem Augenblicke den Eindruck: Der andere Stil, den ich von meinen 
physischen Verwandten erworben habe, der pafit mir nicht. Dieses ist 
mein Stil, der Stil, den ich brauche, dies mufi ich bewundern, mufi ich 
mir aneignen! 



Er wird Schriftsteller, wird Imitator dieses Stiles, naturlich kiinst- 
lerischer Imitator, merit pedantischer Imitator, im allerbesten Sinne, 
im asthetisch-kunstlerischen Sinne der Imitator dieses Stiles. 

Und sehen Sie, das Buch, das da aufgeschlagen lag, das dann die 
Personlichkeit dazu brachte, so schnell wie moglich alles zu lesen, was 
von diesem Schriftsteller zu haben war, dieses Buch war Emersons 
«Representative Men». Und der Betreffende eignete sich den Stii dar- 
aus an, iibersetzte auch zwei Stiicke daraus sofort, wurde ein ungeheu- 
rer Verehrer von Emerson und liefi nicht nach, bis er dieser Person- 
lichkeit auch im Leben begegnen konnte. 

Und wir haben es zu tun bei der einen Personlichkeit, die durch 
die Bewunderung zu der anderen Personlichkeit wiederum erst sich 
selber fand, ihren eigenen Stil fand, wir haben es bei der Wiederver- 
korperung des jungeren Plinius und der Markgrafin Beatrix zu tun 
mit Herman Grimm, und bei Emerson haben wir es zu tun mit dem 
wiederverkorperten Tacitus, der wiederverkorperten Markgrafin Ma- 
thilde. 

Und wiederum: In seiner Bewunderung fur den Schriftsteller Emer- 
son und in der ganzen Art, wie Herman Grimm Emerson begegnet, 
finden wir die Beziehung des jungeren Plinius gegeniiber dem Tacitus 
wieder. Wir konnen aus jedem Satze, mochte ich sagen, den dann 
Herman Grimm schreibt, wieder auferstehen sehen dieses alte Verhalt- 
nis zwischen dem jungeren Plinius und Tacitus. Und wir sehen die Be- 
wunderung, die der jiingere Plinius dem Tacitus entgegenbringt, man 
kann sagen, in volliger Ubereinstimmung wieder auftauchen in der Be- 
wunderung, die Herman Grimm dem Emerson entgegenbringt. 

Und nun wird man erst begreifen, worinnen der grofie Stil Emer- 
sons beruht, wie Emerson in einer besonderen Weise wieder darlebt das- 
jenige, was Tacitus in seiner Art darlebte. Wie arbeitet Emerson? Die- 
jenigen Menschen, die Emerson besuchten, fanden es ja heraus, wie 
er arbeitet. Da war er in einem Zimmer, da waren viele Stiihle, da 
waren mehrere Tische. Uberall lagen aufgeschlagene Biicher, zwischen 
diesen ging Emerson spazieren. Er las manchmal einen Satz, nahm 
ihn auf: daraus bildete er dann seine, mochte man sagen, so grofien, 
ausgreifenden, epigrammatischen Satze, daraus bildete er dann seine 



Biicher. Und man hat genau das im Bild, was Tacitus im Leben hatte: 
Was Tacitus im Leben hatte, wie er iiberall hinkam, das betrachtete 
Emerson wiederum in Biichern. Es lebt alles wiederum auf . 

Und wir haben diesen unbesieglichen Drang in Herman Grimm, 
an Emerson heranzukommen. Er wird durch das Schicksal hingefuhrt 
auf «Representative Men». Er sieht darinnen sogleich: So mufit du 
schreiben, das ist dein StiL - Er hatte, wie gesagt, einen Gelehrtenstil 
von seinem Onkel Jakob Grimm, von seinem Vater Wilhelm Grimm. 
Den verlafit er. Er wird durch das Schicksal in einen ganz anderen 
Stil hineingeschlagen. 

Und wir sehen endlich die historischen Interessen des Herman 
Grimm, der eine gewisse innere seelische Beziehung zu Deutschland 
mit einem tiefen Interesse zu Italien verknupft, auftauchen in dem In- 
halt der Werke von Herman Grimm. 

Das sind die Sachen, die einem zeigen, wie solche Dinge sich ab- 
spielen. Und was fuhrt zu solchen Dingen? Ja, sehen Sie, es handelte 
sich darum, einen Eindruck zu bekommen, um den sich die Sache her- 
umkristallisiert. Da wurde zunachst die Vorstellung dieses Herman 
Grimm gebildet, der den Emerson aufschlagt, « Representative Men» 
aufschlagt. Nun, Herman Grimm las auf eine merkwtirdige Weise. 
Herman Grimm las und trat sogleich von dem Gelesenen zuriick. Das 
hat er sicher dazumal auch gemacht, denn diese Geste ergibt sich, wie 
wenn er das Gelesene satzweise verschlucken wurde. Diese innere Geste 
des satzweisen Verschluckens, das ist dasjenige, was von Herman 
Grimm zu seinen friiheren Inkarnationen fiihren konnte. Und das 
Herumspazieren vor den aufgeschlagenen Biichern und die etwas steife 
romische Haltung, in der er Herman Grimm zuerst begegnet, als sie 
sich in Italien treffen, das ist, was nun wiederum von Emerson zuriick- 
fiihrt bis zu Tacitus. Man rau!5 plastische Anschauung haben, um diese 
Dinge zu verfolgen. 

Und sehen Sie, meine lieben Freunde, das sollte Ihnen wiederum an 
einem Beispiele skizzieren, wie geschichtliche Betrachtungen vertieft 
werden miissen. Und solche Vertiefung mul5 schon auftauchen unter 
uns. Denn diese Dinge miissen ein Ergebnis jenes Zuges sein, der durch 
die Weihnachtstagung in unsere Anthroposophischen Gesellschaft hin- 



einkommen mufi. Wir miissen in der Zukunft mutig und kiihn nach der 
Betrachtung der grofien geistigen Verhaltnisse hingehen, miissen uns 
hinstellen da, wo die geistigen Zusammenhange wirklich betrachtet 
werden. Dazu brauchen wir vor alien Dingen Ernst, Ernst in unserem 
Zusammenleben mit der anthroposophischen Sache. 

Und dieser Ernst wird in die Anthroposophische Gesellschaft ein- 
ziehen, wenn von denen, die in ihr etwas tun wollen, immer mehr und 
mehr beriicksichtigt werden wird, was ja jetzt jede Woche hinausgeht 
in die Kreise aller unserer Anthroposophen, was die dem «Goethea- 
num» beigelegten «Mitteilungen» enthalten. Die schildern ja, wie man 
sich im Sinne der Weihnachtstagung vorstellen mochte, dafi in den 
Zweigen, in den Mitgliederversammlungen gearbeitet, gelehrt, getan 
werde, und die bringen auch dasjenige zur Darstellung, was geschieht. 
Sie heifien ja: «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht.» 
Und diese Mitteilungen wollen ein gemeinsames Denken uber die ganze 
Anthroposophische Gesellschaft ausgieflen, eine gemeinsame Atmo- 
sphare iiber die Tausende von Anthroposophen hinwehen. Wenn man 
in einer solchen gemeinsamen Atmosphare leben wird, wenn man ver- 
stehen wird, was das heifit, dafi die «Leitsatze» Gedankenanreger sein 
sollen, und wenn man versteht, daft dadurch in der Tat real, konkret 
das Goetheanum in den Mittelpunkt gestellt werden soil durch die In- 
itiative des esoterischen Vorstandes - das ist ja von mir immer wieder 
zu betonen, dafi wir es jetzt mit einem Vorstand zu tun haben, der sein 
Wirken als ein Inaugurieren von Esoterischem auffafk — , wenn wir 
das richtig verstehen werden, dann wird schon das, was nun durch die 
anthroposophische Bewegung fliefien soli, in der richtigen Weise durch 
sie weitergetragen werden. Denn anthroposophische Bewegung und 
Anthroposophische Gesellschaft miissen eins werden. Die Anthropo- 
sophische Gesellschaft raufi ganz und gar die anthroposophische Sache 
zu der ihrigen machen. 

Und man kann schon sagen: Wenn nun dieses Gemeinsame da sein 
soli, was als gemeinsames Denken wirkt, dann kann das imstande sein, 
auch wirklich geistig umfassende und umspannende Erkenntnisse zu 
tragen. Dann aber wird in der Anthroposophischen Gesellschaft eine 
Kraft leben, die eigentlich in ihr leben sollte, weil die neuere Zivili- 



sationsentwickelung, wenn sie nicht vollstandig dem Niedergang ver- 
fallen will, einen machtigen Aufschwung braucht. 

Erscheine es immerhin paradox, was gesagt werden mufi iiber auf- 
einanderfolgende Erdenleben von dem oder jenem, wer genauer zu- 
sieht, wer hinsieht bis auf die Schritte, die die Menschen machen, von 
denen in bezug auf solche wiederholte Erdenleben gesprochen wird, 
der wird schon sehen, wie real begriindet es ist, was in dieser Bezie- 
hung vorgebracht wird, und wie man in die Wirklichkeit des Lebens 
und Webens von Gottern und Menschen hineinschauen kann, wenn 
man versucht, in dieser Weise die Geisteskrafte mit einem geistigen 
Blicke zu umspannen. 

Das, meine lieben Freunde, mochte ich auf Ihre Seele legen, mochte 
ich in Ihr Herz versenken und mochte, dafi Sie es als eine Empfindung 
mitnehmen auch von dieser Ostertagung hier. Dann wird diese Oster- 
tagung etwas wie eine Auffrischung der Weihnachtstagung werden. 
Wenn diese Weihnachtstagung in der richtigen Weise wirken soil, so 
muft sie immer wiederum, als ob sie gegenwartig ware, auf gefrischt wer- 
den durch alles das, was sich aus ihr herausentwickelt. 

Moge sich vieles aus dieser Weihnachtstagung in immer weiterer 
Erneuerung herausentwickeln. Und moge es sich vor allem herausent- 
wickeln durch richtige, herzhafte, im Leben mit der Vertretung der 
anthroposophischen Sache stehende mutige Seelen, mutige Anthropo- 
sophenseelen. Wenn immer mehr und mehr durch unsere Veranstal- 
tungen der Mut in den Seelen, in den Herzen unserer anthroposophi- 
schen Freunde wachst, dann wird endlich auch das heranwachsen, was 
man in der Anthroposophischen Gesellschaft - als dem Leib - braucht 
fur die anthroposophische Seele: ein mutiges Hineintragen desjenigen 
in die Welt, was aus den Offenbarungen des Geistes im angebrochenen 
lichten Zeitalter, das auf den Ablauf des Kali Yuga folgt, fur die wei- 
tere Entwickelung der Menschen notwendig ist. Fuhlt man sich in die- 
sem Bewulksein, so wird man aus ihm heraus auch mutig wirken. Und 
moge jede unserer Veranstaltungen eine Energisierung eines solchen 
Mutes sein. Moge sie es sein dadurch, dafi wir wirklich im Ernste auf- 
zufassen vermogen, was paradox, toricht denjenigen erscheint, die 
heute vielfach noch den Ton angeben. Aber was in einer Zeit den Ton 



angegeben hat, das wurde vielfach bald ersetzt durch das, was unter- 
driickt war. Moge aus einer Anerkenntnis der Geschichte, verbunden 
mit dem Fortwirken der menschlichen Leben, eben der Mut des an- 
throposophischen Wirkens sich ergeben, der notwendig ist fur den wei- 
teren Fortschritt der Menschheitszivilisation. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 26. April 1924 

Betrachtungen, welche in das menschliche Karma eingreifen - natur- 
lich betrachtend eben eingreifen -, miissen mit ernster Stimmung auf- 
genommen und seelisch verarbeitet werden. Denn im Grunde genom- 
men ist es doch so, dafi nicht etwa blofi das Wissen um irgendwelche 
karmische Zusammenhange von Bedeutung ist, sondern dasjenige, was 
fur die Belebung des menschlichen Wesens, fiir das ganze Sich-Hinein- 
stellen in das Leben aus solchen Betrachtungen hervorgeht. Solche 
Betrachtungen konnen nur dann fruchtbar sein, wenn sie nicht zur 
grofieren Gleichgiiltigkeit gegeniiber dem Menschen werden, als das 
sonst der Fall ist, sondern im Gegenteil, wenn sie das, was Menschen- 
liebe und Menschenverstandnis ist, in einem hoheren Grade anfachen, 
als es der Fall ist, wenn man, auf den Menschen hinsehend, bloft sich 
iiberlafit den Eindriicken des einen Erdenlebens. 

Wer den Blick auf die aufeinanderfolgenden Epochen der Mensch- 
heitsentwickelung richtet, der wird ja einen hinreichenden Eindruck 
davon bekommen, dafi sich in der Denkweise, in der Empfindungs- 
weise, in alien Lebensanschauungen und Lebensauffassungen im Laufe 
der Menschheitsgeschichte viel geandert hat. Gewifi, das Vergangene 
macht auf den Menschen nicht jenen tiefgehenden Eindruck wie das, 
was da kommen soil, was im Grunde genommen erst begriindet werden 
soil. Aber wer mit der notigen Tiefe erfafit, wie sich die Menschen- 
seelen im Laufe der Entwickelung der Erde verandert haben, der wird 
auch nicht davor zuriickschrecken, jene Anderung in sein Gemiit als 
etwas Notwendiges aufzunehmen, die dahin geht, dafi nun wirklich 
nicht blofi das eine Erdenleben fiir die Betrachtung des einen oder des 
anderen Menschen genommen werde, sondern die Auf einanderfolge der 
Erdenleben, soweit sie durchschaubar sind. 

Und ich denke, an solchen Beispielen, wie diejenigen sind, die wir 
das letzte Mai ins Auge gefafit haben, Conrad Ferdinand Meyer, Pesta- 
lozzi und so fort, kann sich zeigen, wie das rein menschliche Verstand- 
nis einer Personlichkeit und die Liebe zu dieser Personlichkeit wach- 



sen konnen, wenn man das letzte Erdenleben auf dem Hintergrunde 
dessen betrachtet, aus dem sich dieses letzte Erdenleben eben ergeben 
hat. 

Nun mochte ich noch einmal, urn auf die eigentliche Fruchtbarkeit 
dieser Dinge zu kommen, zuriickgehen zu der Frage, die ich fur viele 
derjenigen, die hier sitzen, schon benihrt habe. Es ist die Frage, die 
daraus entsteht, dafi ja gerade bei geisteswissenschaftlichen Betrach- 
tungen oftmals davon gesprochen werden mulS, wie in alten Zeiten 
hellsichtige, eingeweihte Personlichkeiten da waren, Personlichkeiten, 
die die Geheimnisse der geistigen Welt mitteilen konnten, Initiierte 
also. Es ist naheliegend, dafi daraus die Frage entsteht: Wo leben in 
unserem Zeitalter diese Eingeweihten? Wie steht es mit ihrer Wieder- 
verkorperung? 

Um diese Frage zu beantworten, ist es durchaus notwendig, darauf 
hinzuweisen, wie verschieden ein folgendes Erdenleben von einem vor- 
angehenden in bezug auf Wissen, in bezug auf Erkenntnis sein kann, 
auch in bezug auf andere aus der Seele des Menschen hervorgehende 
Betatigungen; wie verschieden also aufeinanderfolgende Erdenleben in 
dieser Beziehung sein konnen. Denn wenn sich in der Zeit, die der 
Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchlebt, derje- 
nige Zeitpunkt naht, in dem der Mensch auf die Erde heruntersteigen 
soil, sich vereinigen soli mit der physisch-atherischen Organisation, da 
geht ja eigentlich recht viel im Menschen vor. Da ist zwar die Richtung 
nach Familie, Volk und so weiter lange bestimmt; aber der Entschlufi, 
diese ungeheure Anderung des Daseins zu vollziehen, die da besteht 
in dem Ubergange aus der geistig-seelischen Welt in die physische Welt, 
dieser Entschlufi, er macht Ungeheures notwendig. Denn Sie mussen 
nur bedenken, meine lieben Freunde: Es ist ja nicht so, wie es hier auf 
Erden ist, wo der Mensch eigentlich, wenn er sein normales Leben ab- 
solviert, nach und nach schwach wird, wenig mehr, nach den Erfah- 
rungen, die auf Erden gemacht werden, selbst zu dem EntschlufS bei- 
tragt, beim Durchgang durch die Todespforte eine andere Lebensform 
anzunehmen. Das kommt sozusagen iiber den Menschen, das bricht her- 
ein iiber ihn. 

Hier auf dieser Erde ist der Tod etwas Hereinbrechendes. Das ist 



ganz anders beim Heruntersteigen aus der geistigen Welt. Da handelt 
es sich urn ein hell-vollbewulkes Tun, urn ein durchaus aus alien mog- 
lichen Untergriinden der Seele hervorgehendes Uberlegen. Da handelt 
es sich darum, darauf hinzuschauen, welche ungeheure Veranderung 
mit dem Menschen eintritt, wenn er die geistig-seelischen Lebensfor- 
men des vorirdischen Daseins mit dem irdischen Dasein vertauschen 
soil. Und da sieht ja der Mensch bei diesem Heruntersteigen, wie er 
einfach den Kultur- und Zivilisationsverhaltnissen sich anbequemen 
mufi, aber auch den Leibesverhaltnissen, die ihm geboten werden kon- 
nen in einem bestimmten Zeitalter. Unser Zeitalter gibt, abgesehen 
von den Kultur- und Zivilisationsverhaltnissen, nicht leicht Korper 
her, in denen auf die alte Art, wie Initiierte gelebt haben, das Leben 
wieder absolviert werden kann. Und wenn die Zeit heranriickt, wo 
die Menschenseele, auch die eines alten Initiierten, einen Menschenleib 
beniitzen mufi, da handelt es sich dann darum, diesen Menschenleib zu 
nehmen, wie er ist, und hineinzuwachsen in diejenige Erziehungsform, 
in dasjenige umgebende Leben, das eben da sein kann. Dann geht aber 
fur das Seelische nicht etwa verloren, was einmal da war in diesem 
Seelischen. Es driickt sich nur auf eine andere Weise aus. Die Grund- 
konfiguration des Seelischen bleibt, aber es kommt auf eine andere 
Weise heraus. 

Sehen Sie, es war noch im 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert so, 
dafi die Seele des Menschen durch das Wissen um die Initiationswahr- 
heiten sich sehr vertiefen konnte, weil die Leiber im 3., 4. nachchrist- 
lichen Jahrhundert, namentlich in siidlicheren europaischen und in 
vorderasiatischen Gegenden, der Seele folgten, weil die Leiber inner- 
lich so ihre organischen Funktionen vollzogen, dafi sie der Seele folgen 
konnten. Heute mufi derjenige, der mit sehr verinnerlichter, sehr weiser 
Seele vielleicht noch als ein Eingeweihter in den ersten christlichen 
Jahrhunderten gelebt hat, in menschliche Leiber untertauchten, die vor 
alien Dingen durch die seitherige Entwickelung auf die AufSenwelt 
gerichtet sind, in der Aufienwelt leben. Korperlich wird es bewirkt, 
daiS nicht jene grofie Sammlung, jene grolSe innere Konzentration der 
Seelenkrafte moglich ist, die noch im 3., 4. Jahrhundert nach der Ent- 
stehung des Christentums moglich war. Und so konnte sich folgendes 



in der Entwickelung der Erde vollziehen. Ich erzahle eben Dinge, die 
sich dem Schauen ergeben. 

Denken Sie sich, meine lieben Freunde, ein vorderasiatisches Myste- 
rium, eine Mysterienstatte mit all den Eigenschaften, die eine vorder- 
asiatische Mysterienstatte eben in den ersten Jahrhunderten nach der 
Begriindung des Christentums hatte. Oberall waren da noch Tradi- 
tionen vorhanden in jenen alten Zeiten, wo die Teilnehmer tief in diese 
Mysterien eingeweiht wurden. Oberall war aber auch noch mehr oder 
weniger Bewufitsein von den Regeln vorhanden, die man anwenden 
mufite auf die Seele, um gewisse Erkenntnisse zu gewinnen, die nament- 
lich tief in den Grund der Menschenseele hineinfuhrten und hinaus- 
fiihrten in das Weltenall. Und gerade in diesen vorderasiatischen My- 
sterien war es in den ersten Jahrhunderten nach der Entstehung des 
Christentums so, dafi eine grofie Frage diese Mysterien beschaftigte. 

Diese Mysterien hatten ja eine unendHche Weisheit durch ihre 
Opferstatten stromen sehen. Und Sie brauchen nur nachzulesen, was in 
meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» geschildert 
ist, soweit das dazumal charakterisiert werden konnte in einem of fen t- 
lichen Buche, so werden Sie sehen, dafi all diese Mysterienweisheiten 
doch schliefilich dahin tendierten, das Mysterium von Golgatha zu ver- 
stehen. Und da war denn die grofie Frage in diesen vorderasiatischen 
Mysterien: Wie wird sich die ungeheure Grofie des Inhaltes, des Wirk- 
lichkeitsinhaltes, der durch das Mysterium von Golgatha der Erde zu- 
gestromt ist, durch die Menschengemiiter weiterentwickeln? Wie wird 
man die alte, die uralte Weisheit, die hinaufging zu den Bewohnern 
der Sterne, die in sich schlofi die Erkenntnis gottlich-geistiger Wesen- 
heiten der verschiedensten Art, welche das Weltenall und das Men- 
schenleben lenken, wie wird sich diese uralte Weisheit vereinigen mit 
dem, was sich da konzentriert hat, zusammengezogen hat in dem My- 
sterium von Golgatha, und was als Impulse, die von einem hohen Son- 
nenwesen ausgehen, von dem Christus, nun in die Menschheit einstro- 
men soil? - Das war die brennende Frage dieser vorderasiatischen My- 
sterien. 

Da gab es einen Eingeweihten, auf dessen Mysterienweisheit und 
auf dessen Mysterienempfindungen diese Frage ganz besonders tiefen 



Eindruck machte. Ich darf sagen, daft es einen ungeheuer erschiittern- 
den Eindruck macht, wenn man im Suchen nach karmischen Zusam- 
menhangen an diesen einen, wirklich in ein solches vorderasiatisches 
Mysterium in den ersten christlichen Jahrhunderten Eingeweihten her- 
ankommt. Es hat etwas Erschiitterndes, weil er ganz erfullt war davon, 
mit allem, was er in seiner Initiations wissenschaft damals hatte, nun 
zu begreifen den ganzen Einschlag des Mysteriums von Golgatha: Was 
wird nun? Wie werden diese schwachen Menschenseelen das aufneh- 
men konnen? 

Und sehen Sie, dieser Eingeweihte, mit der brennenden Frage nach 
dem Schicksal des Christentums in seiner Seele behaftet, er erging sich 
eines Tages im weiteren Umkreise von seiner Mysterienstatte, und er er- 
lebte etwas mit, was einen ungeheuer erschutternden Eindruck auf ihn 
machte. Er erlebt mit, als Eingeweihter sozusagen sehend, wie Julian 
Apostata von einem Menschen meuchlings ermordet wurde, Mit Ein- 
geweihtenwissen machte er es mit. 

Er wufite, daft Julian Apostata bis zu einem gewissen Grade in die 
alten Mysterien eingeweiht war, daft er dasjenige, was man in alten 
Mysterien pflegte und was dort lebte, auf geistige Art der Menschheit 
forterhalten wollte, fortpflanzen wollte, daft er das Christentum ver- 
einigen wollte mit der alten Mysterienweisheit, daft er verkiindete im 
Sinne der alten Mysterienweisheit: Es gibt neben der physischen Sonne 
eine geistige Sonne, und wer die geistige Sonne kennt, kennt Christus. 
Aber das war etwas, was nun schon als etwas sehr Schlimmes betrach- 
tet wurde in der Zeit, als Julian Apostata lebte, und was dazu fuhrte, 
daft eben bei seinem Perserzug Julian Apostata meuchlings ermordet 
wurde. Das machte jener Eingeweihte mit: dieses bedeutungsvolle 
Symptom der Weltgeschichte. 

Diejenigen, die seit langeren Jahren verschiedenes von dem mit- 
machen, was sich auf karmische Zusammenhange in der Weltgeschichte 
bezieht, werden sich erinnern, daft ich in Stuttgart einmal vorgetra- 
gen habe - ich habe es auch bei der Weihnachtstagung hier erwahnt - 
iiber einige Kapitel okkulter Geschichte und daft ich da die ganze Tra- 
gik, das ganze tragische Eingreifen Julian Apostatas in die Mensch- 
heitsgeschichte erwahnt habe. 



Das erlebte nun dieser Eingeweihte, bei dem, ich mochte sagen, 
die ganze Einweihungswissenschaft, die er in sich aufgenommen hatte 
in einer vorderasiatischen Mysterienstatte, iiberstrahlt und ubertont 
war von der Frage: Was wird aus dem Christentum? - Und durch die- 
ses Symptom stand nun vor seiner Seele ganz hell und klar: Es wird eine 
Zeit kommen, da wird das Christentum zunachst mifiverstanden wer- 
den, da wird das Christentum nur in Traditionen leben, man wird 
nichts wissen von der Erhabenheit des Sonnengeistes Christus, der in 
dem Jesus von Nazareth gelebt hat. 

Das alles lud sich ab auf die Seele dieses Menschen. Und er bekam 
fur den Rest seines damaligen Lebens etwas wie eine Gemutslage, die 
traurig und elegisch wurde mit Hinsicht auf die Entwickelung des 
Christentums. Mit jener Bestiirzung, mit der so etwas auf einen Einge- 
weihten wirkt, wirkte dieses Symptom besturzend auf ihn. Es ist schon 
etwas ungeheuer Erschiitterndes, dies gewahr zu werden. Und dann 
geht man weiter. Es war ein Eindruck, den der betreffende Initiierte 
bekam, der durchaus nur zuliefi, daft er bald wiederum inkarniert 
wurde, auch zur Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges; wie ja denh viele 
aufierordentliche, viele interessante Inkarnationen, die in der histo- 
rischen Menschheitsentwickelung eine grofte Rolle spielen, in dieser Zeit 
liegen. 

Er wurde als Frau wiederum verkorpert, eigentlich noch vor der 
Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges, im Beginn des 1 7. Jahrhunderts, lebte 
dann nur hinein in die Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges, erlebte mit 
einiges von dem, was von seiten des Rosenkreuzertums das Zeitalter 
des Dreifiigjahrigen Krieges korrigieren wollte, ich mochte sagen, auf 
geistige, spirituelle Art vorbereiten wollte, was aber dann ubertont 
worden ist von alldem, was roh und brutal im Dreiftigjahrigen Kriege 
lebte. Sie brauchen ja nur zu bedenken, wie kurze Zeit vor dem Aus- 
bruch des Dreifiigjahrigen Krieges die «Chymische Hochzeit Christiani 
Rosenkreuz» entstanden ist. Neben diesem bestanden noch viel bedeut- 
samere Impulse, die dazumal, bevor der Dreifiigjahrige Krieg alles aus- 
geloscht und brutalisiert hat, in die Menschheit hineingekommen sind. 

Und dann kam das 19. Jahrhundert. Diese Personlichkeit, die ein- 
mal mit Initiation dieses bedeutsame Julian Apostata-Symptom auf- 



genommen hatte, diese Personlichkeit, die dann durch die weibliche 
Inkarnation im 17. Jahrhundert gegangen war, wurde wiedergeboren. 
Und jetzt ergoft sie alles das, was auch noch verinnerlicht war durch 
die weibliche Inkarnation, ergoft alles das, was sie dazumal, nicht an 
Initiationsweisheit, aber an erschiitterndem Gemiitsinhalt in sich hatte, 
tiber dieses Symptom, das auf die initiierte Seele gewirkt hatte. Das 
alles ergofi sie nun im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in eine eigen- 
tiimliche Art der Weltenbetrachtung, in eine tief in die Diskrepanzen 
des Menschendaseins hineingehende Weltenbetrachtung. 

Nun neigt gerade dieses Zeitalter der unmittelbaren Gegenwart 
dazu, daft nicht auf solche wirksame Art, durch Taten derjenige wir- 
ken kann, der alte Initiationsweisheit aus friiheren Erdenleben in das 
Leben des 19., des 20. Jahrhunderts tragt. Daher drangt, ich mochte 
sagen, alles das, was sich stark metamorphosiert, scheinbar veraufter- 
licht, aber doch innerlich wird, was sich von dem Herzen des Men- 
schen, wo die alte Initiationsweisheit gelebt hat, nach den Sinnen und 
ihrer Beobachtung hin schiebt, stark metamorphosiert dahin schiebt, 
das alles drangt nun dazu, dichterisch, schrif tstellerisch sich zu auftern. 

Daher haben wir doch immerhin in der letzten Zeit wirklich groft- 
artige Proben - die nur inkoharent sind, die in dem, wie sie sind, gar 
nicht von der Zeit verstanden werden -, an denen nicht bloft gearbeitet 
hat dasjenige von der Personlichkeit, was da am Ende des 19. Jahrhun- 
derts oder Anfang des 20. Jahrhunderts da war, sondern an dem ge- 
rade mitgearbeitet hat so etwas wie ein Erschiitterung, die iiber einen 
Initiierten kommt, einen Initiierten allerdings in schon degenerierten 
Mysterien, in Mysterien, die schon in der Dekadenz sind. Diese Ge- 
mutserschiitterung wirkt weiter, stromt sich aus in dichterisch-kiinst- 
lerischem Schaffen, und dasjenige, was da heriiberwirkt in einer soldi 
eigentiimlichen Weise, das lebt sich aus in der Personlichkeit Ibsens. 

Und wenn man nun diese Schauung hat, dann lebt eigentlich die 
Menschheitsentwickelung in ihren Geheimnissen selber auf in dem, was 
ganz besonders am Ende des 19. Jahrhunderts nicht das Werk eines 
Menschen sein kann, sondern wo der Mensch so dasteht, daft durch 
ihn friihere Erdenzeitalter mitwirken. 

Man braucht ein solches Thema nur anzuschlagen und man wird 



tatsachlich den Respekt nicht verlieren, weder vor der weltgeschicht- 
lichen Entwickelung noch von der einzelnen Personlichkeit, die mit 
Grofie vor der Menschheit dasteht. Man erlebt eben schon Erschut- 
terndes auf diesem Gebiete, wenn die Dinge mit dem notigen Ernst ge- 
trieben werden. 

Und sehen Sie, da haben Sie ofter doch schon gehort, dafi es in einer 
ziemlichen Friihzeit des Mittelalters eine Art Alchimisten gegeben hat, 
Basilius Valentinus. Bei der auf die weltgeschichtlichen karmischen Zu- 
sammenhange hingehenden Betrachtung, die sich anschliefien kann an 
Basilius Valentinus, den Benediktinermonch, der ungeheuer beteutende 
medizinisch-alchimistische Arbeiten machte, ergibt sich nun etwas 
ganz Merkwiirdiges, was so recht zeigt, wie schwierig eigentlich das 
Verstandnis unserer Zeit ist. 

Man erlebt ja in unserer Zeit so vieles, was oftmals nicht nur unver- 
standlich, was abstofiend, hafilich, in gewisser Beziehung greulich ist, 
und woriiber derjenige, der nur das unmittelbar sinnlich-gegenwartige 
Leben betrachtet, nicht anders als meinetwillen entriistet, ekelhaft und 
so weiter beriihrt sein kann. 

Aber so stehen die Dinge nicht fiir denjenigen, der die menschlich- 
geschichtlichen Zusammenhange sieht. Sie stehen einmal nicht so, die 
Dinge! Und manchmal tritt heute auf irgendeinem Gebiete des Le- 
bens etwas auf, iiber das die Menschen, die es sehen, in vollstandig be- 
greiflicher Weise nur schimpfen, es nur ekelhaft, greulich finden, und 
trotzdem hat das Ekelhafte, Greuliche etwas an sich, dafi man doch 
furchtbar fasziniert davor stehenbleiben mufi. Das wird immer mehr 
und mehr der Fall sein. 

Nun, da gibt es also im friihen Mittelalter diesen medizinischen, 
alchimistischen Basilius Valentinus, den Benediktinermonch, der sehr 
viel arbeitet in seinen Klosterkellern in Laboratorien, der eine Reihe 
von wichtigen Untersuchungen macht. Dann sind gewisse Menschen 
da, die sind seine Schuler, die schreiben bald nach ihm dasjenige nieder, 
was Basilius Valentinus ihnen gesagt hat. Und so gibt es eigentlich 
kaum echte Schriften von Basilius Valentinus; aber es gibt Schriften 
von Schulern, die sehr viel des Echten von seiner Weisheit, von seiner 
alchimistischen Weisheit bringen. 



Als ich einen der Schiiler des Basilius Valentinus, der mir besonders 
auffiel, in einer bestimmten Zeit meines Lebens sah, da ergab sich mir: 
Der ist - auf eine merkwiirdige Weise metamorphosiert in bezug auf 
sein Geistiges - ja wieder da! - Auch der ist im 19. Jahrhundert, Anf ang 
des 20. Jahrhundert wieder gekommen. 

Aber das, was in alchimistischen Elementen gelebt hat, trat eben 
ungeordnet, auf die Sinne hingelenkt, aufierlich hervor in einer Welt- 
betrachtung, die sozusagen alchimistische Begriffe fortwahrend hin- 
einschmilzt in die Sinnesbeobachtung, so dafi die Sinnesbeobachtung 
dieser Personlichkeit eine Gruppierung der aulSeren Tatsachen dessen 
gibt, was die Menschen tun, wie es unter den Menschen zugeht, wie 
die Menschen miteinander reden, die in vieler Beziehung abstofiend ist. 
Aber sie ist eben abstofiend, weil der Betreffende in einer fruheren 
Inkarnation alchimistisch gearbeitet hat in Anlehnung an Basilius Va- 
lentinus und das nun in das Leben hineinschmeilk. Wie die Menschen 
sich zueinander verhalten im Leben, was sie sich sagen, was sie tun, 
das sieht er nun nicht an wie ein gewohnlicher Philister heute - er ist 
weit entfernt, das wie ein gewohnlicher Philister anzuschauen -, son- 
dern er schaut es an mit dem, was sein seelisches Auge geworden ist da- 
durch, dalS es die Impulse aus seiner alchimistischen Zeit in sich hatte. 
Und da schmeifit er die Ereignisse, die sich unter den Menschen abspie- 
len, untereinander, macht Dramen daraus und wird Frank Wedekind. 

Nicht wahr, diese Dinge durfen durchaus nur vom Standpunkt einer 
Sehnsucht nach echter Menschenerkenntnis genommen werden, dann 
wird das Leben dadurch nicht armer, sondern es wird das Leben wahr- 
haftig reicher. Nehmen Sie sein «Hidalla» oder irgendein anderes 
Frank Wedekindsches Drama, bei dem man ein sich drehendes Gehirn 
kriegt, wenn man das Friihere mit dem Spateren verbinden will. Man 
kann aber auch in einer eigentiimlichen Weise davon fasziniert sein, 
so dafi man ganz sicher ist: Da handelt es sich nicht darum, dafi die 
Philister im Parterre sitzen und ihre Urteile abgeben. Die sind ja ganz 
berechtigt, vom philistrosen Standpunkt aus selbstverstandlich, aber 
um das handelt es sich gar nicht. Sondern darum handelt es sich, dafi 
die Weltgeschichte etwas Merkwiirdiges bewirkt hat: daft alchimi- 
stische Denkweise, heriibergeworfen durch Jahrhunderte, auf das Men- 



schenleben angewendet wird und die menschlichen Taten und die 
menschlichen Reden zusammengebraut werden, wie man einstmals in 
alchimistischen Kikhen, in einem Zeitalter, in dem die Alchimie schon 
im Untergange war, in Retorten probierend, die Stoffe und Krafte 
mischte und auf ihre Wirkungen priifte. 

Und es sind ja eigentlich auch die Menschenleben bestimmt, sogar 
in bezug auf den Zeitpunkt, in dem sie hier auf der Erde erscheinen, 
durch schicksalsmafiige, karmische Zusammenhange. Um Ihnen dafiir 
auch ein erhartendes Beispiel zu zeigen, mochte ich auf das Folgende 
hinweisen. 

Wenden wir unseren Blick zuriick in die Zeit, in der es in Griechen- 
land die Platonische Schule gegeben hat: Plato y umgeben von einer 
Anzahl von Schiilern. Diese Schuler Platos waren wahrhaftig von den 
verschiedensten Charakteren, und das, was Plato selber schildert in 
den Dialogen, wo ja die verschiedensten Charaktere auftreten als die 
sich miteinander besprechenden Personlichkeiten, das ist schon viel- 
fach ein Bild der Platonischen Schule. Es waren die mannigfaltigsten 
Charaktere in dieser Schule zu verschiedensten Zeiten. 

Nun waren zwei Personlichkeiten da in dieser Platonischen Schule, 
die in sehr voneinander verschiedener Art aufnahmen, was in einer so 
grandiosen Weise weltdurchleuchtend vora Munde Platos zu seinen 
Schiilern kam und sich auch in Gesprachen mit den Schiilern ent- 
wickelte. 

Die eine dieser zwei Personlichkeiten, die eben dem Schiilerkreise 
angehorten, war eine, ich mochte sagen, fein ziselierte Personlichkeit 
damals im Griechenzeitalter, eine Personlichkeit, die insbesondere fur 
alles zuganglich war, was Plato durch seine Lehre von den Ideen da- 
zu veranlafite, das Menschengemiit von der Erde wegzuheben. Wir 
brauchen uns nur vorzustellen, wie ja Plato uberall sagte: Gegeniiber 
dem Verganglichen, das uns in den einzelnen Ereignissen, die in der 
menschlichen Umgebung sind, entgegentritt, stehen die ewigen Ideen. 
Das Stoffliche ist verganglich, es ist nur ein Bild der ewigen Idee, die 
in immer aufeinanderfolgenden Metamorphosen als Ewiges durch die 
zeitlich verganglichen Erscheinungen durchgeht. So hob Plato seine 
Schuler hinauf von der Betrachtung der verganglichen aufieren sinn- 



lichen Dinge zu den ewigen Ideen, die gewissermafien als das Himm- 
lische iiber dem Irdischen schwebten. 

Zu kurz kam bei dieser platonischen Betrachtung der Mensch selber. 
Denn im Menschen, in dem die Idee unmittelbar lebendig und gegen- 
standiich wird, kann man die platonische Denkweise nicht recht an- 
wenden: er ist zu individuell. Bei Plato sind die Ideen sozusagen etwas 
iiber den Dingen Schwebendes. Die Mineralien, Kristalie, Quarzkri- 
stalle entsprechen ja dieser Idee, auch die anderen aufieren Dinge der 
leblosen Sinneswelt. Bei Goethe ist es auch so, dafi er die Urpflanze 
verfolgt, die Typen betrachtet. Bei den Tieren kann man auch so ver- 
fahren. Aber bei dem Menschen ist es so, daft in jeder einzelnen Men- 
schenindividualitat die lebendige Ideenindividualitat auch verfolgt 
werden mufi. Das hat erst Aristoteles bewirkt, nicht Plato, daft die 
Idee als «Entelechie» im Menschen wirksam gesehen wurde. 

Aber da war nun einer der Schuler, der mit ganzer Inbrunst und 
Hingabe eigentlich immer diesem Himmelsfluge im Platonismus folgte, 
der in bezug auf seine geistigen Anschauungen eigentlich nur mit- 
konnte in diesem Himmelsfluge, in diesem Hinauf gehen, in diesem Sich- 
Erheben iiber die Erde, und der wirklich, ich mochte sagen, in siifi- 
reifen Worten in der Platonischen Schule sprach von der Erhabenheit 
der iiber den einzelnen Dingen lebenden und schwebenden Idee. Dieser 
Schuler, der eigentlich mit seiner Seele immer heraufstieg zu diesen 
Ideen, hatte nun aber doch, wenn er nicht im Schauen lebte, sondern 
mit dem Herzen, mit dem Gemiite wiederum, wie er es unendlich gerne 
tat, unter Griechen herumging, er hatte fur jeden einzelnen Menschen, 
der ihm begegnete, das warmste Interesse. Er konnte den Menschen, 
die er so gerne hatte, nur sein Gefiihl zuwenden. Wenn er wiederum im 
Leben war, so konzentrierte sich sein Gefiihl auf die Menschen, von 
denen er zahlreiche liebte; denn sein Schauen rifi ihn immer wieder 
hinweg von der Erde. Viele hatte er, die er liebte. Und so war bei dieser 
einen Personlichkeit unter den Schiilern des Plato ein gewisser Zwie- 
spalt vorhanden zwischen dem Gemutsleben den lebendigen Menschen 
gegenliber und dem Aufschauen der Seele zu den ewigen Ideen im 
platonischen Sinne, wenn dieser Schuler in der Akademie den Worten 
Platos lauschte, oder wenn er mit seinen siifi-reifen Worten selber for- 



mulierte, was der Platonismus ihm im Auf schauen gab. Es war etwas 
merkwiirdig Sensitives in diese Personlichkeit hereingekommen. 

Und nun war diese Personlichkeit mit einer anderen aus dem Schii- 
lerkreise der Platonischen Schule befreundet, innig befreundet. Zu- 
nachst aber, indem sich das immer mehr und mehr entwickeltej und 
eine andere Eigenschaft, die ich gleich charakterisieren werde, sich bei 
jenem Freunde entwickelte, kamen die beiden auseinander. Nicht etwa, 
weil die Liebe erkaltete, sondern weil sie mit ihrer ganzen Geistesart 
auseinanderwuchsen, brachte sie das Leben auseinander. Sie konnten 
sich anfangs gut verstehen, nachher nicht mehr verstehen. So dafi der 
eine, den ich eben beschrieben habe, wir wiirden heute sagen, nervos 
wurde, schon wenn der andere in seiner Art sprach. 

Und bei jenem war es ebenso. Er war nicht weniger geneigt, zu den 
ewigen Ideen aufzuschauen, von denen aus so lebendig in der Plato- 
nischen Schule gehandelt worden ist. Er konnte sich auch ganz erhe- 
ben, aber jenes intensive Gemiitsinteresse an zahlreichen Menschen, 
das der eine hatte, das hatte der andere nicht. Dagegen interessierte sich 
der andere in der allerintensivsten Weise fur die alten Gdttermythen, 
Gottersagen, die im Volke lebten, die ihm bekannt wurden. Fur das, 
was wir heute die griechische Mythologie nennen, fur die Gestalten 
von Zeus, Athene und so weiter interessierte er sich tief . Er ging sozu- 
sagen an den lebenden Menschen mehr oder weniger vorbei, aber in- 
teressierte sich tief, unendlich tief fiir die Gotter, die ehemals auf der 
Erde gelebt hatten nach seiner Anschauung und die man als die Stamm- 
eltern der jetzt lebenden Menschen ansehen mufke. So wollte er das, 
was er in seiner Seele im Aufschwung erlebte, anwenden namentlich auf 
das Begreifen der tiefsinnigen Gotter- und Heldensagen. Das Verhalt- 
nis zu den Gotter- und Heldensagen war in Griechenland, wo das noch 
alles lebte, wo es nicht blofi in Buchern und durch Tradition vorhanden 
war, natiirlich ein ganz anderes, als es heute ist. 

Diese Personlichkeit, die mit der anderen innig befreundet war, sie 
entwuchs auch dieser Freundschaft. Beide entwuchsen dieser Freund- 
schaft. Aber nun gehorten sie schon zusammen als Mitglieder der Pla- 
tonischen Schule. Und diese Platonische Schule hatte ein Eigentiim- 
liches. Ihre Schiiler bildeten in sich solche, sie etwas voneinander weg- 



schiebende Krafte aus, Krafte, die sie, nachdem sie in der Platonischen 
Schule in einem Zeitraume zusammengedrangt gewesen waren, dann 
etwas auseinanderdrangen wollten. Und dadurch bildeten sich auch 
solche verschiedene Individualitaten, die gemiithaft-innig zusammen- 
hingen, die aber dann sich auseinanderentwickelten. 

Diese beiden Personlichkeiten, sie wurden in der Zeit der Renais- 
sance in Italien als Frauen geboren und kamen in der jetzigen Zeit so 
wieder, dafi der eine, der erste, den ich beschrieben habe, eigentlich zu 
friih, und der zweite, den ich beschrieben habe, etwas zu spat auf die 
Erde herunterkam. Es hangt das eben mit dem starken Entschluft zu- 
sammen, den man dazu braucht. 

Bei dem einen, namlich bei dem ersten, den ich beschrieben habe, 
war es so, dafi er, als er durch die Pforte des Todes gegangen war - 
weil er mit seinem Geiste immer ins t)berirdische hinauf ging, aber ohne 
den ganzen, vollen Menschen, den er nur im Gemiite erf afite -, deshalb 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wohl alles das erfassen 
konnte, was da lebte, sagen wir, in der ersten Hierarchie: Seraphim, 
Cherubim und Throne -, auch noch einiges von der zweiten Hier- 
archie, aber nicht die dem Menschen nachste Hierarchie, durch die 
man begreift, wie der menschliche Korper hier auf der Erde organi- 
siert wird. 

Eine Personlichkeit entwickelte sich, die wenig Einsicht, vorirdi- 
sche Einsicht in den menschlichen Korper entwickelte, die daher, als 
sie wieder geboren wurde, sogar die letzten Impulse nicht mehr auf- 
nahm, unvollstandig herunterstieg in den menschlichen Korper, nicht 
vollstandig untertauchte, sondern eigentlich immer etwas heraufien 
schweben blieb. 

Der Freund aus der Platonischen Schule wartete mit der Inkarna- 
tion. Das Warten geschah aus dem Grunde, weil beide eigentlich, wenn 
sie zusammengekommen waren, wenn sie unmittelbare Zeitgenossen 
geworden waren, sich nicht ertragen hatten. Aber dennoch, es mufite 
derjenige, der unendlich viel von seinen Zusammenkunften mit Men- 
schen dem anderen erzahlt hatte, welcher nicht unter Menschen ge- 
gangen war, sondern sich nur mit Mythen und Gottersagen beschaftigt 
hatte, der, der so lebendig mit reifsiifier Stimme dem anderen erzahlte, 



der mufite dennoch einen bedeutenden Eindruck auf den anderen raa- 
chen, mufite ihm vorangehen, der andere ihm nachfolgen. 

Der andere nun, weil er schon auf Erden in Imaginationen, in den 
Gotterimaginationen lebte, hatte es zu einem zu starken Erfassen, ich 
mochte sagen dessen, was am Menschen und im Menschen ist, gebracht. 
Deshalb wollte er, iiber seine Zeit hinausgehend, Impulse sammeln, um 
den menschlichen Leib ganz tief zu ergreifen. Da passierte es ihm, dafi 
er ihn zu tief ergriff , zu tief hinein sich versenkte. 

Und so sehen wir, daft bei zwei verschiedenen Schicksalsgestaltun- 
gen von zwei Angehorigen der Platonischen Schule der eine zu wenig 
seinen Korper ergreift bei der zweiten Wiederverkorperung, der an- 
dere ihn zu stark ergreift. Der eine kann nicht in seinen Korper voll- 
standig hinein, wird nur in seiner Jugend hineingetrieben, wird dann 
bald hinausgetrieben und mufi draufien bleiben: Holderlin. 

Der andere wird so tief in seinen Korper hineingetragen, hineinge- 
taucht durch die besondere Art, wie er damals war, dafi er zu stark 
untertauchte in seine Organe und fast lebenslanglich krank wird: 
Hamerling. 

Und so haben wir grofte menschliche Schicksale aus der Zeiten- 
wende heraus und ihre Impulse vor uns und konnen eine Ahnung be- 
kommen, wie nun eigentlich die geistigen Impulse wirken. Denn das 
miissen wir uns ja klar vor die Seele stellen: Eine solche Individuality 
wie Holderlin, der, aus der Platonischen Schule hervorgehend, nicht 
in seinen Leib hinein kann, sich draufien halten muft, er erlebt in der 
Dumpfheit seines Wahnsinns vorbereitende Impulse fur kommende 
Erdenleben, die ihn zu Grofiem bestimmen. Ebenso der andere, Robert 
Hamerling, durch die Krankheit seines Korpers. 

Krankheit und Gesundheit nehmen sich ja natiirlich, wenn sie im 
schicksalsmaftigen Zusammenhang betrachtet werden, noch ganz an- 
ders aus, als sie sich ausnehmen, wenn man sie nur in den Grenzen des 
einen Erdenlebens betrachtet. 

Ich denke, meine lieben Freunde, es kann schon so sein, daft eine 
heilige Scheu vor dem geheimnisvollen Geschehen, das durch die gei- 
stige Welt bewirkt wird, durch die Menschengemiiter hindurch gerade 
durch eine solche Betrachtungsweise entsteht. Wahrhaftig, ich mufi es 



immer wieder sagen: Nicht urn ein Sensationsbediirfnis zu befriedigen, 
sondern um immer tiefer und tiefer hineinzufiihren in die Erkenntnis 
des geistigen Lebens, werden jetzt diese Betrachtungen angestellt. Und 
nur durch dieses tiefere Hineindringen in das geistige Leben kann das 
aulkre sinnliche Leben, das Leben der Menschen erklart werden. 
Diese Betrachtungen werde ich morgen fortsetzen. 



FONFTER VORTRAG 



Dornach,27. April 1924 

Wir haben nun eine Reihe zusammenhangender Schicksalsentwicke- 
lungen betrachtet, welche aufklarend imd erhellend fiir die Erfassung 
des geschichtlichen Lebens der Menschheit sein konnen. Die Betrach- 
tungen, die wir gepflogen haben, sollten zeigen, wie aus vorhergehenden 
Erdenperioden das, was die Menschen in diesen vorhergehenden Erden- 
perioden erleben, erarbeiten, aufnehmen, hiniibergetragen wird durch 
die Menschen selbst in spatere Erdenepochen. Und Zusammenhange 
haben sich uns ergeben, so daft wir dasjenige, was durch Menschen, ich 
mochte sagen, tonangebend getan wird, begreifen aus im moralischen 
Sinne gemeinten Ursachen, die durch die Menschen selber gelegt wor- 
den sind im Laufe der Zeiten. 

Aber nicht nur dieser, ich mochte sagen, ursachliche Zusammen- 
hang kann uns durch solche auf das Karma gerichtete Betrachtungen 
vor die Seele treten, sondern auch manches kann sich lichtvoll auf- 
klaren, was eigentlich zunachst fiir eine aufierliche Weltenbetrachtung 
unklar, unbegreiflich erscheint. 

Will man aber in dieser Beziehung mit der grofien Umwandlung 
mitgehen, die in bezug auf die Empfindung und das Denken des Men- 
schengemiites in der nachsten Zukunft notwendig ist, wenn die Zivi- 
lisation aufwarts-, nicht abwartsgehen soli, dann ist es eben notwen- 
dig, daft man zunachst sozusagen einen Sinn fiir dasjenige entwickelt, 
was unter gewohnlichen Umstanden unbegreiflich ist und zu dessen 
Begreifen eben ein Einblick in tiefere menschliche und weltgesetzma- 
fiige Verhaltnisse gehort. "Wer alles begreiflich findet, der braucht na- 
tiirlich nichts zu begreifen von den oder jenen tieferen Ursachen. Aber 
dieses Begreiflichfinden ist ja nur scheinbar, denn alles begreiflich fin- 
den in der Welt, heifit eigentlich nur, allem gegeniiber oberflachlich sein. 
Denn fiir das gewohnliche Bewufitsein sind in der Tat die meisten Dinge 
in Wirklichkeit unbegreiflich. Und verwundert stehenbleiben konnen 
vor den Unbegreiflichkeiten selbst des alleralltaglichsten Daseins, das ist 
im Grunde genommen erst der Anfang furwirklichesErkenntnisstreben. 



Das ist es ja, wonach von diesem Rednerpulte aus so oft der Seufzer 
ertont ist: Man moge innerhalb anthroposophischer Kreise Enthusias- 
mus haben fur das Suchen, Enthusiasmus haben fiir das, was eben in 
anthroposophischem Streben drinnenliegt. Und dieser Enthusiasmus 
mu!5 wirklich damit beginnen, das Wunderbare in der Alltaglichkeit 
wirklich als etwas Wunderbares zu ergreifen. Dann wird man eben, 
wie gesagt, erst versucht sein, zu den Ursachen, zu den tiefer liegenden 
Kraften zu greifen, die dem uns umgebenden Dasein zugrunde liegen. 
Es konnen fiir den Menschen diese Verwunderungszustande gegen- 
iiber der alltaglichen Umgebung aus geschichtlichen Betrachtungen 
hervorgehen, aber auch aus dem, was in der Gegenwart beobachtet 
werden kann. Bei geschichtlichen Betrachtungen miissen wir ja oftmals 
stehenbleiben vor geschichtlichen Ereignissen, die uns aus der Vergan- 
genheit berichtet werden und die erscheinen, ais wenn da oder dort das 
Menschenleben wirklich in das Unsinnige ausliefe. 

Nun, es bleibt das Menschenleben sinnlos, wenn wir es nur so be- 
trachten, dafi wir den Blick auf ein geschichtliches Ereignis lenken und 
nicht fragen: Wie gehen aus diesem geschichtlichen Ereignis gewisse Men- 
schencharaktere hervor, wie nehmen sie sich aus, wenn sie in ihrer spa- 
teren Wiederverkorperung auftreten? - Wenn wir darnach nicht fra- 
gen, so erscheinen auch gewisse geschichtliche Ereignisse vollig sinnlos, 
deshalb sinnlos, weil sie sich nicht erfullen, weil sie ihren Sinn verlie- 
ren, wenn sie nicht ausgelebt werden konnen, wenn sie nicht weitere See- 
lenimpulse in einem folgenden Erdenleben werden, wenn sie nicht Aus- 
gleich finden und dann weiterwirken in weiter folgenden Erdenleben. 

So ist ganz gewifi eine historische Sinnlosigkeit gelegen in dem Auf- 
treten einer solchen Personlichkeit, wie sie der Nero war, der romische 
Casar Nero. Von ihm ist innerhalb der anthroposophischen Bewegung 
ja noch nicht gesprochen worden, 

Nehmen Sie nur alles das in die Seele auf, was von dem romischen 
Casar Nero historisch berichtet wird. Gegenuber einer Personlichkeit, 
wie es der Nero war, erscheint das Leben wie etwas, dem man ganz 
ungestraft einfach Hohn sprechen konnte, wie wenn man es verhohnen 
konnte, wie wenn das gar keine Folgen hatte, wenn jemand mit einer 
restlosen Frivolitat in einer an sich autoritativen Stellung auftritt. 



Nicht wahr, man miifite eigentlich stumpf sein, wenn man so sieht, 
was der Nero macht, und wenn man gar nicht irgendwie dazu kommen 
konnte, sich zu fragen: Was wird denn nun eigentlich aus einer solchen 
Seele, die, wie der Nero, der ganzen Welt Hohn spricht, das Leben 
anderer Menschen, das Dasein fast einer ganzen Stadt als etwas be- 
trachtet, womit er spielen kann? - Welch ein Kiinstler geht mit mir 
verloren! - Das ist ja bekanntlich der Ausspruch, der Nero in den Mund 
gelegt wird, und der wenigstens seiner Gesinnung entspricht. Also bis 
in ein Selbstbekenntnis hinein die alleraufierste Frivolitat, der aller- 
aufterste Zerstorungswille und Zerstorungstrieb, aber so, dafi dieser 
Seele diese Sache gefallt. 

Nun, da wird ja alles zuriickgestofien, was Eindruck auf den Men- 
schen machen kann. Da gehen nur sozusagen weltzerstorende Strahlen 
von der Personlichkeit aus. Und wir fragen uns: Was wird aus einer 
solchen Seele? 

Man mufi sich klar daruber sein: Alles das, was da sozusagen auf die 
Welt abgeladen wird, das strahlt ja nun zuruck in dem Leben zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt. Das mufi gewissermafien auf die 
Seele selber wiederum sich abladen; denn alles dasjenige, was zerstort 
worden ist durch eine solche Seele, das ist nun da in dem Leben zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt. Nun kam Nero zunachst we- 
nige Jahrhunderte oder verhaltnismafiig kurze Zeit darnach in unbe- 
deutetem Dasein wiederum auf die Welt, wo sich zunachst nur das- 
jenige ausgeglichen hat, was Zerstorungswut war, die er auf die Sou- 
veranitat hin ausgeiibt hatte, ausgeiibt aus sich heraus, weil er es so 
wollte; dabei wirkte die Rage, man mochte sagen, der Enthusiasmus fur 
die Zerstorungswut. In einem nachsten Erdenleben erfiillte sich aus- 
gleichend schon etwas von dieser Sache und dieselbe Seelenindividua- 
litat war jetzt in einer Stellung, wo sie auch zerstoren mufite, aber 
zerstoren mufite in untergeordneter Stellung, wo sie Befehlen unter- 
lag. Und da hatte diese Seele die Notwendigkeit, nun zu fuhlen, wie 
das ist, wenn man es nicht aus freiem Willen heraus tut, nicht in Sou- 
veranitat vollbringt. 

Nun handelt es sich bei solchen Dingen wirklich darum, sie ohne 
Emotionen zu betrachten, sie ganz objektiv zu betrachten. Solch ein 



Schicksal, mochte ich sagen - denn auch so grausam zu sein wie Nero, 
so zerstorungswiitig wie Nero zu sein, ist ja ein Schicksal ist im 
Grunde genommen ein erbarmungswiirdiges Schicksal nach einer ge- 
wissen Seite hin. Man braucht gar nicht Rankunen zu haben, nicht 
irgendwie scharfe Kritik zu iiben; dann wiirde man ohnedies nicht 
diejenigen Dinge erleben, die notwendig sind, um die Sache im weite- 
ren Verlauf zu begreifen, denn in all die Dinge, von denen hier ge- 
sprochen worden ist, ist ja nur moglich hineinzuschauen, wenn man 
objektiv hineinschaut, wenn man nicht anklagt, sondern wenn man 
eben Menschenschicksale versteht. Aber die Dinge sprechen sich doch, 
wenn man nur den Sinn hat, sie zu verstehen, in einer deutlichen Weise 
aus. Und dafi mir das Nero-Schicksal vor die Seele getreten ist, das 
war wirklich einem scheinbaren Zufall zuzuschreiben. Aber eben nur 
ein scheinbarer Zufall war es, dafi mir dieses Nero-Schicksal einmal 
ganz besonders stark vor die Seele getreten ist. 

Denn sehen Sie, als sich einmal ein erschutterndes Ereignis voll- 
zogen hatte, ein Ereignis, von dem ich gleich sprechen werde, das in 
der Gegend, um die es sich handelt, weithin erschiitternd wirkte, da 
kam ich gerade zu Besuch zu der in meinem Lebensabrifi ofters genann- 
ten Personlichkeit Karl Julius Schroer. Und als ich dahin kam, war 
auch er, wie viele Leute, ungeheuer erschiittert durch das, was geschehen 
war. Und er sprach - eigentlich so, dafi es zunachst unmotiviert war - 
wie aus dunklen Geistestiefen heraus das Wort «Nero». Man hatte 
glauben konnen, es ware ganz unmotiviert gewesen. Es war aber spater 
durchaus zu sehen, dafi da eigentlich nur durch einen Menschenmund 
etwas wie aus der Akasha-Chronik heraus gesprochen worden war. Es 
handelte sich um folgendes, 

Der osterreichische Kronprinz Rudolf war ja als eine glanzende Per- 
sonlichkeit gefeiert worden und gait als eine Personlichkeit, die grofie 
Hoffnungen erregte fur die Zeit, wenn er einmal auf den Thron kom- 
men sollte. Wenn man auch allerlei iiber jenen Kronprinzen Rudolf 
wufite, so war alles das, was man wufite, doch so, dafi man es eben 
als Dinge auffafite, nun ja, die sich eigentlich fast so gehorten fur einen 
«Grandseigneur». Jedenfalls dachte niemand daran, dafi das zu bedeut- 
samen, tragischen Konflikten fiihren konnte, Und es war daher eine 



ungeheuer grofte Oberraschung, eine furchtbar grofte Uberraschung, 
als in Wien bekannt wurde: der Kronprinz Rudolf ist in den Tod ge- 
gangen auf eine ganz mysteriose Weise, in der Nahe des Stiftes Hei- 
ligenkreuz, in der Nahe von Baden bei Wien. Immer mehr und mehr 
Details kamen da zutage, und zunachst sprach man von einem Un- 
gliicksfall; ja, der «Unglucksfall» wurde sogar offiziell berichtet. 

Dann, als der Unglucksf all schon ganz offiziell berichtet war, wurde 
bekannt, daft der Kronprinz Rudolf in Begleitung der Baronesse Vet- 
sera hinausgefahren war zu seinem Jagdgute dort, und daft er mit ihr 
gemeinsam dann den Tod gefunden hatte. 

Die Details sind so bekanntgeworden, daft sie wohl hier nicht er- 
zahlt zu werden brauchen. Alles Folgende hat sich so vollzogen, daft 
kein Mensch, der die Verhaltnisse kannte, daran zweifeln konnte, als 
die Dinge bekannt wurden, daft ein Selbstmord des Kronprinzen Ru- 
dolf vorlag. Denn erstens waren die Umstande so, daft ja in der Tat, 
nachdem das offizielle Bulletin herausgegeben war, daft ein Unglucks- 
fall vorlage, sich zunachst der ungarische Ministerprasident Koloman 
Tisza gegen diese Version wendete und von dem damaligen osterrei- 
chischen Kaiser selbst die Zusage erlangte, daft man nicht stehenbleiben 
werde bei einer unrichtigen Angabe. Denn dieser Koloman Tisza wollte 
vor seiner ungarischen Nation diese Angabe nicht vertreten und machte 
das energisch geltend, Dann aber fand sich in dem Arztekollegium ein 
Mann, der damals eigentlich zu den mutigsten Wiener Arzten gehorte 
und der auch mit die Leichenbeschau fiihren sollte, und der sagte, er 
unterschriebe nichts, was nicht durch die objektiven Tatsachen belegt 
ware. 

Nun, die objektiven Tatsachen wiesen eben auf den Selbstmord 
hin. Der Selbstmord wurde ja dann auch offiziell, das Fruhere veri- 
fizierend, zugegeben, und wenn nichts anderes vorlage als die Tat- 
sache, daft in einer so aufterordentlich katholisch gesinnten Familie, 
wie es die osterreichische Kaiserfamilie war, der Selbstmord zugegeben 
worden ist, so wiirde schon einzig und allein diese Tatsache bedeuten, 
daft man eigentlich nicht daran zweifeln kann. Also jeder, der die Tat- 
sache da objektiv beurteilen kann, wird nicht daran zweifeln. 

Aber das mufi man fragen: Wie ist es moglich gewesen, daft liber- 



haupt jemand, dem so Glanzendes in Aussicht stand, zum Selbstmord 
griff, gegenuber Verhaltnissen, die sich ja zweifellos mit leichter Hand 
in solcher Lebenslage hatten kaschieren lassen? - Es ist ja gar kein 
Zweifel, dafi ein objektiver Grund, daf5 ein Kronprinz wegen einer 
Liebesaffare sich erschielk ich meine, ein objektiver Grund, fur die 
aufieren Verhaltnisse objektiv notwendiger Grund, natiirlich nicht vor- 
liegt. 

Es lag auch kein aufierer objektiver Grund vor, sondern es war die 
Tatsache vorliegend, dafi hier einmal eine Personlichkeit, welcher der 
Thron unmittelbar in Aussicht stand, das Leben ganz wertlos fand, 
und das bereitete sich natiirlich auf psychopathologische Weise vor. 
Aber die Psychopathologie rau8 ja auch in diesem Falle erst begriffen 
werden; denn die Psychopathologie ist schliefilich auch etwas, was 
mit dem Schicksalsma'jSigen zusammenhangt. Und die Grundtatsache, 
die da in der Seele wirkte, ist dennoch die, dafi jemand, dem also das 
Allerglanzendste scheinbar winkte, das Leben ganz wertlos fand. 

Das ist etwas, meine lieben Freunde, das einfach unter diejenigen 
Tatsachen gehort, die man unbegreiflich finden mufi im Leben. Und 
soviel auch geschrieben worden ist, soviel auch iiber diese Dinge ge- 
sprochen worden ist, nur der kann eigentlich vernunftig urteilen iiber 
eine solche Sache, der sich sagt: Aus diesem einzelnen Menschenleben, 
aus diesem Leben des Kronprinzen Rudolf von Dsterreich ist der 
Selbstmord, und auch die vorhergehende Psychopathologie in ihrer 
Ursachlichkeit fur den Selbstmord, nicht erklarlich. Da mufi, wenn 
man verstehen will, etwas anderes zugrunde liegen. 

Und nun denken Sie sich die Nero-Seele - nachdem sie noch durch 
das andere durchgegangen ist, wovon ich gesprochen habe - heriiberge- 
kommen gerade in diesen sich selbst vernichtenden Thronfolger, der 
die Konsequenz zieht durch seinen Selbstmord: dann kehren sich die 
Verhaltnisse einfach um. Dann haben Sie in der Seele die Tendenz 
liegend, die aus friiheren Erdenleben stammt, die beim Durchgang 
durch die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt im unmittel- 
baren Anblicke sieht, dafi von ihr eigentlich nur zerstorende Krafte 
ausgegangen sind, und die auch auf eine splendide Weise, mochte ich 
sagen, die Umkehrung erleben mufi. 



Diese Umkehrung, wie wird sie erlebt? Sie wird eben dadurch er- 
lebt, daft ein Leben, das aufierlich alles, was wertvoll ist, enthalt, nach 
innen sich so spiegelt, daft der Trager dieses Lebens es fur so wertlos 
halt, daft er sich selber entleibt. Dazu wird die Seele krank, wird halb 
wahnsinnig. Dazu sucht sich die Seele die auftere Verwickelung mit 
der entsprechenden Liebesaffare und so weiter. Aber das alles sind ja 
nur die Folgen des Strebens der Seele, ich mochte sagen, alle die Pfeiie 
auf sich selbst zu richten, die friiher diese Seele nach der Welt hin ge- 
wandt hat. Und wir sehen dann, wenn wir in das Innere solcher Ver- 
haltnisse hineinsehen, eine ungeheure Tragik sich entwickeln, aber eine 
gerechte Tragik, eine aufterordentlich gerechte Tragik. Und die beiden 
Bilder ordnen sich uns zusammen. 

Ich sagte oftmals: Kleinigkeiten sind es, welche den Dingen zu- 
grunde liegen, die in Wahrheit, im vollen Ernste Untersuchungen auf 
solchen Gebieten moglich machen. Da mufi mancherlei im Leben mit- 
wirken. 

Wie gesagt, als dieses Ereignis, das so erschutternd dazumal gewirkt 
hat, sich eben vollzogen hatte, war ich auf dem Wege zu Schroer. Ich 
bin nicht wegen dieses Ereignisses hingegangen, sondern ich war auf 
dem Wege zu Schroer. Es war sozusagen der nachste Mensch, mit dem 
ich iiber diese Sache sprach. Der sprach ganz unmotiviert: «Nero» - 
so daft ich mich eigentlich fragen muftte: Warum denkt der jetzt ge- 
rade an Nero? - Er leitete das Gesprach gleich ein mit «Nero». Es er- 
schiitterte mich das Wort «Nero» dazumal. Aber es erschiitterte mich 
um so mehr, als dieses Wort «Nero» unter einem besonderen Eindrucke 
gesprochen war, denn zwei Tage vorher war ja, das ist auch offentlich 
ganz bekannt geworden, eine Soiree bei dem damaligen deutschen Bot- 
schafter in Wien, bei dem Prinzen Reuft. Da war der osterreichische 
Kronprinz auch anwesend. und Schroer auch, und er hatte dazumal 
gesehen, wie der Kronprinz sich verhalten hat, zwei Tage vor der 
Katastrophe. Und dieses merkwurdige Verhalten zwei Tage vor der 
Katastrophe bei jener Soiree, was Schroer sehr dramatisch schilderte, 
und dann der nachfolgende Selbstmord zwei Tage darnach: dieses im 
Zusammenhange damit, daft da das Wort «Nero» ausgesprochen wurde, 
das war etwas, was schon so wirkte, daft man sich sagen konnte: Jetzt 



liegt eine Veranlassung vor, den Dingen nachzugehen. - Aber warum 
bin ich denn ttberhaupt vielen Dingen nachgegangen, die aus Schroers 
Mund kamen? Nicht als ob irgend etwas von Schroer, der ja solche 
Dinge naturlich nicht wissen konnte, einfach von mir aufgenommen 
worden ware wie ein Omen oder so etwas. Aber manche Dinge, gerade 
die, welche scheinbar unmotiviert kamen, waren mir wichtig, wichtig 
durch etwas, was einmal merkwiirdig zutage trat. 

Ich kam mit Schroer in ein Gesprach iiber Phrenologie, und Schroer 
erzahlte, nicht eigentlich humoristisch, sondern mit einem gewissen 
inneren Ernst, mit dem er solche Dinge aussprach - man erkannte den 
Ernst eben an der gehobenen Sprache, die er auch in dem taglichen 
Umgang sprach, wenn er etwas mit vollem Ernst sagen wollte -, 
Schroer sagte: Mich hat auch einmal ein Phrenologe untersucht, hat 
mir den Kopf abgegriffen und hat da oben jene Erhohung gefunden, 
von der er dann gesagt hat: Da sitzt ja in Ihnen der Theosoph! - Von 
Anthroposophie sprach man dazumal nicht, denn das war in den acht- 
ziger Jahren; es bezieht sich also nicht auf mich, es bezieht sich auf 
Schroer. Den hat er untersucht und gesagt: Da sitzt der Theosoph. 

Nun, es war in der Tat so: Schroer war aufierlich alles eher als 
Theosoph; das geht ja aus meiner Lebensbeschreibung wohl hervor. Aber 
gerade da, wo er von Dingen sprach, welche eigentlich herausfielen 
aus dem Motivierten, das er sagte, gerade da waren seine Ausspriiche 
manchmal aufierordentlich tief bedeutend. So dafi sich einem schon 
diese zwei Dinge zusammensetzen konnten: dafi er da das Wort «Nero» 
aussprach und daft er auch durch dieses aufierliche Konstatieren seiner 
Theosophie einem gelten mufite als jemand, auf den man hinhorcht, 
bei dessen unmotivierten Dingen man sozusagen nachschaut. 

Und so kam es denn wirklich, dafi die Untersuchung in bezug auf das 
Nero-Schicksal dann aufklarend gewirkt hat fiir das weitere Schicksal, 
fur das Mayerling-Schicksal, und gefunden werden konnte, dafi man 
es wirklich mit der Nero-Seele in dem osterreichischen Kronprinzen 
Rudolf zu tun hatte. 

Es war mir diese Untersuchung, die lange gedauert hat - denn in 
solchen Dingen ist man sehr vorsichtig -, ganz besonders schwierig, 
weil ich ja naturlich immer beirrt worden bin durch alle moglichen 



Leute - ob Sie es nun glauben oder nicht, es ist so -, die den Nero fur 
sich in Anspruch nahmen und die das mit viel Fanatismus vertraten. 
So daft also, was an subjektiver Kraft ausging von solchen wiederge- 
borenen Neronen, natiirlich zunachst bekampft werden mufite. Man 
muftte durch das Gestriipp da durch. 

Aber man kann finden, meine lieben Freunde, daft das, was ich 
Ihnen jetzt hier sage, ja viel wichtiger ist, weil es eine historische Tat- 
sache begreif t - eben den Nero -, und daft das in dem weiteren Verlaufe 
viel wichtiger ist, als etwa die Katastrophe von Mayerling zu begrei- 
fen. Denn nun sieht man, wie solche Dinge, die eigentlich zunachst, 
man mochte sagen, emporend auftreten, wie das Dasein des Nero, 
sich mit voller Weltgerechtigkeit ausleben, wie sich die Weltgerechtig- 
keit wirklich erfullt und wie zuruckkommt das Unrecht, aber so, daft 
die Individuality hineingestellt ist in die Ausgleichung des Unrechtes. 
Und das ist das Ungeheure an dem Karma. 

Und dann kann sich noch etwas anderes zeigen, wenn ein solches 
Unrecht ausgeglichen ist durch einzelne Erdenleben hindurch, wie es 
hier wohl fast schon ausgeglichen sein wird. Denn man mufi nun wis- 
sen, daft ja zum Ausgleich dazugehort die ganze Erfiillung - denken 
Sie sich — , hervorgehend aus einem Leben, das sich wertlos halt, das 
so sehr sich wertlos halt, daft dieses Leben zunachst ein groftes Reich - 
und Osterreich war ja dazumal noch ein groftes Reich - und seine Herr- 
schaft iiber ein groftes Reich hingibt! Dieses Handanlegen an sich selbst 
in solchen Umstanden, und hinterher, nachdem man durch die Pforte 
des Todes gegangen ist, weiterzuleben in der unmittelbar geistigen An- 
schauung, das erfiillt allerdings in einer furchtbaren Weise, was man 
Gerechtigkeit des Schicksals nennen kann: also Ausgleich des Unrechts. 

Aber auf der anderen Seite, wenn wir jetzt von diesem Inhalte ab- 
sehen, so ist ja wiederum eine ungeheure Kraft in diesem Nero gewe- 
sen. Diese Kraft darf nun auch nicht verlorengehen fur die Mensch- 
heit; diese Kraft mufi gelautert werden. Die Lauterung haben wir be- 
sprochen. 

Ist nun eine solche Seele gelautert, dann wird sie die Kraft, die ge- 
lautert ist, eben auch in der Folgezeit in spatere Erdenepochen in ei- 
ner heilsamen Weise hinubertragen. Und gerade dann, wenn wir das 



Karma als einen gerechten Ausgleich empfinden, werden wir auch 
niemals verfehlen konnen, zu sehen, wie das Karma prufend auf den 
Menschen wirkt, prufend wirkt selbst dann, wenn er sich in irgendeiner 
emporenden Weise in das Leben hereinstellt. Der gerechte Ausgleich 
geschieht, aber die Menschenkraf te gehen doch nicht verloren. Sondern 
es wird dann, wenn es durchlebt wird nach dem gerechten Ausgleich, 
dasjenige, was ein Menschenleben veriibt hat, unter Umstanden umge- 
wandelt auch in Kraft zum Guten. Daher ist solch ein Schicksal, wie 
das heute geschilderte, schon auch durchaus erschiitternd. 

Damit aber sind wir unmittelbar herangelangt, meine lieben Freunde, 
an die Betrachtung dessen, was man Gut und Bose im Lichte des Karma 
nennen kann: Gut und Bose, Gliick und Ungluck, Freude und Leid, 
wie sie der Mensch in sein einzelnes individuelles Leben hereinblicken 
und hereinleuchten sieht. 

In bezug auf die Empfindung der moralischen Lage eines Menschen 
waren friihere Erdenepochen, friihere geschichtliche Epochen viel emp- 
f anglicher als die heutige Menschheit. Die heutige Menschheit ist eigent- 
lich gar nicht empfanglich fiir die Schicksalsfrage. Gewifi, man trifft 
ab und zu auf einen Menschen, der das Hereinspielen des Schicksals 
verspiirt; aber das eigentliche Verstandnis fiir die grofien Schicksals- 
fragen, das ist fiir die heutige Zivilisation, welche das einzelne Erden- 
leben wie etwas Abgeschlossenes fiir sich betrachtet, doch etwas aufier- 
ordentlich Dunkles und Unverstandliches. Die Dinge geschehen halt. 
Es trifft einen ein Ungluck, und man bespricht es, dafi einen ein Un- 
gluck getroffen hat, aber man denkt nicht weiter nach. Man denkt 
namentlich auch dariiber nicht weiter nach, wenn irgendein aufierlich 
scheinbar ganz guter Mensch, der gar nichts irgendwie verbrochen hat, 
durch irgend etwas, was von aufien hereinwirkt wie ein Zufall, zu- 
grunde geht, oder vielleicht nicht einmal zugrunde geht, sondern furcht- 
bar viel leiden muft durch eine schreckliche Verletzung und dergleichen. 
Man denkt nicht nach, wie sich in ein sogenanntes unschuldiges Men- 
schenleben so etwas hereinstellen kann. 

Nun, so unempfanglich und unempfindlich fiir die Schicksalsfrage 
war die Menschheit nicht immer. Man braucht gar nicht sehr weit in der 
Zeitenwende zuriickzugehen, dann findet man, dafi die Menschen emp- 



fanden, daft die Schicksalsschlage aus anderen Wei ten hereinkommen, 
daft auch das, was man sich selber als Schicksal macht, aus anderen 
Welten hereinkommt. 

Woher riihrte denn das? Das riihrte davon her, daft in friiheren 
Epochen die Menschen nicht nur ein instinktives Hellsehen gehabt ha- 
ben, und als das instinktive Hellsehen nicht mehr da war, Traditionen 
hatten iiber die Ergebnisse des instinktiven Hellsehens, nein, es waren 
auch die aufteren Einrichtungen so, daft die Menschen eigentlich die 
Welt nicht so oberflachlich, so banal anzusehen brauchten, wie heute 
irn materialistischen Zeitalter die Welt angesehen wird. Man redet ja 
heute vielfach von der Schadlichkeit der bloften aufterlich-materiali- 
stisch-naturalistischen Naturauffassung, die alle Kreise schlieftlich er- 
griffen hat, die auch die verschiedensten Bekenntnisse des religiosen 
Lebens ergriffen hat. Denn die Religionen sind ja auch materialistisch 
geworden. Von einer geistigen Welt will die aufiere Zivilisation auf 
keinem Gebiete eigentlich mehr etwas wissen, und man redet davon, 
dafi man so etwas theoretisch bekampfen soil. Aber das ist nicht das 
Wichtigste; die theoretische Bekampfung materialistischer Ansichten 
macht gar nicht so viel aus. Sondern das Wichtigste ist, daft durch die 
Anschauung, die allerdings den Menschen zur Freiheit gebracht hat 
und weiter zur Freiheit bringen will und die ja eine Durchgangsperiode 
bildet in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, auch das, was 
in friiheren Epochen fur die aufterliche sinnliche Anschauung des Men- 
schen als ein Heilmittel da war, verloren worden ist. 

Natiirlich hat auch der Grieche in den ersten griechischen Jahrhun- 
derten - es dauerte ja ziemlich lange - in der Natur ringsherum die 
auftere Erscheinungswelt gesehen. Er hat so wie die heutigen Menschen 
auf die Natur hingeschaut. Er hat die Natur etwas anders gesehen, denn 
auch die Sinne haben eine Entwickelung durchgemacht, aber darauf 
kommt es jetzt nicht an. Der Grieche hatte jedoch ein Heilmittel gegen 
die Schaden, die organisch in dem Menschen durch das blofte Hinaus- 
schauen in die Natur entstehen. 

Wir werden ja wirklich nicht bloft physiologisch weitsichtig im 
Alter, wenn wir viel in die Natur hinausschauen, sondern durch das 
blofte Hinausschauen in die Natur bekommt unsere Seele eine gewisse 



Konfiguration. Sie schaut eigentlich in die Natur hinein und sieht in 
der Natur so, dafi nicht alle Bediirfnisse des Sehens bef riedigt werden. 
Es bleiben unbefriedigte Bediirfnisse des Sehens iibrig. Und eigentlich 
gilt das iiberhaupt fiir das gesamte Wahrnehmen, Horen, Fiihlen und so 
weiter; fiir die ist es dasselbe: es bleiben gewisse Reste unbef riedigt vom 
Wahrnehmen, wenn man blofi in die Natur hinausschaut. Und das 
Sehen blofi in die Natur hinaus ist ungef ahr so, wie wenn ein Mensch 
im Physischen sein ganzes Leben hindurch leben wollte, ohne geniigend 
zu essen. Wenn der Mensch leben wollte, ohne geniigend zu essen, so 
wiirde er natiirlich immer mehr und mehr herunterkommen im physi- 
schen Sinne. Aber wenn der Mensch immer nur in die Natur hinaus- 
schaut, kommt er seelisch in bezug auf das Wahrnehmen herunter. Er 
bekommt die Auszehrung, die seelische Auszehrung fiir seine Sinnen- 
welt. Das wufite man in friiheren Mysterienweisheiten, dafi man die 
Auszehrung fiir die Sinnenwelt bekommt. 

Aber man wufite auch, wodurch diese Auszehrung ausgeglichen 
wird. Man wufite, wenn man hinschaute bei der Tempelarchitektur auf 
das EbenmaU des Tragenden und Lastenden oder wie im Orient auf 
die Formen, die eigentlich in aufierer Plastik Moralisches darstellten, 
wenn man hinschaute auf das, was in den Formen der Architektur sich 
dem Auge, dem Wahrnehmen iiberhaupt darbot, oder was dann eben 
wirklich an Architektur wiederum musikalisch sich darbot, dafi dar- 
innen das Heilmittel liegt gegen die Auszehrung der Sinne, wenn diese 
blofi in die Natur hinausschauen. Und wenn noch der Grieche in seinen 
Tempel gefiihrt wurde, wo er das Tragende und Lastende sah, die Sau- 
len, dariiber den Architrav und so weiter, wenn er das wahrnahm, was 
da an innerer Mechanik und Dynamik ihm entgegentrat, dann wurde 
der Blick abgeschlossen. In der Natur dagegen stiert der Mensch hin- 
aus, der Blick geht eigentlich ins Unendliche, und man kommt nie zu 
Ende. Man kann ja eigentlich Naturwissenschaft fiir jedes Problem 
ohne Ende treiben: es geht immer weiter, weiter. Aber es schliefit sich 
der Blick ab, wenn man irgendeine wirkliche Archtitekturarbeit vor 
sich hat, die darauf ausgeht, diesen Blick zu fangen, zu entnaturali- 
sieren. Sehen Sie, da haben Sie das eine, was da war in alten Zeiten: 
dieses Fangen des Blickes nach aufien. 



Und wiederum, die gegenwartige Innenbeobachtung des Menschen, 
die kommt ja nicrit dazu, wirklich in das menschliche Innere hineinzu- 
steigen. Eigentlich sieht der Mensch, wenn er heute Selbsterkenntnis 
iiben will, so ein Gebrodel von alien moglichen Empfindungen und 
aufteren Eindriicken. Es ist nichts irgendwie Klares da. Der Mensch 
kann sich im Inneren gewissermalkn nicht erfangen. Er kommt nicht 
an sein Inneres heran, weil er nicht die Kraft hat, so geistig bildhaft 
innerlich zu greifen, wie er greifen miifite, wenn er wirklich real an 
sein Inneres herankommen wollte. 

Da wirkt der wirklich mit Inbrunst an den Menschen herankom- 
mende Kultus. Alles Kultusartige aber, nicht nur das aufterlich Kultus- 
artige, sondern das Verstehen der Welt in Bildern, das wirkt so, dafi 
der Mensch in sein Inneres hereinkommt. Solange man mit abstrakten 
Begriffen und Vorstellungen in sein Inneres zur Selbsterkenntnis kom- 
men will, geht es nicht. Sobald man mit Bildern, die einem konkret 
machen die Seelenerlebnisse, in sein Inneres hinein sich versenkt, da 
kommt man in dieses Innere. Da erfangt man sich im Inneren. 

Wie oft mulke ich daher sagen: Der Mensch mufi meditieren in Bil- 
dern, damit er in sein Inneres wirklich hineinkommt. Das ist ja etwas, 
was sogar schon in offentlichen Vortragen jetzt hinlanglich besprochen 
wird. 

Und so hat man, wenn man auf den friiheren Menschen zuriick- 
blickt, in diesem friiheren Menschen dieses: Auf der einen Seite wird 
sein Blick und seine Empfindung nach aufien durch das Architekto- 
nische gewissermaften abgeschlossen, in sich abgefangen (siehe Zeich- 
nung) ; nach innen wird der Blick dadurch abgefangen, daft der Mensch 
sich sein Seelenleben innerlich vorstellt, wie es ihm dann aufierlich in 
den Bildern des Kultus vorgestellt werden kann (blau). 

Auf der einen Seite kommt man in sein Inneres hinunter, auf der 
anderen Seite trifft man auf mit dem Blick nach auften auf das, was 
in der Architektur da ist, in der Tempelarchitektur, in der Kirchen- 
architektur. Es schliefit sich das merkwiirdig zusammen. Zwischen 
dem, was im Inneren lebt, und dem, auf was der Blick hier zuruckge- 
worfen wird, da ist ein Mittelfeld (orange), das ja der Mensch im ge- 
wohnlichen Bewufitsein gar nicht sieht, weil er seinen aufieren Blick 




heute nicht abfangen lafk von einer wirkliehen, verinnerlichten Archi- 
tektur, und weil er seine Innenschau nicht abfangen lafit von Imagi- 
nativem, von Bildhaftem. Aber was dazwischenliegt: Gehen Sie mit 
dem im Leben herum, gehen Sie herum mit einer durch Imagination ver- 
tieften Innenerkenntnis und mit einem durch aufiere architektonische 
Formen, die nun wirklich aus dem Menschlichen heraus erbaut sind, 
geheilten Sinnesempfinden, dann bekommen Sie die Empfindung, wie 
sie die alteren Menschen gehabt haben fiir die Schicksalsschlage. Wenn 
man das ausbildet, was zwischen diesen beiden liegt, zwischen Empfin- 
dung des wahrhaft Architektonischen und Empfindung des wahrhaft 
symbolisch nach innen Gehenden, dann findet man die Empfanglich- 
keit fiir die Schicksalsschlage. Man empfindet das, was geschieht, als 
heruberkommend aus friiheren Erdenleben. 

Das ist nun wieder die Einleitung zu weiteren Karmabetrachtungen, 
die in der nachsten Zeit angestellt werden sollen und die dann auch das 
«Gut und B6se» in die Karmabetrachtungen einschliefien. 

Aber sehen Sie, es handelt sich ja wirklich darum, dafi in der an- 
throposophischen Bewegung real gedacht wird. Die dem heutigen mo- 
dernen Menschen angemessene Architektur, die seinen Blick in der 



richtigen Weise abfangen konnte und die sein naturalistisches Schauen, 
das ihm das Karma verdeckt und verfinstert, allmahlich in die An- 
schauung hatte hereinbringen konnen, die stand da draufien in einer 
gewissen Form da. Und dafi innerhalb dieser Formen wiederum gespro- 
chen wurde in anthroposophischen Auseinandersetzungen, das gab die 
Innenschau. Und unter allem anderen, was schon hervorgehoben wor- 
den ist, war gerade dieses Goetheanum, dieser Goetheanumbau mit der 
Art und Weise, wie in ihm immer 'mehr und mehr Anthroposophie ge- 
trieben worden ware, die Erziehung zum karmischen Schauen. Diese 
Erziehung zum karmischen Schauen, sie mufi in die moderne Zivili- 
sation herein. 

Aber den Feinden dessen, was herein mufi in diese moderne Civili- 
sation, denen liegt natiirlich daran, daft dasjenige, was im echten, wah- 
ren Sinne den Menschen heranerzieht, was notwendig ist fur die Zi- 
vilisation, abbrennt. Und so ist es moglich, auch da in die tieferen Zu- 
sammenhange hineinzuschauen. Aber hoffen wir, daft in Balde an der- 
selben Stelle wiederum Karmaschauen erweckende Formen vor uns 
stehen! 

Das ist es, was ich heute, wo noch viele fremde, auswartige Freunde 
zuriickgeblieben sind von unserer Osterveranstaltung her, was ich ge- 
rade heute als ein Schlufiwort aussprechen wollte. 



Karmische Betrachtungen 
des individuellen menschlichen Lebens 



SECHSTER VORTRAG 



Dornach,4.Mail924 



Nachdem wir eine Reihe von karmischen Zusammenhangen betrach- 
tet haben, die sich abspielten im geschichtlichen Werden der Mensch- 
heit, und nachdem wir durch diese Betrachtungen gesehen haben, wie 
das eine oder das andere aus einem Erdenleben in die nachsten Erden- 
leben hinuberfliefk, werden wir nunmehr dazu iibergehen, die kar- 
mischen Zusammenhange noch von einem anderen Gesichtspunkte aus 
zu betrachten, von dem Gesichtspunkte, der, ich mochte sagen, noch 
mehr in das unmittelbare menschliche Leben hineinf uhrt. Denn Karma- 
betrachtung hat ja eigentlich nur dadurch einen wirklichen Wert, dafi 
diese Betrachtung in unser lebendiges Ethos, in unsere ganze Lebens- 
und Seelenverfassung hineinfliefien kann, so dafi wir, indem wir uns 
als Mensch in die Welt hineinstellen, durch die karmische Betrachtung 
eine Durchkraftung und zugleich Vertiefung des Lebens erfahren kon- 
nen. Das Leben hat ja viele Ratsel, und nicht alle Ratsel des Lebens 
konnen so betrachtet werden, dafi sie ungeldst bleiben. Denn dadurch 
wiirde der Mensch allmahlich aus seiner eigenen Wesenheit herausge- 
rissen werden. Er wiirde ohne Bekanntschaft mit den Ratseln des Men- 
schenwesens selbst wie ein unbewufkes Wesen sein Dasein verbringen. 
Aber es ist die Aufgabe des Menschen, immer bewulker und bewufiter 
zu werden. Das kann er nur, wenn er alles dasjenige, was eigentlich 
an ihm, seiner Seele und seinem Geiste hangt, wirklich bis zu einem 
gewissen Grade durchschauen kann. Und da nun ein Bestandteil un- 
seres ganzen Lebens und Daseins das Karma ist, so ist es selbstverstand- 
lich, dafi karmische Betrachtungen unmittelbare Betrachtungen fiir die 
Grundlage unseres Menschenlebens sind. 

Nun sind aber karmische Betrachtungen in unmittelbarer Anwen- 
dung auf das Leben gerade fiir das gegenwartige Menschheitsbewufit- 
sein eigentlich aufierordentlich schwer anzustellen. Denn es erfordert 
jede auch nur einigermafien taugliche Betrachtung des Karma in dem 
Leben, das uns umgibt, in dem Leben, in dem wir selber drinnenstehen, 
dafi wir viel, viel objektiver dem Leben gegenuberstehen konnen, als 



das fur ein Bewulksein moglich ist, das aus den gegenwartigen Be- 
dingungen des Lebens, aus den gegenwartigen Bedingungen der Erzie- 
hung herauswachst. 

Es ist eben so vieles in den gegenwartigen Lebensbedingungen, in 
die der Mensch hineinkommt, was die karmischen Zusammenhange 
verdeckt, sie unsichtbar macht, so dafl es aufterordentlich schwierig 
ist, auch nur einigermafien auf das hinzuschauen, was das Leben kar- 
misch, schicksalsgemafi begreiflich macht- 

Der Mensch der Gegenwart ist ja so wenig eigentlich dazu geeignet, 
sich von sich selber loszulosen und an anderes hinzugeben. Der Mensch 
der Gegenwart lebt aufterordentlich stark in sich selbst. Und das Eigen- 
tiimliche ist ja, daft der Mensch heute, gerade wenn er nach dem Geiste 
hinstrebt, wenn er Geistiges aufnimmt, sehr stark in die Gefahr hin- 
einkommt, dadurch noch mehr in sich selber zu leben. Bedenken wir 
nur einmal, meine lieben Freunde, wie es gerade mit dem Sich-Vertief en 
in das anthroposophische Leben oftmals stent. Da wird mancher sich 
sagen konnen, der im Verlaufe seines Lebens in die anthroposophische 
Bewegung hereingekommen ist: Als ich noch draufien stand, da hatte 
ich diese oder jene Beziehungen zum Leben, in denen ich aufging, die 
ich als etwas hinnahm, was mit mir innig zusammenhing. Ich schatzte 
dies oder jenes, ich glaubte, dafi dies oder jenes fur das Leben notwen- 
dig ist. Ich hatte auch Freunde, denen ich nahestehen konnte aus den 
Lebensgewohnheiten heraus, aus dem, was das alltagliche Leben ge- 
bracht hat. Nun bin ich in die Anthroposophie hineingekommen. Da 
hat vieles von dem eigentlich ganzlich aufgehort. Da bin ich heraus- 
gekommen aus den alten Zusammenhangen, da sind mir wenigstens 
diese alten Zusammenhange nicht mehr so wertvoll geblieben, wie sie 
friiher waren. Da wurde mir manches auch von dem, was ich friiher 
gern getan habe, zuwider. Da betrachtete ich es nicht mehr als etwas, 
mit dem ich eigentlich zusammenhangen mochte. 

Aber wenn dann der Mensch, nachdem er eine solche Betrachtung 
angestellt hat, weiter daniber nachdenkt, was denn nun fiir ihn an die 
Stelle davon getreten ist, dann findet er sehr leicht: Eigentlich hat sein 
Egoismus nicht abgenommen. Ich will jetzt das gar nicht in einem ta- 
delnden, irgendwie auch nur mit einer Nuance von tadelndem Sinne 



aussprechen, sondern eben einfach als eine Tatsache hinstellen, die ja 
der Mensch sehr gut an sich selber beobachten kann: Eigentlich hat sein 
Egoismus zugenommen! Eigentlich gibt er jetzt viel mehr acht auf die 
Art und Weise, wie sein Inneres, sein Gemiit beschaffen ist. Eigentlich 
fragt er jetzt viel mehr, als er friiher darnach gefragt hat: Was macht 
der andere Mensch auf mich fiir einen Eindruck? 

Friiher hat er das, was der andere Mensch neben ihm getan hat, mit 
einer gewissen Selbstverstandlichkeit hingenommen. Jetzt tut er es nicht 
mehr. Jetzt fragt er nach dem Eindruck, den es auf ihn macht. Oder 
aber, er stand friiher in irgendeinem Lebenszusammenhang drinnen, 
der ihm ganz plausibel war. Er hat seine Pflichten getan und so weiter. 
Jetzt werden ihm diese Pilichten zuwider, jetzt mochte er heraus aus 
diesen Pflichten, weil er meint, sie seien nicht geistig genug und so fort. 
So fiihrt gerade das geistige Streben innerhalb der Anthroposophie sehr 
leicht in eine Art von Egoismus hinein, in ein sich viel, viel ernster neh- 
men, als man sich vorher genommen hat. 

Die ganze Sache beruht aber darauf, dafi eben in einem solchen 
Falle nicht die Erweiterung der Lebensinteressen nach aufien einge- 
treten ist, sondern dafi sich die Lebensinteressen in das Innere zuriick- 
geschlagen haben. Ich habe es ja oftmals erwahnt, dafi derjenige, der 
nun wirklich hineinwachst, ganz wahrhaftig hineinwachst in das an- 
throposophische Leben, nicht weniger Interesse an dem aufieren Leben 
nimmt, sondern gerade durch die Anthroposophie viel mehr Interesse 
an diesem aulSeren Leben nimmt, dafi alle anderen Wesen anfangen, 
ihm unendlich viel interessanter zu werden, viel mehr wert zu werden. 
Aber dazu ist notwendig, dafi man sich nicht von dem aufieren Leben 
zuriickzieht, sondern daft man in dem aufieren Leben drinnen die Gei- 
stigkeit sieht. 

Gewifi, da treten dann Dinge auf, die man friiher nicht bemerkt hat. 
Aber man mull dann auch den Mut haben, sie zu bemerken und nicht 
iiber sie hinwegzuschauen. Zur karmischen Lebensbetrachtung ist eben 
durchaus notig, sich ein gewisses Mafi von der Gabe anzueignen, aus 
sich herauszugehen, in den anderen hineinzugehen. Das ist naturlich 
ganz besonders schwierig, wenn der andere ein Werkzeug wird zu 
karmischen Ausgleichen im Leben, die einem unangenehm oder viel- 



leicht sogar schmerzlich sind. Aber ohne da$ man auch bei den Din- 
gen, die einem unangenehm und schmerzlich sind, aus sich herausgehen 
kann, ist eigentlich eine karmische, eine wahrhaft geltende karmische 
Lebensbetrachtung nicht moglich. Denn bedenken Sie nur, welche Be- 
dingungen da sind in der "Welt, damit Karma entsteht. 

Wir stehen in einem gewissen Menschenleben drinnen. In diesem 
Menschenleben tun wir, denken wir und fuhlen wir das eine oder das 
andere. "Wir treten in Beziehungen zu Menschen, und innerhalb dieser 
Beziehungen spielt sich das eine oder das andere ab. Wir denken, 
fuhlen, wollen, tun solche Dinge, die einen karmischen Ausgleich for- 
dern. Wir gehen Beziehungen zu Menschen ein, in deren Folgen Dinge 
geschehen, die wiederum einen karmischen Ausgleich fordern. Uber- 
blicken Sie nur einmal von diesem Gesichtspunkte aus ein menschliches 
Erdenleben, und sehen Sie dann darauf hin, dafi am Ende dieses Erden- 
lebens der Mensch durch die Pforte des Todes eingeht in die geistige 
Welt. 

Er lebt jetzt in der geistigen Welt drinnen. In der geistigen Welt 
ist es nicht so wie in der physischen Welt. In der physischen Welt, da 
stehen Sie aufterhalb der anderen Menschen. Auch denen gegeniiber 
stehen Sie aufierhalb, denen Sie schon menschlich nahetraten. Es ist ja 
immerhin zwischen zwei Menschen in der physischen Welt mindestens 
Luft und bei jedem seine Haut. Also Menschen in der physischen Welt, 
wenn sie sich noch so nahetreten, konnen in einem gewissen Sinn sich in 
sich selber zuruckhalten. 

Das ist aber nicht moglich, wenn man durch die Pforte des Todes 
gegangen ist und in der geistigen Welt lebt. Nehmen Sie einen eklatanten 
Fall. Sie haben irgendeinem Menschen etwas zugefiigt, was einen kar- 
mischen Ausgleich fordert. Sie leben mit ihm weiter, nachdem Sie beide 
durch die Pforte des Todes gegangen sind. Sie leben ja dann nicht durch 
Ihren guten Willen oder durch Ihre innere Vollkommenheit in dem 
anderen Menschen - also nicht blofi in sich, sondern wirklich in dem 
anderen Menschen -, sondern Sie leben zwangsweise, wenn ich mich 
so ausdriicken darf, in dem anderen Menschen. 

Nehmen Sie an, der Mensch A und der Mensch B gehen durch die 
Pforte des Todes. Sie sind nachher in der geistigen Welt. B und A ste- 



hen einander gegenuber in der geistigen Welt. Ja, dann lebt, wahrend 
hier B in sich und A in sich gelebt hat, A ebensogut wie in sich in B und B 
ebensogut wie in sich in A. Die Menschen leben ja in der geistigen Welt 
ganz ineinander, und zwar getragen gerade durch diejenigen Krafte, die 
sich in den Erdenleben aufgespeichert haben. Wir kommen nach dem 
Tode nicht zu beliebigen Menschen in Beziehung, sondern eben zu den- 
jenigen Menschen, zu denen sich in Gutem und Bosem Beziehungen er- 
geben haben. Aber diese Beziehungen machen es, dafi wir nicht nur 
in uns, sondern auch in dem anderen leben. 



Nun denken Sie sich, Sie haben irgendeinem Menschen etwas zu- 
gefugt, oder sagen wir, der B hat dem A etwas zugefugt, was einen 
karmischen Ausgleich fordert. Indem nun der B durch die Pforte des 
Todes schreitet, lebt er nach dem Tode, beim Durchgang durch die 
Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in dem A. Er erlebt 
dasjenige, was er dem A zugefugt hat, in dem A darinnen. Und er ver- 
ursacht in diesem Aufler-sich-Leben, dafi der karmische Ausgleich ge- 
schieht. Also dasjenige, was im karmischen Ausgleich in einem nachsten 
Erdenleben durch den Menschen A geschehen soil, das verursachen Sie 
selber durch Ihr Hiniiberleben in den Menschen A. Nur dadurch, 
dafi dann der Mensch A wiederum heruntersteigt in die physische Er- 
denwelt, macht er das, was Sie eigentlich in ihn gelegt haben, zu 
seiner eigenen Tat. Und er kommt Ihnen dann im nachsten Erdenle- 
ben mit dem entgegen, was Sie eigentlich durch ihn sich selber zufii- 
gen wollen. 

Wenn ich also in einem nachsten Erdenleben von einem anderen 




Menschen etwas zugefiigt erhalte als karmischen Ausgleich, so ist es 
so, dafi, wahrend ich in ihm in der Zeit zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt steckte, ich das Stuck fur Stuck selber in ihn gelegt habe. 
Da war es gar nicht seine Tat, sondern zu seiner Tat wird es erst wie- 
derum, indem er heruntersteigt ins irdische Leben. So dafi also die Be- 
dingungen des Karma im Weltenlaufe diejenigen sind, welche durch 
das Ineinanderleben der karmisch verbundenen Menschen in der Zeit 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt da sind. 

Nun, wenn wir das gewohnliche Erdenleben betrachten, dann sehen 
wir eigentlich in diesem gewohnlichen Erdenleben nicht aufierordent- 
lich tief . Wir nehmen von dem anderen Menschen im Grunde genom- 
men aufierordentlich wenig bewufit wahr. Wir merken zum Beispiel 
einen gewissen Unterschied im Verhalten des anderen Menschen zu 
uns aufierordentlich wenig. Uns tritt irgendein Mensch im Leben ent- 
gegen; sagen wir, er verhalt sich in einer gewissen Weise. Nun werden 
wir es ja kaum bemerken, dafi ein Mensch wirklich sich in einer gewis- 
sen Weise zu uns verhalten kann und daft ganz verschiedene Motive 
und Impulse zu diesem Verhalten in ihm stecken konnen. Es kann sich 
ein Mensch feindlich zu mir verhalten. Dieses feindliche Verhalten 
kann so liegen, daft ich einfach durch mein Dasein aufreizend auf ihn 
wirke, dafi er auf etwas ganz anderes im Menschen gestimmt ist als auf 
das, was ich ihm entgegenbringe. Dadurch werde ich von ihm in einer 
gewissen Weise behandelt. Aber diese Behandlung, die kann so liegen, 
dafi sie sich karmisch erst im nachsten Leben irgendwie ausgleicht. Die 
kann etwas ganz Urspriingliches sein, etwas, was gar nicht durch vorige 
Erdenleben bedingt ist. 

Dagegen kann mir eine ganz ahnliche, vielleicht die gleiche Behand- 
lung werden von einem Menschen, in den ich Stiick fur Stuck das, was 
aus dieser Behandlung folgt, in dem Leben zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt hineingepflanzt habe. 

Das Gefiihl, das unterscheiden kann zwischen zwei solchen Behand- 
lungsweisen, die aufierlich gleich sind, dieses Gefiihl ist bei den Men- 
schen der Gegenwart aufierordentlich wenig entwickelt. Sonst wiirde 
viel mehr etwas auftauchen im Leben, was heute im Grunde genommen 
kaum auftaucht, was aber wiederum auftauchen mufi, damit das Ethos 



des Lebens viel reiner werden kann, damit das moralische Empfinden 
viel kraftiger werden kann. Es mufi einfach wiederum auftauchen im 
Leben etwas, was in friiheren Zeitlauften, in gar nicht so weit zuriick- 
liegenden Zeitlauften in der menschlichen Empfindung lag, dafi man 
namlich dem einen Menschen gegeniiber das Gefiihl hat: der hafit dich 
und vollbringt aus Hafi gegen dich diese oder jene Dinge; dafi man bei 
dem anderen Menschen aber das Gefiihl hat: der mull etwas gegen dich 
tun, weil er einfach nicht anders kann. Der erste, der konnte auch an- 
ders; der zweite kann einfach nicht anders, der ist innerlich pradesti- 
niert, sich so zu verhalten. 

Dieses Gefiihl, das in feiner Weise in den Tatsachen des Lebens 
unterschieden werden kann, mul? wiederum allgemeiner werden. Dieses 
Gefiihl wird dem Leben viele Nuancen geben, die aufierordentlich 
wichtig sind im Leben. 

Und dazu kommt ein anderes. Sie werden ja leicht zugeben kon- 
nen, daft der Mensch mit anderen Menschen in Beziehungen kommt 
und dafi an diesen Beziehungen mancherlei hangt, was ihn nicht in der 
gleichen Weise interessiert wie diese Beziehungen selber. Ich will einen 
ganz eklatanten Fall konstruieren. Nehmen Sie an, Sie treten in eine 
Gesellschaft ein - ich meine jetzt nicht die Anthroposophische, die 
schliefie ich aus davon, aus Griinden, die schon noch in dem Verlauf 
dieser Karmavortrage herauskommen werden -, aber in eine Gesell- 
schaft treten Sie ein. Es kann der Grund, warum Sie in diese Gesell- 
schaft eintreten, darinnen liegen, dafi Sie eine karmische Verbindung 
mit einem oder zwei Menschen, vielleicht nur mit einem einzigen Men- 
schen in dieser Gesellschaft haben. Aber Sie miissen, indem Sie in diese 
Gesellschaft eintreten, um dem Menschen, um den es sich handelt, so 
nahezukommen, als es Ihre karmischen Beziehungen notwendig ma- 
chen, alles iibrige der Gesellschaft mitnehmen. Wahrend karmisch wich- 
tig nur die Beziehung zu diesem einen Menschen ist, nehmen Sie alles 
mit, was sonst in dieser Gesellschaft durch Menschen, die Sie da treffen 
und so weiter, an Sie herankommt. 

Da handelt es sich darum, dafi wir auch wissen miissen: Das Leben 
steht uns so gegeniiber, dafi es in der verschiedensten Weise nuancierte 
Beziehungen zu uns hat, von den gleichgiiltigsten Beziehungen zu den 



im tiefsten Sinne bedeutendsten Beziehungen, die unmittelbar neben- 
einanderstehen. 

Aber dazu kommt nun wiederum etwas anderes. Dazu kommt, daft 
das aufiere Leben eben vielfach Maja, die grofie Illusion ist. So dafi es 
sein kann - ich konstruiere wiederum einen Fall daft Sie in eine 
Gesellschaft eintreten, aber die Beziehung zu dem einen Menschen, die 
karmisch gut vorbedingt ist, die stellt sich sehr schwer heraus. Sie mus- 
sen erst mit den verschiedensten anderen Menschen Beziehungen an- 
kniipfen, um an den einen heranzukommen. Sie gehen also durch die 
verschiedensten anderen Menschen, um an den einen heranzukommen. 
Sie gehen dadurch Beziehungen ein mit den anderen Menschen, die, 
ich mochte sagen, vor der robusten Lebensbetrachtung sich aufier- 
ordentlich wirksam erweisen, ja, die sich stark geltend machen, die 
stark da sind, wahrend vielleicht diejenige Beziehung, an die Sie dann 
zuletzt herankommen, die karmisch bedeutsam sein kann, sanft, leise, 
unvermerkt oder fast unvermerkt sich abspielt. 




So dafi es wirklich so sein kann, dafi das karmisch Bedeutende in 
irgendeinem Lebenszusammenhang wie ein kleiner Hiigel neben Rie- 
senbergen erscheint, die aber eine geringe Bedeutung haben. Allerdings 
erscheint dann erst vor einer durchgeistigten Betrachtung der kleine 
Hiigel in seiner wahren Bedeutung. Es ist ja wirklich so, dafi die Ereig- 
nisse, die in unser Leben eintreten, uns viel, viel Tauschungen verur- 
sachen. Wir wissen sie in der Regel, wenn wir nur das eine Erdenleben 
in Betracht ziehen, nicht zu werten. Schaut man andere Erdenleben 
auf dem Hintergrunde, dann kann man das eine Erdenleben erst in 
seinen Ereignissen richtig werten. 



Beispielsweise mochte ich nur etwas anfiihren. Nicht wahr, in un- 
serer Zeit sind ja merkwiirdige Personlichkeiten auf getreten. Abgesehen 
von denen, die ich schon karmisch vor Sie, hingestellt habe, sind man- 
cherlei hochst merkwiirdige Personlichkeiten da oder dort gewesen. 
Und eine aufierliche Betrachtung fiihrt oftmals durchaus nicht in die 
karmischen Zusammenhange hinein, sondern erst eine Betrachtung, die 
auf markante Punkte des Lebens eingehen kann. Und da ergeben sich 
eben dann, ich mochte sagen, mit vollster Klarheit jene Tatsachen, die 
uns darauf aufmerksam machen, wie eigentlich das auftere Leben 
illusionar ist in vieler Beziehung, wenn wir es nicht auf der Grund- 
lage des Geistigen betrachten. Ich habe vor kurzem hier ein Beispiel an- 
gefiihrt, das Ihnen vielleicht sehr merkwurdig vorgekommen ist, das 
Beispiel eines Alchimisten, eines alten Alchimisten aus der Schule des 
Basilius Valentinus, der wieder aufgetreten ist als Frank Wedekind. 

Mich hat zu der Beobachtung dieses merkwiirdigen Karma - der 
Ausgangspunkt ist nicht immer bedeutsam, wenn dann der Ausgangs- 
punkt zu der inneren Klarheit gefiihrt hat, dann natiirlich wird die 
Sache anders - der Umstand gefiihrt, dafi icH kaum jemals solche Hande 
gesehen habe, wie sie Frank Wedekind hatte, und dafi ich dann mit 
diesen Handen Frank Wedekind einmal in Miinchen habe agieren 
gesehen, selber schauspielerisch agieren gesehen in seinem «Hidalla». 
Das ganze scheinbare Chaos dieses Stiickes, das natiirlich ein Horror 
fur ein philistroses Gemiit ist, wie ich schon neulich sagte, im Zusam- 
menhange mit dem Eindruck, den ich von friiher von seinen Handen 
hatte, das liefi eben die alchimistischen Verrichtungen, die er getan hat, 
erscheinen. Und auf der Grundlage gerade des «Hidalla» im Zusam- 
menhange mit diesen merkwiirdigen Handen erschien diese f riihere In- 
karnation, die man dann weiterverfolgen konnte. 

Da sehen Sie, dafi man ein Auge fur dasjenige entwickeln mufi, was 
aufierordentlich bedeutsam an einem Wesen, an einem Menschen na- 
mentlich, sein kann. Es gibt Menschen, bei denen ist das Gesicht das 
Charakteristische. Es gibt aber auch Menschen, bei denen ist es ganz 
und gar nicht das Gesicht, sondern da sind es zum Beispiel die Hande; 
und aus dem Gesicht kann man gar nichts entnehmen, lediglich etwas 
aus den Handen. Wenn man von dem Individuellen ins Allgemeine geht, 



gerade an dem Beispiele, das ich eben angefiihrt habe, dann wird man, 
ich mochte sagen, mit Handen greifen konnen, wie die Sache ist. Gerade 
bei so gearteten Alchimisten des Mittelalters war es ja so, daft sie sich 
eine aufterordentliche Geschicklichkeit der Hande aneignen muftten. 

Ich habe in friiheren Vortragen hier ausgefiihrt, wie von dem, was 
der Mensch als Haupt hat, nichts iibrigbleibt. Aber das, was er in seinem 
iibrigen Organismus hat, das pragt sich dann im Haupte aus. Wenn 
aber der Mensch Kind ist, geht ja die ganze Bildung des Menschen vom 
Haupte aus. Namentlich so ausdrucksvolle Organe wie die Hande 
bilden sich nach den intimsten Impulsen des Hauptes. So kann man 
geradezu erwarten, daft bei jemandem, der gearbeitet hat, wie eben 
Alchimisten arbeiten, etwas besonders Charakteristisches entweder in 
den Handen oder in den Fiiften auftritt. Aber das alles soil ja nur dar- 
stellen, wie wichtig es ist, gerade dies oder jenes als bedeutsam zu neh- 
men, und als unbedeutsam etwas zu nehmen, was oftmals in der Sin- 
neswelt als das Anschaulichste, als das Wesenslichste, als das Groftte 
und so weiter auftritt. 

In unserer Zeit, sagte ich, sind ja mancherlei merkwiirdige Person- 
lichkeiten auf getreten, die dastehen, ohne daft man den Zusammenhang 
voll iiberblicken kann. Da handelt es sich dann darum, gerade bei 
solchen Personlichkeiten auf dasjenige hinschauen zu konnen, was bei 
ihnen eklatant, bedeutsam ist. Daft einer ein grower Kiinstler wird 
zum Beispiel, das ist etwas, was zum kleinsten Telle bedingt zu sein 
braucht in seinem Karma. Aber was er gerade in dieser Kunst treibt, 
wie er in dieser Kunst sich benimmt, das ist etwas, was im Karma be- 
sonders bedingt ist. So zum Beispiel Dinge, die, ich mochte sagen, das 
Leben eigentlich poetisch machen, die enthullen sich gerade vor einer 
karmischen Betrachtung. 

Sehen Sie, man kann da auf eines Menschen f riihere Erdenleben zu- 
riickschauen. Dem jetzigen gegeniiber stehen sie in gewissen Momenten 
ganz merkwiirdig illustrierend da. Aber man versteht es nicht, sich in 
diese Dinge hereinzufinden, wenn man die gewohnlichen Bedingungen 
des Verstehens, des Auffassens des Lebens nimmt. Denn in einem 
ganz anderen Sinne wird das Leben eine Realitat, wenn man sich auf 
karmische Betrachtungen im Ernste einlaftt. 



Ein Beispiel. Ich will es zunachst ganz einfach erzahlen. Ich ging 
auf der Strafie, hatte ein Bild vor mir,- das Bild eines Schif f briichigen. 
Das Schif f , von dem er gekommen war, war weit weg, aber im Unter- 
gehen. Er war in einem Rettungsboote, zueilend auf ein mafiig grofies 
Eiland. Wahrend er doch noch im Zweifel schwebte, ob er mit seinem 
Boote anlangt, urn sich retten zu konnen, hielt er den Blick merkwurdig 
gerichtet - ich beschreibe ein Bild - auf die sprudelnden, schaumenden 
Wellen, so dafi ein Gefiihl da war: der hat noch Sinn, die Wellen anzu- 
schauen, trotzdem er eigentlich davor steht, jeden Augenblick unter- 
gehen zu konnen. Eine durchriittelte, aber in der Durchriittelung, also 
in der leibfreien Art, mit der Natur tief verbundene Seele. 

Derselbe Weg, auf dem ich dieses Bild vor mir hatte, das mit der 
Umgebung gar keinen Zusammenhang hatte, der fiihrte mich dann in 
jene Kunstausstellung hinein, in der ich zum allerersten Mai Bocklins 
«Toteninsel» sah. 

Ich mochte das nur aus dem Grunde erwahnen, damit Sie sehen, 
das Dem-Leben-Gegeniiberstehen mufi sich erweitern, wenn man an 
diese Dinge herankommt. Es handelt sich nicht etwa darum, blofi auf 
das hinzuschauen, was man nun empfinden oder vorstellen konnte in 
bezug auf Bocklin, wenn man die Moglichkeit hat, in der Beobachtung 
seines Karma von seiner «Toteninsel» auszugehen, wahrend man schon 
davorsteht. Das mufi gar nicht so sein, sondern man mufi unter Umstan- 
den, wenn man wissen will, wovon man da auszugehen hat, zuriick- 
gehen auf das, was man vorher wie prophetisch gesehen hat, und mufi 
das damit verbinden. 

Und so ist es auch wiederum wichtig, wenn man einem Menschen 
im Leben begegnet, um karmische Zusammenhange zu finden, nicht 
allein dasjenige zu betrachten, was man just erlebt, wenn man ihm 
nun begegnet ist, sondern es kann aufklarend sein, wie das, was man 
im intimsten Seeleninneren vorher erlebt hat und wovon einem nach- 
her erst das Licht aufgeht, mit dem zusammenhangt, was man nach- 
her sieht an ihm, oder wahrnimmt von ihm oder durch ihn. 

Gerade das, was fur das Karma aufhellend ist, das wirft seine 
Schatten voraus oder auch seine Lichter. Wenn man nicht einen Sinn fur 
diese Intimitaten des Lebens hat, die zuweilen notwendig machen, dafi 



man nicht nur das Zukiinftige mit dem Vergangenen verbindet, sondern 
umgekehrt das Vergangene als etwas ansieht, was Aufschlufi gibt iiber 
das Zukiinftige, wenn man nicht in dieser Intimitat das Leben betrachtet, 
wird man nicht leicht jene innere Regsamkeit der Seele entwickeln, die 
notwendig ist, um sich in karmische Zusammenhange hineinzuleben. 

Man kann sogar sagen: Wenn besonders bedeutsame karmische Er- 
eignisse in das Leben eines Menschen eintreten, so sind diese so, wenn 
sie aufterliche Ereignisse sind, dafi sie mit irgendwelchen innerlichen 
Ereignissen zusammenhangen, die vielleicht jahrelang vorangegangen 
sind. Man mufi sich schon eine solche erweiterte Lebensbetrachtung an- 
eignen. Denn bedenken Sie doch das Folgende: Wenn Sie auf den 
menschlichen Verstand sehen, so wie er im gewohnlichen Bewulksein 
ist, so hat er ja nur seine Beziehung zur Vergangenheit. Er ist wirklich 
ein Epimetheus, der Verstand, er hat nur Beziehung zur Vergangenheit. 
Wenn Sie aber auf das menschliche Fiihlen hinsehen, wie es aus den 
Tiefen des Gemutes herauf seine Nuancierungen erhalt, so kommen Sie 
zu merkwiirdigen Lebensgeheimnissen. Man kann sagen, an dem, was 
der Mensch denkt, kann man sehr wenig ermessen, wie sein Leben ver- 
lauft; an dem, was er fiihlt, sehr stark. Und wenn Sie solch ein Leben 
betrachten, sagen wir dasjenige Goethes, und Sie stellen sich einmal die 
Frage: Wie kann Goethe, sagen wir 1790, gefiihlt haben -, dann be- 
kommen Sie durch die besondere Physiognomie des Goethe-Fiihlens 
im Jahr 1790 die ganze spatere Nuancierung seines Lebens, denn die 
liegt im Keime da drinnen in dem Fiihlen vom Jahre 1790. Sobald wir 
in die Tiefe der Menschenseele hinuntergehen, nehmen wir im Grunde 
genommen - nicht in den Einzelheiten naturlich, aber in der Nuan- 
cierung - das spatere Leben des Menschen durchaus wahr. Und der 
Mensch selber wiirde viel Aufschlufi iiber sein Leben gewinnen konnen, 
wenn er auf die unerklarlichen Gefuhlsnuancen, die nicht von aufien 
bewirkt sind, sondern die aufsteigen, mehr achten wiirde. 

Solch ein Achten wird sich aber der Mensch ganz besonders ange- 
wohnen, wenn er auf alle die Dinge eingeht, die ich heute erwahnt 
habe und die ich weiter erwahnen werde als wichtig fur die Lebens- 
betrachtung, die auf karmische Zusammenhange aufmerksam werden 
will, sei es auf karmische Zusammenhange im eigenen Leben, sei es auf 



karmische Zusammenhange, die ja ebenso wichtig sind, bei Menschen, 
die einem nahestehen. Sehen Sie, da handelt es sich dann darum, nun 
wirklich, wenn man das Karma betrackten will, durch den Menschen 
in einer gewissen Weise durchzuschauen. Solange im Gesichtsfelde, 
mochte ich sagen, der gewohnliche physische Mensch steht, undurch- 
sichtig dasteht, solange man zunachst nur auf seine Physiognomie sieht, 
auf die Art und Weise, wie er sich gebardet, auf die Art und Weise, wie 
er spricht, oder gar auf die Art und Weise, wie er denkt - was ja zu- 
meist uberhaupt nur ein schablonenmafiiger Abglanz dessen ist, wie er 
erzogen ist und was er eriebt hat -, solange man nur auf das alles sieht, 
so lange erscheint eben im Hinschauen durchaus nicht die karmische 
Motivierung. Diese karmische Motivierung erscheint erst, wenn der 
Mensch in einem gewissen Sinne durchsichtig wird. 

Aber wenn der Mensch durchsichtig wird, so wird er es zunachst 
so, dafi man eigentlich das Gefuhl hat, er schwebt in der Luft. Man ge- 
wohnt sich zunachst ab, zu glauben, der Mensch gehe oder bewege die 
Arme und Hande: die verliert man sozusagen zuerst. Verstehen Sie 
mich richtig, meine lieben Freunde: Im gewohnlichen Leben ist einem 
das aufierordentlich wichtig, was der Mensch mit den Armen und 
Beinen tut. Aber das verliert seine Bedeutung, wenn man das Tiefere 
im Menschen betrachten will. Nehmen Sie das im alleraufiersten Ura- 
f ange. Konnen Sie absehen von dem, was ein Mensch mit seinen Armen 
und Handen vollbringt, sehen Sie ihn gewissermafien schwebend - ich 
bitte Sie, sich das nicht zu raumlich-bildlich vorzustellen, sondern mehr 
lebensgemafi -, sehen Sie ihn also gewissermafien schwebend, das heifit, 
legen Sie keinen Wert auf die Reisen, die er gemacht hat, auf die Gange, 
die er gemacht hat, auf das, was er durch seine Beine tut, legen Sie kei- 
nen Wert auf die aufiere Arbeit, die er mit seinen Armen verrichtet, 
sondern sehen Sie darauf, wie er gestimmt ist, wie sein Temperament 
ist, wie alles das ist, woran Arme und Beine keinen Anteil haben: dann 
ist das die erste Durchsichtigkeit, die Sie fur den Menschen gewinnen 
konnen. Stellen Sie sich vor, Sie haben hier irgendeinen Gegenstand, 
Sie sehen zunachst nichts als diesen Gegenstand. (Es wird gezeichnet.) 
Schon. Dann aber wird hier etwas darauf gezeichnet. Nun loschen 
wir das wieder aus. So ist es beim Menschen auch, wenn Sie zur ersten 



Durchsichtigkeit kommen, wenn Sie absehen vom Menschen im Leben, 
wenn Sie absehen von seinen Armen und Beinen. Also Sie miissen ihn 
herausreifien aus den Zusammenhangen, in die er durch die Verrichtung 
seiner Arme und Beine gekommen ist. Wenn Sie ihn dann betrachten, 
dann wird etwas von ihm durchsichtig. Das, was friiher durch die Ta- 
tigkeit der Arme und Beine verdeckt worden ist, das sehen Sie dann 
durch ihn durch. 

Aber was sehen Sie dann? Dann fangen Sie namlich an zu begrei- 
fen, dafi hinter dem Menschen der Mond erscheint. Ich werde den 
dreigeteilten Menschen schematisch zeichnen; nehmen wir an, das hier 
(siehe Zeichnung, elliptischer UmriiR, dreigeteilt) wird zunachst durch- 
sichtig; Arme und Beine iibersehen wir. Dann erscheint uns der Mensch 




nicht mehr so abgegrenzt von dem Weltenall, wie er uns sonst erscheint, 
sondern da beginnt er hinter sich den Mond zu zeigen mit all den Im- 
pulsen, die vom Monde aus auf den Menschen wirken. Wir fangen an 
zu sagen: Ja, der Mensch hat eine gewisse Phantasie, entwickelte oder 
unentwickelte Phantasie. Dafur kann er nichts. Da stehen die Monden- 
krafte dahinter. Die werden uns nur durch das verdeckt, was aus der 
Tatigkeit seiner Arme und Beine hervorgeht. (Die untere Partie wird 
durchgekreuzt.) Jetzt ist das weg, und auf dem Hintergrunde erscheint 
uns der schopferische Mond. (Der Mond wird gezeichnet.) 

Wir gehen weiter. Wir versuchen den Menschen weiter durchsichtig 
zu machen, und denken uns auch das weg. Sagen wir, wir suggerieren 
uns das weg, was den Menschen emotionell macht, was ihn mit einem 



gewissen Temperament begabt macht, was eben die mehr seelischen 
Aufierungen des alltaglichen Lebens sind. Da verschwindet vom Men- 
schen noch mehr, der Mensch wird mehr durchsichtig. Und wir kon- 
nen weitergehen, wir konnen absehen von alledem, was im Menschen 
dadurch ist, dafi er Sinne hat. Also fruher haben Sie abgesehen von 
alledem, was im Menschen ist dadurch, dafi er Arme und Beine hat. 
Jetzt fragen Sie sich, was bieibt von dem Menschen noch iibrig, wenn 
ich absehe davon, dafi er durch seine Sinne etwas wahrgenommen hat? 
Da bieibt noch eine gewisse Denkrichtung iibrig, erne gewisse Impul- 
sivitat seines Denkens, eine gewisse Richtung seines Lebens. Aber daf iir 
wird Ihnen das ganze rhythmische System, die Brust des Menschen 
durchsichtig. Jetzt ist auch dieses weg, und im Hintergrunde erscheint 
Ihnen alles das, was an Sonnenimpulsen da ist (siehe Zeichnung, Mitte). 
Sie schauen durch den Menschen durch und schauen eigentlich auf die 
Sonne, wenn Sie von alledem absehen, was der Mensch durch seine 
Sinne wahrgenommen hat. Das konnen Sie bei sich selber machen. Sie 
konnen sich fragen: Was habe ich durch meine Sinne? - "Wenn Sie da- 
von absehen, sehen Sie durch sich selber durch und sehen sich als ein 
Sonnengeschopf. Und wenn Sie jetzt auch noch absehen von seinen 
Gedanken, seiner Denkrichtung, dann verschwindet der Kopf auch 
noch. Der ganze Mensch ist fort. Sie sehen durch und sehen zuletzt 
Saturn im Hintergrunde. Aber in diesem Augenblicke liegt Ihnen das 
Karma des Menschen, oder Ihr eigenes Karma, blofi da. Denn in dem 
Augenblicke, wo Sie die Saturnwirkungen im Menschen beobachten, 
wo Ihnen der Mensch ganz durchsichtig geworden ist und Sie ihn so- 
weit betrachten, dafi Sie ihn auf dem Hintergrunde des ganzen Plane- 
tensystems schauen, auf dem Hintergrunde von Mond, Sonne, Saturn, 
in diesem Augenblicke liegt Ihnen das Karma des Menschen da. Und 
wenn man von praktischen Karmaiibungen spricht - ich habe ja er- 
zahlt, daft ich es schon im Beginne der Errichtung der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft tun wollte, dafi es dazumal nur noch nicht ge- 
gliickt ist so mufi man eigentlich so anfangen, man raufi sagen: Es 
handelt sich darum, dafi wir bei uns oder bei anderen zunachst ab- 
sehen von allem, was wir im Leben dadurch sind, dafi wir arm- und 
beinbegabte Wesen sind. Das mussen wir fortdenken. 



Also, was Sie jemals dadurch erlangt haben, dafi Sie arm- und 
beinbegabte Wesen sind, das miissen Sie sich wegdenken. Nun werden 
Sie sagen: Ja, aber unser Karma erfiillen wir gerade dadurch, daft wir 
Arme und Beine haben! Das ist es eben! Solange Sie auf die Arme und 
Beine hinsehen, sehen Sie das nicht, was Sie dadurch erfiillen, dafi Sie 
Arme und Beine haben. Sie sehen erst das, was Sie dadurch erfiillen, 
daft Sie Arme und Beine haben, wenn Sie auf die Arme und Beine nicht 
mehr hinsehen. Wenn Sie aber in der Arm- und Beintatigkeit dasjenige 
wirksam finden, was von Mondenimpulsen ausgeht, dann handelt es 
sich darum, daft wir weitergehen und absehen von dem, was der Mensch 
in sich aufnimmt durch seine Sinne, was er in seiner Seele hat durch 
seine Sinne, sei es bei uns oder bei anderen. Wir sehen ihn als Sonnen- 
wesen, wir sehen den Sonnenimpuls in ihm. Und dann handelt es sich 
darum, daft wir absehen davon, daft er eine gewisse Denkrichtung hat, 
eine gewisse Seelenrichtung hat und so weiter. Dann sehen wir, wie er 
ein Saturnwesen ist. 

Kommen wir so weit, dann haben wir den Menschen noch einmal 
vor uns, aber jetzt als Geist. Jetzt gehen auch die Beine, jetzt arbeiten 
auch die Arme, aber geistig, und zeigen uns wieder das, was sie tun; 
aber sie zeigen es uns nach den Kraften, die in ihnen walten. Und das 
muft man ja erfahren. 

Wenn ich das geringste tue, wenn ich hier die Kreide aufhebe - 
solange ich bloft dieses Faktum sehe: «die Kreide- Auf nehmen», so 
lange weift ich nichts von Karma. Ich mufi das alles wegschaffen. Ich 
muft es dahin bringen, daft es sich mir noch einmal im Bilde nach- 
schaffen kann, daft es im Bilde drinnen erscheint. Nicht durch die 
Kraft, die jetzt in meinen Muskeln liegt - aus der wird nichts erklar- 
lich -, aber in dem Bilde, das dann an die Stelle tritt, erscheint das- 
jenige, was aus vorigen Inkarnationen heraus die Hand bewegen lafit, 
um die Kreide aufzunehmen. 

Und so ist es, wenn ich auf die geschilderte Weise nach und nach 
den sichtbaren Menschen wegschaffe und hinter ihm seine Mondenim- 
pulse, seine Sonnenimpulse, seine Saturnimpulse sehe. Dann kommt 
mir aus dem Weltenall das Bild des Menschen wieder entgegen. Aber 
das ist jetzt nicht der Mensch in seiner gegenwartigen Inkarnation, das 



ist der Mensch in irgendeiner seiner vorigen Inkarnationen oder in ein 
paar vorigen Inkarnationen. Ich mufi erst dazu kommen, dafi der 
Mensch, den ich hier neben mir herumwandeln sehe, durchsichtig fur 
mich wird, immer durchsichtiger und durchsichtiger, indem ich von 
seinem ganzen Leben absehe. Dann tritt an denselben Ort, aber her- 
vorkommend aus Weltenfernen, der Mensch, wie er einmal war in 
fruheren Erdenleben. 

Es wird Ihnen heute vielleicht noch nicht ganz durchsichtig und 
verstandlich sein, was iiber diese Zusammenhange gesagt worden ist. 
Ich wollte heute auch erst f adenschlagend hinweisen auf das, was nun in 
der nachsten Zeit von uns beriihrt werden soli, wo wir eben eintreten 
wollen in immer genauere und genauere Betrachtungen des Wesens von 
Karma, wie es im Menschenleben von Erdendasein zu Erdendasein 
fliefit. 



SIEBENTER VORTRAG 



Dornach, 9. Mai 1924 

Es soil heute damit begonnen werden, die inneren Verrichtungen der 
Seele zu besprechen, die den Menschen dazu fiihren konnen, allmahlich 
Anschauungen zu bekommen, Gedanken zu bekommen iiber das Kar- 
ma. Diese Gedanken, diese Anschauungen konnen sich nur so ergeben, 
dafi der Mensch Erlebnisse, welche eine karmische Verursachung ha- 
ben, auch im Lichte des Karma sehen kann. 

Nun sehen wir ja, wenn wir uns in unserer menschlichen Umgebung 
umsehen, eigentlich nur dasjenige, was in der physischen Welt auf phy- 
sische Art durch physische Kraft verursacht ist. Und wenn wir doch 
etwas in der physischen Welt sehen, das nicht durch physische Krafte 
verursacht ist, so sehen wir es durch aufiere physische Substanzen, 
aufiere physische Wahrnehmungsobjekte. Gewifi, wenn ein Mensch aus 
seinem Willen heraus etwas tut, so ist das ja nicht verursacht durch 
physische Krafte, durch physische Ursachen, denn es kommt eben in 
vieler Beziehung aus dem freien Willen des Menschen heraus. Aber 
alles das, was wir aufierlich sehen, geht ja restlos auf in physisch-sinn- 
lichen Erscheinungen innerhalb der Welt, die wir so beobachten. Im 
ganzen Umkreis dessen, was wir so beobachten konnen, kann uns der 
karmische Zusammenhang eines Erlebnisses, das wir selbst durchma- 
chen, nicht aufgehen. Denn das ganze Bild dieses karmischen Zusam- 
menhanges steht eben in der geistigen Welt, ist eigentlich eingeschrie- 
ben in demjenigen, was Atherwelt ist, was der Atherwelt dann als die 
astralische Aufienwelt zugrunde liegt, oder als die Welt der geistigen 
Wesenheiten, die in dieser astralischen Aufienwelt wohnen. Das alles 
wird ja nicht gesehen, wenn wir blofi unsere Sinne hinrichten auf die 
physische Welt. 

Alles, was wir in der physischen Welt wahrnehmen, wird ja durch 
unsere Sinne wahrgenommen. Diese Sinne wirken, ohne dafi wir eben 
viel dazu tun konnen. Unser Auge empfangt die Lichteindriicke, die 
Farbeneindriicke, ohne daft wir viel dazu tun konnen. Wir konnen 
hochstens, und das auch halb unwillkiirlich, unsere Augen in eine be- 



stimmte Richtung einstellen, wir konnen hinschauen, wir konnen weg- 
schauen. Da liegt auch schon viel Unbewufites darinnen, aber immer- 
hin wenigstens ein Stiickchen Bewufitsein. Und gar erst das, was das 
Auge innerlich tun mufi, um eine Farbe zu sehen, diese ungemein weis- 
heits voile, grofiartige innere Tatigkeit, die ausgeiibt wird, wenn wir 
irgend etwas sehen, die konnten wir als Mensch nicht zustande bringen, 
wenn wir sie bewufit zustande bringen sollten. Davon konnte gar keine 
Rede sein. Das alles mufi zunachst unbewufit geschehen, weil es viel 
zu weise ist, als dafi der Mensch irgendwie etwas dazu tun konnte. 

Man mufi sich einmal, um einen richtigen Gesichtspunkt gegemiber 
der Erkenntnis des Menschen zu gewinnen, durchdringen mit dem, was 
alles in der Welt da ist an weisheitsvollen Einrichtungen, die der Mensch 
nicht hervorbringen kann. "Wenn der Mensch nur immer an dasjenige 
denkt, was er kann, so versperrt er sich eigentlich alle Wege zur Er- 
kenntnis. Es beginnt im Grunde genommen der Erkenntnisweg damit, 
daft man in der bescheidensten Weise sich klarmacht, was man alles 
nicht kann und was doch geschehen mufi im Weltendasein. Das Auge, 
das Ohr, sogar die anderen Sinnesorgane sind ja so weise, so grund- 
weise Einrichtungen, dafi die Menschen lange werden studieren mus- 
sen, um ein ganz Weniges davon zu ahnen wahrend des Erdendaseins. 
Das mufi man sich wirklich ganz bewufit vor Augen stellen. Aber so 
unbewufit kann die Beobachtung des Geistigen nicht erfolgen. In alte- 
ren Zeiten der Menschheitsentwickelung war das auch fiir die Beob- 
achtung des Geistigen der Fall; da gab es ein instinktives Hellsehen. 
Das ist dasjenige, was verglommen ist in der Menschheitsentwickelung. 

Es mufi nunmehr von dem Menschen bewufit eine Stellung zum 
Weltenall errungen werden, durch die die Menschen das Geistige durch- 
schauen konnen. Und ein Geistiges mufi durchschaut werden, wenn 
die karmischen Zusammenhange durchschaut werden sollen fiir irgend- 
ein Erlebnis, das wir haben. 

Nun kommt es darauf an, dafi wir wenigstens fiir die Beobachtung 
des Karma damit beginnen, dafi wir aufmerksam werden auf dasjenige, 
was in uns geschehen kann zum Herausholen der Beobachtung iiber die 
karmischen Zusammenhange. Wir miissen dann ein klein wenig dazu 
tun, um diese Beobachtungen zum Bewufitsein zu bringen. Mehr miis- 



sen wir dazu tun, als wir zum Beispiel fiir das Auge tun, um die Farbe 
zum Bewufitsein zu bringen, Meine lieben Freunde, was man da lernen 
mufi zunachst, das schiebt sich zusammen in das eine Wort: warten. 
Man mufi auf die inneren Erlebnisse warten konnen. 

Ich habe schon einmal iiber dieses Warten-Konnen gesprochen. Es 
war etwa im Jahre 1889 - ich werde auch das noch in meinem «Lebens- 
gang» zu erzahlen haben -, da trat zuerst an mich das innere geistige, 
das spirituelle Gefiige von Goethes «Marchen von der griinen Schlange 
und der schonen Lilie» heran. Und da war es zuerst, wo gewissermafien 
die Anschauung eines grofieren Zusammenhanges, weiteren Zusammen- 
hanges, als er in dem Marchen selbst gegeben ist, an mich herantrat. 
Aber ich wuftte auch dazumal: Das, was ich einmal mit diesem Zu- 
sammenhang werde anfangen konnen, das kann ich jetzt noch nicht 
damit anfangen. Und so blieb dasjenige, was sich mir dazumal nur 
durch die Veranlassung des Marchens offenbarte, einfach in der Seele 
liegen. 

Dann trat es noch einmal hervor, 1896, sieben Jahre darnach, aber 
auch noch nicht so, dafi es gestaltet werden konnte. Dann wiederum 
sieben Jahre darnach, 1903 etwa. Auch da, trotzdem es in grofier Be- 
stimmtheit und in Zusammenhangen auftrat, konnte es noch nicht ge- 
staltet werden. So verwandelt, dafi es in ganz plastischer Weise ge- 
staltet werden konnte, trat es erst dann auf, als ich meine erste Myste- 
riendichtung, «Die Pforte der Einweihung», wiederum sieben Jahre 
darnach, konzipierte. 

Solche Dinge erfordern also ein wirkliches Warten, ein Reifenlassen. 
Man mufi da mit seinen eigenen Erlebnissen zu dem iibergehen, was 
sonst auch in der Welt da ist. Man kann einfach nicht, wenn erst der 
Keim einer Pflanze vorhanden ist, die Pflanze schon haben. Man mufS 
den Keim in die entsprechenden Bedingungen bringen, man mulS ihn 
zum Wachsen bringen, und man mufi abwarten, bis aus dem Keime 
die Bliite und wiederum die Frucht wird. Und so muS man es auch mit 
den Erlebnissen, die man durchmacht, zustande bringen. Man darf 
nicht auf dem Standpunkte stehen: Weil man irgendein Erlebnis hat, 
weii es gerade da ist, hat man Sensation dafiir, und dann vergifit man 
es. Wer iiberhaupt in dieser Weise mit Erlebnissen umgeht, daft er sie 



nur als gegenwartige haben will, der wird wenig wirklich tun konnen, 
um in die geistige Welt zur Beobachtung hineinzukommen. Da mufi 
man warten konnen, da mu$ man in der Seele die Erlebnisse reifen 
lassen konnen. 

Nun ist ja eine Moglichkeit eines verhaltnismafiig schnellen Reifens 
fiir die Auffassung karmischer Zusammenhange vorhanden, wenn man 
in Geduld langere Zeit hindurch ganz innerlich energisch versucht, das- 
jenige im Bewufltsein und immer mehr und mehr im Bewulksein sich 
abspielen zu lassen, was sich sonst so abspielt, dafi es da ist, aber nicht 
ordentlich aufgefafk wird und einfach verglimmt im Leben. So ist 
es ja schliefilich mit den Ereignissen, Was tut denn der Mensch mit den 
Ereignissen, mit seinen Erlebnissen, die eben im Tageslauf an ihn heran- 
kommen? Er erlebt sie eigentlich halb beobachtend. Sie konnen sich 
ein Bild davon machen, wie die Erlebnisse halb beobachtet werden, 
wenn Sie sich einmal - und ich rate dazu, es zu tun - nachmittags oder 
abends hinsetzen und sich fragen: Was habe ich eigentlich heute um 
halb zehn Uhr am Morgen erlebt? - Aber nun versuchen Sie einmal, in 
alien Einzelheiten, mit alien Details sich ein solches Erlebnis vor die 
Seele zu rufen, als ob es nun wiederum, meinetwillen um halb acht Uhr 
abends, einfach da ware, als ob es dastiinde, als ob Sie es geistig-ktinst- 
lerisch darstellten vor sich. Sie werden sehen, wieviel Ihnen fehlt, 
wieviel Sie nicht beobachtet haben, wie schwer das wird. Sie werden, 
wenn Sie sich eine Feder oder einen Bleistift nehmen, um das aufzu- 
schreiben, sehr bald anfangen, in den Bleistift oder in die Feder hinein- 
zubeifien, weil Ihnen eben die Details nicht einf alien und Sie sie schliefi- 
lich herausbeifien wollen aus dem Bleistift. 

Ja, darauf kommt es aber zunachst an, sich die Aufgabe zu stellen, 
ein Erlebnis, das man gehabt hat, mit aller Scharf e sich - nicht wenn es 
dasteht, sondern hinterher - vor die Seele zu stellen, wie wenn man 
geistig es malen wollte, es so vor die Seele zu stellen, dafi, wenn zum 
Beispiel in dem Erlebnisse etwas ist, wo jemand gesprochen hat, Sie 
sich das ganz gegenstandlich machen: den Klang seiner Stimme, die 
Art und Weise, wie er geschickt oder ungeschickt die Worte gesetzf 
hat und so weiter, stark, energisch, kurz, das zum Bilde zu bringen, 
was man erlebt hat. Wenn man in dieser Weise ein solches Erlebnis des 



Tages zum Bilde bringt, dann beschaftigt sich in der nachsten Nacht, 
wenn der astralische Leib aus dem Atherleib und dem physischen Leib 
heraus ist, der astralische Leib mit diesem Bilde. Er ist eigentlich selber 
der Trager dieses Bildes, er gestaltet dieses Bild jetzt draufSen aufier 
dem Leibe aus. Er nimmt es mit, wenn er hinausgeht in der ersten Nacht. 
Er gestaltet es da draufien aufSer dem physischen und dem Atherleib 
aus. 

So haben wir das erste, wir wollen diese Etappen ganz genau neh- 
men: Der schlafende Astralleib gestaltet aufier dem physischen und 
dem Atherleib das Bild des Erlebnisses. Wo tut er das? Das tut er im 
aufieren Ather. Er ist ja jetzt in der aufieren Atherwelt. 

Stellen Sie sich jetzt den Menschen vor: Sein physischer Leib und 
sein Atherleib liegen im Bette, draufien ist der astralische Leib. Von 
dem Ich wollen wir absehen. Da draufien ist der astralische Leib, dieses 
Bild, das man sich gemacht hat, nachbildend; aber er tut das im aufieren 
Ather. Dadurch geschieht folgendes. 




Stellen Sie sich vor, der astralische Leib ist da draufien (siehe Zeich- 
nung, gelb). Jetzt gestaltet er da draufien dieses Bild, das ich rot zeich- 
nen will - es ist natvirlich alles schematisch. Dieses Bild gestaltet er. 
Das alles geschieht im aufieren Ather; der auflere Ather, der inkrustiert 



gewissermafSen mit seiner eigenen Substanz dasjenige, was da im Astral- 
leib als Bild geformt ist. Also der aufiere Ather bildet hier iiberall die 
Atherform (blau) als ein so scharf ins geistige Auge gefafites Bild. 

Jetzt kommen Sie am Morgen in den physischen und in den Ather- 
leib zurikk, tragen das hinein, was vom aufieren Ather hineinsubstan- 
tiiert ist. Also: der schlafende Astralleib gestaltet aufter dem physischen 
und dem Atherleib das Bild des Erlebnisses; der aufiere Ather bildet 
die eigene Substanz dem Bilde ein. 

Sie konnen sich vorstellen, dafi dadurch das Bild starker wird und 
dafi jetzt, wenn am Morgen der astralische Leib zuriickkommt mit 
diesem starker Substantiierten, er einen Eindruck machen kann auf 
den Atherleib im Menschen. Mit dem, was als Krafte vom aufSeren 
Ather stammt, macht er jetzt einen Eindruck in den Atherleib des 
Menschen. So dafi .das zweite ist: Vom Astralleib wird das Bild dem 
Atherleib des Menschen eingepragt. 

Das sind die Ereignisse: erster Tag, erste Nacht (siehe Schema Seite 
124). Jetzt kommen wir an den zweiten Tag heran. Wahrend des zwei- 
ten Tages, wahrend Sie sich da mit den anderen Kinkerlitzchen des 
Lebens im vollen Wachbewufitsein beschaftigen, da geschieht unter dem 
Bewufksein, im Unbewufiten dieses, dafi das Bild sich in den Atherleib 
hinuntersetzt. Und in der nachsten Nacht arbeitet der Atherleib, wenn 
er ungestort ist, wenn der astralische Leib wieder draufien ist, dieses 
Bild aus. So wird also in der zweiten Nacht das Bild von dem eigenen 
Atherleib des Menschen ausgearbeitet. Also zweitens: Vom Astralleib 
wird das Bild dem Atherleib des Menschen eingepragt, und der Ather- 
leib arbeitet in der nachsten Nacht das Bild aus. 

Damit haben wir: Zweiter Tag und zweite Nacht (siehe Schema). 

Nun werden Sie, wenn Sie dies durchmachen, wenn Sie wirklich es 
nicht verschmahen, sich so fortzubeschaftigen mit dem Bilde, das Sie 
sich am vorhergehenden Tag geformt haben - und Sie konnen sich 
fortbeschaftigen aus einem Grunde, den ich gleich angeben werde -, 
wenn Sie es nicht verschmahen, sich so fortzubeschaftigen mit diesem 
Bilde, dann werden Sie mit diesem Bilde eben weiterleben. 

Was heifit, sich damit fortbeschaftigen? Sehen Sie, wenn Sie sich 
wirklich Miihe geben, solch ein Bild stramm zu bilden, mit charak- 



teristischen, starken Linien ganz plastisch auszuarbeiten am ersten Tag, 
nachdem Sie das Erlebnis gehabt haben, dann haben Sie sich schon 
geistig angestrengt. So etwas kostet geistige Anstrengung. Verzeihen 
Sie, es soli nicht eine Anspielung sein - die Anwesenden sind ja immer 
bei alien diesen Dingen ausgenommen -, aber gesagt werden raufi doch: 
Die meisten Menschen kennen namlich gar nicht das, was geistige An- 
strengung ist, denn die geistige Anstrengung, die wirkliche geistige An- 
strengung geht erst durch Aktivitat der Seele vor sich. Wenn man so 
die Welt auf sich wirken laik, die Gedanken ablaufen lafit, ohne diese 
Gedanken in die Hand zu nehmen, dann hat man keine geistige An- 
strengung. Miide werden, das bedeutet nicht, geistige Anstrengung ge- 
habt haben. Man darf nicht sich einbilden, wenn man von irgend 
etwas miide wird, dafi man sich geistig angestrengt hat. Miide kann 
man zum Beispiel auch beim Lesen werden. Aber wenn man nicht 
selber irgendwie mitproduzierend tatig ist beim Lesen, wenn man nur 
die Gedanken des Buches auf sich wirken lafit, strengt man sich ja nicht 
an. Im Gegenteil, derjenige, der sich wirklich geistig angestrengt hat, 
der aus der inneren Aktivitat der Seele heraus sich angestrengt hat, der 
greift dann zu einem Buch, und zwar zu einem sehr interessanten; dann 
schlaft er gerade die geistige Anstrengung im Lesen am allerbesten aus. 
Aber einschlafen kann man naturlich iiber einem Buche, wenn man 
miide geworden ist. Dieses Miide-Werden ist gar nicht ein Zeichen fur 
die geistige Anstrengung. 

Ein Zeichen aber fiir die geistige Anstrengung ist dieses, dafi man 
spurt, das Gehirn ist abgenutzt, so wie man spurt, wenn man oftmals 
gehoben hat: der Armmuskel ist in Anspruch genommen gewesen. 
Durch das gewohnliche Denken wird das Gehirn nicht in solche Mit- 
leidenschaft gezogen. Nun, das geht einem namlich nach, und Sie 
werden sogar bemerken, wenn Sie das Ding zum ersten Mai machen 
und wenn Sie das Ding zum zweiten Mai, zum dritten Mai, zum zehn- 
ten Mai machen: da bekommen Sie einen leisen Kopfschmerz. Nicht 
dafi Sie miide werden oder einschlafen, im Gegenteil: Sie konnen nicht 
einschlafen, Sie bekommen viel eher einen leisen Kopfschmerz davon. 
Diesen Kopfschmerz miissen Sie nur nicht als einen solchen betrach- 
ten, den Sie verabscheuen, sondern im Gegenteil als einen solchen, 



der eigentlich ein Zeugnis dafiir ist, dafi Sie den Kopf angestrengt 
haben. 

Nun, das geht Ihnen nach, das geht Ihnen so lange nach, bis Sie ein- 
geschlafen sind. Am Morgen werden Sie, wenn Sie das wirklich ge- 
macht haben am vorhergehenden Tage, schon aufwachen mit dem Ge- 
fuhl: Da ist etwas in mir! Ich weifi nicht recht, was, aber da ist etwas 
in mir, da will etwas von mir etwas haben. Ja, das ist doch nicht so 
gleichgiiltig, dafi ich gestern mir dieses Bild gemacht habe, das hat doch 
eigentlich etwas zu bedeuten: Dieses Bild hat sich verwandelt. Dieses 
Bild verursacht, dalS ich heute ganz andere Gefuhle habe, als ich bisher 
eigentlich gehabt habe; das Bild macht mir ganz bestimmte Gefuhle. 

Das bleibt Ihnen fur den nachsten Tag als das restierende innere 
Erlebnis fur das Bild, das Sie sich gemacht haben. Und dieses, was Sie 
da fiihlen, was Sie den ganzen Tag nicht loskriegen, das ist ein Zeug- 
nis dafiir, dafi das Bild nun hinuntergeht, wie ich es hier beschrieben 
habe, in den Xtherleib und da& der Xtherleib es aufnimmt. 

Nun werden Sie wahrscheinlich nach der nachsten Nacht beim 
Aufwachen - wenn Sie also wiederum nach diesen zwei Tagen hier 
(siehe Schema) in den Leib hineinschlupfen - erleben, dafi Sie da drin- 
nen dieses Bild etwas umgestaltet, etwas verwandelt wiederfinden. Sie 
finden es wieder, gerade im Aufwachen des dritten Tages finden Sie 
es wieder in sich; es scheint Ihnen wie ein sehr realer Traum. Aber eine 
Veranderung hat es durchgemacht, es ist nicht so geblieben, es ist etwas 
anderes. Es wird sich in mannigfaltige Bilder kleiden, bis es anders ist. 
Es wird sich Ihnen in das Bild kleiden, als ob da irgendwie geistige 
Wesen waren, die Ihnen dieses Erlebnis nunmehr bringen. Und Sie be- 
kommen formlich den Eindruck: Ja, dieses Erlebnis, das ich da gehabt 
habe, das ich mir so ins Bild gebracht habe, das ist mir eigentlich zuge- 
tragen worden. - Wenn es ein Erlebnis mit einem Menschen war, so 
hat man das Gefuhl, nachdem dies alles geschehen ist: Eigentlich hat 
man nicht nur durch den Menschen das erlebt, sondern es ist einem zu- 
getragen worden. Da sind andere, da sind geistige Machte mit im Spiel, 
die haben einem das zugetragen. 

Nun kommt der folgende Tag. Am folgenden Tag wird das Bild 
vom Atherleib in den physischen Leib hinuntergetragen. Der Ather- 



leib pragt am folgenden Tag dieses Bild dem physischen Leib ein, wirk- 
lich den Nervenvorgangen, den Blutvorgangen ein. Am dritten Tag 
wird das Bild in den physischen Leib hinunter eingepragt. Also wir 
miissen sagen, drittens: Vom Atherleib wird das Bild dem physischen 
Leib des Menschen eingepragt. 

Und nun kommt die nachste Nacht, nachdem also am Tage - wah- 
rend Sie wiederum die gewohnlichen Kinkerlitzchen des Lebens absol- 
vieren - da unten dieses Wichtige vorgeht, daft dieses Bild Ihnen hin- 
untergetragen wird in den physischen Leib. Es geht das im Unterbe- 
wuftten vor. Da wird dann, wenn nun wiederum die nachste Nacht 
kommt, im phyischen Leib dieses Bild verarbeitet. Es wird namlich 
das Bild im physischen Leibe vergeistigt. Zunachst wird wahrend des 
Tages dieses Bild in Blut-, in Nervenvorgange hinuntergebracht, aber 
in der Nacht wird es vergeistigt. Wer da sehen kann, sieht, wie dieses 
Bild nun vom physischen Leib verarbeitet wird, aber als geistig ganz 
verandertes Bild erscheint. Man kann sagen: Der physische Leib arbei- 
tet in der nachsten Nacht das Bild aus. 



Erster Tag 
Erste Nacht 



' 1 . Der schlaf ende Astralleib gestaltet aufter dem phy- 
sischen und dem Atherleib das Bild des Erlebnisses. 
Der auftere Ather bildet die eigene Substanz dem 
Bilde ein. 



Zweiter Tag I ^* Astralleib w * rc ^ ^ as ^em Atherleib des 
Zweite Nacht I ^ ensc ^ en eingepragt. Und der Atherleib arbeitet in 

der nachsten Nacht das Bild aus. 

Dritter Tag I ^' ^ om Atherleib wird das Bild dem physischen Leib 
Dritte Nacht I ^ eS •^■ ensc ^ ien em g e pragt. Und der physische Leib 

arbeitet in der nachsten Nacht das Bild aus. 



Das ist nun etwas, was Sie sich nur ganz richtig vorstellen miissen. Der 
physische Leib arbeitet wirklich dieses Bild geistig aus. Er vergeistigt 
es. So daft, wenn Sie wirklich das alles durchgemacht haben, dann das 
eintritt, daft einfach, wenn der Mensch nun schaft, der physische 
Leib das Ganze ausarbeitet, aber nicht so, daft es im physischen Leibe 



drinnenbleibt. Es entsteht iiberall aus dem physischen Leibe heraus eine 
Umgestaltung, eine machtige, vergrofierte Umgestaltung des Bildes. 
Und wenn Sie nun aufstehen, dann steht dieses Bild da, in dem Sie 
eigentlich drinnen schweben, das eigentlich wie eine Art Wolke ist, in 
der Sie drinnen sind. Mit diesem Bilde stehen sie auf . 




Das ist also der dritte Tag und die dritte Nacht. Mit diesem Bilde, 
das ganz verwandelt ist, mit dem kriechen Sie an dem vierten Tag aus 
dem Bette heraus. In dieser Wolke (siehe Zeichnung, rot) eingeschlossen, 
stehen Sie auf. Und haben Sie tatsachlich mit der notigen Starke am 
ersten Tage das Bild gebildet, sind Sie aufmerksam darauf gewesen, 
was Ihnen Ihr Gefiihl gegeben hat am zweiten Tag, so werden Sie jetzt 
bemerken: Da in diesem jetzigen Bilde sitzt Ihr Wille drinnen. Da sitzt 
der Wille darinnen, aber dieser Wille, der kann sich nicht ausleben, der 
ist wie geiesselt. Es ist tatsachlich so, etwas extrem ausgedriickt, wie 
wenn man sich vorgenommen hatte - wie ein unglaublich kiihner 
Schnellaufer irgendein Bravourlaufstiickchen auszufuhren sich vor- 
nimmt — : Ich renne, ich renne jetzt hinunter nach Oberdornach, ich 
stelle mir es schon vor, habe das in mir. Mein Wille ist es, aber in diesem 
Augenblick, wo ich ansetzen will, wo der Wille am starksten ist, da 
fesselt mich jemand, so daft ich steif dastehe, dafi der ganze Wille ent- 
wickelt ist, aber ich den Willen nicht zur Ausfuhrung bringen kann. 
So ungefahr ist der Vorgang. 

Wenn sich dieses Erlebnis dann entwickelt, dafi man sich so wie im 
Schraubstock fuhlt - denn es ist ein Sich-Fuhlen wie im Schraubstock 



nach der dritten Nacht -, wenn man wieder aufwacht und sich so f iihlt 
wie im Schraubstock, der Wille ganz durch und durch gefesselt ist, 
dann, wenn man darauf aufmerksam werden kann, verwandelt sich 
dieser Wille: dieser Wille wird zum Sehen. Er kann nichts, aber er fiihrt 
dazu, daft man etwas sieht. Er wird zum seelischen Auge, und das Bild, 
mit dem man da aufgestanden ist, dieses Bild wird gegenstandlich. Und 
das ist dann das Ereignis des vorigen Erdenlebens, oder eines vorigen 
Erdenlebens, welches das, was man am ersten Tag im Bilde entworfen 
hat, wiederum verursacht hat. Man bekommt durch diese Verwand- 
lung durch Gefuhl und Wille hindurch das Bild des verursachenden 
Ereignisses aus einem fruheren Erdenleben. 

Alle die Dinge nehmen sich, wenn man sie schildert, ein wenig ge- 
waltsam aus. Das ist ja nicht zu verwundern, denn sie sind dem heu- 
tigen Menschen ganz und gar nicht bekannt. 

Aber nicht so unbekannt damit waren Menschen in fruheren Kultur- 
epochen. Nur waren diese in ihrem ganzen Leben - nach der Ansicht 
der gegenwartigen Menschen, die gescheit sind - dumm. Aber diese Er- 
lebnisse haben diese dummen Menschen in fruheren Kulturepochen 
schon gehabt. Der heutige Mensch verdunkelt nur das alles durch sei- 
nen Intellekt, der ihn gescheit macht, aber nicht gerade weise. 

Nun, ich sage, es nimmt sich etwas tumultuarisch aus, wenn man 
die Sache so erzahlt. Aber man mufi ja solche Worte gebrauchen. Weil 
die Dinge heute ganz unbekannt sind, wiirden sie, wenn man sie sanfter 
erzahlen wiirde, sich ja gar nicht so charakteristisch ausnehmen. Sie 
miissen sich charakteristisch ausnehmen. Aber das ganze Erlebnis, vom 
Anfang bis zum Ende, wie ich es da durch die drei Tage dargestellt 
habe, dieses ganze Erlebnis, das mufi innerlich-intim, das mufi in aller 
Ruhe und Gelassenheit verlaufen. Denn sogenannte okkulte Erlebnisse- 
und das sind ja solche die verlaufen nicht so, dafi man damit renom- 
mieren kann. Wenn man anfangt zu renommieren damit, dann horen 
sie sogleich auf. Sie miissen wirklich in innerer Ruhe und Gelassenheit 
verlaufen. Und am besten ist es, wenn iiberhaupt niemand zunachst von 
einer solchen Erlebnisfolge etv/as bemerkt als derjenige, der sie hat. 

Nun durfen Sie auch nicht glauben, daft die Sache gleich auf den 
ersten Anhub gelingt. Das erfahrt man ja immer: Wenn so etwas ge- 



schildert wird, da gefallt es den Leuten. Das ist ja ganz begreiflich - 
es ist ja schon! Was kann man da alles erfahren! Und mit einem rie- 
sigen Fleifie machen sich die Leute daruber her. Sie fangen an: es geht 
nicht. Nun werden Sie schon ganz kleinmiitig. Dann probieren sie es 
vielleicht noch ein paarmal - es geht wieder nicht. Aber tatsachlich, 
wenn man es neunundvierzigmal ungefahr, oder ein anderer neunund- 
sechzigmal probiert hat, das fiinf zigste oder siebzigste Mai geht es dann. 
Denn worum es sich bei all diesen Dingen handelt, das ist ja, dafi man 
sich zuerst eine Art Seelengewohnheit aneignet. Zunachst mufi man 
sich hineinleben in diese Dinge. Seelengewohnheiten sich aneignen. Das 
ist aber iiberhaupt etwas, was in der Anthroposophischen Gesellschaft, 
die ja jetzt ein voller Ausdruck der anthroposophischen Bewegung sein 
soil seit der Weihnachtstagung, sorgfaltig beobachtet werden sollte. 

In der Anthroposophischen Gesellschaft ist ja wirklich sehr vieles 
gegeben worden. Man kann schon einen leisen Schwindel kriegen, 
wenn man hintereinander alle diese Zyklen stehen sieht, die gedruckt 
worden sind. Aber trotzdem, immer wieder und wiederum kommen 
einzelne Menschen, die iiber das einzelne fragen. In den meisten Fallen 
ist das gar nicht notwendig, denn wenn tatsachlich das verarbeitet 
wird, was in den Zyklen steht, so beantworten sich die meisten Fragen 
auf eine viel sicherere Weise von selber. Man mufi nur die Geduld dazu 
haben, wirklich nur die Geduld dazu haben. Es ist ja auch so, dafi schon 
einmal in vielen Dingen der anthroposophischen Literatur vieles vor- 
liegt, was arbeiten kann in der Seele. Und wir werden schon ein Herz 
haben von diesem jetzt bestehenden esoterischen Vorstand aus fur das, 
was geschehen soil, und es wird die Zeit schon mit Geschehen-Sollendem 
ausgefiillt werden. Aber auf der anderen Seite mufi fur vieles, was die 
Leute wissen wollen, darauf hingewiesen werden, dafi ja alte Zyklen 
da sind, alte Kurse da sind, die liegengeblieben sind, um die sich, nach- 
dem sie gehalten waren, manche nur insoweit noch kummern, als sie 
nun einen «neuen» haben wollen. Den alten lassen sie einfach liegen. 
Diese Dinge sind so, dafi sie durchaus mit dem zusammenhangen, was 
ich gerade heute erortern mufi. 

Man bekommt nicht die innere Stetigkeit im Verfolgen dessen, was 
in der Seele keimt und fruchtet, wenn man so eilen will von Neuem zu 



immer Neuerem, sondern es handelt sich wirklich darum, daft die Dinge 
reifen mussen in der Seek. Da mufi man sich ganz abgewohnen, was 
heute eigentlich in vieler Beziehung ublich ist. Da mufi man sich ge- 
wohnen an ein inneres aktives Arbeiten der Seele, an ein Arbeiten im 
Geiste. Das ist dasjenige, was einem dann hilft, um solche Dinge zu- 
stande zu bringen, wie ich sie gerade heute auseinandergesetzt habe, 
um iiberhaupt die innere Seelenverfassung nach dem dritten Tage fur 
irgendein Erlebnis zu haben, das man karmisch durchschauen will. 

Und so muft man iiberhaupt vorgehen, wenn man Geistiges erkennen 
will. Man mufi sich von vorneherein sagen: In dem ersten Momente, 
wo man an dieses Geistige irgendwie gedanklich herantritt, da ist ja 
erst der Anfang gemacht. Und will man da sogleich irgendein Resul- 
tat, ein Ergebnis haben, so ist das ganz unmoglich - man mufi warten 
konnen. Nicht wahr, wenn ich heute ein Erlebnis habe, das karmisch 
verursacht ist in einem vorhergehenden Erdenleben, so konnen wir das 
schematisch so zeichnen: Das bin ich, das ist mein Erlebnis, das Erleb- 
nis von heute (siehe Zeichnung, weift, rot). Das dort ist verursacht 



we '$S 



rot 



gelb *t ttt ,, tfff , ttff//» tttt//' »*/tt/*'f itt/tt*' ***** tu"'*'*''^ 



von der ganz andersartigen Personlichkeit mit demselben Ich in einem 
vorigen Erdenleben (griin, gelb). Da steht es. Da hat es langst aufge- 
hort, meiner Personlichkeit anzugehoren, aber es ist eingetragen in die 
Atherwelt, respektive in die astralische Welt, die hinter der Atherwelt 
steht. Nun mufi ich erst zuriickgehen, den Weg zuruckmachen. 

Ich habe Ihnen gesagt: Zunachst erscheint mir die Sache so, als ob 
irgend jemand mir eigentlich das Erlebnis zutriige. So ist es namentlich 
am zweiten Tag. Aber nach dem dritten Tag wird es so, daft diejenigen, 



die mir es zugetragen haben, diese geistigen Wesen, sich zuriickziehen, 
und dann werde ich es gewahr als mein Eigenes, das ich in einem vorigen 
Erdenleben als Ursache gelegt habe. Und deshalb, weil ja das nicht 
mehr in der Gegenwart darinnensteht, weil das etwas ist, was ich an- 
schauen mufi im vorigen Erdenleben, deshalb erscheine ich mir selber, 
indem ich darinnenstehe, wie gef esselt. Das Fesseln hort ja erst wieder- 
um auf , wenn ich nun die Sache angeschaut, ein Bild habe von dem, was 
im vorigen Erdenleben war, und dann wieder zuriickschaue auf das Er- 
eignis, das ich ja die drei Tage hindurch nicht aus den Augen verloren 
habe, dann wieder zuriickschaue, da werde ich wieder frei, indem ich 
zuriickkomme, denn jetzt kann ich mich mit der Wirkung bewegen. 
Wenn ich blofi in der Ursache drinnenstehe, kann ich mich mit der Ur- 
sache nicht bewegen. Ich trete also zuriick in ein voriges Erdenleben, 
werde von der Ursache wie gefesselt, und erst, wenn ich nun in dieses 
Erdenleben hineingehe, dann wird die Sache wieder aufgeldst. 

Nehmen wir ein BeispieL Nehmen wir an, jemand erlebt in einer 
bestimmten Zeit an einem bestimmten Tage, dafi ihm ein Freund etwas 
nicht ganz Angenehmes sagt; vielleicht hatte er es nicht erwartet. Er 
sagt ihm also etwas nicht ganz Angenehmes. Nun, er versetzt sich in 
das, was er da durchmacht im Anhoren dessen, was der Freund sagt, 
er macht sich ein lebendiges Bild von dem, was er da durchgemacht 
hat: wie er einen leisen Schock bekommen hat, wie er sich etwas ge- 
argert hat, vielleicht auch gekrankt gefuhlt hat und so weiter. Da ist 
ein innerliches Wirken, und ein innerliches Wirken mufi da ins Bild 
gebracht werden. 

Jetzt lafit man die drei Tage verlaufen. Am zweiten Tage geht man 
herum und sagt: Dies Bild, das ich mir da gestern gemacht habe, hat 
merkwiirdig auf mich gewirkt. Ich habe heute den ganzen Tag so 
etwas in mir wie ein Sauerliches, wie etwas, was mich verstimmt inner- 
lich - so etwas, wie es von diesem Bilde ausgeht, war noch nicht da. 
Am Ende des ganzen Prozesses, nach dem dritten Tag morgens, da 
stehe ich auf, und dieses, wovon ich genau spiire, es kommt von diesem 
Bilde, das fesselt mich. Jetzt bleibe ich in dieser Fesselung drinnen. 
Dann wird mir dieses Ereignis aus dem vorigen Erdenleben kund: ich 
sehe es vor mir. Ich gehe uber zu dem Erlebnis, das noch ganz frisch 



ist, ncch ganz da ist. Da hort die Fesselung wieder auf und ich sage mir: 
Aha, so war das im vorigen Erdenleben! Das hat das verursacht: jetzt 
lebt die Wirkung. Mit der kann ich wieder leben, jetzt ist die Sache 
wieder da. 

Das alles mufi oft und oft geiibt werden, denn gewohnlich reifit 
der Faden auf den ersten Anhub schon am allerersten Tage ab. Dann 
kommt nichts. 

Besonders gut ist es, wenn man die Dinge nebeneinander ablaufen 
lafit, wenn man nicht bei einem Ereignis bleibt, sondern eine Anzahl 
von Erlebnissen des Tages in dieser Weise ins Bild bringt. Sie werden 
sagen: Dann mufi ich mit den mannigfaltigsten Gefiihlen am nachsten 
Tage leben. - Das konnen Sie aber auch. Das schadet gar nichts. Pro- 
bieren Sie es nur, die gehen ganz gut zusammen. Und dann mufi ich so 
und so oft gefesselt sein nach dem dritten Tag? - Das schadet auch 
nichts. Das tut alles nichts. Die Dinge losen sich schon wieder ausein- 
ander. Dasjenige, was von einem fruheren Erdendasein zu dem gegen- 
wartigen gehort, das geht schon zu ihm hinzu. 

Aber es wird eben nicht gleich beim ersten Anhub erreicht, der 
Faden reifit ab. Man mufi Geduld haben, die Sache immer wieder und 
wiederum zu machen. Dann fiihlt man in sich auch etwas in der Seele 
erstarken. Dann fiihlt man, dafi etwas in der Seele erwacht, dafi man 
sich eigentlich sagt: Bisher warst du nur mit Blut ausgefiillt, du hast 
das Blut und den Atem in dir pulsieren gefiihlt. Jetzt ist noch etwas 
darinnen, noch etwas aufier dem Blut, du bist ausgefiillt mit irgend 
etwas. 

Sie konnen sogar das Gefiihl bekommen, Sie seien ausgefiillt mit 
etwas, wovon Sie sich ganz deutlich sagen: Es ist wie ein luftformig 
gewordenes Metall. Sie spiiren tatsachlich so etwas wie Metall, fiihlen 
das in sich. Man kann es nicht anders beschreiben, es ist so. Sie fiihlen 
sich metallisch durchdrungen, den ganzen Korper durchdrungen, wie 
man von gewissen Wassern, die man trinkt, sagen kann, sie schmecken 
metallisch, so schmeckt sich eigentlich da der ganze Korper wie inner- 
lich metallisch durchdrungen, wie wenn er durchdrungen wiirde von 
irgend etwas fein Substantiellem, was aber eigentlich ein Geistiges ist. 

Das spiiren Sie, wenn Sie auf etwas kommen, was ja natiirlich im- 



mer da war in Ihnen, worauf Sie aber jetzt erst aufmerksam werden. 
Und dann bekommen Sie wieder Mut, wenn Sie so etwas spiiren. Denn 
wenn der Faden immer abreifit und es wiederum so ist wie friiher - 
Sie mochten gern irgendwo einen karmischen Zusammenhang anfas- 
sen, aber er reifit ab -, da konnten Sie den Mut verlieren. Aber wenn 
Sie dieses Innerlich-Erfiilltsein verspiiren, dann bekommen Sie wieder 
Mut und Sie sagen sich: Es wird schon werden. 

Aber, meine lieben Freunde, die Dinge miissen in aller Gelassenheit 
und Ruhe erlebt werden. Wer sie nicht gelassen und ruhig erleben kann, 
wer aufgeregt wird, wer emotionell wird, der breitet sich einen inneren 
Nebel uber die Sache, die eigentlich geschehen sollte, und es wird nichts 
daraus. 

Man konnte ja folgendes sagen: Es gibt heute gewisse Leute draufien 
in der Welt, die die Anthroposophie nur vom Horensagen kennen, viel- 
leicht gar nichts gelesen haben oder nur das, was die Gegner geschrie- 
ben haben. Es ist ja jetzt furchtbar drollig: Manche gegnerische Schrif- 
ten - sie erscheinen, ja sie kommen wirklich aus der Erde heraus wie die 
Pilze -, die fuhren Literatur an, aber unter der Literatur, die sie anfiih- 
ren, sind gar keine Schrif ten von mir, sondern nur gegnerische Literatur. 
Die Leute gestehen, dafi sie gar nicht wirklich an die Quellen heran- 
gehen, sondern dafi sie nur die Gegnerliteratur kennen. Solche Dinge 
gibt es heute. Also solche Leute, die da draufien sind, die reden dar- 
iiber und sagen: Ach, die Anthroposophen sind verriickt! - Nun, was 
man am wenigsten sein darf , um iiberhaupt zu etwas zu kommen in der 
geistigen Welt, das ist gerade das Verrucktsein. Man darf namlich 
nicht ein biftchen verriickt sein, wenn man zu etwas kommen will in 
der geistigen Welt. Und selbst ein bifichen verriickt sein, ist schon ein 
Hindernis, um zu etwas zu kommen. Das mufi man eben vermeiden. 
Man mufi selbst ein leises «Mucken-kriegen», ein leises Launenhaftsein 
sogar vermeiden. Denn das alles, dieses Sich-Hingeben an die Stim- 
mungen des Tages, an die Launen, an die Mucken des Tages, all das 
bildet lauter Hindernisse und Hemmnisse auf dem Wege, irgendwie 
weiterzukommen in der geistigen Welt. Es bleibt einem nichts anderes 
ubrig, als einen ganz unverriickten Kopf und ein ganz unverrucktes 
Herz zu haben, wenn man auf anthroposophischem Gebiete weiter- 



kommen will. Mit Sch warmer ei, die ja schon der Anfang der Ver- 
rucktheit ist, lafk sich da gar nichts machen. 

Alle die Dinge, so sonderbar sie klingen, wie ich sie zum Beispiel 
heute wieder erzahlt habe, miissen in dem Lichte der absoluten Be- 
sonnenheit, des absoluten Unverriicktseins von Kopf und Herz erlebt 
werden. Und wenn sie richtig erlebt werden, ja wirklich, man wird 
durch nichts sicherer selbst aus der leisesten taglichen Verriicktheit her- 
ausgerissen als gerade durch Anthroposophie. Es wiirden alle Ver- 
riicktheiten geheilt werden durch Anthroposophie, wenn man sich ihr 
wirklich intensiv hingeben wiirde. Wenn also jemand es sogar darauf 
anlegen wollte, just durch Anthroposophie verriickt zu sein, so ware 
das ganz gewifi ein Versuch mit untauglichen Mitteln. 

Aber das sage ich nicht, um einen Scherz zu machen, sondern das 
sage ich, weil es auch ein Bestandteil der Gesinnung des geisteswissen- 
schaftlichen Strebens sein mufi. Man mufi sich so zur Sache stellen, wie 
ich es jetzt halb ironisch auseinandergesetzt habe, wenn man in der 
richtigen Weise mit der richtigen Orientierung an die Sache herantreten 
wird. Man mufi sich so unverrikkt wie moglich finden, dann kommt 
man mit der richtigen Gesinnung heran. Aber das mu& man mindestens 
anstreben, und namentlich anstreben gegemiber den kleinen Verriickt- 
heiten des Lebens. 

Ich war einmal mit einem nun lang verstorbenen, sehr gescheiten 
Philosophieprofessor befreundet, der hat bei jeder Gelegenheit das 
Wort gebraucht: Ein bifichen einen Spleen haben wir ja alle! - Er 
meinte, alle Menschen haben ja ein bifichen einen Spleen. Aber er war 
ein sehr gescheiter Mensch - ich habe immer geglaubt, dafi bei ihm 
doch so etwas dahinter ist: dafi er nicht ganz unbegriindet diese Be- 
hauptung tut! Anthroposoph ist er nicht geworden. 

Nun, wir wollen morgen diese Betrachtung fortsetzen. 



ACHTER VORTRAG 



Dornach, 10. Mai 1924 



Wir werden heute eine Art von Betrachtung anstellen, die von der 
Aufienseite her in die Entwickelung des Karma des Menschen hinein- 
weist. Von der Aufienseite, sage ich, das heifit von der Seite der mensch- 
lichen aufieren Gestaltung, wie sie uns in der Physiognomie des Men- 
schen entgegentritt, in dem Gebardenspiel, in alldem, was die aufiere 
Offenbarung des Menschen und der physischen Welt ist. Denn ich habe 
ja schon bei der Betrachtung einzelner karmischer Zusammenhange 
darauf aufmerksam gemacht, wie gerade durch die Betrachtung von 
scheinbar geringfugigen Kleinigkeiten am Menschen man karmische 
Zusammenhange beobachten kann. Und so ist es auch, dafi das Aufiere 
des Menschen ja vielfach ein Bild von dem gibt, wie der Mensch in 
seinem moralischen Verhalten, in seinem geistigen Verhalten in einem 
vorigen Erdenleben oder in einer Reihe von vorigen Erdenleben war. 
Man kann in dieser Richtung geradezu gewisse Typen von Menschen 
betrachten, und man wird dann gerade durch die Betrachtung dieser 
Typen von Menschen finden, wie ein gewisser Typus auf ein ganz be- 
stimmtes Verhalten in irgendeinem der vorigen Erdenleben zurikk- 
geht. 

Um nicht im Abstrakten herumzusprechen, nehmen wir die Sache 
durch Beispiele. Sagen wir zum Beispiel, jemand habe ein Erdenleben 
damit verbracht, dafi er sich mit den Dingen im Leben, die an ihn her- 
angetreten sind, recht genau beschaftigt hat, dafi er fur vieles ein in- 
times, ein gutes Interesse hatte, dafi er an nichts vorbeigegangen ist, we- 
der an Menschen noch an Sachen noch an Erscheinungen vorbeige- 
gangen ist. Sie werden ja auch Gelegenheit haben, im gegenwartigen 
Leben das an Menschen beobachten zu konnen. 

Man kann Menschen kennenlernen, die, sagen wir zum Beispiel, die 
alten griechischen Staatsmanner besser kennen als die gegenwartigen 
Staatsmanner. Wenn man sie nach irgendeinem wie Perikles oder Alci- 
biades oder Miltiades und so weiter fragt, dann wissen sie Bescheid, 
weil sie das in der Schule gelernt haben. Wenn man sie um irgend etwas 



f ragt, was in der Gegenwart in ahnlicher Weise vorgeht, dann wissen sie 
kaum Bescheid. 

Das kann man aber auch in bezug auf die ganz gewohnliche Lebens- 
beobachtung finden. Ich habe ja auch in dieser Beziehung schon man- 
ches angefiihrt, was gewifi denen, die oftmals glauben auf der hochsten 
Spitze des Idealismus zu stehen, sonderbar vorkommt. Ich habe zum 
Beispiel angefiihrt, daft es Menschen gibt, Manner, die einem etwa 
erzahlen, wenn man am Nachmittag mit ihnen spricht, sie hatten am 
Vormittag eine Dame auf der Strafte gesehen. Wenn man sie fragt, was 
sie fur ein Kleid angehabt habe, so wissen sie es nicht! Es ist schliefilich 
unglaublich, aber es ist wahr: es gibt solche Menschen. 

Nun, nicht wahr, man kann solch einer Sache die verschiedensten 
Auslegungen geben. Man kann sagen: Der Mensch ist von so hoher 
Geistigkeit, dafi es ihm eben, wenn er in dieser Lage ist, viel zu unbe- 
deutend erscheint, auf so etwas achtzugeben. Aber das ist nicht von 
einer wirklich durchdringenden Geistigkeit. Es mag von einer hohen 
Geistigkeit sein, aber auf die Hohe allein kommt es nicht an, sondern 
es kommt auf die Eindringlichkeit oder Oberflachlichkeit der Geistig- 
keit an. Von einer eindringlichen Geistigkeit ist es eben nicht, weil es 
ja schon ganz bedeutsam ist, was der Mensch zu seiner Einhiillung ge- 
braucht, und in einem gewissen Sinne ist das ebenso bedeutsam, wie 
zum Beispiel, was er fur eine Nase hat, oder was er fur einen Mund 
hat. Es gibt eben Menschen, die haben fur alles im Leben Aufmerksam- 
keit. Sie beurteilen die Welt nach dem, was sie von der Welt erfahren. 
Andere Menschen, die laufen so durch die Welt, wie wenn sie gar nichts 
interessierte. Sie haben alles, was an sie herankommt, nur wie eine Art 
Traum auf genommen, der gleich wiederum verrinnt. 

Dies sind zwei, ich mochte sagen, polarische Gegensatze von Men- 
schen. Aber wie man das nun auch beurteilen mag, meine lieben Freunde, 
ob Sie nun von einem Menschen, der nicht weifS, was die Dame, die er 
am Vormittag gesehen hat, fur ein Kleid angehabt hat, glauben, dafi 
das hoch oder niedrig ist, darauf kommt es nicht an, sondern wir wol- 
len heute besprechen, was das fur einen Einflufi auf das Karma des 
Menschen hat. Und es macht eben einen grofien Unterschied, ob ein 
Mensch fur die Dinge des Lebens aufmerksam ist, sich fur alles ein- 



zelne interessiert, oder ob er unaufmerksam fur die Dinge des Lebens 
ist. Gerade Einzelheiten sind flir das ganze Gefiige des geistigen Lebens 
ungeheuer bedeutend, nicht wegen dieser Einzelheiten, sondern weil 
eine solche Einzelheit auf eine ganz bestimmte Seelenverfassung hin- 
weist. 

Denken Sie nur an den Professor, der immer sehr schon vorgetra- 
gen hat und dabei immer auf einen Punkt gesehen hat, namlich auf die 
obere Brusthalfte eines Horers immer starr die Augen hingerichtet hat. 
Er ist niemals aus dem Konzept gekommen, sondern hat immer recht 
schon vortragen konnen. Eines Tages kam er aus dem Konzept: er guckte 
hin, er mufke immer wieder weggucken - und nachher ging er hin zu 
dem Horer und fragte: Warum haben Sie sich nun den Knopf, der 
immer abgerissen war, angenaht? Das hat mich ganz aus dem Konzept 
gebracht! - Er hatte immer auf den fehlenden Knopf hingesehen, das 
hatte ihm Konzentration gegeben. Es ist unbedeutend, nicht wahr, ob 
man auf einen abgerissenen Knopf sieht oder nicht sieht; aber fur die 
ganze Seelenverfassung ist es bedeutend, ob man das tut oder nicht. 
Und wenn man die karmischen Linien beobachten will, dann hat das 
schon eine aufierordentlich grofie Bedeutung. 

Also betrachten wir zunachst einmal diese zwei Menschentypen, 
von denen ich gesprochen habe. Sie brauchen sich nur an das zu er- 
innern, was ich ofter iiber das Hiniibergehen des Menschen von einem 
Erdenleben in das andere gesagt habe: Es ist ja so, daft der Mensch in 
einem Erdenleben einen Kopf hat, dann die ubrige Gestalt, und das- 
jenige, was ubrige Gestalt ist, aufier dem Kopfe, das hat einen gewissen 
Kraftezusammenhang. Der physische Leib des Menschen wird den Ele- 
menten iibergeben. Die physische Substanz tragt natiirlich der Mensch 
nicht von einem Erdenleben ins andere heriiber. Aber den Kraftezu- 
sammenhang, den ein Mensch in seinem Organismus hat aufier dem 
Kopf, den tragt er durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt, und das wird der Kopf des nachsten Erdenlebens, wahrend der 
Kopf des gegenwartigen Erdenlebens sich aus dem Gliedmafiensystem 
und dem iibrigen Organismus des vorigen Erdenlebens gebildet hat. 
So verwandelt sich immer, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, 
das Aufterkopfliche von einem Erdenleben hiniiber in den Kopf des 



anderen Erdenlebens. Und der Kopf ist immer das Ergebnis des Aufier- 
kopflichen vom vorigen Erdenleben. Das gilt nun fiir den ganzen 
Kraftezusammenhang in der Giiederung der menschlichen Wesenheit. 

Wenn jemand mit grofier Aufmerksamkeit durch das Leben ging 
und er nicht gerade eine ausschliefilich sitzende Lebensweise hatte - 
und solche Menschen sind sehr schwer heute karmisch zu beobachten, 
weil es die in friiheren Zeiten ja gar nicht gegeben hat; wie Menschen 
mit einer ausschliefilich sitzenden Lebensweise sich in dem nachsten 
Erdenleben ausnehmen werden, das mufi man erst abwarten, denn 
solche Erdenleben, wo man nur sitzt, gibt es ja eigentlich erst in der 
Gegenwart -, nun also, wenn der Mensch aufmerksam auf die Dinge 
seiner Umgebung wurde, mufite er ja immer zu diesen Dingen gehen, 
er mufite seine Glieder regsam machen, seine Glieder in Tatigkeit brin- 
gen. Der ganze Korper kam in Tatigkeit, nicht nur die Sinne, die zu 
dem Kopfsystem gehoren, sondern der ganze Korper kam in Regsam- 
keit. Das, was da der ganze Korper mitmacht, wenn der Mensch auf- 
merksam ist, das geht hiniiber in die Kopfbildung des nachsten Erden- 
lebens, und das hat eine ganz bestimmte Wirkung. Es wird dann der 
Kopf des Menschen im nachsten Erdenleben so, dafi er einen sehr star- 
ken Drang hat, solche Krafte in den ubrigen Organismus, der dann im 
nachsten Erdenleben sich angliedert, hineinzuschicken, dalS die Krafte 
der Erde sehr stark auf diesen Organismus wirken. 

Und nun mtissen Sie bedenken: Wenn das, schematisch gezeichnet, 
der Kopf des Menschen ist, und das die iibrige Organisation ist, so 
wird ja in den ersten sieben Lebensjahren alles, was in dieser ubrigen 
Organisation ist, Muskeln, Knochen und so weiter, vom Kopfe aus ge- 
bildet. Der Kopf schickt diese Krafte hinein. Jeder Knochen ist so 
gebildet, wie er vom Kopf aus gebildet werden soil. Wenn nun der 
Kopf durch die Art des Erdenlebens, wie ich es geschildert habe, die 
Tendenz hat, eine starke Verwandtschaft zu den Kraften der Erde zu 
entwickeln, was geschieht dann? Dann werden, ich mochte sagen, 
durch die Gunst des Kopfes die JErdenkraf te bei dem Aufbau des Men- 
schen schon im Embryonalleben mehr protegiert, aber namentlich auch 
in dem Leben bis zum Zahnwechsel. Die Krafte der Erde werden vom 
Kopfe sehr, sehr stark protegiert, und die Folge ist, daft ein solcher 



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Mensch alles das in besonderer Ausbildung bekommt, was von den 
Kraften der Erde abhangt. Das heifit, er bekommt grofie Knochen, 
starke Knochen, er bekommt zum Beispiel aufierordentlich breite 
Schulterblatter, die Rippen sind gut ausgebildet. Alles tragt den Cha- 
rakter des gut Ausgebildeten. Aber in alledem sehen Sie, wie da die 
Aufmerksamkeit im vorigen Erdenleben heriibergebracht wird in das 
gegenwartige Erdenleben, wie da der Organismus gebildet wird. Alles 
das geht ja zwar raumlich vom Kopfe aus, aber eigentlich doch von 
der Seele und vom Geiste. Denn an all diesen Bildekraften sind Seele 
und Geist beteiligt, und wir konnen daher von so etwas immer auf das 
Seelisch-Geistige sehen. Daher ist es, dafi wir bei solchen Menschen 
sehen: der Kopf ist erdverwandt geworden durch die Umstande im 
vorigen Erdenleben, wie ich sie geschildert habe. Das konnen wir der 
Stirne absehen, sie ist nicht besonders hoch - denn hohe Stirnen sind 
nicht erdverwandt aber sie ist scharf und stark ausgebildet, und der- 
gleichen Dinge mehr. 

Also wir sehen, der Mensch entwickelt sich so, daft seine Knochen 
kraftig ausgebildet werden. Und das Eigentiimliche ist: Wenn stark 
heriiberwirken solche erdverwandten Krafte aus dem fruheren Erden- 
leben, dann wachsen die Haare sehr schnell. So daft wir bei Kindern, 
deren Haare sehr schnell wachsen, immer das in Zusammenhang brin- 
gen miissen mit ihrem Aufmerksamkeitsleben im vorigen Erdendasein. 
Es ist schon so, dafi sich der Mensch aus seinem moralisch-geistigen 



Verhalten in irgendeinem Erdenleben seinen Korper im nachsten Er- 
denleben formt. 

Dagegen werden wir immer bestatigt finden, wie das Geistig-See- 
lische an dieser Bildung des Menschen beteiligt ist. Bei einem solchen 
Menschen, dessen Karma so ist, wie ich es geschildert habe - dafi er aus 
einem besonderen starken Hang zur Aufmerksamkeit fiir das Leben im 
nachsten Erdenleben starke Knochen bekommt, wohlausgebildete Mus- 
keln bekommt -, bei einem solchen Menschen werden wir sehen, daE er 
mutig durchs Leben geht. Er hat sich durch das auch zur gleichen Zeit, 
ich mochte sagen, das Natiirliche, die natiirliche Kraft eines mutvollen 
Lebens angeeignet. 

Nun ist es schon einmal so, dafi man in der Zeit, in der man ab- 
ging von der Beschreibung der aufeinanderfolgenden Erdenleben, aber 
noch die Kenntnisse hatte, die man eigentlich nur hat, wenn man auf 
wiederholte Erdenleben hinblick, was zum Beispiel in der Zeit des 
Aristoteles noch der Fall war. Aristoteles konnte in seiner «Physiogno- 
mik» noch wunderbar schildern, wie die aulSere Gesichtskonfiguration 
mit der moralischen Haltung, mit der moralischen Verfassung eines 
Menschen zusammenhangt. 

Dagegen betrachten wir einmal Feiglinge, furchtsame Menschen. Es 
sind solche, die im vorigen Erdenleben sich fiir nichts interessiert ha- 
ben. Sie sehen, das Karmabetrachten hat auch eine gewisse Bedeutung 
fiir die Hineinstellung in das Leben mit Bezug auf die Zukunft. Es 
ist ja schlieftlich eine Befriedigung der Wiftbegierde, aber nicht allein 
der Wiftbegierde, wenn wir das gegenwartige Erdenleben auf die frii- 
heren zuriickfiihren. Denn wenn wir unser gegenwartiges Erdenleben 
mit einiger Selbsterkenntnis nehmen, so konnen wir uns vorbereiten fiir 
das nachste Erdenleben. Huschen wir so oberflachlich durch das Leben, 
indem uns nichts interessiert, dann konnen wir sicher sein, dafi wir 
im nachsten Erdenleben ein Furchthase werden. Das aber kommt wie- 
derum dadurch zustande: indem sich die wenig teilnahmsvolle Wesen- 
heit des unaufmerksamen Menschen wenig mitderUmgebung verbindet, 
so bekommt die Kopforganisation im nachsten Leben keine Verwandt- 
schaft mit den Erdenkraften. Die Knochen bleiben unentwickelt, die 
Haare wachsen langsam; der Mensch hat sehr haufig O- oder X-Beine. 



Das sind solche Dinge, die durchaus den Zusammenhang zwischen 
dem Geistig-Seelischen auf der einen Seite und dem Natiirlich-Phy- 
sischen auf der anderen Seite sehr intim zeigen. Ja, meine lieben Freunde, 
man kann bis in die Einzelheiten der Konfiguration des Kopfes, an dem 
ganzen Menschen hinuberschauen in die vorigen Erdenleben. 

Diese Dinge sagt man aber nicht, urn gerade an ihnen die Beob- 
achtung zu machen. Alle die Beobachtungen, die ich Ihnen mitgeteilt 
habe zur Vorbereitung der Karmabetrachtungen, die sind ja nicht auf 
aufierliche Weise, sondern durchaus auf innerliche Weise durch geistes- 
wissenschaftliche Methoden zustande gekommen. Aber gerade diese 
geisteswissenschaftlichen Methoden zeigen, wie der Mensch aufierlich 
eigentlich gar nicht so hingenommen werden darf , wie ihn die heutige 
Physiologie und Anatomie nimmt. Dafi man einfach die Organe ken- 
nenlernt und ihren gegenseitigen Zusammenhang, das hat im Grunde 
genommen gar keinen Sinn. Denn der Mensch ist ein Bild. Zum Teil ist 
er ein Bild dessen, was die Krafte sind zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, zum Teil ein Bild seines vorigen Erdenlebens, und es hat 
gar keinen Sinn, Physiologie oder Anatomie so zu treiben, wie sie ge- 
genwartig getrieben werden: daft man nur den Menschen nimmt, wie 
er dasteht, und dann eins nach dem anderen, was an ihm ist, betrach- 
tet. Denn der Kopf zum Beispiel steht viel mehr im Zusammenhang 
mit dem vorigen Erdenleben, als er mit dem Korper, den der Mensch 
in diesem Erdenleben bekommt, im Zusammenhang steht. 

So dafi man also sagen kann: Gewisse physische Prozesse versteht 
man erst, wenn man auf die vorigen Erdenleben zuriickschaut. Ein 
Mensch, der die Welt kennengelernt hat in einem friiheren Erdenleben, 
bei dem ist es halt so, daft er schnell wachsende Haare hat. Ein Mensch, 
der die Welt wenig kennengelernt hat in einem vorigen Erdenleben - 
Sie konnen es beobachten -, bei dem entwickeln sich ganz langsam 
wachsende Haare. Die liegen dann an die Oberflache des Korpers an, 
wahrenddem diejenigen, die sich am intensivsten interessiert haben in 
einem vorigen Erdenleben, die sich uberintensiv interessiert haben, die 
ihre Nase in alles hineingesteckt haben, struppiges Haar haben. Das ist 
ein ganz richtiger Zusammenhang. So konnen wir die mannigfaltigsten 
Korperkonfigurationen auf Erlebnisse in einem der vorigen Erden- 



daseine zuriickbeziehen. Das geht wirklich bis auf die Einzelheiten der 
Konstitution. Nehmen wir zum Beispiel einen Menschen, der in einem 
Erdenleben viel sinnt, viel nachsinnt. Ja, sehen Sie, der wird im nachsten 
Erdenleben ein schmachtiger, magerer Mensch sein. Wer in irgendeinem 
Erdenleben wenig nachsinnt, sondern mehr so im Erfassen der Auften- 
welt lebt, der ist im nachsten Erdenleben veranlagt, viel Fett anzu- 
setzen. Das hat wiederum eine Bedeutung fiir die Zukunft. Man kann 
geistige Magerkuren nicht fiir das eine Erdenleben gut durchfiihren, 
da miissen schon physische Kuren eventuell, wenn sie helfen, zu Hilfe 
kommen; aber fiir das nachste Erdenleben kann man ganz entschieden 
dadurch eine Magerkur machen, dafi man viel sinnt, dafi man also viel 
nachdenkt, namentlich iiber solches viel nachdenkt, was einem Miihe 
macht, von der Art, wie ich es gestern geschildert habe. Es braucht nicht 
Meditieren zu sein, sondern es braucht einfach viel Nachsinnen, viel 
Willen zu sein, innere Entscheidungen zu treffen. Es ist wirklich ein 
solcher Zusammenhang zwischen der geistig-moralischen Art, wie der 
Mensch in einem Erdenleben lebt, und seiner physischen Konstitution 
in seinem nachsten Erdenleben. Das kann man nicht geniigend betonen. 

Nehmen Sie andere Falle. Nehmen Sie zum Beispiel den Fall, dafi 
in einem Erdenleben ein Mensch, sagen wir, so lebt, dafi er ein Denker 
ist. Darunter verstehe ich nicht einen Professor - es ist gar nicht scherz- 
haft gemeint -, sondern ich verstehe darunter einen Menschen, der 
meinetwillen hinter dem Pflug gehen kann und dennoch viel denken 
kann. Es kommt gar nicht darauf an, in welcher Lebenslage man denkt, 
sondern Denker kann man wirklich auch dann sein, wenn man hinter 
dem Pflug geht oder sonst irgendein Handwerk besorgt. Aber ein sol- 
cher Denker wird dadurch, dafi er im Denken hauptsachlich dasjenige 
beschaftigt, was ja mit dem Erdenleben abfallt, und daft er unbeschaf- 
tigt lafit, was in die nachste Inkarnation die Krafte hiniiberschickt und 
an der Kopfbildung teilnimmt, ein solcher Mensch wird in einem neuen 
Erdenleben auftreten mit einem weichen Fleisch, mit zartem, weichem 
Fleisch. Aber das Eigentumliche ist dieses: Wenn er viel denkt, so 
wird in seinem nachsten Erdenleben seine Haut sehr wohlgebildet sein, 
die ganze Oberflache des Korpers, die Haut, wird sehr wohlgebildet 
sein. Und wiederum, wenn Sie Menschen finden, deren Haut zum Bei- 



spiel Flecken zeigt, Leute mit unreiner Haut, so konnen Sie von da 
aus immer schliefien - es mussen natiirlich andere Griinde dazukom- 
men, man kann nicht aus einem Merkmal gleich ganz unbedingt schlie- 
fien, aber im allgemeinen sind doch die Angaben richtig, die ich heute 
uber den Zusammenhang des Seelisch-Geistigen und des Physischen 
mache — , dafi das Menschen sind, die in einem friiheren Erdenleben 
wenig gedacht haben. Leute also mit viel Sommersprossen waren ganz 
gewifi nicht Denker in einem vorigen Erdenleben. 

Das sind die Dinge, die zugleich zeigen, wie gerade Geisteswissen- 
schaft sich nicht nur um das Abstrakt-Geistige kiimmert, sondern auch 
um das Wirken des Geistigen im Physischen. Ich habe es ja oft betont, 
es ist nicht so stark schade, dafi der Materialismus bloiS auf die Mate- 
rie hinschaut, sondern schade ist es, die Tragik des Materialismus ist es, 
dafi er von der Materie nichts wissen kann, weil er das geistige Wirken 
in der Materie nicht erkennt. Man sollte gerade bei der Menschenbe- 

trachtung erst recht auf die Materie sehen, denn in der Materie driickt 
sich, gerade bei der Menschengestalt, beim ganzen menschlichen We- 
sen das Wirken des Geistigen aus. Die Materie ist die auftere Offen- 
barung des Geistigen. 

Sie konnen es schon in den «Leitsatzen» sehen, die zu allerletzt jetzt 
gegeben worden sind in dem Mitteilungsblatt, das dem «Goetheanum» 
beigelegt ist, daf5 das Haupt des Menschen, der Kopf, nur richtig be- 
trachtet wird, wenn man die imaginative Erkenntnis schon auf das 
Aufierliche anwendet; denn der menschliche Kopf in seiner Gestaltung, 
in Ohrengestaltung, namentlich dann aber auch in Nasen-, Augen- 
gestaltung, er ist eigentlich nach dem Muster der Imagination gegeben. 
Er besteht aus aufierlich sichtbaren Imaginationen. 

Das gilt aber auch von der Art, wie der Mensch gebaut ist. Es gibt 
Menschen, welche den unteren Teil des Rumpfes langer haben als den 
oberen Teil, also vom unteren Anfang des Rumpfes bis zur Brust lan- 
ger haben, und dann den oberen Teil, von der Brustmitte bis zum Hals, 
kiirzer haben. 

Ist dieser Teil von der Brustmitte bis zum Hals kiirzer als der untere 
Teil des Rumpfes, so hat man es mit einem Menschen zu tun, welcher 
in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ein solches gei- 



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stiges Leben durchgemacht hat, dafi er sehr schnell den Aufstieg im 
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt bis zu der Mitte 
durchgemacht hat. Da ist er sehr schnell gegangen. Dann geht er lang- 
sam und behaglich herunter zum neuen Erdenleben. 

Hat man es aber zu tun mit einem Menschen, dessen oberer Teil vom 
Hals bis zur Brustmitte langer ist als der untere Teil von der Brustmitte 
bis zum Ende des Rumpfes, dann hat man es mit einem Menschen zu 
tun, der langsam, bedachtig bis zur Mitte gegangen ist in dem Leben 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und dann schneller hin- 
untergeht zum Erdenleben. So dafi man also in der Physiognomie, ja 
in den Mafien des menschlichen Mittelkorpers, die Nachwirkung von 
der Art und Weise hat, wie der Mensch die erste Halfte des Durch- 
ganges vom Tod zu einer neuen Geburt durchmachte gegenuber der 
zweiten Halfte. 

Es ist wirklich das, was am Menschen physisch ist, durchaus ein Ab- 
bild desjenigen, was dem Menschen geistig zugrunde liegt. Und das hat 
nun eine Folge fiir das Leben. Denn wenn Sie die Menschen nehmen, 
a mit kurzer Oberbrust und langer Unterbrust, und die Menschen, b 
mit langer Oberbrust und kurzer Unterbrust - es ist natiirlich extrem 
gezeichnet -, so ist es so: Diese Menschen hier mit langem Unterrumpf 
und kurzem Oberrumpf, das sind solche, die vom Anfange an zeigen, 
dafi sie sehr schlafbedurftig sind. Das ist bei den anderen nicht der 
Fall; die sind weniger schlafbedurftig. Sie sehen also an einem Men- 
schen, je nachdem er schlafbedurftig ist oder nicht, was sich wiederum 
in den Mafien seines Mittelleibes ausdriickt, ob er schneller oder lang- 



samer durchgegangen ist durch die erste Halfte des Lebens zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt, beziehungsweise schneller oder lang- 
samer durch die zweite Halfte durchgegangen ist. 

Aber das hangt ja wiederum mit dem vorigen Erdenleben zusam- 
men. Ein Mensch, der im vorigen Erdenleben, nicht durch Anlage, 
sondern mehr durch Erziehung und durch sein Leben, stumpf war fur 
das Leben, nicht so sehr, dafi er sich nicht interessiert hat, der aber 
stumpf war - er konnte eigentlich nichts richtig, er ging nicht darauf 
aus, die Dinge richtig zu begreifen, er konnte dabei sogar aufmerksam 
sein, seine Nase Iiberall hineinstecken, aber es blieb bei der Neugierde 
und bei einer oberflachlichen Erfassung, er blieb stumpf -, ein solcher 
Mensch hat dann kein Interesse an der ersten Halfte des Lebens zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt. Er bekommt erst Interesse, 
wenn es iiber die Mitternachtshohe des Lebens hinausgegangen ist und 
er heruntersteigt. 

Dagegen ein Mensch, der sich angewohnt, mit seinem Verstande 
iiberall einzudringen, auch mit seinem Gemiite iiberall einzudringen, 
ein solcher Mensch bekommt grolSes Interesse fiir die erste Halfte, 
fur den Aufstieg, und macht schnell den Abstieg durch. So dafi man 
wieder sagen kann: Wenn einem ein Mensch im Leben entgegentritt, 
der eine Schlafratte ist, dann ist das zuriickzufiihren auf ein solches 
stumpfes Leben im vorigen Erdenleben. Ein Mensch, der regsam ist, 
der keine Schlafratte ist, der meinetwillen sogar notig hat, erst irgend 
etwas zu tun, damit er einschlaft - es gibt ja Biicher, nicht wahr, die 
man als Schlafmittel beniitzen kann -, also ein Mensch, der das notig 
hat, der ist nicht stumpf gewesen, sondern regsam gewesen, mit seinem 
Verstande, mit seinem Gemiite eindringlich regsam gewesen. 

Man kann weitergehen. Es gibt Menschen - ja, wie soil ich sie nen- 
nen? Sagen wir, sie sind Gernesser, sie essen gerne; andere essen nicht 
so gerne. Ich will nicht sagen, gefrafiige Menschen und nichtgefrafiige 
Menschen, nicht wahr, das schickt sich nicht in ernster Betrachtung; 
aber ich will also sagen, es sind Menschen, die gerne essen, und solche, 
die weniger gerne essen. 

Auch das hangt in einer gewissen Weise mit dem zusammen, was 
der Mensch beim Durchgang durch das Leben zwischen dem Tod und 



einer neuen Geburt vor und nach der Mitternachtshohe des Daseins 
erlebt. Die Mitte ist die Mitternachtshohe des Daseins. 

Da gibt es Menschen, welche, ich mochte sagen, sehr hoch hinauf- 
steigen in das Geistige, und Menschen, welche nicht sehr hoch hinauf- 
steigen, fur die eben die Mitternachtshohe nicht so hoch ist. Solche Men- 
schen, die sehr hoch hinaufsteigen, die werden essen, um zu leben. 
Solche Menschen, die nicht hoch hinaufsteigen, die leben, um zu essen. 



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Damit sind schon Unterschiede im Leben angegeben. Und man kann 
sagen, die Art und Weise, wie ein Mensch sich verhalt gerade bei sol- 
chen Verrichtungen, die mit der Forderung oder Nichtforderung sei- 
nes physischen Daseins zusammenhangen, aus denen kann man ersehen, 
wie sein karmisches Leben aus einem fruheren Erdendasein heruber- 
kommt. 

Wer sich Beobachtungsfahigkeit nach dieser Richtung angeeignet 
hat, der sieht einfach in der Art und Weise, wie sich jemand bei Tisch 
etwas nimmt, also im Zugreifen, eine Geste, die ganz besonders stark 
zuriickfuhrt auf die Art und Weise, wie das vorige Erdenleben her- 
iiberleuchtet. 

Ich rede heute vom Physischen; ich will dann morgen mehr von 
den moralischen Seiten reden, aber man mufi das Physische durchaus 
auch ins Auge fassen, sonst wird das Gegenteil weniger verstandlich 
werden. Die Menschen, die furchtbar vehement zugreifen, bei denen 
man sieht, wenn sie nur eine Birne anfassen beim Essen, so tun sie das 
mit Begeisterung - solche Menschen, das sind diejenigen, die im vo- 



rigen Erdenleben sich mehr an die Trivialitaten des Lebens gehalten 
haben, die nicht hinaus konnten iiber die Trivialitat des Lebens, die 
festgehalten worden sind in dem, was nicht aufsteigt bis zum mora- 
lischen Erfassen des Lebens, was im Gewohnheitsmafiigen, im Kon- 
ventionellen sitzen bleibt und so weiter. Auch das hat wiederum eine 
grofte Bedeutung fiir die Lebenspraxis selber. Die Dinge erscheinen 
uns ja heute, weil wir ungewohnt sind solcher Betrachtungen, oftmals 
sogar kurios, und wir lachen dariiber. Aber sie sind im allertiefsten 
Ernst zu betrachten, denn Sie sehen, es gibt ja heute gewisse Gesell- 
schaftsklassen, die gehen ganz in den trivialen Gewohnheiten des Le- 
bens auf; die eignen sich eigentlich nicht gerne irgend etwas an, was 
aus den gewohnlichen, gebrauchlichen Lebensgewohnheiten heraus- 
geht. 

Man darf dies iibrigens nicht blofl, meine lieben Freunde, so auf 
den Habitus des Benehmens anwenden, sondern man kann es zum 
Beispiel auch auf die Sprache anwenden. Es gibt Sprachen, bei denen 
darf man gar nichts willkiirlich sagen, weil alles streng vorgeschrieben 
ist im Satzgefiige; man darf das Subjekt nicht an einen anderen Ort 
stellen und so weiter. Es gibt Sprachen, bei denen kann man das Subjekt 
hinstellen, wo man es hinstellen will, und das Pradikat auch; die haben 
dann in sich die Anlage, dafi sich die Menschen innerhalb solcher Spra- 
chen individuell entwickeln konnen. 

Nun, das ist nur ein Beispiel, wie stark triviale Gewohnheiten an- 
geeignet werden und der Mensch nicht hinaus kann aus der Trivialitat. 
Ein Erdenleben, das in solcher Trivialitat verbracht wird, fiihrt in ein 
nachstes hinein, in dem man gefrafiig ist. Man steigt dann nicht hoch 
genug hinauf in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt - man wird 
gefrafiig. 

Da nun heute die Zeit anbrechen soil, wo die Menschen wirklich 
nicht nur, wie das in der materialistischen Epoche der menschlichen 
Entwickelung der Fall ist, mit dem einen Erdenleben rechnen, sondern 
wo die Menschen auf die ganze Erdenentwickelung hinsehen und wis- 
sen, dafi dasjenige, was in ein em Erdenleben von einem getan und voll- 
bracht wird, hinubergetragen wird in ein nachstes Erdenleben, dafi die 
Menschen selber aus einer Epoche in die andere das Geschehen hiniiber- 



tragen, da, wo dieses Bewufitsein auftreten soli, ist es schon notwendig, 
dafl selbst in die Erziehungsprinzipien sowohl der aufwachsenden Kin- 
der wie der Erwachsenen solche Dinge hineingenommen werden. 

Nun mochte ich noch auf zwei Menschentypen aufmerksam machen. 
Es gibt einen Menschentypus, der kann alles ernst nehmen, und dabei 
meine ich nicht blofi das aufiere Ernstnehmen. Man kann sich ja durch- 
aus ernste Menschen denken, die sogar viel Tragisches in ihrer Seelen- 
verfassung haben und die dennoch lachen konnen, denn wenn man 
gar nicht lachen kann - und es gibt doch lacherliche Dinge im Leben — 
wenn alles an einem so voriibergeht, dafi man nicht lachen kann, dann 
mufi man auch stumpf sein. Also man kann schon lachen. Aber trotz- 
dem man ein Mensch ist, der iiber Lacherliches gut lachen kann, kann 
man doch in der Grundverfassung seiner Seele ein ernster Mensch sein. 

Aber dann gibt es den anderen Typus von Menschen, der iiberhaupt 
nichts tut als lachen, den alles zum Lachen reizt, der, wenn er etwas 
erzahlt, dabei lacht, ganz gleichgiiltig, ob es komisch oder nicht ko- 
misch ist. Man kann Menschen kennenlernen, die, wenn sie anfangen 
zu erzahlen, gleich das Gesicht zum Lachen verzerren und selbst die 
ernsteste Sache in eine Art von Grinsen, in eine Art von Lachen klei- 
den. Es sind das Extreme, die ich schildere, aber die gibt es, diese Ex- 
treme. 

Sehen Sie, dieses ist ein Grundzug der Seele. Wir werden mo r gen 
sehen, wie das seine moralische Seite hat. Ich will heute hauptsachlich 
die physische Seite beriihren. Das fuhrt wiederum zuruck auf die kar- 
mische Entwickelungsstromung. Ein Mensch, der einen ernsten Zug in 
seinem Leben hat, wenn er auch lachen kann, bei dem wirken starke 
Krafte, solide Krafte, mochte ich sagen, aus dem vorigen Erdenleben in 
dieses Erdenleben heriiber. "Wenn man einem solchen ernsten Menschen 
begegnet, einem Menschen, der Sinn hat fur ernste Seiten des Lebens, 
der stehenbleibt in der Betrachtung der ernsten Seiten des Lebens, 
nachdenklich wird iiber die ernsten Seiten des Lebens, dann kann man 
sagen: Diesem Menschen kann man es anfiihlen, dal5 er sozusagen in 
seinem Wesen seine friiheren Erdenleben tragt. Man wird ernst in sei- 
ner Lebensauffassung dadurch, dafi die friiheren Erdenleben nachwir- 
ken, richtig nachwirken. Man wird ein ewig mit dem Munde tanzeln- 



der Schwatzer, der selbst bei den ernstesten Sachen, wenn er sie er- 
zahlt, lacht, wenn die friiheren Erdenleben nicht nachwirken. Wenn 
der Mensch durch eine Reihe von Erdenleben oder wenigstens durch 
ein Erdenleben gegangen ist, in dem er wie ein halb Schlafender gelebt 
hat, da wird er dann im nachsten Erdenleben ein solcher, der den Ernst 
nicht bewahren kann, der an die Dinge des Lebens nicht mit dem no- 
tigen Ernst herangehen kann. So daft man aus der Art, wie sich ein 
Mensch verhalt, sehen kann, ob er seine vorigen Erdenleben wohl an- 
gewendet hat, oder ob er sie mehr oder weniger dumpf verschlafen hat. 

All das fiihrt aber dazu, sich zu sagen: Man darf gar nicht den Men- 
schen, so wie er uns entgegentritt als Mensch, mechanisch oder auch 
nur nach dem Muster des gewohnlichen Organismus betrachten. Das 
darf man nicht tun, sondern man mufi den Menschen in seiner Gestalt 
und bis in seine Bewegungsmoglichkeiten hinein als ein Bild der gei- 
stigen Welt betrachten. 

Da hat man zunachst die Hauptesorganisation. Diese Hauptesorga- 
nisation ist im wesentlichen durch die friiheren Erdenleben mitbedingt. 
Und wir konnen schon sagen: Am richtigsten betrachten wir ein 
menschliches Haupt, wenn wir all das lernen, was man lernen kann 
uber das imaginative Vorstellen. Sonst nirgends, nur dem menschlichen 
Haupte gegeniiber kann man das imaginative Vorstellen in der Sin- 
neswelt anwenden, das, was man sonst immer braucht als imagina- 
tives Vorstellen, um in die geistige Welt hineinzuschauen. Man mufi 
mit der Imagination ja anfangen, wenn man in die geistige Welt hin- 
einschauen will; da erscheinen einem zuerst die geistig-atherischen Bil- 
der der geistigen Wesenheiten. In der physischen Welt gibt es aufier 
dem menschlichen Kopf nichts, was an Imaginationen erinnert, aber 
am menschlichen Kopf, bis in seine innere Organisation, bis in den 
Wunderbau des Gehirnes ist eigentlich alles ein physisch-sinnliches Ab- 
bild des Imaginativen. 

Wenn Sie weitergehen, dann kommen Sie dazu, etwas am Menschen 
zu betrachten, was eigentlich viel schwieriger zu betrachten ist - man 
macht sich es nur gewohnlich leicht -, das ist, eine Auffassung davon 
zu gewinnen, wie der Mensch seinen Atem aufnimmt, wie er also sein 
rhythmisches System in Bewegung setzt, wie er den Atem dann iiber- 



fuhrt in die Blutzirkulation. Dieses ungeheuer lebendige Spiel, das den 
ganzen Korper durchsetzt, ist sogar viel komplizierter, als man denkt, 
denn zunachst ist es ja so, nicht wahr: der Mensch nimmt den Atem 
auf (Zeichnung, gelb), der Atem setzt sich um in die Blutzirkulation 
(rot), aber auf der anderen Seite geht der Atem wieder uber in das 
Haupt, und er steht in einer gewissen Beziehung zu der ganzen Tatig- 
keit des Gehirnes (griin). Es ist das Denken einfach ein verfeinertes 
Atmen. Und wiederum geht die Blutzirkulation iiber in dasjenige, was 
die Impulse der Bewegungen der Gliedmafien sind (blau-griin). 




Wenn man dieses rhythmische System des Menschen, das sich aus- 
driickt nun nicht in einer ruhigen Lage, sondern in einer immer fort- 
dauernden Beweglichkeit, wenn man dieses rhythmische System des 
Menschen nimmt, mufi man diesen Unterschied genau beachten. Den 
Kopf des Menschen betrachtet man ja am besten dadurch, dafi man 
ihn als abgeschlossene, ruhige Gestaltung betrachtet, dafi man auch 



sein Inneres, zum Beispiel das Gehirn, partienweise betrachtet, wie 
eine Partie neben der anderen ruht. Ober den Kopf erfahrt man nichts, 
wenn man zum Beispiel die Blutzirkulation im Kopfe durch Anatomie 
oder Physiologie kennenlernt; denn das, was die Blutzirkulation im 
Kopfe vollbringt, bezieht sich gar nicht auf den Kopf, das bezieht sich 
blofi auf das, was der Kopf an Rhythmus braucht. In dieser Beziehung 
ist der Kopf genauso wie die Blutzirkulation. Das, was man sehen kann, 
wenn man einen Teil des Knochengeriistes vom Kopfe abhebt und da 
die Zirkulation anschaut, das bezieht sich gar nicht auf den Kopf, der 
Kopf mufi als ruhendes Organ betrachtet werden, wo eines neben dem 
anderen liegt. 

Das kann man nicht, wenn man auf das rhythmische System uber- 
geht, das vorzugsweise in der Brust lokalisiert ist. Da mufi man alles 
in der Regsamkeit betrachten, in der Regsamkeit der Blutzirkulation, 
des Atmens, des Denkens, des Sich-Bewegens. Es ist dieser Prozefi so- 
gar bis ins Physische hinein noch viel weiter zu betrachten. 

Betrachten Sie den Atmungsprozefi. Indem er in den Blutprozefi 
iibergeht, dann auch ins Gehirn hiniiberspielt, bildet sich Kohlensaure, 
also ein Saure im menschlichen Organismus. Indem aber der Atmungs- 
prozefi ins Gehirn, in das Nervensystem iiberhaupt hiniiberspielt, bil- 
den sich aus den Sauren Salze; da lagern sich Salze ab. 

So daft man sagen kann: Indem der Mensch denkt, sondert sich 
Erdiges ab. Im Kreislauf selbst lebt Flussiges. Im Atem lebt Gasformi- 
ges. Und in dem Bewegen, wenn das iibergeht in die Bewegungen, da 
lebt Feuriges. Es sind die Elemente in all dem enthalten, aber die Ele- 
mente in Regsamkeit, in fortwahrendem Entstehen und Vergehen. Die- 
sen Prozefi, den kann man eigentlich nicht durch sinnliches Anschauen 
erfassen. Diejenigen, die ihn in der Anatomie durch sinnliches An- 
schauen auffassen wollen, die verstehen ihn eigentlich nie. Man mufi 
viel dazu tun konnen aus der inneren produktiven Kraft des Geistes, 
um diesen Prozefi zu verstehen. Wenn man die Auseinandersetzungen, 
die sich auf den rhythmischen Prozefi beziehen, in den gewohnlichen 
Anatomie- und Physiologievortragen hort, dann ist es wirklich so, dafi 
man aus der toten Beschreibung, die da gegeben wird - diejenigen, die 
das durchgemacht haben, werden das bezeugen konnen -, eigentlich 



das Gefiihl hat, dafi das weit von der Wirklichkeit entfernt ist. Ja, 
wer unbefangenen Sinnes sich das anhort und dann die Zuhorer dabei 
ins Auge fafit, der hat eigentlich das Gefiihl, daf$ diese Zuhorer durch 
die Ode, die sie da empf angen, eigentlich alle absterben miilken, sitzen- 
bleiben miifiten auf den Banken, gar nicht mehr weiter konnten, nicht 
mehr kriechen konnten. Denn es miifite gerade dieses Zirkulations- 
system nach alien Seiten hin in regster Lebendigkeit geschildert wer- 
den, so dafi der Mensch immer vom Sinnlichen ins Obersinnliche iiber- 
geht, vom Obersinnlichen wieder ins Sinnliche zuriickgeht und in eine 
Art musikalischer Stimmung bei diesem Schildern hineinkommt. 

Dann, wenn man so etwas hat, dann kommt man auch in innere 
Seelengewohnheiten hinein, durch die das Karma zu verstehen ist. Wir 
werden dariiber morgen zu sprechen haben. Aber das, was man da hat, 
das ist dann ein sinnliches Abbild der Inspiration. 

Wie man also bei der Hauptesbetrachtung ein sinnliches Abbild 
der Imagination hat, so hat man in der Betrachtung des rhythmischen 
Systems des Menschen, wenn diese Betrachtung regelrecht gemacht 
wird, ein Abbild der Inspiration. 

Und geht man iiber auf das Stoffwechsel-Gliedmaftensystem - ja, 
an dem, was heute in Anatomie und Physiologie betrachtet wird vom 
Stoffwechsel-Gliedmaftensystem, hat man ja nicht die Krafte dieses 
Stoffwechsel-Gliedmafiensystems, sondern nur dasjenige, was heraus- 
fallt, was abgeworfen wird. Alles, was im Stoffwechsel-Gliedmafien- 
system Inhalt ist der heutigen wissenschaftlichen Betrachtung, gehort 
gar nicht zum Aufbau und zu der Organisation des Menschen, son- 
dern ist herausgeworfen - der Darminhalt ist nur das Extremste -, 
aber uberhaupt alles, was im Stoffwechsel-Gliedmafiensystem physisch 
wahrnehmbar ist, gehort nicht zum Menschen, sondern ist abgesondert 
vom Menschen, nur daf$ das eine langer, das andere kiirzer liegenbleibt. 
Der Darminhalt bleibt kiirzer iibrig; das, was sich in Muskeln, Ner- 
ven und so weiter absondert, bleibt langer iibrig. Aber zum Menschen 
gehort das, was im Stoffwechsel-GliedmalSensystem physisch-sinnlich 
nachgewiesen werden kann, nicht, sondern ist Ausscheidung, Ablage- 
rung. Dagegen ist alles das, was zum Stoffwechsel-Gliedmafiensystem 
gehort, von iibersinnlicher Art. So dafi man beim Stoffwechsel-Glied- 



mafiensystem, wenn man eine Menschenbetrachtung anstellt, iiber- 
gehen mufi zu dem, was rein Ubersinnlich im Sinnlichen drinnen lebt. 

Man mufi also das Stoffwechsel-Gliedmafiensystem beim Menschen 
sich so vorstellen, daf5 physische Arme und so weiter in Wirklichkeit 
geistig sind und in diesem Geistigen das Ich entwickeln. Wenn ich 
meine Arme, meine Beine bewege, werden fortwahrend Ausscheidun- 
gen gemacht, und diese Ausscheidungen sieht man. Aber die sind nicht 
das Wesentliche. Sie konnen, wenn Sie das Greifen des Armes, der 
Hand erklaren wollen, sich nicht berufen auf das Physische, sondern 
Sie miissen sich auf das Geistige berufen; auf das, was da langs des 
Armes geistig ist, auf das kommt es an beim Menschen. Das, was Sie 
sehen, ist blofi Ausscheidung in bezug auf das Stoffwechsel-Gliedma- 
fiensystem (siehe Zeichnung, dunkle Schraffierung: das Sichtbare; helle 
Schraffierung: das «Geistige»). 



Ja, wie soil man denn uberhaupt eine karmische Betrachtung an- 
stellen, wenn man glaubt, das, was man im Stoffwechsel-Gliedmafien- 
system sieht, das sei der Mensch? Das ist er ja gar nicht. Man kann erst 
eine karmische Betrachtung anstellen, wenn man weifi, was der Mensch 
ist. Und dasjenige, was man da in der Betrachtung haben mufi, das ist 
ein jetzt allerdings in der Sinnenwelt befindliches, trotzdem aber noch 
iibersinnliches Abbild der Intuition. 




So daft Sie, meine lieben Freunde, sagen konnen: Kopfbetrachtung 
ist eigentlich imaginativ projiziert in die Sinneswelt. Rhythmische 
Menschenbetrachtung mufi eigentlich inspiriert sein, wirksam inner- 
halb der Sinnesbeobachtung, wirksam in der Sinnenwelt. Betrachtung 
des Stoffwechsel-Gliedmafienmenschen mul5 intuitiv, ubersinnlich in 
der Sinneswelt sein. 

Das ist sehr interessant, denn man hat in der Menschenbetrachtung 
Bilder fur Intuition, Inspiration und Imagination. Und man kann ler- 
nen an einer regelrechten Betrachtung des Stoffwechsel-Gliedmaften- 
menschen, was eigentlich im Obersinnlichen die Intuition ist. Man kann 
lernen an einer regelrechten Betrachtung des rhythmischen Menschen, 
was im Ubersinnlichen die Inspiration ist. Man kann lernen an einer 
ordentlichen Kopfbetrachtung, was im Obersinnlichen eine imagina- 
tive Betrachtung ist. 

Kopfbetrachtung: imaginativ, projiziert in die Sinneswelt. 
Rhythmische Betrachtung: inspiriert, wirksam in der Sinneswelt. 
Betrachtung des Stoffwechsel-Gliedmaftenmenschen: intuitiv, 
ubersinnlich in der Sinneswelt. 

Das ist dasjenige, was in den «Leitsatzen» des letzten Mitteilungs- 
blattes angedeutet ist und was durchaus jeder, der nun wirklich emsig 
die bisherigen Zyklen betrachtet, eigentlich selber finden kann. 

Nun haben wir heute, meine lieben Freunde, versucht, die karmi- 
mischen Zusammenhange in bezug auf das Physische zu betrachten. 
Wir wollen dann morgen dazu iibergehen, die karmischen Zusammen- 
hange in bezug auf das Moralisch-Geistige des Menschen naher ins 
Auge zu fassen. 



NEUNTER VORTRAG 



Dornach, 11. Mai 1924 

Es werden uns nun noch eine Zeit hindurch die gesetzmafiigen Zusam- 
menhange innerhalb der menschlichen Karmaentwickelung beschaf- 
tigen, und ich werde heute zunachst die innere Konfiguration in der 
Bildung des Karma etwas auseinandersetzen, und zwar desjenigen Tei- 
les des Karma, der es vorzugsweise mit der moralischen, mit der ethi- 
schen und mit der geistigen Seite des menschlichen Lebens zu tun hat. 

Nur miissen Sie dabei beriicksichtigen, dafi in dem Augenblicke, wo 
man hinausschaut aus der physischen Welt - und das tut man ja, indem 
man das Karma betrachtet, und die karmischen Zusammenhange sind 
geistige, auch wenn sie sich im Physischen, sagen wir zum Beispiel in 
Krankheiten ausleben -, dann dasjenige, was dem Karma angehort bei 
einer Krankheit, eben geistig verursacht ist. Also unter alien Umstan- 
den kommt man in das Geistige hinein, wenn man an die karmische 
Betrachtung heranruckt. Aber wir wollen heute einmal den ethisch- 
geistigen, den seelischen Teil des Karma besonders ins Auge fassen. 

Es ist ja schon einmal von mir darauf aufmerksam gemacht worden, 
wie das Karma, die Karmabildung, zusammenhangt mit jenen Wesen- 
heiten auf der Erde, welche in sehr alten Zeiten der Erdenentwickelung 
auf der Erde selbst vorhanden waren, und die dann mit dem Monden- 
austritt von der Erde weggegangen sind, um weiter im Weltenall als 
eine Art von Mondbewohner, Mondwesenheiten eben auf dem Monde 
ihren Wohnplatz zu haben. 

Wir miissen dasjenige, was wir Mond nennen, wovon ja der phy- 
sische Teil, der gewohnlich beschrieben wird, nur, ich mochte sagen, 
eine Andeutung ist, wir miissen ja den Mond ansehen als den Trager 
gewisser geistiger Wesenheiten, von denen eben die wichtigsten diese 
sind, die einmal als die grofien Urlehrer die Erde bewohnt haben, die 
auf der Erde jene Urweisheit unter den Menschen begriindet haben, 
von der ich des ofteren gesprochen habe. Diese Wesenheiten waren also 
einmal auf der Erde. Sie waren da, als der Mond noch nicht von der 
Erde getrennt war. Da haben sie, so wie ich es friiher einmal beschrie- 



ben habe, den Menschen die Urweisheit gewissermaften eingefloftt, so 
daft die Menschen durch eine Art innerer Erleuchtung zu dieser Urweis- 
heit gekommen sind. Und die Art, wie diese Wesen gewirkt haben, ist 
durchaus verschieden von der Art, wie heute auf der Erde von Men- 
schen gewirkt werden kann. 

Denn sehen Sie, man wiirde die Art der Wirksamkeit dieser alten 
Urlehrer unter den Menschen eigentlich als eine Art magischer Wir- 
kung bezeichnen miissen, als Wirkungen, die dadurch geschehen sind, 
daft der menschliche Wille noch einen wesentlich grofteren Einfluft 
gehabt hat, auch auf das, was aufierlich geschehen kann, als er heute 
haben kann. Heute kann ja der Wille nur durch physische Obertra- 
gung auf die Auftenwelt wirken. Wir miissen, wenn wir einen Gegen- 
stand stolen wollen, den Willen entfalten, durch unseren Arm und 
durch unsere Hand miissen wir an den Gegenstand anstoften. Die un- 
mittelbare Wirkung des Willens auf auftere Vorgange, die wir heute als 
Naturvorgange bezeichnen wiirden, die war aber zur Zeit der alten 
Urlehrer noch vorhanden in einer Weise, die wir heute als magische 
Wirkungen bezeichnen wiirden. Man kann etwa folgendes sagen: Die 
letzten Reste solcher Wirkungen des menschlichen Willens ragten ja 
noch herein bis vor einer verhaltnismafiig kurzen Zeit. So zum Bei- 
spiel erzahlt uns ja noch Rousseau, wie er in gewissen warmeren Ge- 
genden in der Lage war, Kroten, die in seine Nahe gekommen sind, ein- 
fach dadurch, daft er sie scharf mit dem Blicke fixierte, bis zur Lah- 
mung, ja bis zum Sterben zu bringen. Diese in warmeren Gegenden 
noch bis ins 18. Jahrhundert hineinreichende Wirksamkeit des mensch- 
lichen Willens ist ja immer mehr und mehr hingeschwunden. Sie war 
noch in der alten Agypterzeit vorhanden als Einwirkung des mensch- 
lichen Willens auf das Wachstum der Pflanzen; der Wille konnte noch 
das Wachstum der Pflanzen befordern. Und als die alten Urlehrer auf 
Erden waren, da war es durchaus moglich, auch leblose Naturprozesse 
in die Gewalt des menschlichen Willens hereinzubringen. 

Diese Dinge hangen natiirlich davon ab, oder hingen davon ab, daft 
man auch eine genaue instinktive Einsicht in die Zusammenhange der 
Welt hatte, die ja der heutigen groben Wissenschaft ganz verborgen 
bleiben. Daft zum Beispiel Warmewirkungen fur die Wirkungen des 



menschlichen Willens stark in Betracht kommen, geht ja wiederum 
daraus hervor, dafi derselbe Rousseau, der imstande war, in warmeren 
Gegenden Kroten durch seinen Blick zu toten, es auch spater in Lyon 
versucht hat, einer Krote ins Gesicht zu schauen so, daft er meinen 
konnte, sie wiirde durch seinen Blick wenigstens gelahmt. Und siehe 
da, nicht die Krote wurde gelahmt, sie guckte ihn mit aller Scharfe 
ihrerseits an, und er wurde in einer gewissen Weise gelahmt und mufite 
erst wieder durch Schlangengift vom Arzt zum Leben gebracht wer- 
den. Es hangt diese Art, den Willen zu entfalten, durchaus zusammen 
mit der Beriicksichtigung der instinktiven Erkenntnis dessen, was in der 
Umgebung des Menschen ist. 

Aber es haben schon die alten Urlehrer aus ihren geistigen Unter- 
lagen heraus eben eine ganz andere, intensive, eindringlichere Natur- 
erkenntnis besessen, als die heutigen Menschen sie haben. Kurz, diese 
Urlehrer waren tatsachlich begabt mit etwas, was sich in Naturgesetze 
eben nicht fassen lafit. Man brauchte es auch damals, als die Urlehrer 
auf Erden walteten, nicht in Naturgesetze zu fassen, denn die heutige 
Naturwissenschaft hat es damals natiirlich nicht gegeben. Sie ware auch 
den Leuten dazumal hochst wertlos erschienen, man hatte gar nicht 
begreifen konnen, was man damit will. Denn alles Wirken beruhte 
eben auf einem viel innerlicheren Erkennen und Wissen von den Din- 
gen, als das heute sein kann. 

Diese Urlehrer, wie gesagt, veranderten den Schauplatz ihres Wir- 
kens von der Erde nach dem Mond hinein und haben nun, da ja im 
Weltenall alles zusammenhangt, eine grofie Aufgabe im Zusammen- 
hange des ganzen Weltgeschehens. Und sie sind es, welche mit dem 
Karma, mit der Karmabildung des Menschen aufierordentlich viel zu 
tun haben. Denn ein wichtiger Bestandteil in der Karmabildung ist 
derjenige, den wir beobachten konnen, wenn der Mensch nach dem 
Tode, nachdem er seinen Atherleib nach wenigen Tagen abgelegt hat, 
dann zurvicklebt - nun nicht sein waches Leben, sondern sein Schla- 
fesleben. Wenn also der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen 
ist, so ist ja zunachst ein heller Ruckblick vorhanden in einem machtig 
grofien Tableau auf das, was der Mensch im Leben durchgemacht hat. 
Aber das ist ein bildhaftes Zuruckblicken. Es lost sich nach einigen 



Tagen der Atherleib auf im allgemeinen Weltenather, und dann 
schwindet so langsam hin dieser.Ruckblick. Dann aber beginnt ein 
wirkliches Zuriickschauen. 

Nicht wahr, unser Leben wahrend unseres Erdendaseins verfliefit 
so, daft, wenn wir es auch als eine Einheit in der Erinnerung auffassen, 
das natiirlich eine Tauschung ist; denn das Leben verfliefk nicht als 
eine Einheit, sondern wir erleben immer bewulk Tag, unbewufit Nacht, 
bewufit Tag, unbewufk Nacht und so weiter. Wenn dann der Mensch 
sich zuriickerinnert, so vergifit er, dafi die Nachte immer dazwischen- 
liegen. In diesen Nachten geht viel vor mit dem Seelischen, mit dem 
Astralleib und mit dem Ich, nur weifi der Mensch davon nichts. Was 
da vorgeht, was der Mensch also wahrend des Erdenlebens unbewulk 
durchlebt, das durchlebt er bei einem Ruckgange so, da$ ihm die Zeit 
dann nach dem Tode wirklich wie zuriickgehend erscheint; da durch- 
lebt er dann in voller Bewufitheit die Nachte. 

Daher erlebt er diesen Riickgang, weil man etwa ein Drittel des 
Lebens verschlaft, auch eben in einem Drittel der Lebenszeit. Wenn 
also einer sechzig Jahre alt geworden ist, hat er ungefahr zwanzig Jahre 
verschlafen, und er erlebt dann diesen Riickgang in zwanzig Jahren 
ungefahr. Dann geht es in das eigentliche Geistgebiet hinein, und der 
Mensch lebt dann auf eine andere Weise. Aber diesen Riickgang, das 
Anschauen desjenigen, was in den Nachten geschieht, das erlebt der 
Mensch zunachst nach dem Tode. Er erlebt es aber so, dafi es einem zu- 
nachst auffallen mufi, wie grofi, bedeutsam sich dieses Riickerleben un- 
terscheidet von dem gewohnlichen Erleben wahrend der Nacht. 

Mit Ausnahme der aus dem Schlaf herauftauchenden Traume, die 
ja nicht sehr treu wiedergeben, was im Erdenleben durchgemacht wird, 
sondern es in einer sehr illusorischen, phantastischen Weise oftmals wie- 
dergeben, mit Ausnahme also dessen, was als Traume heraufwurlt aus 
dem nachtlichen Leben, hat ja der Mensch wenig Bewufksein von all 
dem Mannigfaltigen, das mit ihm vorgeht. Ich habe es in friiheren 
Zeiten ja auch hier beschrieben, was mit ihm vorgeht wahrend des 
Schlaf es; aber nach dem Tode erlebt das der Mensch mit einer aufier- 
ordentlichen Klarheit, mit einer aufierordentlichen Anschaulichkeit. So 
dafi man sagen kann, dieses Leben in der Seelenwelt nach dem Tode, 



das ist eigentlich ein eindrucksvolleres als das Erdenleben. Die Bilder, 
die man erlebt, die Art, wie man selber drinnensteht in diesem Erleben, 
ist eine aufterordentlich intensive, gar keine traumhafte, sondern eine 
aufterordentlich intensive. Und man erlebt eigentlich alles so, daft man 
es, ich mochte sagen, von dem Gesichtspunkt einer Art photogra- 
phischen Negativs erlebt. Wenn Sie also jemandem wahrend des Er- 
denlebens ein Leid zugefiigt haben, so haben Sie wahrend des Erdenle- 
bens die Zufiigung dieses Leides von sich aus erlebt. Sie haben dasjenige 
wahrend Ihres Erdenlebens erlebt und getan, was von Ihnen ausgeht. 
Wenn Sie aber da zuriickleben, dann erleben Sie nicht das, was Sie 
erlebt haben wahrend des Erdenlebens, sondern wie durch Hiniiber- 
schliipfen in den anderen, was der andere erlebt hat, dem Sie die Sache 
zugefiigt haben. 

Also, wenn ich ein drastisches Beispiel wahle, so erleben Sie, wenn 
Sie jemandem eine Ohrfeige gegeben haben, nicht das, was Sie wah- 
rend des Erdenlebens im Beabsichtigen dieser Ohrfeige, im Verabrei- 
chen dieser Ohrfeige, in der Schmerzlosigkeit dieser Ohrfeige fiir Sie, 
wenn Sie sich nicht dabei durch starke Anstrengung an der eigenen 
Hand einen Schmerz zugefiigt haben, erlebten, sondern statt dessen, 
was Sie da bei der Verabreichung einer solchen Ohrfeige erlebten, er- 
leben Sie nun bei diesem Riickgehen alles das, was der andere, dem Sie 
die Ohrfeige verabreicht haben, erlebt hat. Sie erleben es als Ihr Erleb- 
nis, und zwar in einer aufterordentlichen Anschaulichkeit, in einem 
verstarkten Mafte erleben Sie es. 

So daft in der Tat der Mensch, wenn er diesen Ruckgang macht, 
sich sagt: Oh, das ist aufterordentlich eindrucksvoll, was ich da erlebe! 
Und kein Emdruck auf der Erde wirkt eigentlich so machtig ein wie 
die Eindrucke dieses ruckwartsgerichteten Lebens nach dem Tode in 
dem Dritteil der Lebenszeit. So daft Sie in dieser Zeit eigentlich die 
ganze karmische Erfullung dessen, was Sie im Leben selber getrieben 
haben, erleben; das alles erleben Sie vom Standpunkte des anderen aus. 
Also Sie erleben die gesamte karmische Erfullung Ihres Lebens, nur 
noch nicht als Erdenleben - das werden Sie im nachsten Leben tun 
aber Sie erleben es, wenn es auch in bezug auf das Tun nicht so inten- 
siv ist, wie es spater im Erdenleben sein wird, Sie erleben es mit Bezug 



auf den Eindruck eben starker noch, als es in irgendeinem Erdenleben 
der Fall sein konnte. 

Nun, das ist etwas Auffalliges, meine lieben Freunde. Es ist wirk- 
lich, ich mochte sagen, die Durchsattigtheit, die Starke des Erlebens 
da etwas ganz Aufierordentliches, etwas Merkwiirdiges. 

Wenn aber der Mensch nur diejenige Kraft in seinem Ich und in 
seinem astralischen Leibe entwickeln konnte, die er hat, wenn er durch 
die Pforte des Todes geht, so wurde er diesen ganzen Ruckweg hoch- 
stens wie einen sehr lebendigen Traum erleben. Erwarten konnte man 
eigentlich zun'achst nach dem Erdenleben, wenn man nur auf das Er- 
denleben schaut und auf das, was das Erdenleben aus einem machen 
kann, wenn man gestorben ist, dai$ man diesen Ruckweg als einen 
sehr, sehr lebendigen Traum erlebt. Das ist aber ganz und gar nicht der 
Fall. Es ist nicht ein lebendiger Traum, es ist ein aufierordentlich in- 
tensives Erlebnis, viel intensiver, als die irdischen Erlebnisse sind. 

Nun hat man keinen physischen Leib, man hat keinen Atherleib, 
durch die man doch auf der Erde seine Erlebnisse hat. Denken Sie sich 
nur, was Sie iiberhaupt auf Erden erleben wurden mit dem gewohn- 
lichen Bewuiksein, wenn Sie keinen physischen und keinen Atherleib 
hatten. Sie wurden so hinhuschen iiber die Erde, dafi ab und zu ein 
Traum auftritt; dann schlafen Sie wieder weiter und so fort. 

Nun kann man sich wohl vorstellen, dafi ein Traum, den ein Sech- 
zigjahriger nach dem Erdenleben durch zwanzig Jahre hat, kontinuier- 
lich fortdauert; aber es ist eben kein Traum, es ist ein ganz energisches, 
intensives Erleben. Und woher kommt das? Sehen Sie, das kommt da- 
her, dafi in dem Augenblicke, wo der Mensch durch die Pforte des To- 
des durchgegangen ist, seinen Atherleib abgelegt hat, in diesem Augen- 
blicke, wo er diese Ruckwanderung antritt nach dem Tode, sogleich 
diese Mondenbewohner an ihn herankommen, und sie sind es, die mit 
ihrer alten magischen Macht, mit der Weltsubstanz seiner Bilder in 
ihn hineinfahren, in sein Erleben hineinfahren. 

Sehen Sie, es ist gerade so, was einem da passiert, wenn ich einen 
Vergleich brauchen darf, wie wenn ich ein Bild malen wiirde. Da male 
ich zun'achst nur ein Bild - das tut keinem Menschen weh, wenn es 
nicht gar zu scheufilich ist, und da ist es ja auch nur ein moralischer 



Eindruck -, das tut also keinem Menschen weh. Aber denken Sie sich, 
ich male meinetwillen drei von Ihnen hier auf einem Bild, und es 
wiirde dadurch, dafi mit einer magisch wirkenden Kraft das Bild 
durchsetzt wiirde, geschehen, dafi diese drei aus dem Bilde hervortre- 
ten und sogleich alles dasjenige ausfuhren, was sie etwa im Schilde 
fiihren gegen irgend jemanden hier. Sie wiirden intensiver, machtiger, 
regsamer auftreten, als Anthroposophen gewohnt sind aufzutreten. So 
ist es. Das ganze Erleben ist mit einer ungeheuren Regsamkeit verbun- 
den, weil diese Mondenwesen mit ihrem ganzen Sein die Bilder, die da 
erlebt werden, durchdringen, ich mochte sagen, mit einem «Obersein» 
durchdringen und sattigen. 

So daft wir also durch die Region dieser Mondenwesen durchgehen 
nach dem Tode. Dadurch aber wird ganz machtig im Weltenather das- 
jenige fixiert, was wir in dieser Weise als den Ausgleich fur unsere eige- 
nen Taten, so wie ich es eben geschildert habe, erleben. Und gerade 
dieses Zuriickgehen, wenn man es nicht blofi prinzipiell schildert, wie 
ich es in meiner «Theosophie» getan habe, sondern wenn man es so 
konkret anschaulich zu schildern versucht, wie ich es jetzt tun mochte, 
gerade dieses Riickleben ist aufterordentlich interessant, wie iiberhaupt 
das Riickleben des Menschen unmittelbar nach dem Tode ein aufier- 
ordentlich wichtiger Teil des Lebens schon einmal ist. 

In unserer Zeit sind ja in der Tat die Erlebnisse, die da ein Mensch 
haben kann, noch in einem ganz besonderen Mafie kompliziert. Den- 
ken Sie nur einmal daran, wie ganz andersartig die gesamte Seelenver- 
fassung dieser Mondenwesen eigentlich ist gegeniiber den Erdenbewoh- 
nern. Diese Mondenwesen, mit denen wir also, wie ich geschildert habe, 
so viel nach dem Tode zu tun haben, sie haben den Menschen jene Ur- 
weisheit gegeben, die gerade in unserem Zeitalter verglommen ist, die 
eigentlich nur bis zum 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert etwas inten- 
siver noch gedauert hat, dann in Tradition vorhanden war, dann aber 
ganz verglommen ist. Ich habe es ja ofter ausgefiihrt, wie die Menschen 
nicht zu ihrer Freiheit hatten kommen konnen, wenn ihnen die grofi- 
artige, gewaltige Urweisheit dieser Urlehrer geblieben ware. Also, sie 
ist verglommen. Es ist etwas anderes, das abstrakte Denken ist an die 
Stelle getreten. Der Mensch denkt heute in Begriffen, welche eigent- 



lich gar nicht mehr viel zu tun haben mit der geistigen Welt. Ich mochte 
da noch einmal einen Vergleich gebrauchen, den ich schon einmal hier 
gebraucht habe: Aristoteles hat zehn Begriffe aufgestellt, die eigentlich 
noch die Oberbleibsel der alten Weisheit waren: Sein, Menge, Eigen- 
schaft, Relation, Lage, Raum, Zeit, Haben, Tun, Leiden. Er hat sie die 
Kategorien genannt. Es sind zehn einfache Begriffe. Diese zehn ein- 
fachen Begriffe stehen ja gewohnlich in unseren Schullogiken. Die 
Gymnasiasten miissen sie auswendig lernen, die Professoren der Phi- 
losophic kennen sie. Aber man kennt eben nur diese zehn Begriffe: Sein, 
Haben, Lage, Raum, Zeit und so weiter. Aber was weifi man, wenn 
man diese zehn Begriffe kennt? Diese zehn Begriffe sind natiirlich fiir 
den heutigen Menschen etwas Langweiliges, aber fiir den, der sie in ihrer 
Bedeutung durchschaut, sind sie nicht langweiliger als es die zweiund- 
zwanzig oder dreiundzwanzig Buchstaben unseres Alphabetes sind. 

Wenn Sie nichts wiifiten vom Alphabet als: a, b, c, d, e, f, g und so 
weiter bis zum z, stellen Sie sich vor, was der Goethesche «Faust» fiir 
Sie ware! Sie schlagen das Buch auf, finden da iiberall in dem Buch in 
der verschiedensten Weise durcheinandergewurfelt diese zweiund- 
zwanzig Zeichen. Sonst enthalt ja der «Faust» nichts anderes als diese 
zweiundzwanzig Zeichen, nur immer in verschiedener Weise zusam- 
mengesetzt. Aber wenn Sie nichts weiter wiifiten, wenn Sie nie lesen 
gelernt hatten, sondern nur das Buch aufschlagen und diese Buchsta- 
ben kennenlernen wiirden, denken Sie, wie anders das ware als jetzt, 
wo Sie lesen konnen, und nun den «Faust» in die Hand nehmen! Das 
ist doch etwas anderes. Aber kein Buch der Welt, das Sie lesen konnen, 
enthalt etwas anderes als diese zweiundzwanzig Zeichen, und doch, 
was machen Sie mit diesen zweiundzwanzig Buchstaben, wenn Sie 
lesen konnen! Die ganze sinnliche Welt wird Ihnen aufgeschlossen da- 
durch, dafi Sie durch die Art und Weise, wie Sie sie jonglieren, zusam- 
menwiirfeln, wie Sie diese zweiundzwanzig Buchstaben verwenden. 

Aber die Logiker, die heute zehn Kategorien: Sein, Quantitat, Qua- 
litat, Relation, Raum, Zeit, Lage, Haben, Tun, Leiden aufgenommen 
haben, die wissen nicht mehr, wozu diese Kategorien gehoren, als einer, 
der nie lesen gelernt hat, sondern in alien Biichern der Welt nur immer 
a, b, c, d, e, f und so weiter sieht. Es ist ganz dasselbe. Denn diese zehn 



Grundbegriffe, diese zehn logischen Begriffe des Aristoteles mu£ man 
so kennen, dafi man sie in der verschiedensten Weise verwenden kann, 
so wie fiir die physische Welt die Buchstaben in der verschiedensten 
Weise zusammengesetzt werden. Dann liest man mit diesen zehn Be- 
griffen in der geistigen Welt. Es sind Buchstaben! 

Aber es ist allmahlich so geworden in unserem Zeitalter, daf$ man 
nur noch die Begriffe kennt, was dasselbe ist, wie wenn man vom 
Alphabet eben nur die Aufeinanderfolge der Buchstaben kennen 
wiirde. Denken Sie, was Ihnen entgehen wiirde, wenn Sie nicht lesen 
konnten, sondern nur a, b, c, d sahen. Es entgeht den Menschen dem- 
entsprechend alles, was in der geistigen Welt ist, wenn sie nicht die 
nur modifizierten Begriffe des Aristoteles in der verschiedensten Weise 
verwenden konnen, urn in der geistigen Welt lesen zu konnen. 

In dieser Beziehung ist sogar den Philosophen seit langer Zeit etwas 
Urdrolliges passiert. Es gab in der Mitte des Mittelalters einen sehr ge- 
scheiten Mann, Raimundus Lullus> der noch etwas aus der Tradition 
gewufit hat von diesem Versetzen der logischen Kategorien, der logi- 
schen Grundbegriffe, und er hat das, was er gewulk hat, bekanntgege- 
ben, aber nach der Sitte der damaligen Zeit im Bilde. Aber wenn er die 
Wirklichkeit ausgesprochen hatte, wiirde er gesagt haben: Meine Zeit- 
genossen sind alle Hohlkopfe, denn sie wissen nur a, b, c, d zu sagen, 
nicht zu lesen mit den Stammbegriffen, mit den Grundbegriffen. Man 
mufi verstehen, mit dem Kopf diese Grundbegriffe so in Verbindung 
zu bringen, wie man sonst die Buchstaben in Verbindung bringt zu 
Worten und Satzen. Dann kann man in der geistigen Welt lesen. - Aber 
das hat er nicht so direkt gesagt, das war die Sitte der damaligen Zeit 
nicht. Sondern er sagte: Man schreibe auf Zetteln die Grundbegriffe 
auf, und dann nehme man so eine Art Roulette, dann drehe man, dann 
werden diese Begriffe untereinandergewiirfelt, und dann lese man. 
Dann kommt etwas dabei heraus. 

Das war aber nur ein Vergleich, denn er hat eigentlich nicht eine 
tote Roulette gemeint, sondern den geistigen Kopf gemeint, der diese 
Begriffe durcheinanderwiirfeln soli. Aber diejenigen, die davon ge- 
hort haben, die haben die Geschichte ernst genommen und lachen seit 
jener Zeit dariiber. Sie finden, das ist etwas ungemein Kindisches ge- 



wesen von Raimundus Lullus. Kindisch ist es aber nur von seiten der 
neueren Philosophic aus, die nicht weifi, urn was es sich dabei handeit. 

Sie sehen, es ist tatsachlich fast alles verlorengegangen von dem, was 
in alterer Zeit der Menschheit von diesen Urlehrern uberbracht worden 
ist, die heute von uns als die Mondenbewohner angesprochen werden 
mussen. Und es macht der Mensch eigentlich in einer besonderen Art 
die Bekanntschaft mit diesem andersartigen Wissen bei dieser riick- 
laufigen Wanderung unmittelbar nach dem Tode. Da weifi er eigent- 
lich auf eine solche Art, wie diese Urweisen gedacht und gewufit haben. 
Daher das Anschauliche, das so konkret Auftretende. 

Aber eben in unserer Zeit werden die Sachen etwas verwickelt. Aus 
dem Grunde verwickelt, weil eine Art Nichtverstehen vorhanden ist 
zwischen den Menschen, die nun hier auf Erden - seit die Urweisheit 
verglommen ist - in ihren abstrakten Begriffen leben, und zwischen 
dem, was diese Urlehrer jetzt, nachdem sie mit dem Mondensein ver- 
bunden sind, als ihre Seelenverfassung haben. 

Es ist schon dieses der Fall: wenn so ein moderner Naturgelehrter 
dieses Leben durchmacht, da spricht er eine andere Sprache als diese 
Urlehrer, die eigentlich, wie ich es weiter noch ausfuhrlich schildern 
werde, mit der Bildung seines Karma sehr viel zu tun haben. Diese Ur- 
lehrer und die Menschen, die heute aus der modernen Zeitbildung, 
Zeitzivilisation heraus sterben, verstehen sich nicht recht. 

Man kann iiber solche Dinge aufierordentlich schwer Auffassungen 
bekommen, denn die Beobachtung dessen, was da vorgeht mit Men- 
schen, ist ja nicht besonders leicht. Aber in charakteristischen Fallen 
kann man schon Anschauungen bekommen. Und so kann sich zum Bei- 
spiel eine Anschauung ergeben, meine lieben Freunde, wenn man zwei 
Menschen betrachtet, die, sagen wir, in der neueren Zeit gestorben 
sind und in dieser Weise die Riickwanderung gemacht haben nach dem 
Tode, die also in gewissem Sinne ganz drinnenstehen in der modernen 
Zeitbildung und doch wiederum in einem hohen Grade voneinander 
verschieden sind. 

Sehen Sie, da kann man einen genialen, in seiner Art genialen, aber 
immerhin doch dutzendmafiigen modernen Naturgelehrten nehmen, 
wie etwa Du Bois-Reymond oder so jemanden, und kann diesen Ruck- 



gang betrachten. Man kann aber auch eine andere Personlichkeit be- 
trachten. Und eine sehr interessante Personlichkeit fur diesen Ruck- 
gang durch diese Seelenwelt ist diejenige Personlichkeit, die mir einst- 
mals vorgeschwebt hat beim Abfassen meiner Mysterien, als ich die 
Strader-Figur gebildet habe. Strader in den Mysterien ist ja das Ab- 
bild einer ganz konkreten Personlichkeit, die tatsachlich in ihrer Ju- 
gend in das Monchtum hineingegangen ist, aber aus dem Monchtum 
wiederum sich herausentwickelt hat und dann in einer Art modern- 
aufklarerischer Philosophic gewirkt hat, auch als Universitatsprofes- 
sor in dieser modern-aufklarerischen Philosophic gewirkt hat. 

Nun, diese Personlichkeit - sie hat eine Menge Schriften geschrie- 
ben - ist eigentlich in ihrer ganzen Begriffsentwickelung abstrakt, so 
von rechter Abstraktheit eines modernen Denkers, aber eindringlich, 
aufierordentlich eindringlich, sehr herzhaft. Das ist ja eigentlich etwas 
Wohltatiges, wenn man beim modernen Denker auf etwas trifft, was 
herzhaft ist. 

Natiirlich, so herzhaft, wie zum Beispiel Hegel war, der mit unge- 
heurer Emotion, aber auch mit ungeheurer Anschaulichkeit das Aller- 
abstrakteste hinstellte, so herzhaft ist der moderne Mensch ja nicht 
mehr; Hegel war ja eigentlich ein Mensch, der mit Begriffen Holz 
hacken konnte, der so fest die Begriffe hinstellen konnte, so konkret, 
dafi er mit Begriffen Holz hacken konnte, aber in dieser Konkretheit 
natiirlich kann das der moderne Mensch nicht mehr. Aber der, den 
ich meine, der hatte schon etwas Herzhaftes in der Handhabung der 
abstrakten Begriffe. Nun, mir war natiirlich, weil, wie gesagt, mir die- 
dieses Leben vorschwebte, als ich die Strader-Figur gestaltete in meinen 
Mysterien, mir war ganz besonders interessant die Riickwartswan- 
derung des Lebens bei dieser Personlichkeit. Da kam nun sehr in Be- 
tracht, dafi diese Personlichkeit alles, was sie dachte, doch mit einem 
gewissen theologisierenden Zug wiederum dachte, ganz abstrakt, wie 
ein moderner Naturforscher oder wenigstens Naturdenker von der 
einen Seite, daft aber mit einem etwas theologisierenden Zug wenigstens 
iiberall etwas durchleuchtet - es kommt das natiirlich aus fruheren In- 
karnationen derselben Personlichkeit - von dem Bewufitsein, dafi man 
doch von einer realen geistigen Welt wenigstens sprechen kann. 



So haben die Begriffe dieser Personlichkeit in einem grofieren Sinne 
eine Verwandtschaft mit dem, was die Seelenverfassung bei den Mon- 
denwesen ist, als sie ein gewohnlicher Dutzendgelehrter, wie zum Bei- 
spiel Du Bois-Reymond, hat. Und so kann man sehen, dafi bei diesen 
Dutzendgelehrten ein Durchgehen durch diese Seelenwelt, durch diese 
Mondensphare wirklich ein richtiges Nicht-Verstehen ist, wie wenn 
einer in einem fremden Lande lebt und niemals die Sprache dort lernt: 
die anderen verstehen ihn nicht, er versteht sie nicht. So ungefahr ist 
das fiir den Menschen, der ganz aus der modernen Zivilisation heraus- 
wachst, wenn er nun diese Riickwanderung durch das Leben antritt. 

Aber fiir diese Personlichkeit, ich mochte sagen fiir das «Urbild» 
meines Strader, ist das doch etwas anders gewesen. Und gerade an ihm 
konnte wahrgenommen werden bei der Riickwartswanderung, wie die 
Wesen, die dem Monde angehoren, ein auflerordentliches - ich mufi 
mich naturlich irdischer Ausdriicke bedienen, obwohl sie ungeheuer 
trivial sind im Verhaltnis zu der Sache, die ich schildern mufi -, wie 
diese Wesen ein gewisses Interesse entwickelten fiir die Art und Weise, 
wie er seine Gedanken, seine abstrakten Gedanken da hineinbrachte in 
diese Seelenwelt. Und er wiederum, er erlebte ein merkwiirdiges, ein 
ganz merkwiirdiges Aufwachen, ein Aufwachen, das sich so ansah, als 
ob er sich sagte: Ach, alles, was ich da bekampft habe - und er hat viel 
bekampft von dem, was traditionell war -, das ist gar nicht so, das ist 
ja eigentlich im Grunde genommen ganz anders. Das ist ja nur nach 
und nach so geworden, weil die alten guten Weisheiten zu abstrakten 
Worten geworden sind, und ich habe eigentlich vielfach gegen Wind- 
miihlen gekampft. Jetzt sehe ich aber Realitaten. 

Sehen Sie, da beginnt etwas, wo namentlich bei solch einer Person- 
lichkeit - und man kann im modernen Leben eine ganze Reihe solcher 
Personlichkeiten zeichnen - diese Riickwartswanderung, wo das Kar- 
ma zunachst veranlagt wird, aufierordentlich interessant wird fiir das 
Leben. 

Eine noch auffalligere Personlichkeit in dieser Beziehung ist der 
Philosoph, der «Die Phantasie als Grundprinzip des Weltprozesses» 
geschrieben hat, ich habe ihn auch ofter erwahnt, Jakob Frohscham- 
mer. Er hatte eigentlich noch sehr viel von innerer Durchtranktheit der 



abstrakten Begriffe in sich, war aber auch, ahnlich wie der, den ich 
jetzt beschrieben habe, eine Art abstrakter Denker. Aber er konnte 
selber die Abstraktheiten des Modernismus so wenig vertragen — ich 
meine jetzt nicht den Modernismus in katholischer Terminologie dafi 
er eben gar nicht die Begriffe als weltgestaltende Machte gelten lassen 
wollte, sondern die Phantasie. Er sah uberall die Phantasie wirksam: 
die Pflanze wachst auf, die Tiere sind da durch die Phantasie und so 
weiter. In dieser Beziehung ist ja das Buch von Frohschammer aufier- 
ordentlich interessant. 

Es ist ganz wunderbar; eine solche Personlichkeit, die noch sehr viel 
in sich hat von dem, was da war in der Zivilisationsentwickelung, be- 
vor die ganze moderne philistros-abstrakte Art zu denken eingetreten 
ist, wachst eben noch in innigerer Weise mit der Substanz der Mon- 
denwesenheiten zusammen. Und solche Studien sind schon aufieror- 
deutlich interessant, weil sich an sie ankniipft ein genauerer Einblick 
in die Entwickelungsgesetze des Karma. Und gerade wenn man mit 
einer gewissen Teilnahme einer solchen Personlichkeit zugetan ist, 
wie es bei mir der Fall ist gegenuber dem Urbilde des Strader in den 
Mysterien, so ist es die Warme, die Seelenwarme, in der man mit einer 
solchen Personlichkeit verbunden ist, die es einem moglich macht, ge- 
rade diese so bedeutungsvolle Wanderung nach dem Tode mit durch- 
zuerleben. 

Da hat tatsachlich die Tatsache, dafi die Eindrucke so starke sind 
auf den, der sie nach dem Tode durchmacht, noch eine Nachwirkung 
bei dem, der so etwas dann erkennend verfolgt. Und da ist schon etwas 
sehr Merkwiirdiges. Gerade in einem solchen Verfolgen zeigt sich, 
wieviel eindrucksvoller diese Erlebnisse nach dem Tode sind als die 
irdischen Erlebnisse. 

Ich frage mich zum Beispiel heute in allem Ernste: Ware es mog- 
lich fur mich, nachdem ich langere Zeit gerade diese Bildgestaltungen, 
die dieses Urbild des Strader nach dem Tode durchgemacht hat, mit 
angesehen habe, wenn ich etwa, so wie ich die vier Mysteriendramen 
gemacht habe, im weiteren Fortgang ein fiinftes machen wollte, die 
Gestalt des Strader zu schildern, sie weiter darzustellen? Es ware mir 
gar nicht moglich, denn in dem Augenblicke, wo ich die irdische Ge- 



stalt darstellen will, die viel weniger intensiv an Eindriicken ist, sind 
die Bilder da von den Eindriicken, die das betreffende Urbild nach 
dem Tode durchmacht. Die sind viel intensiver, die loschen dasjenige 
aus, was im irdischen Leben dasteht. 

Und ich konnte das an mir durchaus beobachten. Wahrend ich auch 
fur die Lebensaufierungen der betreffenden Personlichkeit - Sie kon- 
nen sich das ja denken, weil sie eben das Urbild meines Strades ist - 
ein aufierordentliches Interesse hatte, wahrend sie lebte - sie ist ja nun 
seither verstorben -, iiberwiegt jetzt das Interesse fur die Eindriicke, 
die diese Personlichkeit nach dem Tode hat, weit alles das, was ich iiber 
diese Personlichkeit irgendwie im Leben ausfindig machen kann, oder 
schildern kann oder dergleichen. 

Ja, ich mufi sagen, wenn ich selber zuriickdenke an meine Mysterien- 
dramen: durch die lebendigen Eindriicke von diesem Urbilde meiner 
Strader-Gestalt in ihrem Leben nach dem Tode verloscht sich mir - 
wahrend bei den anderen Gestalten das fast gar nicht der Fall ist - das- 
jenige, was die Gestalt des Strader ist, am allermeisten. Da sehen Sie, 
wie sich fur eine wirkliche, reale Beobachtung wirklich in Realitat 
nebeneinanderstellt dasjenige, was auf Erden ist, und das, was aufier- 
halb der Erde ist, und wie man an der Wirkung, die solche Dinge ha- 
ben, schon beurteilen kann, dafi dieses Leben nach dem Tode in der 
Riickwartswanderung ein ungeheuer intensives ist: es loscht durchaus 
irdische Eindriicke aus. 

Ja man kann iiber solche Dinge sogar noch mehr sagen. Es kann 
zum Beispiel folgendes der Fall sein - ich erzahle auch bei diesen Din- 
gen nicht irgend etwas Konstruiertes, sondern durchaus Realitaten -: 
Man kennt sehr gut einen Menschen hier im Erdenleben, man erlebt 
dann das, was er bei der Riickwartswanderung durchzumachen hat, wie 
alles eine andere Gestalt annimmt, weil die Bilder dieser Riickwartswan- 
derung so aufierordentlich intensiv sind. Und man kann sogar sagen, 
daft, wenn man sich aufierordentlich interessiert hat, wie das bei mir 
der Fall war bei einem Menschen, der vor einer Anzahl von Jahren ge- 
storben ist, fur sein Erdenleben, so nimmt die ganze Beziehung zu die- 
sem Erdenleben eine andere Form an, wenn man nachher miterlebt, was 
die betreffende Personlichkeit nach dem Tode in der Riickwartswan- 



derung durchmacht. Eine ganz andere Form nimmt das an! Und man- 
ches in den irdischen Beziehungen stellt sich dann erst in seiner vollen 
Wahrheit ein. 

Das ist urn so mehr der Fall, wenn die Beziehungen im Erdenleben 
nicht geistiger Natur sind. Wo sie geistiger Natur sind, wo sie vom 
Geistigen durchtrankt sind, ist ja eine Art kontinuierlicher Weiterent- 
wickelung vorhanden. Wenn sie aber so sind, dafi zum Beispiel, sagen 
wir, ohne eine Obereinstimmung in den Anschauungen eine mensch- 
liche Beziehung vorhanden ist, dann setzt sich sofort nach dem Tode 
unter Umstanden diese menschliche Beziehung in etwas ganz anderes 
um, in eine ganz andere Art von Gefuhlsleben und so weiter. Das wird 
durch diese Lebendigkeit der Bilder, die da auftreten, eigentlich her- 
vorgerufen. 

Ich schildere solche Dinge aus dem Grunde, damit ich in Ihnen, 
meine lieben Freunde, eine konkrete Vorstellung hervorrufe von der 
Art und Weise, wie andere Arten von Realit'aten da sind als diejenigen, 
die auf der Erde vorhanden sind. Es gibt eben die verschiedensten 
Arten von Realitaten. Und daft uberall in die Bilder, die der Mensch 
von sich aus machen kann, die Taten der Mondenwesen einfliefien, 
diese Realitat ist fiir die Betrachtung eigentlich wunderbarer als die 
spatere, wenn der Mensch durch die Geisteswelt durchgeht, wo er es in 
der Auswirkung seines irdischen Lebens mit den hoheren Hierarchien 
zu tun hat, was man viel leichter begreift, weil das eine Art Fortsetzung 
ist. Aber diese radikale Umanderung des Menschen nach dem Tode 
dadurch, dafi er mit Wesen in Beziehung tritt, die langst von der Erde 
weggegangen sind und auf dem Monde eine Art kosmischer Kolonie 
begriindet haben, das ist etwas, was in einer aufierordentlich starken 
Weise uns mit einer der irdischen Realitat sehr naheliegenden - denn 
man macht es ja unmittelbar nach dem irdischen Leben durch - und 
doch wiederum von der irdischen grundverschiedenen Realitat bekannt 
macht. 

Wenn nun die Menschen gar zu stark an dem Irdischen hangen, 
dann kann es sogar sein, daft sie es schwer haben, in diese Region sich 
hineinzufinden, wo die Mondenwesen sind. Da tritt dann das Fol- 
gende ein, das ich etwa in der Art charakterisieren mochte: Denken 



Sie sich, hier ware die Erde (siehe Zeichnung, weifi), da der Mond (rot). 
Nun ist es ja so, dafi die Mondenwirkungen, die eigentlich die reflek- 
tierten Sonnenwirkungen sind, gerade noch so weit in die Erde hinein- 
wirken, dann horen sie auf zu wirken (gelb). Die Mondenwirkungen 
gehen nicht sehr weit in die Erde hinein, aber gerade noch so weit hin- 
ein, als die Pflanzenwurzeln in der Erde sich ausbreiten. Unter die 
Pflanzenwurzel-Schichte - und das ist ja eine sehr diinne Schichte - 
gehen die Mondenwirkungen eigentlich nicht hinunter. 




Und es ist eigentlich nur eine kleine Hulle hier oben, wo die Mon- 
denwirkungen festgehalten werden. Sonnenwirkungen gehen ja tief in 
die Erde hinein. Von der Sonnenwarme wahrend des Sommers erhalt 
sich die Warme noch; wenn Sie die Kartoffeln in Gruben legen, da ha- 
ben Sie noch die Wirkung wahrend des Winters. Von den Sonnenwir- 
kungen geht viel hinein in die Erde, von den Mondenwirkungen nur so 
weit, als die Pflanzenwurzel geht - eine diinne Schichte. 

Es kann aber geschehen, dafi Menschenwesenheiten nach dem Tode, 
wenn sie in die Mondenregion hinein sollen, in die Seelenwelt, und 



doch nicht recht sich verstehen konnen mit den Mondenwesen, gebannt 
werden von dieser diinnen Schichte von Mondenwirkungen, die dann 
aus der Erde gewissermafien herauf rauchen, und dann eigentlich da fur 
ein wirkliches sinnlich-ubersinnliches Wahrnehmen wie eine Art Ge- 
spenster, wie Nachwirkungen des Menschen herumwandeln. 

Die Sagen und Dichtungen, die von solchen Dingen existieren, die 
beruhen ja durchaus auf Realitaten. Man mu£ nur, um solche Dinge 
beurteilen zu konnen, ganz frei von Aberglauben sein, uberall kritisch 
vorgehen, uberall nur diejenigen Dinge nehmen, die sich priifen lassen. 

Bei diesem Durchgang, der also ein Drittel des Erdenlebens dauert, 
bereitet sich zunachst das Karma vor. Denn die Mondenwesen neh- 
men ja teil an diesen negativen Bildern, die der Mensch von seinen 
Taten entwirft, auch von seinen Gedankentaten, und diese Monden- 
wesen haben ein gutes Gedachtnis, da sie ja alles das, was sie da erleben 
mit dem Menschen, in den Weltenather eintragen. 

Wir gehen nun durch das Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt hindurch, kommen wieder zuriick. Da finden wir, wenn wir 
zuruckkommen in die Mondenregion, alles das verzeichnet. Wir neh- 
men es in unser Erdenleben herein, auf daft wir es dann mit dem Erden- 
willen ausfiihren. 

Das ist zunachst dasjenige, was ich als eine grundlegende Betrach- 
tung heute, meine lieben Freunde, vor Sie hinstellen mochte. 



Karmabildung 
beim riicklaufigen Durchleben des Erdenwandels 
unmittelbar nach demTode 



ZEHNTER VORTRAG 



Dornach, 16. Mai 1924 



Wir haben das letzte Mai besprochen, wie sich gewissermafien der 
Keim bildet zum Karma in derjenigen Zeit, die unmittelbar auf den 
Durchgang des Menschen durch die Todespforte folgt. Und ich habe 
versucht darzustellen, wie mit einer grofien Lebendigkeit, mit einer 
starken inneren Kraft gerade die Erlebnisse, die der Mensch in dieser 
Zeit, die etwa ein Drittel der Lebenszeit umfafit, durchmacht, wie 
diese Erlebnisse mit einer ungeheuren Starke auf ihn wirken, und wie 
sie auf den Betrachter wirken, der das Leben des Menschen in dieser 
Zeit verfolgt. Nun miissen wir ja ins Auge fassen, wie die irdische 
Welt, innerhalb welcher sich eigentlich die Erfiillung und die Bildung 
des Karma abspielt, auf den Menschen wirkt, und wie anders die aufier- 
irdische Welt wirkt. 

Wenn wir sozusagen auf den Schauplatz unseres Karma hinblicken, 
der also die Erde ist, dann werden wir finden, dafi das, was zur Erde 
gehort - alle die Wesen der verschiedenen Naturreiche -, einen realen 
Einflufi auf den Menschen hat, der da ist, der sich geltend macht im 
Leben des Menschen, und sich auch geltend macht dann, wenn der 
Mensch nicht seine Erkenntnis richtet auf das, was in seiner irdischen 
Umgebung ist. Der Mensch mufi sich nahren, der Mensch mufi wach- 
sen; dazu mufi er die Stoffe der Erde aufnehmen. Sie wirken durch 
ihre Qualitaten, sie wirken durch ihre inneren Krafte auf ihn ein, und 
sie wirken ganz unabhangig von seiner Erkenntnis auf ihn ein. Und 
man kann sagen, wenn das auch etwas radikal gesprochen ist: Gleich- 
gultig, wie sich der Mensch in seinem Seelenleben zu den verschiede- 
nen Reichen, die im irdischen Dasein um ihn herum sind, verhalt, er 
kommt in Beziehung, er kommt in ein Verhaltnis zu diesen Tatsachen 
seiner physisch-irdischen Umgebung. 

Man mufi das ja auf den verschiedensten Gebieten des Lebens be- 
merken. Man mufi zum Beispiel sagen: Wie ware es, wenn wir in der 
Aufnahme der Quantitat unserer Nahrungsmittel abhangig waren von 
dem, was wir von der Wirkung der menschlichen Nahrungsmittel auf 



den Organismus wissen? Wir konnen gar nicht warten damit, irgend 
etwas dariiber zu erfahren, sondern uns treibt ein Verhaltnis zu der 
irdischen Umwelt, das von unserem Wissen ganz unabhangig ist, auch 
in gewissem Sinne von unserem Seelenleben ganz unabhangig ist. Aber 
denken Sie nur einmal den vollen Gegensatz schon zu der Sternenwelt. 
Von einem Einflusse der Sternenwelt kann ja innerhalb derselben in- 
stinktiven Grundlage, innerhalb welcher von dem Einflufi der irdischen 
Reiche die Rede ist, nicht die Rede sein. Der Mensch kann die Sternen- 
welt bewundern. Er kann mancherlei Anregungen empfangen von der 
Sternenwelt. Aber denken Sie nur einmal, wie sehr er schon in bezug 
auf alles das, was die Sternenwelt betrifft, auf sein Seelenleben ange- 
wiesen ist, wie diese Sternenwelt auf sein Seelenleben wirken mufi. Neh- 
men Sie das nachste Gestirn, das im Aufierirdischen mit dem Menschen 
in einem Verhaltnis steht, nehmen Sie den Mond. Sie wissen ja aus dem 
trivialen Leben, dafl der Mond einen gewissen Einflufl auf das Phan- 
tasieleben der Menschen hat. Und selbst diejenigen, die alles iibrige 
ableugnen wollen von dem Einflusse der Gestirne auf den Menschen, 
sie werden nicht ableugnen das, was ganz unbewufit - ich zitiere ein 
benihmtes romantisches Wort - aus der «mondbeglanzten Zauber- 
nacht» auf die menschliche Phantasieregsamkeit als Wirkung ausge- 
iibt wird. 

Aber man kann sich nicht denken, dafi selbst diese allernachste 
grobste Wirkung, die auf den Menschen ausgeiibt wird von seiten der 
Sternenwelt, mit Ausschlufi des menschlichen Seelenlebens vor sich ge- 
hen, dafi ein Verhaltnis eintreten konnte, wie dasjenige des Menschen 
zu seiner irdischen Umgebung ist, wo es ja wirklich nicht stark davon 
abhangt, was der Mensch weifi von der Wirkung des Kohles auf seine 
verschiedenen Organe, ob er den Kohl bewundert oder nicht - er mufi 
ihn eben essen. Und eigentlich kommt die ganze Erkenntnis hinzu als et- 
was, was ja gewifi das menschliche Seelenleben hinaushebt iiber das Na- 
turleben; aber der Mensch lebt eben innerhalb der Natur sein eigenes 
Leben, und das geistige Leben kommt da blofi dazu. Hingegen mit Aus- 
schlufi des geistigen Lebens kann man sich nicht einmal einen Einflufi 
der Gestirnwelt auf den Menschen denken, geschweige denn derjeni- 
gen Welt, die hinter der Gestirnwelt steht als die Welt der Hierarchies 



als die Welt der hoheren geistigen Wesenheiten. Nun, sozusagen auf 
der untersten Stufenleiter der Hierarchien stehen diejenigen Wesen- 
heiten, von denen ich Ihnen das letzte Mai gesagt habe, daft sie eigent- 
lich die Erlebnisse des Menschen nach dem Tode, indem sie selbst dar- 
innen leben, so intensiv, so kraftvoll gestalten, so stark machen. Wiir- 
den nicht diese Mondenwesen, die einmal die grofien Urlehrer der 
Menschheit auf Erden waren, sozusagen darinnenleben in dem, was 
der Mensch erfahrt, nachdem er durch die Todespforte gegangen ist, 
so wiirden die Erlebnisse nach dem Tode traumhafte Erlebnisse sein. 
Sie sind aber nichts weniger als traumhaft. Es sind Erlebnisse, die star- 
ker sind als die sogenannten normalen Erlebnisse des Erdenlebens. Es 
bereitet sich an diesen Erlebnissen das Karma vor, weil wir da intensiv 
in all den anderen leben, nicht in uns, und es ausgleichen miissen. Wir 
erleben die Dinge so, wie sie der andere erlebt, dem wir sie zugefugt 
haben, und wir erleben sie mit einer ungeheuren Starke. Wir bereiten 
also wahrend dieser Erlebnisse unser Karma vor. In der Zeit zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt findet dann der Cbergang statt von 
dem Miterleben dieser Mondenwesenheiten zu dem, was nun Wesen- 
heiten mit dem Menschen zusammen erleben, die nie auf der Erde ge- 
wesen sind. Die Mondenwesenheiten, von denen ich das letzte Mai ge- 
sprochen habe, sind ja innerhalb des Erdendaseins dagewesen. Das habe 
ich charakterisiert. Aber dann steigt der Mensch, in einer spateren Zeit 
zwischen dem Tode und neuer Geburt, zu Wesenheiten auf, die niemals 
auf Erden waren. 

Da haben wir zunachst eine Gruppe von Wesenheiten innerhalb der 
hoheren Hierarchien, denen wir den Namen Angeloi gegeben haben. 
Diese Wesenheiten sind ja sozusagen unsere Fiihrer von einem Erden- 
leben zu dem anderen. Sie geleiten uns von dem einen Erdenleben zu 
dem anderen. Sie sind diejenigen Wesenheiten, denen wir nach oben 
hin am nachsten stehen, denen wir eigentlich immer auch im Erden- 
leben sehr nahestehen. Es ist ja so: Wenn wir iiber aufiere Verhaltnisse 
nachdenken, wenn wir also nachdenken iiber das, was wir gesehen, 
was wir gehort haben, was wir etwa aus der Natur oder aus der Ge- 
schichte aufgenommen haben, oder was uns eben andere Menschen 
gesagt haben, wenn wir iiber diese Dinge nachdenken, die von auiSen 



wahrend des Erdenlebens an uns herankommen, wenn wir uns nur diesen 
von aufien eingegebenen Gedanken hingeben, dann hat das Wesen aus 
der Hierarchie der Angeloi, zu dem wir gehoren, nicht viel mit un- 
seren Gedanken zu tun. Denn diese Wesenheiten aus der Hierarchie 
der Angeloi waren ja selber niemals Erdenbewohner wie die Men- 
schen oder wie diese Urlehrer, die allerdings nur im Atherleib vor- 
handen waren, aber immerhin Erdenbewohner waren. Solche Erden- 
bewohner sind ja nicht die Wesenheiten, die wir mit dem Namen 
Angeloi bezekhnen, so dafi unser Verhaltnis zu ihnen eben schon ein an- 
deres ist als zu den Mondenwesen, von denen ich eben gesprochen habe. 

Aber immerhin, indem wir nach dem Tode die Wege durchgehen, 
die in gewissem Sinne an den Planeten vorbeifuhren, und wir in den 
Bereich der Mondenwesen kommen, sind wir zugleich innerhalb der 
Mondenregion in dem Bereich der Angeloi. So dafi wir also tatsach- 
lich in der Zeit schon, in der wir mit den zu Mondenbewohnern ge- 
wordenen Urlehrern der Menschheit zusammenleben, auch zusammen- 
leben in einer bewufiten Weise mit den Wesen, die wir als Angeloi be- 
zeichnen. Dann schreiten wir weiter. Und indem wir weiterschreiten, 
kommen wir in den Bereich, der in aller Geisteswissenschaft, die es je 
gegeben hat, als der Bereich des Merkur bezeichnet wird. Da, in diesem 
Bereich, leben nicht mehr Wesen, die einmal auf Erden waren. Es leben 
nur Wesen da, die niemals auf Erden waren. Wir kommen dann, in- 
dem wir die Merkurregion betreten in der Zeit zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt, in den Bereich der Archangeloi herein, und, indem 
wir dann die Venusregion betreten, in den Bereich der Archai. 

Indem wir so durch diese Bereiche der dritten Hierarchie durch- 
gehen, nahern wir uns also dem, was eigentlich die geistige Wesenheit 
der Sonne ist. Und die geistige Wesenheit der Sonne bei diesem Durch- 
gang durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist 
eigentlich im hochsten Sinne der Wohnplatz derjenigen Wesenheiten, 
die wir in der Wesensreihe der hoheren Hierarchien als Exusiai, Dyna- 
mis und Kyriotetes bezeichnet haben. Also es ist die zweite Hierarchie, 
die eigentlich die Seele, der Geist des Sonnenlebens ist. In diesen Be- 
reich treten wir ein. In diesem Bereich verbringen wir ja den grofSten 
Teil der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 



Nun, diese Wesenheiten, sie konnen eigentlich nur dann verstanden 
werden, wenn wir ins Auge fassen, wie sie ganz und gar ihr Dasein 
abseits von alldem haben, was uns Menschen zu Erdenmenschen macht, 
was uns Menschen einspannt in den Umkreis der Naturgesetze. Natur- 
gesetze, wie wir sie auf der Erde anerkennen, gibt es ja nicht im Bereich 
des wirklichen Sonnenlebens. Im Bereich des wirklichen Sonnenwirkens 
sind geistige Gesetze, also audi Willensgesetze zum Beispiel, und Natur- 
gesetze einerlei, durchaus einerlei. Da widersprechen nicht Naturge- 
setze irgendwie den geistigen Gesetzen, sondern da sind Naturgesetz 
und geistiges Gesetz eine vollige Einheit. 

Und machen Sie sich nur, meine lieben Freunde, die Konsequenzen 
einer solchen Sache ganz klar. Wir leben hier imErdenleben. Wir erleben 
im Erdenlebendas eine und das andere. Wir erleben innerhalb desErden- 
lebens, wie wir uns bemuhen, das Gute zu vollbringen, wie wir uns be- 
miihen vielleicht, nicht abzuirren von irgendeinem Pfade, den wir als 
den uns moralisch angemessenen betrachten. Wir vollbringen gewisse 
Taten aus solchen Intentionen heraus. Wir sehen jemanden anderen, bei 
dem wir nicht anders konnen, als ihm nicht solche Intentionen zuzu- 
schreiben, sondern bei dem wir einfach genotigt sind, ihm bose Absich- 
ten zuzuschreiben. Wir warten ein paar Jahre, nachdem wir unsere guten 
Absichten, wie wir meinen, neben den bosen Absichten des anderen 
entwickelt haben. Wir sehen, dafi wir mit unseren guten Absichten, 
wie wir sagen, nicht durchgedrungen sind, dafi sie nicht nur keine Wir- 
kung gehabt haben, sondern dafi wir vielleicht in dasjenige, was wir 
irdisches Ungluck nennen, hineingekommen sind, wahrend der an- 
dere, von dem wir die Vorstellung haben, er habe gar nicht gute Ab- 
sichten gehabt, neben uns in einem scheinbaren, zunachst aufieren 
Gliicke lebt. 

Das ist ja etwas, was so viele Menschen, die das irdische Leben allein 
betrachten, darauf fuhrt, mit diesem irdischen Leben zu hadern, zu sa- 
gen, im irdischen Leben offenbare sich nicht eine Macht, die das Gute 
und das Bose in entsprechendem Sinne behandelt. Und niemand, der 
das Leben schliefilich unbef angen beobachtet, wird dem, der so sagt, ab- 
solut unrecht geben konnen. Denn wer wollte denn, wenn er real im Le- 
ben steht, sagen, dafi alles das, was den Menschen im Leben trif f t, irgend- 



wie zusammenhangend sei nach Verdienst oder Schuld mit dem, was 
aus seinen Absichten in diesem Erdenleben herausgeflossen ist? Wir 
haben dieses Erdenleben und konnen eigentlich nicht anders sagen, 
wenn wir den Verlauf dieses Erdenlebens betrachten, als dafi wir un- 
moglich irgendeinen Ausgleich in diesem Erdenleben fur das, was gei- 
stig-moralisch aus unserer Seele fliefit, finden konnen. Warum nicht? 

Ja, weil wir nicht in der Lage sind, unsere Intentionen, die inner- 
sten Kraf te, die unser moralisch-seelisches Leben beherrschen, von uns 
aus meinetwillen in ganz freiem Willen beherrschen, weil wir nicht 
imstande sind, diese in diejenige Wirklichkeit unmittelbar iiberzufuh- 
ren, in der wir auf der Erde leben. Da draufien verflieften die Natur- 
gesetze, da draufien verfliefien jene Tatsachen, die unter dem Einflusse 
der verschiedenen Menschen vor sich gehen. Wir miissen ja doch uns 
klar sein, dafi zunachst fur das Erdenleben ein Abgrund ist, sagen wir 



von a zu b, zwischen dem, was in unserer Seele vorgeht als Willens- 
impulse, und demjenigen, was wir im aufieren Leben als unser Schick- 
sal verwirklicht sehen. 

Sie brauchen nur einmal sich zu fragen: Wieviel in diesem aufieren 
Leben, wieviel von dem, was Schicksal ist, was also bedeutsam ist fur 
das Menschenleben, geht unmittelbar aus den Intentionen, die Sie in 
der Seele tragen, als Verwirklichung hervor? - Diese Welt, diese ir- 
dische, ist eben nicht diejenige, in der die Geistesgesetze, nach denen 
der Mensch sich beherrschen laik oder selbst beherrscht, unmittelbar 
auch Naturgesetze sind; sie sind nicht Naturgesetze, sie verlaufen blofi 
im Inneren des Menschen. Und man kann, wenn man unbefangen auf 
die Welt hinschaut, nur so sagen: Wenn irgend jemand gute Absichten, 
die ich habe, umdeutet in schlechte, wenn er meine guten Absichten 
kennt und, weil vielleicht mein Schicksal in ein paar Jahren ein un- 
gliickliches ist trotz meiner guten Absichten, er sie so deutet, dafi er 



sie schlecht nennt und sich nun etwa darauf beruft: Das ist nun ein- 
getreten, ich habe ja schon dazumal gesagt, dafi deine Absichten 
schlecht sind! - dann wiirde dies eine unmogliche Art zu denken dar- 
stellen. Von Seele zu Seele mufi das Geistige wirken. Aber in der aufieren 
Erdenwelt wirkt eben schicksalsmafiig zunachst noch nicht das Geistige. 

Und so miissen wir scharf diese Tatsache ins Auge fassen, dafi ein 
Abgrund besteht fur das irdische Leben zwischen dem Moralisch-See- 
lischen und dem Naturhaft-Physischen. Dieser Abgrund besteht, weil 
die Geistesgesetze mit den Naturgesetzen nicht zusammenkommen. 

Wenn Menschen ganz absehen von derjenigen Welt, die sich nun 
an die irdische anschliefit, von b bis c, von dem Tod bis zu einer neuen 
Geburt - indem sie diese Welt nicht ins Auge fassen, indem sie den- 
ken, wir konnten wegen der Erkenntnisgrenzen von dieser Welt nichts 
wissen - was konnen solche Menschen nun sagen? Sie konnen sagen: 
Ja, die Naturgesetze und das, was der Mensch deshalb tut und erlebt, 
weil er in Naturgesetzen drinnensteht, das ist eine Wirklichkeit, das 
ist real, dariiber kann sich unsere Erkenntnis, unser Wissen erstrecken; 
was aber mit den Intentionen geschieht, die als seelisch-geistige Erleb- 
nisse in unserem Inneren sind, das kann man nicht wissen. - Wenn 
man nicht hinschaut auf das «b bis c», so kann man dariiber nichts 
wissen. Man kann also nur daran glauben, dafi diese Dinge, die da in 
unserer Seele leben, sich auch irgendwie verwirklichen. In demselben 
Mafie, in dem seit den alten Zeiten der Menschheitsentwickelung das 
Wissen von b bis c zuriickgegangen ist, verglommen ist, in demselben 
Mafie trat diese Scheidung ein zwischen Wissen und Glauben. 

Aber in demselben Mafie, in dem man von Wissen und Glauben 
redet, kann man nicht mehr vom Karma sprechen. Denn Karma driickt 
eine Gesetzmafligkeit aus, nicht etwas bloft Geglaubtes, ebenso wie 
irgendein Naturgeschehen eine Gesetzmafiigkeit ausdriickt. 

Wenn wir aber nun, sagen wir von der allerersten Zeit ab, die ich 
Ihnen charakterisiert habe, auf unseren Durchgang durch das Leben 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hinblicken, dann betreten 
wir damit in der Betrachtung eine Welt, in der nun die Wesen der 
zweiten Hierarchie, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes leben, und statt des 
irdischen Daseins haben wir ein Sonnendasein (siehe Zeichnung Seite 



188); denn auch wenn wir iiber die Sternenregion hinauskommen, die 
Sonne bleibt scheinend, nicht im physischen Sinne, aber sie bleibt schei- 
nend, wenn wir da durchgehen durch die Zeit zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt. Wahrend hier auf Erden die Sonne auf uns her- 
unterscheint mit ihren physischen Wirkungen, scheint dann in dem 
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt die Sonne sozusagen 
hinauf zu uns, das heifit, es tragen uns die Wesen der Sonne, die Exu- 
siai, Dynamis, Kyriotetes. Aber in der Welt, in der wir dann sind, ha- 
ben die Naturgesetze, die im Erdenleben sind, gar keinen Sinn mehr, 
sondern da geschieht alles im Sinne von geistigen Gesetzen, im Sinne 
von Gesetzen, die durchaus geistig-seelisch sind. Dort braucht ja kein 
Gras zu wachsen, dort braucht auch keine Kuh Gras zu fressen, denn 
Kiihe und Graser gibt es dort nicht. Da ist alles geistig. Und innerhalb 
dieses Geistbereiches liegt die Moglichkeit, dafi wir die Intentionen 
verwirklichen, die wir in der Seele haben und die sich hier im Erden- 
bereich nicht verwirklichen konnen, so wenig verwirklichen konnen, 
dafi das Gute zum Ungluck, das Bose im extremen Fall zum Gluck sogar 
fuhren kann. Denn da alles das dort durchaus nach seinem inneren Wert 
und nach seinem inneren Wesen sich realisiert und auslebt, ist es nicht 
moglich, daft nicht jedes Gute die Wirkung hat nach dem Maft seiner 
Gutkraft und jedes Bose nach dem Mafi seiner Bosheitkraft, und zwar 
auf eine ganz besondere Art, auf die besondere Art, sehen Sie, dafi 
vom Sonnendasein - also von demjenigen Dasein, das eigentlich die 
zweite Hierarchie, die Exusiai, Dynamis, Kyriotetes in sich birgt - aus- 
geht eine, ich mochte sagen, durch und durch wohlgefallige Aufnahme 
alles dessen, was wir an guten Intentionen hier auf Erden in unserem 
Seelenleben haben. 

Man konnte die Sache auch so ausdrikken, dafi man sagt: Mit Wohl- 
gefallen wird alles das in diesem Sonnendasein aufgenommen, was der 
Mensch mit der Nuance des Guten in seiner Seele erlebt, aber das Bose 
wird uberhaupt zuriickgewiesen. Es kann nicht hineingelangen in die- 
ses Sonnendasein. 

Ich habe in jenem Kurs, den ich noch im abgebrannten Goethe- 
anum driiben halten durfte, dem sogenannten «Franz6sischen Kurs», 
darauf hingewiesen, wie der Mensch sein schlimmes Karma zuriick- 



lassen mufi, bevor er in einen gewissen Zeitpunkt zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt eintritt. Das Bose kann nicht hinein ins Son- 
nendasein. Es gibt ein gewisses Sprichwort, das sich ja allerdings 
im Bewufitsein der heutigen Menschen nur auf die physischen Son- 
nenwirkungen bezieht. Dieses Sprichwort besagt, die Sonne scheine 
uber Gute und Bose in gleichem Sinne. Das tut sie schon; aber sie 
nimmt das Bose nicht auf. Wenn Sie geistig dasjenige sehen, was im 
Menschen gut ist in der Seele, so ist das hell wie das Sonnenlicht, aber 
hell auf geistige Weise. Wenn Sie aber sehen, was im Menschen bose ist, 
so ist das finster wie ein Ort, an den kein Sonnenlicht hinkommt. Und 
so mufl alles Bose vom Menschen zuriickgelassen werden, wenn er das 
Sonnendasein betritt. Er kann es nicht mitnehmen. 

Denken Sie aber nur: Der Mensch in seinem irdischen Leben ist ja 
eine Einheit. Sein physisches und seelisch-geistiges Dasein sind mit- 
eihander verbunden, sind eine Einheit. In den Adern eines Menschen, 
der nur Boses im Schilde fiihrt - wenn man das auch nicht mit groben 
Instrumenten nachweisen kann -, stromt das Blut nicht nur anders, 
sondern es ist sogar anders zusammengesetzt als bei einem Menschen, 
der Gutes in seiner Seele tragt! 

Nun denken Sie sich, ein recht boser Mensch kommt an vor dem 
Sonnendasein in dem Leben zwischen dem Tod und einer njeuen Ge- 
burt. Er mufi alles zuriicklassen, was bose ist. Ja, damit bleibt aber ein 
gutes Stuck von ihm selbst zuriick, denn das Bose ist eben mit ihm ver- 
bunden. Es ist eine Einheit mit ihm. Wenigstens insofern es eine Einheit 
ist, mufi er von sich selber dasjenige zuriicklassen, was eben in ihm als 
Boses lebte. 

Nun also, wenn hier der Mensch an dieser Stelle von sich selbst, 
von seiner eigenen Wesenheit etwas zuriicklassen mufi, was ist denn 
die Folge davon? Dafi er verkummert, gewissermaften als geistiger 
Kruppel in das Sonnendasein kommt. Und das Sonnendasein kann ja 
nur mit dem etwas anfangen, was der Mensch von sich in dieses Son- 
nendasein hereinbringt. Das andere mufi er zuriicklassen. 

Nun wird das Sonnendasein diejenigen Wesenheiten in seine Nahe 
fiihren, die mit ihm zusammenarbeiten konnen, die mit ihm zusam- 
menwirken zwischen Tod und neuer Geburt. 



Aber nehmen Sie einen ganz extremen Fall, meine lieben Freunde, 
nehmen Sie den Fall, ein Mensch war so bose, so menschenunfreund- 
lich, dafi er alien Menschen Schlimmes in seinem Inneren gewiinscht 
hat. Nehmen wir an, er war so bose, wie es diese Bosheit in Wirklich- 
keit gar nicht gibt, aber hypothetisch setzen wir voraus einen vollstan- 
digen Bosewicht. Was wird mit einem vollstandigen Bosewicht, der sich 
ganz identifiziert hat mit dem Bosen, was wird mit dem sein, wenn er 
hier an diesen Punkt, sagen wir Alpha (siehe Zeichnung Seite 188), an- 
kommt und zuriicklassen mull von sich all das, was mit dem Bosen ver- 
bunden ist? Er wird sich selber zuriicklassen miissen! Er wird also jene 
Zeit durchgemacht haben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, 
die ich Ihnen neulich beschrieben habe, er wird diese Welt im Bereiche 
der Mondenwesen durchgemacht haben, wird ja auch dasjenige Wesen 
aus der Hierarchie der Angeloi angetroffen haben, das besonders zu 
ihm gehort, auch andere Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, die 
wiederum mit diesem im Zusammenhang stehen. Aber nun kommt er 
an das Ende dieser Welt. Er nahert sich durch Merkur und Venus der 
Sonne, aber er raufi zuriicklassen, bevor er in das eigentliche Sonnen- 
dasein eintritt, sich selber, weil er im ganzen ein Bosewicht war. Was 
folgt daraus? Er tritt das Sonnendasein gar nicht an. Er mufi, wenn er 
nicht iiberhaupt verschwinden will aus der Welt, sofort sich anschik- 
ken, wiederum verkorpert zu werden, wiederum ein Erdenleben anzu- 
treten. So dafi Sie also bei einem ausgepichten Bosewicht finden wiir- 
den: Er tritt sehr rasch nach seinem Tode wiederum ein neues Erden- 
leben an. 

Nun, solche ausgepichte Bosewichte gibt es ja eigentlich nicht. Alle 
Menschen sind in einem gewissen Sinne wiederum ein bifichen gut. 
Daher kommen schon alle Menschen wenigstens eine gewisse Strecke 
weit in das Sonnendasein hinein. Aber je nachdem der Mensch sich 
selber verkummert hat als geistig-seelisches Wesen, kommt er weit 
oder nicht weit in das Sonnendasein hinein, und je nachdem gewinnt 
er auch aus dem Sonnendasein die Kraft, sein folgendes Erdenleben zu 
zimmern, aufzurichten, denn das, was der Mensch in sich tragt, kann 
nur aus dem Sonnendasein heraus aufgerichtet werden. 

Sie kennen aus dem zweiten Teile des «Faust» jene Szene, in der 



Wagner in der Phiole den Homunkulus herstellt. Die Sache ist diese, 
dafi "Wagner, urn wirklich etwas zu machen wie einen Homunkulus, 
die Kenntnis der Sonnenwesenheiten besitzen miifite. Nun, Goethe 
stellt ja nicht gerade den Wagner in seinem «Faust» so dar, als ob er 
die Kenntnis der Sonnenwesenheiten besafie, sonst ware er nicht der 
«trockene Schleicher», nicht wahr, als den ihn Goethe darstellt. Wag- 
ner ist gewifi ein ganz gescheiter Mensch, aber die Kenntnis der Son- 
nenwesenheiten besitzt er nicht. Daher hilft ihm Mephistopheles, ein 
Geistwesen, das schon die Kenntnis der Sonnenwesenheiten besitzt; da- 
durch allein kommt etwas heraus. Das hat Goethe sehr gut empfunden, 
dafi nur dadurch aus der Retorte etwas wie ein Homunkulus heraus- 
kommen kann, der dann auch irgend etwas entfalten kann. 

Man mufi sich durchaus klar sein: Das Menschliche kommt nicht aus 
dem Irdischen, sondern nur aus dem Sonnenhaften zustande. Und das 
Irdische im Menschen ist in dem Sinne, wie es in den «Leitsatzen» dar- 
gestellt ist, nur Bild. Der Mensch tragt in sich das Sonnenhafte. Das 
Irdische ist nur Bild beim Menschen. 

Sie sehen also, wir werden gewissermafien durch die Weltenordnung 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt den hohen Sonnenwesen 
ubergeben. Und diese hohen Sonnenwesen behandeln mit uns zusam- 
men dasjenige von uns, was wir iiberhaupt in das Sonnendasein hin- 
einbringen konnen. Das andere bleibt zuruck. Und so mufi das, was 
da zuruckbleibt, beim Ruckgang des Menschen zum Erdenleben ge- 
wissermafien wieder abgeholt werden. 

Der Mensch geht hinaus ins Weltendasein - ich werde iibermorgen 
beschreiben, wie das Weitere geschieht -, aber er kommt wieder zu- 
riick. Beim Ruckgang kommt er wiederum durch die Mondenregion, 
Da findet er das, was er zuriickgelassen hat an Bosem. Das mufi er sich 
wieder eingliedern. Er gliedert es sich in der Form ein, wie er es durch- 
gemacht hat, unmittelbar nachdem er durch die Todespforte geschrit- 
ten ist. Er gliedert es sich so ein, dafi es nun verwirklicht wird im irdi- 
schen Dasein. 

Also bleiben wir bei dem etwas abstofienden Beispiel, das ich neu- 
lich erwahnt habe: Habe ich einem eine Ohrfeige gegeben im Erden- 
leben, so spiire ich unmittelbar bei dem Ruckwartsgang nach dem 



Durchgang durch die Todespforte, wie ihn, den anderen, das ge- 
schmerzt hat. Das erscheint mir, das finde ich auch wiederum, wenn 
ich zuriickkehre, fur das strebe ich nach Verwirklichung. Soli also das- 
jenige mich treffen, was von dem, das der andere erlebt hat, ausgeht, 
so habe ich das selber angestrebt beim Hingehen; die Tendenz dazu 
trage ich wiederum ins irdische Leben herein, wenn ich zuriickkehre. 
Aber sehen wir von dem zunachst ab; von dieser Erfullung des Karma 
werde ich iibermorgen sprechen. Doch Sie sehen ja ein: "Was ich da wie- 
der finde, das entbehrt des Durchganges durch das Sonnenleben, das ist 
nicht durch das Sonnenleben durchgegangen. Ich habe ja nur das, was 
mit dem Guten verbunden war, durch das Sonnenleben durchgebracht. 

Ich nehme jetzt, nachdem ich eigentlich einen verkummerten Men- 
schen innerhalb der Sonnenregion aufgebaut habe, das, was ich zu- 
riickgelassen habe, wieder in mich auf. Aber was ich jetzt aufnehme, 
das ist ja die Grundlage fiir meine irdisch-leibliche Organisation. In- 
dem ich also nur einen Teil von mir, namlich denjenigen Teil, der in 
die Sonnenregion eintreten konnte, in diese Sonnenregion gebracht 
habe, kann ich auch befruchtet durch die Sonnenregion, durchgeistigt 
von der Sonnenregion nur denjenigen Teil meines Menschen zuriick- 
bringen, den ich durch die Sonnenregion durchgefiihrt habe. 

Dieser Teil des Menschen, das ist der erste Teil. Sondern wir diese 
zwei Teile: 

1. Ein Teil des Menschen erscheint auf der Erde, der durch die 
Sonnenregion durchgegangen ist. 

2. Ein Teil des Menschen erscheint auf der Erde, der nicht durch die 
Sonnenregion durchgegangen ist. 

Das, sehen Sie, bezieht sich auf das Leben des Menschen zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt und seine Nachwirkung fiir das Erden- 
leben. Aber die Sonne wirkt ja auch auf den Menschen, wahrend er auf 
der Erde ist. Die Sonne wirkt durchaus auch auf den Menschen, wah- 
rend er auf der Erde ist. Und dasjenige Gebiet, vorzugsweise das Mon- 
dengebiet, wirkt ja auch auf den Menschen, insofern er auf der Erde 
ist. Wir haben eben immer zweierlei Wirkungen auf den Menschen: er- 
stens die Wirkung des Sonnenlebens zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt, und zweitens die Wirkung des Sonnenlebens wahrend des Er- 



denlebens des Menschen. Ebenso haben wir die Wirkung des Mondes, 
sagen wir, indem wir zusammenfassen Mond, Merkur und Venus, die 
Wirkung des Mondenlebens auf den Menschen zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt, und zweitens die Wirkung des Mondenlebens auf 
den Menschen, wenn der Mensch auf der Erde ist. 

Wahrend des Erdenlebens brauchen wir die Sonne, damit unser 
Kopfleben als Erdenmensch iiberhaupt moglich ist. Dasjenige, was die 
Sonne auf ihren Strahlen uns zutragt, das ruft eigentlich aus unserem 
Organismus unser Kopfleben hervor. Es ist das derselbe Teil des Men- 
schen, der durch das Sonnendasein bedingt wird. Es ist dies der Teil 
des Menschen, der den Wirkungen des Kopfes verdankt ist. Ich schreibe: 
des Kopfes (siehe Zusammenstellung Seite 186). Ich fasse eigentlich 
alles, was Sinnesleben und Vorstellungsleben ist, unter dem Kopfleben 
zusammen. 

Der andere Teil, derjenige, der im irdischen Leben abhangt von 
Monden-, Merkur- und Venusdasein, das ist derjenige Teil im Men- 
schen, der nicht mit dem Kopfleben, sondern, im weitesten Sinne na- 
tiirlich, mit dem Fortpflanzungsleben zusammenhangt. 

Da haben Sie nun etwas Merkwiirdiges. Sie haben das Sonnen- 
leben wirksam auf den Menschen zwischen Tod und neuer Geburt, in- 
dem es ihn eigentlich zum Menschen macht, dasjenige an ihm aus- 
arbeitet, was mit dem Guten zusammenhangt. Wahrend des Erdenle- 
bens aber vermag das nur auf alles das zu wirken, was mit dem Kopf 
zusammenhangt. Und im Grunde genommen hat es gar nicht viel zu 
tun mit dem Guten, dieses Kopfleben, denn man kann sein Kopfleben 
auch dazu verwenden, ein ausgepichter Schurke zu werden, Man kann 
sehr gescheit sein, um ein Bosewicht zu werden mit seiner Gescheitheit. 

Alles, was innerhalb des Erdenlebens sich entwickelt im Fortgange, 
beruht auf dem Fortpflanzungsleben. Dieses Fortpflanzungsleben, das 
unter dem Einflusse des Mondes steht, das ist der Teil des Menschen, 
der zusammenhangt in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt mit dem Teil, der am Menschen gar nicht mitwirkt im durch- 
laufenen Weltengange. 

Wenn Sie sich diesen Zusammenhang vor die Seele fiihren, dann 
werden Sie auch leicht verstehen konnen, wie nun das, was mit alldem 



zusammenhangt, im Menschen zum Vorscheine kommt, wenn der 
Mensch auf der Erde dasteht. 

Da haben wir zuerst den Teil des Menschen, der auf der Erde er- 
scheint und der durch die Sonnenregion durchgegangen ist. Der Kopf 
ailein ist es, auf den die Sonnenregion im Erdenleben einen Einflufi 
hat, aber es bleibt im ganzen Menschen dasjenige zurikk, was mit die- 
ser Sonnenregion zusammenhangt, und das bleibt zuriick als seine Ge- 
sundheitsanlagen (siehe Zusammenstellung). Daher hangen diese Ge- 
sundheitsanlagen auch mit dem Kopfleben zusammen. Der Kopf wird 
nur krank, wenn das Verdauungsleben oder das rhythmische Leben die 
Krankheit in ihn hinaufschiebt. 

Dagegen hangt alles dasjenige, was den Teil ausmacht, der nicht 
durch das Sonnenleben durchgeht, mit des Menschen Krankheitsan- 
lagen zusammen. 

Und so sehen Sie, dafi das Kranksein gewoben wird unterhalb der 
Sonnenregion, und dafi das Kranksein zusammenhangt unterhalb der 
Sonnenregion mit dem, was das Bose darstellt in seinen Wirkungen, 
sobald der Mensch in das Leben zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt eintritt. Und die Sonnenregion selber hangt mit den Gesun- 
dungsanlagen zusammen. Und nur dann, wenn aus der Mondenregion 
in die Sonnenregion des Menschen Wirkungen eindringen, kann das- 
jenige, was auf Erden mit der Sonnenregion zusammenhangt, die Kopf- 
organisation, irgendwelche Krankheitszustande erleben. Sie sehen, wie 
wir diese grofien, karmischen Zusammenhange nur durchschauen kon- 
nen, wenn wir den Menschen wirklich verfolgen in die Region, wo 
Geistesgesetze Naturgesetze sind, und Naturgesetze Geistesgesetze. 



1. Ein Teil des Menschen er- 
scheint auf der Erde, der 
durch die Sonnenregion 
durchgegangen ist 

2. Ein Teil des Menschen er- 
scheint auf der Erde, der 
nicht durch die Sonnen- 
region durchgegangen ist 



Es ist der Teil des Men- 
schen, der den Wirkun- 
gen des Kopfes verdankt 
ist 

Es ist der Teil des Men- 
schen, der mit dem Fort- 
pflanzungsleben zusam- 
menhangt 



Gesund- 
heits- 
anlagen 

Krank- 
heits- 
anlagen 



Gestatten Sie mir, dafi ich mich, ich mochte sagen, alltaglich aus- 
driicke in einer Region, die gar nicht alltaglich ist, aber dafi ich so 
spreche, wie man im Leben spricht. Es ist gar nicht unnatiirlich fur 
denjenigen, der in der geistigen Welt drinnensteht. Wenn man hier mit 
Menschen spricht, sehen Sie, dann erkennt man aus der Art, wie sie 
sprechen, dafi sie innerhalb der Natur drinnenstehen. Ihre Sprache ver- 
rat das. Kommt man in die Region, die ich Ihnen namentlich im letz- 
ten Vortrage genau beschrieben habe, die da folgt auf den Durchgang 
des Menschen durch die Todespforte, und spricht man mit den Wesen, 
die einstmals Urlehrer der Menschen waren, spricht man dann mit den 
Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, dann gibt es etwas Fremdes in 
diesem Sprechen, denn da wird von diesen - wie soli ich sagen - Leu- 
ten also, da wird von diesen Leuten nur so geredet wie von Naturge- 
setzen, die aber in magischer Wirkung stehen, die zugleich vom Geiste 
beherrscht werden. Magie verstehen diese Wesen. Aber Naturgesetze, 
die kennen sie nur so, dafi sie wissen: die Menschen haben Naturgesetze 
auf der Erde; sie selber gehen diese Naturgesetze nichts an. 

Aber es erscheint das, was da vor sich geht, doch noch in Bildern, 
die ahnlich den Vorgangen der Erde sind. Daher schauen die geistigen 
Wirkungen noch wie Naturwirkungen auf der Erde aus, sind sogar 
starker, wie ich beschrieben habe. 

Wenn man aber aus dieser Region hinauskommt und hineinkommt 
in die Sonnenregion, da hort man iiberhaupt nichts mehr von Natur- 
gesetzen der Erde. Da ist alles in der Sprache dieser Wesenheiten nur 
so, dafi man von geistigen Wirkungen, von geistiger Ursache hort. Da 
gibt es nichts von Naturgesetzen. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, so etwas mufi man schon auch 
einmal sagen. Denn wenn hier auf der Erde immerfort von der All- 
giiltigkeit der Naturgesetze oder gar in alberner Weise von der Ewig- 
keit der Naturgesetze gesprochen wird, so mochte man immer erwi- 
dern: Ja, es gibt aber Bezirke in der Welt, die Bezirke, durch die der 
Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hindurchgeht, wo 
man iiber die Naturgesetze iiberhaupt mit Lachen hinweggeht, weil sie 
fur dort keine Bedeutung haben, weil sie da sozusagen hochstens als 
Nachrichten von der Erde existieren, nicht als etwas, innerhalb dessen 



man lebt. Und wenn dann der Mensch durchgeht durch diese Region 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und lang genug in einer 
Welt gelebt hat, wo es keine Naturgesetze gibt, sondern wo es blofi 
Geistesgesetze gibt, dann gewohnt er sich eigentlich zunachst ab, von 
den Naturgesetzen als etwas Ernsthaftem zu denken. Das tut man 
auch nicht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da lebt man 
eben in einer Region, wo sich das Geistige, das man intendiert hat, ver- 
wirklichen kann, wo es einer Verwirklichung entgegengeht. 



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a. & u cher-UG- 

{ /wv^ | iti ^-Throne 

(X 



Aber, sehen Sie, gabe es nur das, gabe es nur diese zweite Hierar- 
chie in der Sonnenregion, und erlebten wir in dieser Sonnenregion die 
Art von Verwirklichung, die wir dort erleben konnen, so kamen wir, 
nachdem wir dieses Leben durchschritten haben, wiederum da an vor 
dem Erdenleben (c), und wenn wir nun in das Erdenleben eintreten 
wollten, so stunden wir erst da, mit unserem Karma beladen. Wir 
wiifiten, wir konnen iiberhaupt nur weiterkommen, wenn wir das jetzt 
auch ins Physische uberfuhren konnen, was geistig ganz verwirklicht 
ist. Denn geistig ist unser Karma verwirklicht, wenn wir da herunter- 
gehen. In dem Momente, wo wir da ankommen beim Erdendasein, da 
miissen die geistigen Gesetze und geistigen Aspekte wiederum zuriick- 
gewandelt werden ins Physische. Hier ist die Region, wo Seraphim, 
Cherubim und Throne das Geistige zuriickverwandeln ins Physische. 

So dafi im nachsten Erdenleben dasjenige, was geistig sich realisiert 
hat, sich auch physisch im Karma realisiert. Das ist der Fortgang im 
Karma. 



ELFTER VORTRAG 
Dornach, 18. Mai 1924 



Wenn man das Wesen des Karma verstehen will, handelt es sich vor 
alien Dingen darum, auf alles das hinblicken zu konnen, was an der 
menschlichen Entwickelung aus dem Weltenall heraus beteiligt ist. 

Um nun hinblicken zu konnen auf die an der Menschenentwicke- 
lung beteiligten Wesenheiten aus dem geistigen Weltenall, wollen wir 
doch einmal, um das Verstandnis zu stutzen, auf den Zusammenhang 
des Menschen mit den Erdenwesen vorausgehend ein wenig hinschauen. 

Wir sehen den Menschen auf der Erde umgeben von den Wesen- 
heiten des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches, und 
wir wissen ja, dafi wir den Menschen so zu betrachten haben, dafi ei- 
gentlich alle drei Naturreiche in ihm leben und in ihm eine hohere 
Form annehmen. Der Mensch ist gewissermafien durch seinen physi- 
schen Organismus mit dem Mineralreiche verwandt. Nur verarbeitet 
er dasjenige, was sonst im mineralischen Reiche ist, in einer hoheren 
Weise. Er ist durch seinen Atherleib mit dem Pflanzenreiche verwandt. 
Wiederum verarbeitet er in einer hoheren Weise dasjenige, was sonst 
im Pflanzenreiche ist, in sich. Und ebenso ist es bei der Verwandt- 
schaft, die der Mensch durch seinen astralischen Leib mit den Wesen- 
heiten des Tierreiches hat. Wir konnen also sagen: Betrachten wir den 
Raum um den Menschen herum, dann finden wir, dafi der Mensch das 
mineralische, das pflanzliche und das tierische Reich in sich tragt. 

Ebenso wie der Mensch diese aufieren Naturreiche des Raumes in 
sich tragt, tragt er in sich - nur eben der Zeit nach, nicht dem Raume 
nach - die Reiche der hoheren Hierarchien. Und man kann das ganze 
Werk des Karma am Menschen nur verstehen, wenn man ins Auge 
fafit, wie die verschiedenen Reiche der Hierarchien an der Menschen- 
wesenheit im Verlaufe des Erdenlebens wirken. 

Wenn wir in Betracht ziehen, wie das mineralische Reich am Men- 
schen wirkt, so treten uns ja die Vorgange entgegen, innerhalb welcher 
der Mensch seine Nahrungsmittel aufnimmt. Denn alles, was er aus 
den hoheren Reichen gegeniiber dem Mineralreich aufnimmt, minerali- 



siert er ja zunachst. Wenn wir auf das Pflanzenreich hinblicken, so 
sehen wir, wie der Mensch die Vital-, die Lebenskrafte in sich hat. Wie- 
derum, wenn wir auf das tierische Reich hinblicken, so sehen wir, wie 
der Mensch von seinem astralischen Leibe aus das blofie Leben in eine 
hohere Sphare heraufhebt, in das Reich der Empfindungen. Kurz, wir 
konnen die Reihe der Naturwirkungen in den drei Reichen ebenso 
verfolgen wie die Reihe der Wirkungen im menschlichen Organismus. 

Ebenso aber konnen wir verfolgen, was mit dem Menschen geschieht 
in seelisch-geistiger Beziehung aus den hoheren Hierarchien heraus. 
Des Menschen eigenes Mineralisches, des Menschen eigenes Pflanz- 
liches, des Menschen eigenes Tierisches verstehen wir aus der Wirksam- 
keit der drei Naturreiche im Raume. Ebenso miissen wir dasjenige, was 
im Menschen waltet - zunachst fassen wir dasjenige ins Auge, was im 
Menschen als Schicksal waltet -, aus dem Hineinwirken eben der 
Reiche der Hierarchien verstehen. Da miissen wir aber nun nicht das, 
was gleichzeitig im Menschen ist, betrachten - physischer Leib, Ather- 
leib, Astralleib sind ja gleichzeitig im Menschen -, da miissen wir, fur 
die Reiche der Hierarchien, dasjenige betrachten, was im irdischen Le- 
ben nacheinander im Menschen ist, und miissen es so betrachten, wie ge- 
gegeniiber einer geistigen Betrachtung eben das Nacheinander aufge- 
fafit werden kann. 

Nun, wir haben ja, ich mochte sagen, durch unsere samtlichen an- 
throposophischen Betrachtungen hindurch immer die Gliederung des 
Menschen nach seinem Lebenslauf betrachtet: von der Geburt bis etwa 
um das 7. Jahr herum zum Zahnwechsel, vom Zahnwechsel bis zu der 
Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis zum 21. Jahre, wo die 
Differenzierungen nicht mehr so sichtbar sind, dann vom 21. Jahre bis 
zum 28. Jahre, vom 28. bis zum 35. Jahre, vom 35. bis zum 42. Jahre, 
vom 42. bis 49. Jahre, vom 49. bis 56. Jahre und so weiter (siehe Zeich- 
nung Seite 193). Ober das, was iiber das 56. Jahr hinausliegt, werde 
ich dann das nachste Mai noch zu sprechen haben; ich werde jetzt 
einmal den menschlichen Lebenslauf bis zum 56. Jahre zu betrachten 
haben. 

Da haben wir deutlich eine Gliederung von drei Lebensabschnitten 
bis zum 21. Lebens jahre, und zweitens drei Lebensabschnitte, und dann 



das, was sich weiter daran schlielk. Ich will die letzten Lebensab- 
schnitte noch so bezeichnen (siehe Zeichnung Seite 193). 

Der Mensch sagt zu sich «Ich». Aber dieses Ich steht ja in einer 
Summe von Wirkungen drinnen. Nach aufien betrachtet sind es die 
Wirkungen des Mineralischen, des Pflanzlichen, des Tierischen, nach 
innen, nach dem Geistig-Seelischen betrachtet, die Wirkungen der drit- 
ten Hierarchie: der Angeloi, Archangeloi, Archai, die Wirkungen der 
zweiten Hierarchie: Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, die Wirkungen der 
ersten Hierarchie: Seraphim, Cherubim, Throne. 

Doch nicht in gleicher Weise wirken diese Wesenheiten in seinen 
Lebenslauf hinein. Wir konnen ja schon sagen: Auch die Aufienseite 
des Menschen ist in einer gewissen Weise von verschiedener Wirkung 
durchsetzt gemafi dem Lebenslaufe. Wenn wir zum Beispiel das Kind 
betrachten ganz im Anfange seines Erdenlebens, da miissen wir sagen: 
Dasjenige, was wir sonst im Tierreiche finden, das ist da besonders aus- 
gepragt: ein wachsendes, sprossendes, aufbauendes Leben. 

Wenn wir den letzten Abschnitt des Lebens betrachten, wo es schon 
ins Greisenhafte hineingeht, dann haben wir in dem Sklerotisieren, in 
dem Briichigwerden des Organismus ein Mineralisierendes, ein viel 
starker Mineralisierendes, weil intimer mineralisierend, als das bei den 
Tieren vorhanden ist, mit Ausnahme der hoheren Tiere, bei denen 
das auf Bedingungen beruht, die hier nicht weiter zu besprechen sind, 
sondern bei einer anderen Gelegenheit besprochen werden konnen. 
Wahrend beim Tiere eigentlich sofort das Aufhb'ren der Vitalkrafte 
beginnt, wenn der Aufbau nicht mehr da ist, tragt ja der Mensch ge- 
rade wichtige Teile, wichtige Zeiten seiner Entwickelung in die Ab- 
bauperiode hinein, die eigentlich schon in den Dreifiigerjahren beginnt. 
Und es ware vieles in der Menschheitsentwickelung nicht da, wenn die 
Menschen sich ebenso wie die Tiere entwickeln wiirden: dafi sie ei- 
gentlich nichts in die Greisenhaftigkeit hineintragen. Die Tiere tragen 
nichts hinein in die Greisenhaftigkeit. Die Menschen aber konnen in 
die Greisenhaftigkeit viel hineintragen, und wichtige Errungenschaften 
der menschlichen Kulturentwickelung sind eben doch dem zu ver- 
danken, was von den Menschen in die Greisenhaftigkeit, in das Ab- 
bauleben hineingetragen werden kann. 



Da ist also das Mineralisierende. So dafi wir sagen konnen: Nach 
aufien hin ist schon, deutlich bemerkbar, im Beginne des Erdenlebens 
das Tierische vorherrschend, am Ende des Erdenlebens das Minera- 
lische und zwischendurch das Pflanzliche. 

Nun aber, viel deutlicher, viel dezidierter tritt dieser Unterschied 
auf beim Hereinwirken der hoheren Hierarchien auf den Menschen. 
Da kann man sagen, dafi das erste Kindesalter ganz besonders starke 
Hereinwirkungen hat auf das seelisch-geistige Leben von der Seite der 
dritten Hierarchie, der Angeloi, Archangeloi, Archai. Diese Wirkung 
der dritten Hierarchie (siehe Zeichnung), die umfalk eigentlich die 
drei ersten Lebensabschnitte. 

In den drei ersten Lebensabschnitten haben wir das Hereinwirken 
von Angeloi, Archangeloi und Archai. Da wirkt beim Kinde und beim 
jungen Menschen in alledem, was vom Seelisch-Geistigen aus auf bauend 
wirkt auf seinen Organismus - und das ist ja sehr vieles, das ist ja fast 
alles -, dasjenige, was an Kraften hereinwirken kann aus der Welt der 
dritten Hierarchie, der Angeloi, Archangeloi, Archai. 

Mit dem 14. Lebensjahre beginnt die zweite Hierarchie zu wirken: 
Exusiai, Dynamis, Kyriotetes. So dafi ich also hier (siehe Zeichnung) 
wiederum durch drei Abschnitte hindurch, also zwischen dem 14. 
und 35. Jahre, zu verzeichnen habe: Exusiai, Dynamis, Kyriotetes. 
Sie sehen, meine lieben Freunde, in dem Zeitabschnitt vom 14. bis 
zum 21. Jahre wirken zugleich ausschlaggebend auf den Menschen 
die dritte und die zweite Hierarchie zusammen. Erst mit dem 21. Jahre 
tritt dasjenige ein, was alleinige Wirkung der zweiten Hierarchie ist. 

Da, mit der Geschlechtsreife, greift in den Menschen etwas von 
Weltenprozessen, von kosmischen Prozessen ein, die bis zu diesem Le- 
bensalter der Geschlechtsreife nicht in dem Menschen sind. 

Und Sie brauchen ja nur zu iiberlegen, dafi, indem er f ortpflanzungs- 
fahig wird, der Mensch fahig wird, diejenigen Krafte aus dem Welten- 
all aufzunehmen, die bei der Neubildung, bei der physischen Neu- 
bildung des Menschen eben mitwirken. Diese Krafte aus dem Kosmos 
entbehrte der Mensch bis zur Geschlechtsreife. Es tritt also da in seinem 
physischen Organismus jene Veranderung ein, die sozusagen gewal- 
tigere Krafte in den physischen Organismus hineinsendet, als sie vorher 



drinnen waren. Das Kind hat diese gewaltigeren, starkeren Krafte 
noch nicht. Es hat noch die schwacheren Krafte, die nur auf die Seele 
zunachst wirken im Erdenleben, nicht auf den Korper. 



archoncj, Cherub. 
Clrch* Thron« 




Nun aber beginnt mit dem 35.Jahre eine Zeit fiir den Menschen, 
in der er im Grunde genommen innerlich seelisch schwacher wird, als 
er friiher war, gegeniiber, man mochte sagen, dem Ansturm der Abbau- 
krafte seines Organismus. Vor diesem 35.Jahre unterstiitzt uns als 
Mensch ja der Organismus ganz wesentlich. Er hat die Tendenz, auf- 
bauend zu sein. Und diese Tendenz, aufbauend zu sein, dauert eigent- 
lich noch bis in die Dreifiigerjahre herein. Dann aber beginnt eine sehr 
starke, iiberwiegende Abbautendenz. Gegen diese iiberwiegende Ab- 
bautendenz konnen selbst diejenigen Krafte nicht aufkommen, die aus 
dem Wesen der zweiten Hierarchie kommen. Da mufi unsere Seele 
weiterhin aus dem Kosmos heraus so unterstiitzt werden, dafi wir nicht 
mit 35Jahren schon sterben im normalen Leben. Denn wenn nur bis 
zum 21.Jahre die Wesen der dritten Hierarchie, vom 14. bis 35. Jahre 
die Wesen der zweiten Hierarchie wirken wiirden, dann wiirden wir 
eigentlich zum Sterben reif sein in der Mitte unseres wirklichen Erden- 
lebens, wenn nicht, ich mochte sagen, aus Tragheit der physische Kor- 
per noch hielte. Das ist deshalb nicht der Fall, weil nun in der Tat, und 



zwar nicht erst vom 35. Jahre ab, sondern schon vom 28. Jahre ab, wie- 
derum durch drei Epochen, bis zum 49. Lebensjahre, die Wesenheiten 
der ersten Hierarchie, Seraphim, Cherubim, Throne, auf den Men- 
schen einwirken. 

Wiederum haben Sie einen Zeitraum zwischen dem 28. und 35. 
Lebensjahre, wo nun die zweite und die erste Hierarchie zusammen- 
wirken. So dafi die eigentliche alleinige Wirksamkeit der zweiten Hier- 
archie vom 21. bis zum 28. Jahre vorhanden ist. 

Wie gesagt, das, was nun darauf folgt, werde ich das nachste Mai 
betrachten. Sie konnen ja allerdings fragen: Wenn nun jemand iiber 
49 Jahre alt ist, ist er denn da von alien Hierarchien verlassen? - Aber 
wie gesagt, was da eintritt, das wollen wir schon noch betrachten. Es 
wird deshalb das, was heute zu sagen ist, nicht blofi anwendbar sein 
fur diejenigen, die unter 49 Jahren sind, sondern auch fur die anderen. 
Zunachst aber haben wir es tatsachlich so mit dem menschlichen Le- 
benslaufe zu halten, dafi in dieser Weise die Hierarchien ihre beson- 
dere Kraft und ihre besondere Starke in seinen Lebenslauf hereinver- 
pflanzen. 

Naturlich miissen Sie, wenn so etwas betrachtet wird, nicht den- 
ken, die Dinge dtirfen nun blofi schematisch betrachtet werden. Das 
darf nirgends geschehen, wo man in das Gebiet eines nur einigermafien 
hoheren Lebens kommt. 

Ich mufite ja immer seit einer Reihe von Jahren schon von der Drei- 
gliederung des menschlichen Wesens in Nerven-Sinnesmenschen, in 
rhythmischen Menschen, in Stoffwechsel-Gliedmafienmenschen reden. 
Daraus hat ein Professor - was machen Professoren nicht alles! - ge- 
macht, ich hatte den Menschen dreigegliedert in Kopf-, in Brust- und 
Bauchsystem, weil er die Sache schematisch nebeneinandergestellt hat. 
Nun, ich habe immer betont: das Nerven-Sinnessystem ist zwar haupt- 
sachlich im Kopfe konzentriert, aber es durchzieht wiederum den gan- 
zen Menschen. Ebenso ist es mit dem rhythmischen System. Die Dinge 
sind nicht raumlich nebeneinanderzustellen. Und so auch miissen Sie 
hier diese Aufeinanderfolge betrachten: Hauptsachlich ist die Wirkung 
von Angeloi, Archangeloi, Archai auf die drei ersten Lebensepochen 
beschrankt, aber sie sind wiederum im ganzen Lebenslauf enthalten, so 



wie das Nerven-Sinnessystem hauptsachlich im Kopfe enthalten ist, 
aber im ganzen Menschenorganismus wiederum vorkommt. Wir fiihlen 
ja auch mit der grofien Zehe, da ist auch Nerven-Sinnesleben drinnen. 
Trotzdem besteht diese Dreigliederung zu Recht. Und es besteht auch 
jene Dreigliederung zu Recht, von der ich Ihnen heute spreche. 

Nun aber konnen Sie, wenn Sie die Gliederung des menschlichen 
Lebenslaufes in dieser Art ansehen, sich sagen: Das menschliche Ich 
ist nach der geistigen Seite hin ebenso eingespannt in eine Summe von 
Wirkungen, die aus dem geistigen Reiche herunterkommen, wie es nach 
unten, nach der physischen Seite hin, eingespannt ist in die Reihe der 
Wirkungen, die von Tieren, Pflanzen, Mineralien herkommen. Wir 
sind wirklich als Menschen so, dafi wir mit unserem Ich drinnenstehen 
in dem, was vom Kosmos heraus in einer komplizierten Weise an uns 
geschieht. Und in dieser Wirkungsweise, die da geistig vom Kosmos 
heraus aus den Hierarchien auf den Menschen sich erstreckt, in dieser 
liegt die Gestaltung des Karma wahrend des physischen Erdenlebens. 

Eigentlich bringen uns ja Angeloi, Archangeloi, Archai herein aus 
der geistigen Welt in die physische Welt, und sie begleiten uns haupt- 
sachlich durch die drei ersten Lebensepochen. Dasjenige, worauf sie 
am starksten wirken, das ist wiederum unser Nerven-Sinnessystem. 
Und an alledem, was in einer so komplizierten, wunderbaren Weise 
sich bis zum 21. Lebensjahre hin an Ausgestaltung unseres Sinnes- und 
Verstandeslebens, unseres Kopflebens einstellt, an alledem sind die 
Wesenheiten der Angeloi, Archangeloi, Archai beteiligt. 

Unendlich viel geschieht da sozusagen hinter den Kulissen des ge- 
wohnlichen Bewufitseins. Und eben an dem, was hinter diesen Kulissen 
des gewohnlichen Bewufitseins geschieht, sind diese Wesenheiten be- 
teiligt. 

Und wiederum, ins rhythmische System herein greifen, von der Ge- 
schlechtsreife, ungefahr vom 14. Lebensjahre an, diejenigen Machte 
ein, welche starkere Krafte haben als Angeloi, Archangeloi, Archai. Die 
Wesenheiten der dritten Hierarchie, Angeloi, Archangeloi, Archai, die 
sind eigentlich darauf angewiesen, unser Seelisches zu ergreifen. Wir 
bringen uns fur die drei ersten Lebensepochen aus dem vorirdischen 
Dasein so starke Krafte mit, die nachwirken, dafi da die Seele auf den 



Leib intensiv wirken kann. Da bedarf es nur der schwacheren Krafte 
der dritten Hierarchie, urn dem Menschen zu Hilfe zu kommen. 

Aber sehen Sie, diejenigen Krafte, welche Angeloi, Archangeloi, 
Archai brauchen, urn in der richtigen Weise unser Menschenleben zu 
lenken und zu leiten bis zum 21. Jahre hin, diese Krafte stromen diesen 
Wesenheiten zu aus dem, was geistig ausstrahlt von Saturn, Jupiter, 



Mars (siehe Zeichnung). Es ist schon so, dafi die Weltenkorper nicht 
nur diejenigen Wirkungen ausstrahlen, von denen die physische Wis- 
senschaft spricht. Diese physische Wissenschaft ist ja mit Bezug auf 
die Schilderung des Weltwesens eigentlich recht einfaltig. Von Sa- 
turn, Jupiter und Mars strahlen Krafte aus, fiir die eigentlich das 
starkste Verstandnis Angeloi, Archangeloi, Archai haben. Und wenn 
der Mensch nun durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt durchgeht - wir haben es ja beschrieben -, da kommt er zu- 
erst in die Mondregion zu denjenigen Wesen, die einmal auf der Erde 
waren, die scharfe Beurteiler dessen sind, was er an Gutem und Bosem 
mitbringt. Da mul5 er zunachst zuriicklassen, was mit ihm an Bosem 
vereinigt ist. Er kann es nicht in die Sonnenregion tragen. 




Er geht dann durch die Sonnenregion hindurch und weiter hinaus 
in das Weltenall. Es wirken dann die Krafte von Mars, Jupiter und 
Saturn auf ihn. Dann geht er durch das ganze Leben zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt durch, kommt wieder zuriick, und erst 
wenn er wiederum ganz in die Mondenregion hereinkommt, dann tre- 
ten ihm Angeloi, Archangeloi, Archai entgegen und sagen ihm gewis- 
sermaften: uns hat Saturn, Jupiter, Mars gesagt, dafi du nach gewissen 
Richtungen hin verkiimmert bist -, so wie das in dem letzten Vortrage 
hier beschrieben worden ist. Ich sagte, das Bose mufi zuriickgelassen 
werden, aber damit laik der Mensch ja etwas von sich selbst zuruck. Er 
kommt als ein verkiimmerter Mensch in die Sonnenregion und auch in 
die aufiere Region hinauf . Da schauen ihn an Saturn, Jupiter und Mars. 

Oh, meine lieben Freunde, dieses Leben zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt ist recht kompliziert! Wir treten das Leben an 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, indem wir durch die 
Todespforte geschritten sind. Dasjenige spielt sich ab, was ich in be- 
zug auf die Mondenregion beschrieben habe. Der Mensch mufi all das 
zuriicklassen, was an ihm, an seinem Wesen sich mit dem Bosen iden- 
tifiziert hat. Das ist so, wie wenn der physische Leib Glieder zuriick- 
lassen mufke. Der Mensch kommt sozusagen verstlimmelt um das, was 
er zuriicklassen mufke, weil es sich mit dem Bosen identifiziert hat, in 
der Sonnenregion und in den iibrigen Weiten des Weltenalls an. Und 
wenn dann der Mensch durch die Sonnenregion hindurch in das Ge- 
biet von Mars, Jupiter und Saturn tritt, dann fiihlt er: die schauen ihn 
an mit dem durchdringenden Blicke ihres Gerechtigkeitswebens, ihres 
Weltgerechtigkeitswebens, schauen sie ihn an, wieviel er von seinem 
Menschen da hinauftragen darf. Da schauen sie ihn an. Da spiirt ein 
jeder von uns, wieviel sich mit ihm von dem Guten vereinigt hat, was 
er da hinauftragen darf und was ihm fehlt, was er zuriickgelassen hat, 
zuriicklassen mufke, wie sehr er sich identifizierte mit dem Bosen. Das 
fehlt ihm. Und an der Art und Weise, wie er von den Wesen von Mars, 
Saturn und Jupiter angeschaut wird, spiirt er, ein wie mangelhafter 
Mensch er ist. 

Und dann, wenn er wieder zuriickkehrt, haben mittlerweile Saturn, 
Jupiter und Mars dasjenige, was sie an dem Menschen, der unvoll- 



kommen an ihnen vorbeigegangen ist, erlebt, erschaut haben, kosmisch 
mitgeteilt der dritten Hierarchie - Angeloi, Archangeloi, Archai. Das 
verweben jetzt diese Wesen mit dem Menschen, so dafi er eingeschrieben 
in sich enthalt, was er zu tun hat, was er auszugleichen hat. 

Und man mochte sagen: In diesen ersten drei Lebensepochen, wo 
Angeloi, Archangeloi, Archai besonders auf den Menschen wirken, da 
werden die karmischen Forderungen in das menschliche Nerven-Sinnes- 
system, in das menschliche Kopfsystem eingeschrieben. 

Wenn wir durch unser 21. Lebensjahr geschritten sind - wie es sich 
bei Menschen, die friiher sterben, verhalt, will ich auch noch in den 
spateren Vortragen auseinandersetzen -, dann hat sich in uns all das 
eingepragt, was die karmischen Forderungen fur das Leben smd. Man 
kann es dem Einundzwanzigjahrigen, wenn man in ihm lesen kann, 
ansehen, was in ihn eingeschrieben ist an karmischen Forderungen. 
Da, in dieser Zeit also, da pragen sich in dem Menschen die karmischen 
Forderungen aus (siehe Zeichnung Seite 193). Die tragen wir haupt- 
sachlich in den okkulten, in den verborgenen Untergriinden unseres 
Nerven-Sinnessystems, in dem, was geistig-seelisch unserem Nerven- 
Sinnessystem zugrunde liegt. 

Dagegen wenn wir mehr gegen den weiteren Verlauf des Lebens 
hinblicken, wenn wir den Menschen anschauen von seinem 28. bis zu 
seinem 49. Lebensjahre, dann haben wir es weniger mit einem Ein- 
pragen von karmischen Forderungen zu tun, sondern mehr mit dem, 
was nun die Erfiillung des Karma ist, das Abladen des Karma. Na- 
mentlich in dieser Lebensperiode tritt dasjenige auf, was karmische 
Erfiillung ist, was wir abzuladen haben um dessentwillen, das sich ein- 
gepragt hat in den ersten drei Lebensepochen. 

So dafi ich hierher (siehe Zeichnung Seite 193) schreiben kann: 
Vom 28. Jahre bis zum 49.Jahre «Karmische ErfuIIungen». Dazwi- 
schen liegen die Jahre vom 21. bis zum 28., wo sich beides die Waage 
halt - karmische Forderungen und karmische Erfiillungen. 

Nun liegt aber etwas Eigentiimliches vor, das insbesondere in un- 
serem Zeitalter notwendig ist zu beachten. In der gegenwartigen Ent- 
wickelungsepoche der Menschheit sind sehr viele Menschen vorhanden, 
die ihre letzte mafigebende Inkarnation - nicht als ob darauf keine 



mehr gefolgt ware, aber die war dann weniger maftgebend - durchge- 
macht haben so in den ersten Jahrhunderten nach der Begriindung des 
Christentums bis zum 8., 9. Jahrhundert hin. Wenn wir bei den weitaus 
meisten Menschen, die in der Gegenwart leben und Anteil an der Kul- 
tur haben, Umschau halten, dann finden wir, daft die Mehrzahl dieser 
Menschen ihre mafigebende Inkarnation in den ersten sieben bis acht 
Jahrhunderten seit der Begriindung des Christentums hatten. 

Das war aber die Zeit, die in folgender Weise eigentiimlich auf die 
Menschen wirkte - das geht einem heute auf, wenn man karmisch 
gewisse Menschen betrachtet. Immer wieder habe ich es mir zur Auf- 
gabe gemacht, gerade auch nach diesem Gesichtspunkte viele Menschen 
karmisch zu betrachten, Menschen, die eine gewisse Bildung erreicht 
haben, die heute Zeitbildung ist, Kopfbildung hauptsachlich ist, Men- 
schen, die eigentlich verhaltnismaftig viel gelernt haben. 

Sie brauchen ja nur zu beachten, wie groft das Heer derjenigen Men- 
schen heute ist, die Gyranasiallehrer, Beamte und so weiter geworden 
sind. Die haben verhaltnismaftig viel gelernt, das Gymnasium oder die 
Realschule, sogar die Universitat besucht — wirklich, ich meine das 
nicht ironisch, aber wohl im Zusammenhang mit alldem, was ich iiber 
solche Begriffe schon gesagt habe sie sind eigentlich ungeheuer ge- 
scheit geworden. 

Nach dieser Richtung hin gibt es heute wirklich aufierordentlich 
viel gescheite Leute. Denken Sie nur, daft ja die meisten Menschen 
heute so gescheit sind, daft man ihnen kaum etwas sagen kann; sie wis- 
sen ja schon alles. Jeder hat einen Standpunkt. Jeder urteilt iiber das, 
was ihm gesagt wird. 

So ist es nur in unserer Zeit, so war es durchaus nicht in friiheren 
Zeitepochen. Da waren einzelne Leute, die haben etwas gewufit; die 
anderen haben hingehorcht auf diejenigen, die etwas gewuftt haben. 
Da war es gar nicht iiblich, daft so viele Menschen gescheit waren wie 
heute. Nicht wahr, man wird schon in sehr friiher Jugend heute ge- 
scheit; denken Sie nur, wie viele Menschen unter ihrem 21. Lebensjahre 
heute schon, ich will gar nicht sagen, Gedichte machen, das haben sie 
immer getan, sondern sogar Feuilletons schreiben, ja sogar Kritiken 
schreiben. 



Also die Ausbildung der Intellektualitat, die ist heute erne aufier- 
ordentlich starke. Aber sie ist heute bei den meisten Menschen im we- 
sentlichen beeinflufit von denjenigen Inkarnationen, die in den ersten 
sieben bis acht Jahrhunderten seit der Begriindung des Christentums 
stattgefunden haben. Da wurde immer geringer und geringer das Ge- 
fiihl in der menschlichen Seele fiir das, was aus vorirdischem Leben in 
das irdische hereinkommt. Die Menschen fingen an, sich eigentlich im- 
mer mehr und mehr nur fiir das zu interessieren, was auf den Tod folgt, 
und interessierten sich immer weniger und weniger fiir das, was dem 
Erdenleben vorausgegangen war. Ich habe das oftmals dadurch ausge- 
driickt, da$ ich sagte: Wir haben ja fur die Ewigkeit keine durchgrei- 
fende Bezeichnung, sondern nur fiir die halbe Ewigkeit, die eigentlich 
anfangt und niemals aufhort. Da, fiir diesen Teil der Ewigkeit (siehe 
Zeichnung, Pfeil) des Menschen haben wir das Wort Unsterblichkeit; 
aber wir haben nicht fiir die andere Halfte der Ewigkeit, die niemals 
angefangen hat, ein Wort Ungeborenheit, wie es iiltere Sprachen hat- 
ten. Das haben wir nicht. Aber die ganze Ewigkeit umfafit eben Un- 
sterblichkeit und Ungeborenheit. 

/////////////////////////| //'///////' ////// // 

Uncjeborenhtii Un5fr?rbP'chHe»T 

Wir sind ebenso als Wesen, bei denen die Geburt nur eine Umwand- 
lung bedeutet, in die Welt hereingekommen, wie wir herauskommen 
aus der Erdenwelt dadurch, dafi wir den Tod durchmachen, der nicht 
ein Ende, sondern nur eine Umwandlung bedeutet. 

So konnen wir sagen: Dieses starke Bewu£tsein, das bis in die ersten 
christlichen Jahrhunderte herein wirksam war in den Menschen: Ich 
bin aus Geistigem heruntergestiegen zum physischen Dasein -, das 
wurde immer geringer, und immer mehr beschrankte man sich darauf : 
Ich bin nun einmal da; was vorhergegangen ist, interessiert mich nicht, 
das ist mir ja sicher. Was vorangegangen ist, das interessiert mich 



nicht; mich interessiert, was auf den Tod folgt. - Dieses Bewufksein 
kam immer mehr und mehr auf. Und diese Entwickelung, die vollzog 
sich in den ersten christlichen Jahrhunderten. Da wurde sozusagen in 
diejenigen Menschen, die da ihre mafigebende Inkarnation durchmach- 
ten, dieses gedampfte Gefiihl fiir das vorirdische Leben hineingedrangt. 
Und die Gescheitheit nimmt daher die Richtung nach dem blofi Irdi- 
schen an. Sie ist eine grofie, diese Gescheitheit, sie nimmt aber die Rich- 
tung nach dem blofi Irdischen an. Ungeheuer Frappierendes, ungeheuer 
Bedeutsames tritt einem, wenn man karmische Betrachtungen anstellt, 
auf diesem Gebiete entgegen. 

Ich will zwei Falle herausgreifen: einen Menschen, der Geschichts- 
lehrer war in einer hoheren Schule, ein sehr gescheiter Mensch, der 
eigentlich als Geschichtslehrer schon einen Eindruck durch sein Wesen 
zunachst machen konnte. Wenn ich sein Leben ins Auge fasse bis zu 
dem Zeitpunkt, wo die karmischen Forderungen durch diese neutrale 
Zone hier hindurch (siehe Zeichnung Seite 193), also bis zum Anfange 
der Dreifligerjahre wirkten, da konnte man sagen: seine Gescheitheit 
kam heraus. Er war einer von den vielen gescheiten Menschen, sogar 
hervorragend gescheiten Menschen der Gegenwart. Aber in dem Au- 
genblicke, wo er hier in diese Region hier kam, da half ihm die Ge- 
scheitheit nichts mehr, da wurde es mit den moralischen Impulsen 
bedenklich. Da blieb es bei der blofien Intellektualitat, die dann unter- 
graben wurde. Als die Krafte in Betracht kamen, die nun nicht an das 
Nerven-Sinnessystem, sondern gegen das Ende des Lebens an das Stoff- 
wechsel-Gliedmafiensystem gebunden sind, da unterdruckte die nie- 
dere Natur des Stoffwechsel-Gliedmafiensystems dasjenige, was im 
Nerven-Sinnessystem vorher ganz schon herausgekommen ist. 

Die betreffende Personlichkeit, die eigentlich intellektuell ihr Le- 
ben gut begonnen hatte, endete im Grunde genommen in moralischer 
Verkommenheit, mit einem moralischen Debacle. Das ist ein Beispiel. 

Ein anderes Beispiel: Eine Personlichkeit, die eigentlich noch ge- 
scheiter war als die erste, die ich jetzt eben beschrieben habe, die sogar 
als ganz hervorragend intelligent gait, die aber eben etwas nur Intelli- 
gentes hatte, aus ungeheuer kurzsichtigen Augen heraus eine grofte 
Intelligenz entwickelte. 



Diese Personlichkeit wiederum, sie entwickelte, wenn man so bis 
gegen das 30. Jahr sie betrachtete, durch ihre Intelligenz einen starken 
Einflufi auf ihre Mitmenschen. Als sie iiber das 30. Jahr oder gar iiber 
das 35. Jahr hinaus war, als dann nicht mehr so stark wirkte das Ner- 
ven-Sinnessystem, sondern als das Stoffwechsel-Gliedmaftensystem 
wirkte gegen das Ende des Lebens zu, da wurde diese Personlichkeit, 
die vorher als etwas recht Kluges gait, vor alien Dingen trivial, banal 
und ging dann auf in einem banalen, parteimaftigen Leben. Ich habe 
den Lebenslauf dieser Personlichkeit verfolgt. Ich muft sagen, es war 
mir etwas ganz Merkwiirdiges, da ich diese Personlichkeit gekannt habe 
in ihren jiingeren Jahren, dafi diese Personlichkeit von mir spater wie- 
derum gefunden wurde unter Leuten, die in ganz trivialem Parteileben 
aufgingen. Der Weg von den karmischen Forderungen in die karmi- 
schen Erfullungen hinein hat sich so erwiesen, dafi die intelligenten 
Krafte bei den Menschen der Gegenwart, die durch ein voriges Erden- 
leben in den ersten christlichen Jahrhunderten bis zum 8., 9. Jahrhun- 
dert herauf zubereitet worden sind, nicht tragfahig genug waren, urn 
in der Zeit, wo nun die Seele schwacher wird, wo der Korper den gro- 
fieren Widerstand bietet, hinaufzureichen in die erste Hierarchic 

Und da stellte sich mir dieses dar: Jene zahlreichen Menschen in der 
Gegenwart, die so gescheit sind, die vor alien Dingen durch die Schul- 
bildung so gescheit gemacht werden konnen, die entwickeln in dieser 
ersten Lebensepoche die Moglichkeit, mit ihren Gescheitheitskraften 
bis in die dritte Hierarchie, Angeloi, Archangeloi, Archai hinaufzu- 
reichen. Das erlangen sie. Da sind sie vielversprechende Personlich- 
keiten. 

Indem sie in die zweite Hierarchie eintreten, sind sie mehr dieser 
Hierarchie hingegeben. Die kommt ja zu den Menschen herunter; fort- 
pflanzungsfahig werden fast alle. Diese kosmische Hierarchie kommt 
herunter. Da ist sozusagen kein rechter Abgrund zwischen den Men- 
schen und der hoheren Hierarchie. 

Kommt es aber mit dem 28. Jahre dahin, dafi der Mensch nun zu 
der hoheren Hierarchie, zu der ersten Hierarchie Beziehung finden 
mufi, da mufi es durch seinen ganzen Menschen bis ins Stoffwechsel- 
Gliedmafiensystem hinein geschehen. Da braucht er starkere innere 



Haltekrafte im Geistigen. Da reicht eben dasjenige nicht aus, was aus 
friiheren Erdenleben aus jenem Zeitalter im Menschen keimend ge- 
macht worden ist, wo nicht mehr gedacht worden ist an das vorirdische 
Leben. 

Man mochte, wenn man gerade auf die karmische Entwickelung 
hinweisen will, sagen: Stark mu6 die Mahnung an den wirklichen Er- 
zieher der Menschheit, an den wahren Padagogen sein, der Intellektua- 
litat so viel von geistig Kraf tvollem einzuflofien, dafi, wenn der Mensch 
dann seine spatere Lebenszeit durchmacht, das, was in seinem Intellekt 
durchmoralisiert ist, denjenigen Kraften die Waagschale halten kann, 
die hinunterziehen (siehe Zeichnung Seite 193, Pfeil nach unten), hin- 
weg von der ersten Hierarchic 

Es ist ja wirklich nicht von geringem Interesse, gerade in unserem 
Zeitalter den zweiten Teil des menschlichen Lebens mit dem ersten zu 
vergleichen. Nach dieser Richtung miifken eigentlich Menschen, die 
Sinn fiirLebensbeobachtunghaben, rechteLebensbeobachtung anstellen. 
Denn das tritt hervor, meine lieben Freunde, im gewohnlichen Leben. 
Was ich jetzt als Beispiele angefiihrt habe, das sind Beispiele aus dem 
gewohnlichen Leben, Beispiele, die verhundert-, vertausendfacht wer- 
den konnen, die iiberall sich finden. Aber auch etwas anderes konnte 
man finden, wo sich dasselbe zeigt, nur, ich mochte sagen, in einem 
hoheren Gebiete des Lebens. Wenn ich, der ich mich immer interessiert 
habe fur die geistigen Entwickelungsgange der Menschen, auf eine 
Anzahl von solchen Menschen blicke, die produktiv ins Leben herein- 
getreten sind, die sogar grofien Eindruck auf ihre Mitmenschen, sagen 
wir, als jugendliche Dichter oder sonst als jugendliche Kunstler ge- 
macht haben, und dann hinschaue auf dieselben, von denen man noch 
gesagt hat, als sie 24, 25, 26, 27 Jahre alt gewesen sind: ein grofiartiges, 
gewaltiges Talent! - sie wurden alter, alles versiegte, es blieb beim 
jugendlichen Dichten, beim jugendlichen Kiinstlertum. Spater versiegte 
alles. Sie waren nichts mehr auf dem Gebiete, auf dem sie einmal be- 
deutend waren. 

Gerade wenn Sie die Namen derjenigen durchgehen, die nur als ju- 
gendliche Dichter oder Kunstler bekanntgeworden sind, dann sich sel- 
ber ausgestrichen haben aus der lebendigen Literaturgeschichte oder 



Kunstgeschichte, dann werden Sie das bewahrheitet finden, was ich 
sage. Aber Sie werden durch das, was ich so sage, zugleich darauf hin- 
gewiesen, wie die verschiedenen Lebensepochen beim Menschen in der 
verschiedensten Weise zeigen, wie das Karma, wie die karmischen 
Impulse in das Menschenleben eingreifen. 

Alles das, was nur intellektualistisch und materialistisch ist, kann 
eigentlich nur in der Jugend den Menschen innerlich erfassen. Nur 
das, was dem Intellektualistischen als Spirituelles beigemischt ist, kann 
durch das ganze Menschenleben hindurch halten, ich meine karmisch 
durch die Erdenleben hindurch. 

Wenn wir also sehen, dafi solche Schicksale, wie die beschriebenen, 
auftreten, dann miissen wir auf fruhere Erdenleben zuriickblicken, wo 
dem Menschen der Hinblick auf das eigentlich Spirituelle, den man 
ja nur in rechter Weise haben kann, wenn man auf das vorgeburtliche, 
nicht nur auf das nachtodliche Leben sieht, nicht gegeben worden ist. 

Es ist in unserem Zeitalter eigentlich diese Lebenstragik vielfach vor- 
handen, und wir haben so vieles, was nicht vorhalt fiir das ganze 
Menschenleben. Wir haben in unserem Zeitalter viel von jugendlichen 
Idealen, aber wenig von alten Idealen. Die Alten verlassen sich viel 
mehr auf den Staat und auf die Pension als auf das lebendige Leben, 
weil sie die Stiitze von auften brauchen, weil sie das nicht finden kon- 
nen, was sie zu der ersten Hierarchie in Beziehung bringt. 

Und so kommt es, dafi, wenn wir richtig karmisch betrachten wol- 
len, wir diese verschiedenen Glieder des Menschen, die aber ineinan- 
dergreifen, beachten miissen. Ich will jetzt nicht sagen, dafi iiber das 
49.Jahr hinaus das Leben geschenkt ist; wie gesagt, das werden wir 
noch betrachten. Aber wenn der Mensch die Lebensepochen (siehe 
Zeichnung Seite 193), diese ersten drei, diese zweiten drei und dann 
diese durchgemacht hat, dann lebt er zuerst so, dafi er Beziehungen hat 
zur dritten Hierarchie. Er kniipft dann Beziehungen an, innerlich, un- 
bewulk, zur zweiten Hierarchie, dann zur ersten Hierarchie. Dar- 
nach kann man erst beurteilen, inwiefern der Mensch den karmischen 
Impulsen in sich die Moglichkeit gibt, sich auszugestalten. Denn das 
erst, dieses Wissen von den Beziehungen zu den hoheren Hierarchien, 
gibt das konkrete Menschenleben. 



Angeloi, Archangelo, Archai sagen uns in unserem Unterbewufken 
gewissermaften in den ersten drei Lebensepochen: Das alles hast du 
heriibergetragen aus friiheren Epochen, aus friiherem Erdendasein, das 
mufit du auf dich nehmen. - In dem unbewulken Teil unseres Schick - 
salerlebens wird uns das gesagt. Und es tont eigentlich immer in die- 
sen drei Lebensepochen in uns schicksalsmafiig herein, namentlich von 
der Hierarchie der Angeloi: Saturn, Jupiter, Mars haben dies oder 
jenes uber dich verhangt. Wir haben es aus ihren Kraf ten gelesen. 

Dann folgt alles das, was von der zweiten Hierarchie kommt, aus 
dem Bereich der Sonne. Und endlich folgt dasjenige, was von der 
ersten Hierarchie in dieser Weise kommt aus dem Bereiche von Venus, 
Merkur, Mond. Und so wie uns namentlich die Angeloi im Unterbe- 
wufken in den ersten drei Epochen unseres Lebens zurufen: Das haben 
uns Saturn, Jupiter, Mars gesagt, daft dir im Leben das auszutragen 
vorgesetzt ist -, so finden sich dann von dem 28. Lebens jahr an in un- 
serem Unbewuftten die Seraphim, die ja eben auch im Unbewuftten 
sprechen: Und das alles bleibt dir, weil du es nicht erfullen kannst, weil 
du zu uns nicht heraufreichst, das bleibt dir, und du mufit es ins nachste 
Erdenleben hineintragen; du kannst es nicht ausgleichen, du hast die 
Starke nicht dazu. 

Unter dem Bewulksein des Menschen sprechen die karmischen 
Machte, die schicksalbildenden Machte. Sie sprechen aus alien drei 
hoheren Hierarchien. Und wenn wir Empfindung haben fur das, was 
schicksalsmafiig in unser Leben eingreift, dann konnen wir auch hinter 
diesem Hinblicken auf unser Schicksal in heiliger Scheu ahnen, wie im 
Verlaufe unseres Lebens weben an diesem unserem Schicksale die We- 
senheiten aller drei Hierarchien. Dann eigentlich betrachten wir unser 
Leben erst richtig. 

Denn sehen Sie, wer ware denn zufrieden, wenn er uns nach einem 
Menschen fragt, tiber den er etwas in bezug auf sein Erdenleben wissen 
will, weil er voraussetzt, dafi wir etwas von ihm wissen - und wir sa- 
gen ihm: Der heifit Josef Muller. - Wir wissen ihm nichts zu sagen als 
den Namen. Er hat darauf gewartet, daft er uber diesen Menschen 
etwas erfahrt, was wahrhaftig mehr ist als der Name: Ereignisse aus 
seinem irdischen Leben, Aufschluft uber Krafte, Impulse, die aus dem 



irdischen Leben auf ihn gewirkt haben. Man kann sich nicht, wenn 
man von einem Menschen in bezug auf sein irdisches Leben etwas wis- 
sen will, mit dem blofien Namen begniigen. Aber in unserem heutigen 
materialistischen Zeitalter begniigen sich leider die Menschen mit Be- 
zug auf das, was hinter dem gewohnlichen Bewufttsein steht und worin 
wirken Angeloi, Archangeloi, Archai, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, 
Cherubim, Seraphim und Throne - mit dem Namen «Mensch», noch 
dazu mit einem allgemeinen Namen «Mensch». Sie schauen nicht hin 
auf das Konkrete. Das aber muf5 eintreten, dafi die Menschen lernen, 
auf das Konkrete wiederum hinzuschauen. 



ZW'CLFTER VORTRAG 



Dornach, 29. Mai 1924 

Ich habe ja das letzte Mai Ihnen angefiihrt, wie der Mensch im Ver- 
laufe seines Lebens zu den verschiedenen Hierarchien der hoheren 
"Welt steht, und ich mochte bemerken, dafi alles, was da vorgebracht 
wird, doch zuletzt darauf fuhren wird, die Wirkung des Karma im 
menschlichen Leben und in der menschlichen Entwickelung immer bes- 
ser und besser zu begreifen. Es sind also alles Vorbereitungen eigentlich 
zum Begreifen des Karma. 

Ich habe angefiihrt, wie von der Geburt des Menschen bis ungefahr 
zum einundzwanzigsten Jahre die dritte Hierarchie ein besonderes 
Verhaltnis zum Menschen hat, wie dann bei der Geschlechtsreife die 
zweite Hierarchie eintritt, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, wie diese 
hierarchischen Ordnungen dann weiterwirken von der Geschlechts- 
reife an bis zunachst zum einundzwanzigsten Lebensjahre im ersten 
Abschnitt, im zweiten Abschnitt bis zum achtundzwanzigsten Jahre, 
im dritten Abschnitt bis zum fiinfunddreifiigsten Jahre; wie aber schon 
im achtundzwanzigsten Jahre dann eine innere Beziehung zu der er- 
sten Hierarchie der Seraphim, Cherubim und Throne eintritt, die dann 
fortwirken in ihrer ersten Phase bis zum fiinfunddreifiigsten Jahre, wo 
sie zusammenwirken mit der zweiten Hierarchie, dann in der zweiten 
Phase bis zum zweiundvierzigsten Jahre, und in der dritten Phase bis 
zum neunundvierzigsten Lebensjahre. 

Nun kreuzt sich, mochte ich sagen, das, was so in den menschlichen 
Lebenslauf unmittelbar von der Hierarchienordnung eingreift, mit 
demjenigen, was im menschlichen Lebenslauf als Spiegelungen der gei- 
stigen Wesen des Planetensystems auftritt. 

Wir wissen ja, dafi jeder der Planeten, wenn wir auf sein aufieres 
physisches Scheinen hinschauen, eigentlich nur das Zeichen dafiir ist, 
daft in der Richtung, aus der uns der Planet, der Stern uberhaupt er- 
scheint, eine Kolonie von geistigen Wesen vorhanden ist. Wir schauen 
zu einem Stern; aber dies, was wir im Stern glanzen, leuchten sehen, 
ist das aufiere Zeichen, dafi in dieser Richtung unser Seelenblick auf 



erne kosmische Kolonie geistiger Wesenheiten aufstolk. Wir stehen 
nun ja zu unserem Leben so, daft wir in unserem physischen Leib ei- 
nen atherischen Leib tragen. In dem Augenblicke, wo der Mensch 
zur imaginativen, iibersinnlichen Erkenntnis aufsteigt, nimmt er ja 
alles das wahr, was er durch seinen Atherleib wahrnehmen kann. 
Und ich habe Ihnen des ofteren angedeutet, wie dann der Mensch zu- 
riickschaut auf das Tableau seines Erdenlebens seit seiner Geburt, und 
wie gleichzeitig alle die Ereignisse und Krafte, die er erlebt hat und die 
eingegriffen haben m sein Wachstum, in seine ganze physische, see- 
lische und geistige Organisation, in einem machtigen Panorama, in 
einem machtigen Tableau, als wenn die Zeit zum Raume geworden 
ware, vor der Menschenseele stehen. So das Leben zu iiberblicken lernt 
man, wenn man eben zur imaginativen Erkenntnis hinauf initiiert wird. 

Nun aber, wenn die inspirierte Erkenntnis eintritt, dann kann man 
hinschauen auf diese reale Erinnerung an das Erdenleben, die ein Er- 
innerungstableau ist, und man erblickt dann, weil man ja in der inspi- 
rierten Erkenntnis das Imaginative unterdrikkt hat, weil sozusagen 
die Ereignisse des Erdenlebens, auch insofern sie durch den Atherleib 
wahrnehmbar sind, nicht mehr da sind, man iiberblickt dann ein Schei- 
nen eines Hbheren. 

Also wenn ich schematisch dieses Zuriickschauen des Menschen - 
statt des Seelenblickes zeichne ich den physischen Blick - bis zur Ge- 
burt hin in dieser Stromung andeute, so loscht sich diese Stromung in 
der inspirierten Erkenntnis aus, und es treten dann allerlei andere Ge- 
bilde auf. 

Zunachst tritt auf etwas wie eine Offenbarung innerhalb dieser 
Stromung (siehe Zeichnung Seite 210, violett), und man merkt, wenn 
man sich orientieren lernt in der Inspiration, was da eigentlich er- 
scheint. 

Also verstehen Sie mich recht: Man blickt hin auf ein Tableau, das 
den menschlichen Erdenlauf enthalt. In diesem Tableau ist gewisser- 
mafien ein Teil; wenn man auf den hinblickt, so zeigt er sich nach 
der inspirierten Initiation so, dafi das Erinnerungstableau zwischen 
der Geburt, also zwischen dem Nulljahre und dem siebenten Jahre, aus- 
geloscht ist, und an der Stelle, wo das Erinnerungstableau ausgeloscht 



ist, erscheinen dann alle die Taten, die dadurch entstehen, dafi die 
Mondenwesen, von welchen ich Ihnen gesprochen habe, mit dem Men- 
schen nach seinem Tode zu tun haben. 

Was ich Ihnen zum Beispiel erzahlt habe vom Erleben des Lebens 
nach dem Tode bei jener Personlichkeit, die das Modell fur den Stra- 
der in meinen Mysteriendramen ist, so wird das dadurch erlebt, dafi 
man zuerst auf das Erinnerungstableau hinschaut, dann in der inspi- 
rierten Erkenntnis das Erinnerungstableau ausloscht. "Wenn der Teil 
ausgeloscht wird, welcher der Zeit von der Geburt bis zum sieben- 
ten Jahre entspricht, dann treten diese Wirkungen auf, von denen ich 
Ihnen erzahlt habe und die da darstellen das Zusammenwirken der 
Mondenwesenheiten (violett) mit der menschlichen Wesenheit nach 
dem Tode. 

Diese Erfahrungen, die man machen kann dadurch, daft durch- 
sichtig wird der Lebenslauf des Menschen von der Geburt bis zum 
siebenten Jahre und dadurch die Mondenwesenheiten, die Taten der 
Mondenwesenheiten durchscheinend werden, das, was da anschaulich 
wird, was da erfahren werden kann, das kann von jedem Initiierten am 
leichtesten geschaut werden. 

Denn man kann ja, wie Ihnen begreiflich sein wird, in jedem Men- 
schenalter die Initiation erfahren, nur nicht gerade wenn man ein ganz 
kleines Kind ist; Kinder bis zum siebenten Jahre werden ja gewohnlich 
nicht initiiert. Und man raufi, wenn man das, was ich jetzt beschreibe, 
durchschauen will, im Erdenleben iiber dieses Lebensalter hinausge- 
wachsen sein. Nun ist jeder, der initiiert wird, natiirlich iiber das sie- 
bente Lebensjahr hinausgewachsen. Daher ist dasjenige, was geschaut 
werden kann durch den Lebenslauf bis zum siebenten Jahre hindurch - 
also das, was der Mensch bei der Ruckwartswanderung, die der Zeit 
nach ein Drittel der Lebensdauer ausmacht, in dem Leben zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt durchmachen kann -, verhaltnis- 
mafiig leicht zu erfassen. 

Ein zweites zeigt sich, wenn wir dann denjenigen Teil der Riick- 
schau sichtbar machen in der inspirierten Initiation, der den Lebens- 
jahren von sieben bis vierzehn entspricht, dem Zeitalter der Ge- 
schlechtsreife. Da wird sichtbar alles das, was der Mensch nach dem 



Tode dadurch durchlebt, dafi er aus der Mondenregion aufsteigt in die 
Merkurregion (weifi). 

Der Mensch steigt in die Merkurregion auf, nachdem er die Monden- 
region durchgemacht hat. Aber will man eine Beziehung erkennen, her- 
stellen zu Menschen, die in dieser Merkurregion sich befinden, dann 
mufi man in dem Erinnerungstableau zum Ausloschen bringen den 
Zeitraum zwischen dem siebenten Lebensjahre, dem Zahnwechsel, und 
der Geschlechtsreife. 

Wenn man dann den nachsten menschlichen Zeitraum zum Aus- 
loschen bringt durch die inspirierte Erkenntnis und scheinen lafit das- 
jenige, was dann beim Ausloschen dieses Teiles scheinen kann, dann 
sind es die Erlebnisse und Tatsachen, die der Mensch durchmacht in 
der Region des Venusdaseins nach dem Tode (orange). 

Und so schaut man gewissermafien, wenn man zuriickblickt auf 
diese erste menschliche Lebensepoche mit inspirierter Initiation, das- 
jenige, was im Makrokosmos, und dazu noch im geistigen Makrokos- 
mos mit den Toten, mit den sogenannten Toten vorgeht. 

Sie sehen zugleich aus dem, was ich hier sage, wie unendlich tief 
eine alte Wissenschaft in ihren Benennungen ist. Denn bei der Venus 
empfindet man gewohnlich das Liebeselement schon in der Namen- 
gebung. Aber das Hinschauen auf die Venus entspricht dem Zeit- 
alter des menschlichen Lebens, in dem die Geschlechtsreife eingetre- 
ten ist. 

Dann ist ein Zeitraum, der dauert vom einundzwanzigsten Jahre 
bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahre (gelb). Wenn man mit inspi- 
rierter Initiation in diesen Zeitraum hineinschaut, dann erlebt man das- 



jenige - man kann es wenigstens erleben was ein Toter in der weitaus 
grofiten Zeit seines Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt 
durchmacht, was er durchmacht dadurch, dafi er mit den Sonnenwesen 
in einem Verhaltnisse ist. Das Sonnendasein zwischen Tod und neuer 
Geburt wird anschaulich durch diese Zeit. 

Die Sonne ist ein so machtiger Himmelskorper, enthalt so viele gei- 
stige Krafte und geistigeWesenhaf tigkeiten, dafi,um den Menschen alles 
uberblicken zu lassen, was von der Sbnnenwesenheit, von der geistigen 
Sonnenwesenheit ausgehend auf ihn Einflufi hat zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt, dieses die Ausloschung eines dreimal so grofien 
Zeitraumes wie die anderen sind, umfassen mufi: also des Zeitraumes 
vom einundzwanzigsten bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahre. Sie 
werden aber zugleich einsehen, dafi Initiierte erst dann, wenn sie iiber 
das zweiundvierzigste Lebens jahr hinausgekommen sind, auf den gan- 
zen Zusammenhang des Menschen mit den Sonnenwesen zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt zuriickblicken konnen. Dieser Zusam- 
menhang ist friiher eigentlich nicht durchschaubar. Und es bedeutet 
schon auch fiir die geistige Anschauung viel, alter zu werden. Gewisse 
Dinge sind eben erst nicht nur bei einer gewissen Initiation, sondern 
einfach bei einer gewissen Lebensreife schaubar. 

So ist wiederum ein Zeitraum im menschlichen Leben der vom zwei- 
undvierzigsten bis zum neunundvierzigsten Lebensjahre (rot). Wir na- 
hern uns durch die Sache selbst, meine lieben Freunde, dem, worauf ich 
im letzten Vortrage hier zielte, denn mit dem neunundvierzigsten Jahre 
hort ja die Moglichkeit auf, in direkten Beziehungen zu den Hierar- 
chien zu stehen. Das haben Sie aus meinen Ausfiihrungen entnommen. 

Wir werden nun in der nachsten Zeit hinschauen auf das, was die- 
jenigen machen, die iiber neunundvierzig Jahre sind. Wenn wir noch 
das, was sich mit der Gliederung von dazumal kreuzt, heute auf unsere 
Seelen wirken lassen - da mufi man naturlich schon fiinfzig oder mehr 
Jahre alt geworden sein -, wenn wir also zuriickblicken auf den Le- 
benszeitraum vom zweiundvierzigsten bis neunundvierzigsten Lebens- 
jahre, dann erblicken wir alles das, was durchgemacht werden kann 
vom Menschen nach dem Tode, von den Wesenheiten her, die den Mars 
bewohnen. 



Da aber beginnt schon diejenige Region, wo gesorgt wird von der 
geistigen Welt aus fur eine bedeutsame Individualisierung des Men- 
schenwesens auf Erden im Karma. Sie haben ja gesehen, wie in jenem 
Leben, welches der Mensch nach dem Tode unmittelbar anschliefiend 
an das Erdenleben in einem Drittel der Zeit zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt durchmacht, sich das Karma vorbereitet. Aber das 
Karma wird nach und nach ausgearbeitet. Und auch dariiber habe ich 
schon Andeutungen gemacht, wie das Karma ausgearbeitet wird: es 
wird ausgearbeitet im Verein mit hoheren Wesenheiten. 

Nun gibt es Menschen, die ihr Karma besonders ausarbeiten in der 
Merkurregion, in der Venusregion, in der Sonnenregion, aber auch 
solche Wesenheiten, die es in der Marsregion ausarbeiten. 

Solche Wesenheiten, solche Menschen, die sich durch ihre friiheren 
Erdenleben etwas in die geistige Welt bringen, was besonders in der 
Marsregion ausgearbeitet werden mufi, solche Menschen zeigen dann 
die Ergebnisse dessen, was in der Marsregion ausgearbeitet wird, in 
ihrem nachsten Erdenwandel. Und dafiir lassen Sie mich ein Beispiel 
anfiihren, meine lieben Freunde. 

Sehen Sie, da war eine Personlichkeit, in der Zeit allerdings, in der 
schon der Mohammedanismus gewirkt hatte, wo der Mohammedanis- 
mus schon seine Zivilisationsausstrahlungen iiber Asien, Nordafrika 
bis nach Spanien herein gesandt hatte, eine Personlichkeit, welche da- 
zumal ihre geistige Entwickelung zunachst an einer ahnlichen Schule 
Nordafrikas durchmachte - die aber schon in der Dekadenz war -, wie 
diejenige war, die einmal viel friiher der heilige Augustinus durchge- 
macht hat, eine Personlichkeit, die ganz in jenem Sinne und Stile in 
Nordafrika studierte. 

Nun mufi man sich vorstellen, dafi das Studieren in jener Zeit doch 
etwas anderes war, als es heute ist. Heute wiirde man von dem, was so 
viele Jahrhunderte zuriickliegt wie das Studium des heiligen Augusti- 
nus hinter dem Studium jener Personlichkeit in Nordafrika, von der 
ich hier spreche, nicht mehr viel horen. Aber dazumal waren ja eigent- 
lich noch, namentlich in Nordafrika, Mysterienstudien moglich, wenn 
auch von schon verfallenden Mysterien. Und die Personlichkeit, die 
ich meine, hat solche Mysterienstudien durchgemacht, durchgemacht 



also all das, was man erfahren konnte durch ein solches Studium iiber 
die Selbstandigkeit der Menschenseele, iiber die Regionen, welche die 
Menschenseele erlebt, wenn sie wahrnimmt frei vom Leibe und so wei- 
ter. Aber diese Personlichkeit zog dann mit den mohammedanischen 
Ziigen nach Spanien heriiber, nahm da viel auf von der damals schon 
in Spanien transformierten mohammedanisch-asiatischen Gelehrsam- 
keit, nahm namentlich auch viel auf von dem, was durch die Juden 
iiberallhin verbreitet wurde, nahm auf nicht jene Kabbalistik, welche 
dann spater im Mittelalter so viel gepflegt worden ist, aber eine altere 
Form der Kabbalistik. Und so wurde sie in der ersten Zeit nach den 
mohammedanischen Ziigen eine Personlichkeit, die stark im Geistes- 
leben dieser mohammedanischen Richtung drinnen war, aber auf eine 
besondere Art: rechnend, berechnend, auf kabbalistische Art. 

Dann wurde dasselbe durchlebt in einer spateren, weiblichen In- 
karnation, wo es innerlich vertieft wurde, wo es weniger durch den 
Kopf als in das Herz aufgenommen wurde. 

Dann aber ging dieselbe Individualitat im 18. Jahrhundert iiber in 
diejenige Personlichkeit, die nun weltberuhmt geworden ist fiir das 
Franzosentum, in Voltaire. Wir sehen also diese Individualitat in Vol- 
taire wieder erscheinen. 

Wenn man nun hinblickt auf das, was Voltaire, bevor er Voltaire 
geworden war, auf der Grundlage seiner friiheren Inkarnationen auf 
der Erde durchgemacht hat in dem Leben zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, dann findet man, dafi diese Individualitat ganz beson- 
ders alles das, was sie da erobert hatte durch die nordafrikanischen 
Studien, durch die kabbalistische Durchtrankung dieser Studien, wei- 
ter ausgebildet hat in der Marsregion in der zweiten Halfte des Lebens 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und mit der Umarbeitung, 
mit der Metamorphose, die aus der Marsregion kommen kann, kam 
dann Voltaire eben als Voltaire in das 18. Jahrhundert herein. 

Und so konnte ich Ihnen als ein Beispiel fiir eine karmische Ent- 
wickelung, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt insbesondere 
in der Marsregion ausgearbeitet wird, ihn anfiihren. 

Mars macht alles das, was er ausbildet, sei es auf dem Gebiete der 
physischen, der seelischen oder geistigen Tugenden, Mars macht alles 



aggressiv. Aber nicht nur aggressiv, sondern auch kriegerisch. Das Krie- 
gerische besteht ja, sonst konnten Kriege nicht gefuhrt werden, nicht 
nur darinnen, dafi man vorgeht, sondern auch darinnen, dafi man zu- 
rikkweicht. Ich glaube, das ist ja anschaulich genug geworden wah- 
rend des Weltkrieges. 

Schauen Sie sich das ganze Leben des Voltaire an: es ist ein Leben, 
das seelische Tiichtigkeiten ausbildete, aber auf Schritt und Tritt ein 
Leben des Vorstofies, der Aggressivitat, und ein Leben des Zuriick- 
weichens. Manchmal fast waghalsig vorstofiend, manchmal bis zur 
Feigheit im Zuriickweichen gehend. 

Es ist viel besser, an Beispielen, die man dann an der Lebenspra- 
gung studieren kann, solche Dinge zu studieren als in der Theorie, des- 
halb fuhre ich solche Beispiele an. 

Wenn der Mensch dann - man mujS dafiir schon ein gut Snick alter 
geworden sein als fur das Vorhergehende - sein Leben durch seinen 
Lebensabschnitt vom neunundvierzigsten bis zum sechsundfunfzigsten 
Lebensjahre mit inspirierter Initiation durchschaut, so gelangt er zur 
Erkenntnis alles dessen, was von den Wesen der Jupiterregion (grim) in 
Menschen bewirkt werden kann, die das Leben durchmachen zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt. 

Wenn man mit diesen Wesenheiten der Jupiterregion bekannt wird, 
so bekommt man eigentlich einen merkwiirdigen Eindruck. Zunachst 
ist man als Mensch - man mufS natiirlich alter geworden sein als sechs- 
undfiinfzig Jahre, wenn man diesen Eindruck haben will - frappiert 
dariiber, dafi es solche Wesenheiten gibt wie diejenigen, die mit der 
Jupiterregion zusammenhangen - ich meine als Mensch auf der Erde, 
nicht als Mensch zwischen Tod und neuer Geburt, denn da hat man es ja 
mit diesen Wesenheiten zu tun. Es sind Wesenheiten, die nichts zu lernen 
brauchen, weil in dem Augenblicke, wo sie sich bilden - ich kann nicht 
sagen «geboren» werden, Sie werden gleich sehen, warum — , sie schon 
als hochst weise Wesen gebildet werden. Sie sind nie dumm, sie sind nie 
unweise, sie werden so gebildet, wie die Menschen auf Erden oftmals 
auch gebildet sein mochten: wenn sie die Wohltat des Unterrichtes nicht 
zu schatzen wissen, mochten sie vielleicht auch gleich weise geboren 
sein. Aber diese Wesenheiten auf dem Jupiter werden iiberhaupt nicht 



geboren, sondern sie entstehen aus dem ganzen Jupiterorganismus her- 
aus. Etwa so, wie bei uns die Wolken sich bilden aus der Atmosphare, 
so entstehen diese Wesenheiten aus dem Ganzen des Jupiter heraus und 
entstehen so, dafi man sie eigentlich als die verkorperte Weisheit an- 
sehen kann, wenn sie einmal entstanden sind. In der Jupiterregion 
selbst sterben sie auch nicht, sondern sie verwandeln sich. Der Jupiter 
ist namlich eigentlich webende Weisheit. Stellen Sie sich meinetwillen 
vor, dafi sie vom Rigi herunterschauen und da die webenden Wolken 
sehen, und denken Sie sich, Sie hatten den Eindruck, daft das nicht 
webende, wasserige Wolken sind, sondern webende Weisheit selber, 
webende Gedankenbilder, die aber Wesenheiten sind, dann haben Sie 
den Eindruck vom Jupiter. 

Nun mochte ich Ihnen wiederum an einem Beispiel zeigen, wie das 
Karma besonders ausgebildet werden kann in dieser Region des Jupiter. 

Da war eine wiftbegierige Personlichkeit, die in den letzten Zeiten 
der mexikanischen Kultur in dem ganz dekadent gewordenen, zaube- 
risch-aberglaubisch gewordenen mexikanischen Mysterienkulte gelebt 
hat, eine wifibegierige Personlichkeit, die alles, alles genau studierte. 

Ich bin dadurch darauf gekommen, daft ich vor einer Reihe von 
Jahren einen merkwiirdigen Menschen kennenlernte, der jetzt noch so 
ist, daft er in primitiver Weise das, was in aberglaubischen, in dekaden- 
ten Vorstellungen der mexikanischen Mysterien vorhanden ist, stu- 
diert. Das hat keine Bedeutung, denn wer das in der Gegenwart stu- 
diert, studiert eben einfach aberglaubisches Zeug: das ist ja alles de- 
kadent heute. Aber jene f riihere Personlichkeit, die ich meine, hat schon 
vor der Entdeckung, der sogenannten Entdeckung Amerikas, als die 
mexikanische Zivilisation noch bliihte, aber doch schon als Mysterien- 
zivilisation im Ableben begriffen war, dort alles mit rasendem Eifer 
kennengelernt. Heute weifi man ja nicht viel mehr als die Namen und 
ein paar Bilder, wenn von Taotl, Quetsalkoatl, Tetzkatlipoka, also 
von diesen Wesenheiten der mexikanischen Mysterien gesprochen wird. 
Aber diese Personlichkeit, die durchaus noch wulke, wie Toatl eine 
Wesenheit ist, die als eine Art kosmischer Allgeist in alien Wolken 
webt, in alien Wassern brandet, im Regenbogen scheint, im Blitz und 
Donner lebt, die aber auch unter gewissen Voraussetzungen durch 



Kulthandlungen in geweihtes Wasser hereingebracht werden kann, 
diese Personlichkeit wulke auch, wie Quetsalkoatl eine Art Gottheit 
war, die den Menschen lebendig erfassen konnte in seiner Blutzirku- 
lation und in seinem Atemwirken. Also dieses Lebendige der mexika- 
nischen Zivilisation nahm diese Personlichkeit auf. 

Nun wurde sie spater wiedergeboren ohne weibliche Zwischenstufe. 
Sie war Mann in Mexiko, war Mann dann wiederum, als sie geboren 
wurde, ohne weibliche Zwischenstufe. Aber in dem Leben zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt ging sie so durch die ubersinnliche 
Region, dafi sie in ihrer karmischen Entwickelung - was wiederum 
durch friihere Erdenleben, wo diese Personlichkeit woanders war als 
in Mexiko, bedingt war - namentlich dasjenige, was sie in Mexiko er- 
lebt hatte an Aberglaubischem, aber doch noch vollsaf tig aus f riiheren 
Zivilisationen Erfiilltem, durch die Jupiterregion trug. Das, was sie da 
erlebt hat, das ging durch die Jupiterregion, nahm Weisheitsgestalt an, 
aber eine Weisheitsgestalt, die eigentlich automatisch ist im Verhalt- 
nisse zu dem, was der Mensch an Weisheit durch seine eigene Indivi- 
dualist erwerben soil. Weisheit, wenn sie sich so, wie sie auf dem Jupi- 
ter lebt und webt, im karmischen Ausarbeiten zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt iiber irgend etwas ergiefit, das der Mensch friiher 
im Erdenleben durchgemacht hat, laftt aus alledem eben auch auf der 
Erde noch Weisheit erglanzen. Aber diese Weisheit hangt dann von dem 
ab, was man im Erdenleben durchgemacht hat. 

Und die Individuality, die ich meine, sie ist dieselbe, die dann spa- 
ter als Eliphas Levi in der neueren Zivilisaton geboren wurde. Eliphas 
LeVi hat also sein friiheres Erdenleben durchgemacht innerhalb der 
mexikanischen Kultur, ist durch die Weisheitsregion des Jupiter hin- 
iibergegangen. Da wurde gewissermafien noch einmal durchgearbeitet 
diese mexikanische dekadente Kultur, und wenn Sie heute die Biicher 
von Eliphas LeVi lesen, so werden Sie iiber etwas aufierordentlich Pri- 
mitives etwas stark Weises ausgegossen finden. Derjenige, der in solche 
Dinge eindringen kann, sagt dann: Ganz Jupiter, aber minderwertiger 
Jupiter. 

Und wenn man nun - ich darf ja von diesen Dingen auch reden - 
den Lebenslauf iiberblicken kann vom sechsundfiinfzigsten bis drei- 



undsechzigsten Lebensjahre, Sie sehen, da reicht man schon mit der 
Nasenspitze an die Sache heran (blau), dann schaut man in diejenigen 
Wirkungen hinein, welche ausgehen auf den Menschen zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt vom Saturn, von den Saturnwesenheiten. 
Das ist ein noch iiberraschenderer Anblick, ein bestiirzender Anblick, 
und eigentlich schon ein Anblick, der Schmerz macht. 

Diejenigen Wesenheiten, die mit dem Saturn in Beziehung stehen, das 
sind solche, welche sich durch ihre eigene Natur nicht um das kummern, 
was sie gegenwartig tun; das tun sie gewissermafien ganz unbewulk, 
unter der Gewalt viel hoherer Gotterwesen, in deren Schoft sie sich in 
ihrem reifen Alter begeben haben. Aber sobald sie etwas getan haben, 
dann steht es mit einer furchtbar stark wirkenden Erinnerung da. 

Versetzen Sie sich nur einmal in die Lage: Was Sie auch immer tun, 
ich will nicht die einzelnen Berufe aufzahlen, aber stellen Sie sich vor: 
Was Sie auch immer tun, Sie merken es gar nicht, solange Sie es tun, 
aber sobald sie es getan haben, steht es da vor Ihrer ganz lebendigen 
Erinnerung wie ein ungemein lebendiges Bild. Also denken Sie sich 
meinetwillen einen Sanger: Er singt, aber er weifi nichts davon, er wird 
nur von den Gottern so verwendet, dafi er singt. Denken Sie sich ein 
grofies Auditorium, das hort zu: Er merkt gar nichts davon, solange er 
singt; die wissen alle gar nichts, weder von sich, noch von dem, was sie 
erleben. In dem Augenblick, wo das Konzert aus ist, da steht das Ganze 
da und geht auch nicht mehr weg, bleibt, bildet den Inhalt des Lebens. 
Das ist man dann, Man ist iiberhaupt nur Vergangenheit auf dem 
Saturn. 

Es ist schon so, wie wenn Sie als Mensch auf der Erde gehen wiirden - 
denken Sie sich, Sie gehen, Sie merken nichts von sich, wenn Sie sich 
anschauen, aber wenn Sie weitergegangen sind einen Schritt, so steht 
ein Schneemannchen da von dem, was Sie da war en. Jetzt merken Sie 
wieder nichts, gehen weiter: dahinter steht wieder ein Schneemann- 
chen. Das geht immer weiter, Ihnen nach, und dazu sagen Sie Ich, zu 
all diesen Schneemannchen. Wenn Sie das ins Geistige nun umgesetzt 
denken, so haben Sie das Wesen der Saturnmenschen. Und mit diesen 
Wesenheiten, die also ganz in der Vergangenheit mit ihrem Sein leben, 
mit denen hat es der Mensch auch zwischen seinem Tode und einer 



neuen Geburt zu tun. Und es kann Menschen geben, die es insbesondere 
in der Ausarbeitung ihres Karma mit diesen Saturnwesen zu tun haben. 

Das Schicksal solcher Wesenheiten kann man nur auseinandersetzen, 
wenn man eben auf den Zeitraum in seinem Sein zuriickblickt, der zwi- 
schen dem sechsundfunfzigsten und dreiundsechzigsten Lebensjahre 
liegt. Ich mochte Ihnen auch da ein Beispiel geben, damit Sie sehen, wie 
die Dinge, die karmisch in einem Menschenleben auftreten, zuriick- 
weisen auf das, was im Obersinnlichen zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt auftritt. 

Ich habe Sie einmal vor nicht allzulanger Zeit auf dasjenige ver- 
wiesen, was in den bewundernswerten, aber auch schwer zuganglichen - 
weil sie einen zuriickstofien, wie ich dazumal gesagt habe - hybernischen 
Mysterien vorgegangen ist, wie groftartig das war, was die hybernischen 
Mysterien Irlands geboten haben. Ich setzte da auseinander, wie der 
Mensch hingefiihrt wurde, nachdem er alle Zweifel und Unsicherheit 
im Leben kennengelernt hatte, vor zwei Statuen. Die eine Statue be- 
stand aus einem Stoff, der ganz elastisch war, und man mufite diese 
Statue immerfort betupfen und beriihren. Das machte einen ungeheuer 
schauderhaften, schaudererregenden Eindruck, wenn man so Locher 
hineingebohrt hatte in die Statue: es war so, wie wenn man immerfort - 
was ja auch etwas Furchtbares ist fur einen zarten Menschen - in Le- 
bendes, ich kann nicht sagen in einen Leichnam, aber in lebendes Fleisch 
hineinschneiden mii£te. Das war das eine. 

Das andere war die Statue, die alles behielt, was man in sie ein- 
driickte, und die erst dann in der Zwischenzeit zwischen zwei Vor- 
fuhrungen des zu Initiierenden wiederum erganzt, ausgebessert wurde. 

Nun schildere ich Ihnen all das Grofiartige, was die Menschen, die 
initiiert wurden in Hybernias Mysterien, erlebten in bezug auf den 
Mikrokosmos, den Menschen selber, sowie in bezug auf die grofie Welt, 
den Makrokosmos. Das waren grofie, gewaltige Eindriicke, Eindriicke 
von unbeschreiblicher Grofie. 

Einer derjenigen, die mit einem besonderen inneren Eifer daran 
teilgenommen haben und der es bis zu einem hohen Grade der In- 
itiation in diesen hybernischen Mysterien gebracht hat, hatte dann - 
nach seinen fruheren Erdenleben, die wiederum die Bedingungen dazu 



abgegeben haben, dafi dieses Erdenleben, das er in den hybernischen 
Mysterien durchmachte, eben so verlief -, der hatte insbesondere durch 
die Saturnregion durchzugehen. Es waren ja Empfindungen von unbe- 
schreiblicher Grofie, ich habe Ihnen damals, als ich Ihnen diese Dinge 
schilderte, gezeigt, wie die hybernischen Mysterien einen Anteil hatten 
an dem geistigen Erschauen des Mysteriums von Golgatha, ohne dafi 
sie irgendwie in einer physisch-raumlichen Beziehung zu diesem My- 
sterium von Golgatha standen. Einer derjenigen, die alles das ganz 
besonders stark empfindungsgemafi durchgemacht haben, wurde dann 
wiedergeboren in unsere Zivilisation herein. 

Nun denken Sie sich, was dieser Mensch da gemacht hat, indem sein 
letztes Karma verarbeitet wurde in der Saturnregion. Alles hat sich 
ihm in das Licht der Vergangenheit gestellt. Er erblickte dasjenige, was er 
in den hybernischen Mysterien durchgemacht hatte, in dem Lichte, das 
ihm aufglanzen konnte, indem die Saturnwesen ein Licht uber all das 
warfen, was weit zuriickgeht, was grandiose Bilder der vorirdischen 
Zeiten, schon der Monden-, der Sonnenregionen in ihm erweckte. 

Als er dann wiedergeboren wurde, verwandelte sich fur ihn das, was 
so die Nuance, das Kolorit des Vergangenen vor der Erdeninkarna- 
tion hatte, in machtige, in die Zukunft hineinleuchtende, idealistische, 
aber visionar-idealistische Bilder, die dann in hochster Romantik zum 
Vorschein kamen. 

Kurz, diese in die hybernischen Mysterien einmal eingeweihte In- 
dividualist ist als Victor Hugo in unsere Zeit - das heifk im weiteren 
Sinne in unsere Zeit - wieder hereingeboren worden. Das Victor Hugo- 
Leben zeigt in seiner Romantik, in der ganzen Art und Weise, wie es 
konfiguriert ist, die Ausarbeitung des Karma in der Saturnregion. 

Das sind kleine Beitrage zu der Entstehungsweise, zu der Bildungs- 
weise des Karma. Wie gesagt, man lernt sie am besten kennen, wenn 
man sie eben an Beispielen kennenlernt. Denn wie solches Karma wie 
das von Voltaire, Eliphas Levi, Victor Hugo ausgearbeitet wurde, das 
ist schon etwas, was am interessantesten und intensivsten hineinfiihrt 
in die Erkenntnis des Zusammenhanges der eigenen Wesenheit des Men- 
schen und der makrokosmischen geistigen Wesenheit bei der Ausarbei- 
tung des Karma zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 



DREI2EHNTER VORTRAG 



Dornach, 30. Mai 1924 

Die Betrachtung der karmischen Zusammenhange im Menschenleben 
erfordert in der Tat das vollige Verstandnis von gesetzmaftigen Ver- 
haltnissen in der Welt, die der heutige Mensch mehr oder weniger un- 
gewohnt ist. Denn es handelt sich ja darum, daft in die karmischen 
Zusammenhange, die von einem Erdenleben in das andere hiniibergrei- 
fen, Gesetzmaftigkeiten hineinwirken, die geistiger Art sind, geistiger 
Art so, daft man sie schon verkennt, wenn man nur im geringsten Grade 
daran denkt, daft es sich urn eine Verursachung handelt, die in irgend- 
einer Beziehung ahnlich sei derjenigen, die wir sonst in der Welt fin- 
den, wenn wir von Ursache und Wirkung sprechen. 

Man muft eigentlich zunachst ganz genau einsehen, was im Inneren 
des Menschen vor sich geht hinter dem gewohnlichen Bewufttsein, 
wenn man ein Verstandnis fur dasjenige gewinnen will, was karmi- 
sche Zusammenhange sind. Und ein Verstandnis fur das, was*hinter 
dem gewohnlichen Bewufttsein liegt, kann eigentlich nur die Betrach- 
tung des menschlichen Wesens geben, wie es sich der iibersinnlichen 
Erkenntnis, der Initiationserkenntnis darbietet. 

Gehen wir deshalb, namentlich um gewisse Dinge weiterzufiihren, 
die in den letzten Vortragen hier angedeutet worden sind und die dann 
in ihrer weiteren Ausfiihrung zum vollstandigen Verstandnis des Kar- 
ma fiihren werden, heute einmal darauf ein, wie der Mensch, wenn er 
aufsteigt zur imaginativen, zur inspirierten, zur intmtiven Erkenntnis, 
immer mehr und mehr die Moglichkeit gewinnt, einzusehen, wie er 
selbst als Mensch eigentlich im gesamten Kosmos drinnensteht. 

Es ist ja ofter, sogar in of fentlichen Vortragen, hervorgehoben wor- 
den, daft durch diese imaginative Erkenntnis ein Lebenstableau fur das 
gegenwartige Erdenleben sich vor dem Menschen ausbreitet, daft der 
Mensch sein Leben in gewaltigen Bildern iiberschaut, daft er dabei gerade 
dasjenige iiberschaut, was die gewohnlicheErinnerung nicht geben kann. 

Man kann sagen: Bei dieser Oberschau, die ja aus dem Streben nach 
imaginativer Erkenntnis hervorgeht, ist der Mensch zunachst ganz in 



seinem physischen und atherischen Leibe drinnen. Er macht sich durch 
die entsprechenden Obungen nur ganz unabhangig von alldem, was aus 
dem physischen Leibe heraus Eindriicke vermittelt. Der Mensch wird 
also durch die imaginative Erkenntnis unabhangig von seinen Sin- 
neseindrucken, unabhangig von seiner Verstandeserkenntnis. Er lebt 
im Erkennen nur im atherischen Leibe. Dadurch hat er dieses Erinne- 
rungstableau. 

Also wir konnen sagen: Der Mensch lebt im Obersinnlichen, aber 
er lebt im Ubersinnlichen so, daft er sich innerlich losgetrennt hat von 
seinem physischen Leibe. Sehen Sie, diese imaginative Erkenntnis ware 
eigentlich gar nicht so schwierig zu erringen, wie es bei den meisten 
Menschen tatsachlich der Fall ist, wenn mehr Neigung dazu vorhan- 
den ware, den innerlichen Zusammenhalt des ganzen seelischen Le- 
bens mit dem physischen Leibe zu durchbrechen. 

Natiirlich, man kann verhaltnismafiig leicht dasjenige durchbre- 
chen, was an die unmittelbare sinnliche Auffassung gekniipft ist. Aber 
denken Sie sich nur, dafS der Mensch ja mit seinem physischen Leibe 
auch durch die Seelenverfassung zusammenhangt, die er sich im Erden- 
leben aneignet. Wir sind ja, wenn wir in Lebensstimmungen sind fur 
den physischen Plan, abhangig auch von dem physischen Leibe. Le- 
bensstimmungen sind durchaus auch durch den physischen Leib be- 
dingt. "Wenn der Mensch dies oder jenes seinem Konnen, seinen Talen- 
ten, seiner sonstigen inneren Seelenverfassung zuschreibt, so hangt das 
alles mit seinem Erleben im physischen Leibe zusammen. Von alldem 
mufi man, will man wirkliche imaginative Erkenntnis erlangen, frei 
werden. Wenn man nur eine Minute lang wirklich frei wird, so weifi 
man schon, was imaginative Erkenntnis ist, und dann eroffnet sich 
schon allmahlich das Lebenstableau. 

Nun miissen Sie diesen Unterschied ins Auge fassen zwischen «mit 
dem physischen Leibe verbunden sein und dadurch drinnen sein im 
physischen Leibe», und « nicht mit dem physischen Leibe verbunden 
sein und doch drinnenstecken im physischen Leibe. » Das ist ein Unter- 
schied, und das macht gerade die imaginative Erkenntnis aus: drinnen 
steckenbleiben im physischen Leibe, gar nicht herausgehen, aber den- 
noch unabhangig werden von ihm. 



Wenn Sie selber mit Ihrem seelisch-geistigen Leben im physischen 
Leibe bleiben, dann ist das so, dafi Sie ihn ausfiillen, auch wenn Sie 
nicht mit ihm verbunden sind. Sie fullen ihn aus. Ich mochte schema- 
tisch dieses so zeichnen. 

Nehmen wir die gewohnliche tagliche Lebensverfassung des Men- 
schen an. Nehmen wir an, das sei der physischen Leib (siehe Zeichnung a, 
aulSen, hell), das sei der atherische Leib (lila) und das sei das Geistig- 
Seelische (gelb). Nun ist das in der folgenden Weise: Der Mensch hangt 
iiberall mit Muskeln, Knochen, Nerven von seinem atherischen Leibe 
aus mit dem physischen Leibe zusammen. Diese Zusammenhange sind 
uberall da von dem atherischen Leibe zu dem physischen Leibe. Den- 
ken Sie sich also, damit wir einen Vergleich haben: Sie haben ein po- 
roses Tongefafi und schiitten eine Fliissigkeit hinein, die Fliissigkeit 
fiillt die Poren dieses porosen Tongefafies aus. Es ist also die Fliissig- 
keit ausgelaufen in das porose Tongefafi. 

Nun kann es aber auch so sein, dafi Sie nicht ein poroses Tongef afi 
haben, sondern ein solches, welches gar nichts von der Fliissigkeit in 
sich aufnimmt; dann wird die Fliissigkeit nur eben darinnen sein in dem 
Tongefafi, gar keine Verbindung mit dem Inneren der Wande des 
Tongefafies selber haben. So ist der Mensch in der imaginativen Er- 
kenntnis in seinem Leibe drinnen, aber der Atherleib geht nicht in die 
Muskeln, in die Knochen und so weiter hinein. So dalS ich das dann so 
zeichnen kann; Physischer Leib (siehe Zeichnung b); der Atherleib 
bleibt aber jetzt fur sich, und da drinnen ist das Geistig-Seelische des 
Menschen. Es ist nur im Inneren des Menschen der Atherleib heraus- 
gehoben. Die Folge dieses Heraushebens mufi natiirlich zur Wahr- 
nehmung gelangen, wenn man wiederum in den alten Zustand zuriick- 
kommt. Daher ist es nur natiirlich, dafi der Mensch, wenn er wirklich 
sich bemuht herauszukommen aus seinem physischen Leibe und den- 
noch drinnenbleibt, wie es bei der imaginativen Erkenntnis der Fall 
ist, dafi er sich nicht nur ermiidet, sondern schwer fuhlt, dafi er seinen 
physischen Leib dann stark fuhlt, weil er ja wiederum hineinkriechen 

Das ist so fur das imaginative Erkennen, nicht aber fur das inspi- 
rierte Erkennen. Das inspirierte Erkennen, das bei leerem Bewufk- 



sein, wie ich. Ihnen auseinandergesetzt habe, eintritt, dieses inspirierte 
Erkennen bewirkt, daft der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen 
aufierhalb seines physischen Leibes ist. Das ist also (Zeichnung c) das 
Geistig-Seeelische aufierhalb des physischen und des Atherleibes. 




Die aulSere Konfiguration mufi also sein wie im Schlaf . Der Mensch 
raufi mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leib ganz aufier- 
halb des Atherleibes sein konnen. Dann erst tritt die inspirierte Er- 
kenntnis ein. 

Wenn aber jetzt der Mensch wiederum zuriickkehrt in seinen phy- 
sischen und Atherleib, dann merkt er, dafi in diesem physischen und 
Atherleib etwas darinnen ist, dafi dieser physische und Atherleib gar 
nicht so sind, wie man sie sonst erfafit, sondern daft da etwas darinnen 
ist. Das ist sehr wichtig. Und es ist deshalb sehr wichtig, weil eigent- 
lich dadurch, dafi man das weift, der ganze Vorgang der Initiation be- 
zeichnet wird. 

Man gelangt ja zunachst dazu, eine gewisse Schwierigkeit zu haben, 
nach der Inspiration wiederum in den physischen Leib zuriickzukom- 
men, weil man eigentlich das Gefuhl hat, man taucht in etwas ganz an- 
deres unter als das, in dem man gewohnlich als in seinem physischen 
und in seinem Atherleib drinnensteckt. 

Nun erinnern Sie sich, dafi ich Ihnen gestern gesagt habe: Wenn 
man zuriickblickt und das Erinnerungstableau hat, und dieses Erinne- 



rungstableau dann durch die inspirierte Erkenntnis ausloscht, wenn 
man also in der inspirierten Erkenntnis ist, dann nimmt man eben in 
der inspirierten Erkenntnis wahr, was da drinnen ist im physischen 
Leibe. Man nimmt namlich wahr, wenn man ausloscht das Erinnerungs- 
tableau fur die Zeit von der Geburt bis zum siebenten Jahre, bis zum 
Zahnwechsel: In diesem physischen Leibe war eine Engelwesenheit 
drinnen. Man nimmt eine dritte Hierarchie in einem Wesen wirklich 
wahr. So daft der Tatbestand dieser ist: Man gelangt aus seinem phy- 
sischen Leib heraus, kommt wiederum in diesen physischen Leib als in 
sein menschliches Haus zuriick, und siehe da, man trifft seinen Engel 
drinnen, wenn man auf die Zeit von der Geburt bis zum siebenten Le- 
bensjahre zuriickblickt. 

Sehen Sie, solche Tatsachen wurden schon einmal in der Mensch- 
heitsentwickelung gewuftt, und zwar zu verschiedenen Zeiten in ver- 
schiedener Weise gewuftt im alten instinktiven Hellsehen, und mit sol- 
chen Tatsachen rechnete man bei gewissen Veranstaltungen des mensch- 
lichen Lebens. 

Man hatte ja in alten Zeiten durchaus das Bewufitsein, daft man die 
Namengebung einrichtet nach geistigen Tatsachen. Heute ist es den 
Leuten in der Regel gleichgiiltig, was ihre Kinder fur Namen bekom- 
men. Fur manchen ist ja nur ein Gesichtspunkt der, daft die Sache 
schon klingt und dergleichen. Manchmal ist sogar eine gewisse Ko- 
ketterie bei der Namengebung da. Es gefallt den Leuten der Name. Es 
gab alte Zeiten, in denen die Namengebung zusammenhing mit einer 
Beziehung, die man sich dachte, mit einer Beziehung des Kindes zur 
geistigen Welt. Nehmen Sie zum Beispiel ein Zeitalter an, in dem man 
eine prophetische Wesenheit mit Namen Elisa verehrt hat: da hat man 
gewisse weiblkhe Kinder genannt Elisabeth, das heiftt das Haus des 
Elisa. Und so ist ausgedriickt gewesen, daft man dieses Kind in die Welt 
hereingesetzt hat unter der Voraussetzung, daft man sich dadurch die 
Gnade des betreffenden Propheten sichern wollte. Und so sind die 
Namen gegeben worden in dieser Absicht. 

Warum? Weil man gewuftt hat, daft der Mensch, wenn er aufter 
seinem Leibe ist und wieder in seinen Leib zunickkehrt, daft er dann 
eigentlich wird zum Trager, daft er sich sieht als den Trager geistiger 



Wesenheiten. Und der ganzen Vorstellung, dafi insbesondere Kinder 
von ihrem Engel geschutzt werden, der liegt zugrunde, daft man bei der 
Initiation, wenn man auf diese Zeit von der Geburt bis zum siebenten 
Jahre zuruckblickt, das erlebt, was ich gestern dadurch charakterisiert 
habe, daft ich sagte: Wenn man im Erinnerungstableau diese Zeit aus- 
loscht, so scheint die Hierarchie der Angeloi durch, beziehungsweise die 
Mondenverrichtungen. - Ich sagte gestern schon: Das ist etwas ver- 
schoben, aber auf das alles werden wir zu sprechen kommen. - Also man 
sieht das zugleich dann als etwas, das im Menschen drinnensteckt. 

Und wiederum, wenn man zum Beispiel auf dasjenige zuruckblickt, 
was vom siebenten bis vierzehnten Jahre liegt, und dann zuriickkehrt 
in seinen Leib, so findet man eine Erzengelwesenheit. Diese Erzengel- 
wesenheit ist naturlich auch von der Geburt bis zum siebenten Jahre 
darinnen. Man findet sie nur nicht, wenn man nur auf diesen Zeit- 
raum zuruckblickt von der Geburt bis zum siebenten Lebens jahre. Und 
so ist es, daft man bei dieser Riickkehr von aufterhalb des Leibes in den 
Leib hinein gewahr wird: Da drinnen sind ja alle Wesenheiten der 
hoheren Hierarchien. Nur kann man zu dieser Art von Selbsterkennt- 
nis, daft der Leib der Trager der Wesenheiten der hoheren Hierarchien 
ist, gar nicht anders kommen als dadurch, daft man erst drauften ist 
und wiederum in den Leib zuriickkehrt. 

Das kann aber wieder nur im Zusammenhange mit einer anderen 
Tatsache verstanden werden. Sehen Sie, in der Welt sind viele Sterne, 
und ich habe Ihnen gesagt, diese Sterne sind nur die aufteren Zeichen 
fur Gotterkolonien. Kolonien geistiger Wesenheiten sind in Wirklich- 
keit da, wo das aufiere Zeichen des Sternes funkelt. Aber Sie durfen 
sich nicht vorstellen, daft diese Gotter mit ihrem Bewufttsein nur, sa- 
gen wir zum Beispiel, in der Venus oder in der Sonne oder im Merkur 
oder im Sirius und so weiter sind, sondern hauptsachlich sind sie dort. 
Dort sozusagen haben sie den Schwerpunkt ihres Wesens. Aber alle 
geistigen Wesenheiten des Kosmos, die irgend etwas zu tun haben mit 
der Erde, die konnen gar nicht so im Weltenall existieren, daft man sa- 
gen kann, sie bewohnen nur Mars oder Venus. So paradox es Ihnen 
klingen wird, mufi ich doch sagen: Die Gotterwesenheiten, die zur 
Erde gehoren, und die Mars-, Venus-, Jupiter- und so weiter -bewohner 



sind, auch die Sonnenbewohner, waren blind, wenn Sie nur die Sonne 
oder den Mars oder den Jupiter bewohnen wiirden. Sie waren so blind, 
wie wir blind sind, wenn wir kein Auge haben. Sie waren da, wiirden 
wirken, wie wir gehen konnen und greifen konnen, wenn wir kein 
Auge haben, aber sie wiirden nicht sehen - natiirlich auf Gotterart ist 
das gemeint -, sie wiirden nicht wahrnehmen durch ein gewisses Wahr- 
nehmungsvermogen, was im Kosmos vorgeht. Daraus aber miissen Sie 
sich die Frage aufwerfen, meine lieben Freunde: Wo ist das Auge, das 
Wahrnehmungsvermogen der Gotter? Wo ist das? - Und sehen Sie, 
dieses Wahrnehmungsvermogen der Gotter ist neben dem, was er noch 
sonst ist, der Mond, der unser Nachbar im Kosmos ist. Alle gottlichen 
Wesenheiten von Sonne, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn haben im 
Monde ihr Auge. Sie sind zugleich im Monde. 

Und nun bedenken Sie, was alles mit den Dingen, die hier zum 
Beispiel betrachtet worden sind, eigentlich gesagt ist. Nehmen Sie nur 
die eine Tatsache. Vom Monde wurde gesagt, dajS er einmal ein Teil 
der Erde war und erst im Verlaufe der Zeit aus der Erde herausge- 
gangen ist. Damals also war das Auge der Gotter mit der Erde ver- 
bunden, die Gotter beschauten von der Erde aus das Weltenall. Daher 
konnten damals auch die groiSen Urlehrer die Weisheit, die sie der 
Menschheit gebracht haben, dieser Menschheit geben. Denn indem sie 
auf der Erde lebten, schauten sie mit dem Auge der Gotter in den Kos- 
mos hinaus, weil der Mond in der Erde war. Und als der Mond weg- 
ging, konnten sie eine Zeitlang noch die Erinnerung haben, konnten 
aus der Erinnerung heraus sehen, was mit dem Auge der Menschheit 
angeschaut da war, konnten die Gotter belehren, mufken aber dann 
ihren Weg zum Monde machen und selber eine Kolonie begriinden, 
wo jetzt eben die Urlehrer sind, damit sie mit dem Auge der Gotter 
schauen konnen. 

Bedenken Sie ein anderes: Jahve regierte das jiidische Herz, die 
jiidische Seele vom Monde aus, und diejenigen der grofien Urlehrer der 
Menschheit, die noch teilnahmen an dem Jahve-Kultus und der Jahve- 
Lehre, die hatten sich verbunden gerade mit Jahve im Monde, um mit 
seinem Auge in den Kosmos hinauszuschauen. Der Mond wird sich 
wieder einmal vereinigen mit der Erde. Dann wird der Mensch wie- 



derum auf der Erde die Moglichkeit haben, mit dem Auge der Gotter 
in den Kosmos hinauszuschauen. Dann wird er ein naturgemaftes Hin- 
ausschauen in den Kosmos haben. Das alles, sehen Sie, sind Tatsachen, 
welche den Menschen erst die wahre Natur des Weltenalls lehren 
konnen. Denn erst wenn man die Welt so anschaut, schaut man zum 
Monde in der richtigen Weise hin. 

Und jetzt bekommen wir auch den Grund, warum auf Erden gerade 
die Freiheit sich entwickeln kann. Solange der Mond mit der Erde ver- 
bunden war, und solange die alten Urlehrer aus ihrer Erinnerung her- 
aus die Menschen lehrten, und solange man dann in den Mysterien noch 
das von den alten Urlehrern Gelehrte aufbewahrte, was ja bis ins 14. 
nachchristliche Jahrhundert hinein dauerte, so lange war alle Weisheit 
das mit den Augen der Gotter Geschaute. Erst seit dem Zeitenraum, 
den ich Ihnen angegeben habe, 1413, ist die Erde ganz in die Unmog- 
lichkeit versetzt, mit den Augen der Gotter zu schauen. Da beginnt 
also mit der Entwickelung der Bewufitseinsseele die Moglichkeit, die 
Freiheit fur die Menschen zu entwickeln. 

Aber eigentlich ist der Mensch ja auf der Erde nur in bezug auf 
seine sinnliche Wahrnehmung und in bezug auf alles das, was Ver- 
standeserkenntnis ist, denn das hangt mit dem sinnlich-physischen Leib 
zusammen. - In Wahrheit ist die Sache so: Wenn wir uns den Men- 
schen vorstellen (Zeichnung Seite 228), so ist er nur in bezug auf seine 
Sinne und auf seine Verstandeserkenntnis herausragend iiber die Hier- 
archien, die iiber ihm wohnen- ich mtiike also das Rote iiber den Warme- 
sinn und alles fiihren (rot) -, wahrend er mit Bezug auf alles, was hinter 
seinem Verstande liegt, ausgefullt ist mit der dritten Hierarchie (hell- 
griin). Mit Bezug auf alles, was hinter seinem Fiihlen liegt, ist er aus- 
gefiillt mit der zweiten Hierarchie (Brust, orange), fur alles das, was 
hinter seinem Wollen ist, mit der ersten Hierarchie (Rumpf, gelb). 

Wir sind also eigentlich in den Hierarchien drinnen und ragen nur 
mit unseren Sinnesorganen und mit unserem Verstande aus der Welt 
der Hierarchien heraus. Wir sind wirklich so als Menschen, wie wenn 
wir schwimmen wiirden und nur ein wenig oben mit dem Kopf her- 
ausragen wiirden. So ragen wir mit unseren Sinnen und mit unserem 
Verstande aus dem Meere der Hierarchienwirkungen heraus. 



Das findet man alles, wenn man wieder aus dem aufierleiblichen 
Wahmehmungszustand in den Leib zuriickkehrt. Da findet man, wie 
der Mensch das Haus der Gotter ist. 

Daraus geht Ihnen aber ein weiteres hervor, meine lieben Freunde: 
Wenn die Gotter kosmisch schauen wollen, dann schauen sie durch 
den Mond. Wenn die Gotter heute noch von der Erde aus, was einen 
ganz anderen Aspekt gibt, den Kosmos betrachten wollen, dann mus- 
sen sie aus dem Menschen heraus schauen. Und das Menschengeschlecht 
ist das andere Auge der Gotter. 



Auf naturgemafiee Weise konnte der Mensch in uralten Zeiten mit 
dem Auge der Gotter schauen, weil der Mond mit der Erde vereinigt 
war. Er wird es wieder konnen, wenn der Mond sich wieder mit der 
Erde vereinigen wird. Durch die Initiation, dadurch, dafi der Mensch 
gewahr wird beim Zuriickgehen in den Leib, dafi das ja Gotter sind, 
und er diese Bekanntschaft mit den Gottern macht, lernt er durch des 
Menschen Auge die Welt betrachten. So dafi die Initiation dasselbe 
gibt, was eben friiher die Beniitzung des Mondenauges den Gottern 
gegeben hat. 

Alles das, was wir nun mit dem gewohnlichen Bewufitsein tun, die 
Absichten, die wir mit dem gewohnlichen Bewufksein realisieren, sind 
von uns abhangig; aber unser Karma wird von den Hierarchien, die in 
uns sind, geformt und gebildet. Da haben Sie also die eigentlichen Ge- 
stalter einer ganz anderen Weltenordnung, einer Weltenordnung, die 
vom Moralisch-Seelischen ausgeht. Das ist die andere Seite des Men- 
schen, die Hierarchienseite. 

Solange man bei der imaginativen Erkenntnis bleibt und zuriick- 
schaut auf das eigene Erdenleben, so lange ist man vollig uberzeugt 
davon, dafi man als Mensch eine Einheit ist; man ist auch vollig uber- 
zeugt davon, dafi gewisse Handlungen im Leben frei sind, weil man 
sie aus der Einheit der Menschennatur heraus vollbringt. Man merkt 
auch noch nicht viel von seinem Karma bei der bloflen imaginativen 
Erkenntnis. Tritt die inspirierte Erkenntnis ein und kehrt man wieder- 
derum zuriick in den Leib, dann fiihlt man sich aufgeteilt in eine Welt 
von unzahligen Hierarchien. Man gelangt in seinen Leib zuriick und 
weifi zunachst nicht, wer man ist. Ist man der Engel, ist man dieses 
Wesen aus der Hierarchie der Dynamis, Exusiai und so weiter? Man ist 
aufgeteilt in eine Welt von Wesenheiten. Man ist betaubt von der Viel- 
heit seines Wesens, denn man ist mit diesen Wesen alien eins. 

Da mufi dann durch die entsprechenden Obungen der Mensch so 
stark werden, dafi er demgegeniiber seine Einheit geltend machen kann. 
Aber dann sieht man auch - es ist dieses ja die Nachwirkung des Lebens 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wie das Karma geformt 
wird durch das Zusammenwirken so vieler Wesenheiten, die in einem 
drinnen sind. Da wirken ja unzahlige Wesen mit bei dem, was das 



Karma formt; unzahlige Gotterwesen wirken da mit. So da& man wirk- 
lich sagen kann: Die Menschenwesenheit bringt nur in bezug auf die 
Verstandestatigkeit und die Sinnentatigkeit ein Erdenleben zu. In be- 
zug auf die Gefiihls- und Willenstatigkeit lebt ja der Mensch das Got- 
terleben mit. Ja sogar in bezug auf eine weiter zuriickliegende verbor- 
gene Gedankentatigkeit lebt der Mensch das Gotterleben mit: In be- 
zug auf eine verborgene Gedankentatigkeit das Leben der Angeloi, 
Archangeloi, Archai; in bezug auf das Verborgene im Gefiihlsleben das 
Leben der Exusiai, Dynamis, Kyriotetes; in bezug auf den Willen lebt 
der Mensch mit das Leben der Cherubim, Seraphim, Throne. Dieses, 
was man menschliches Schicksal nennt, ist daher eine Gotterangelegen- 
heit und mufi als Gotterangelegenheit auch behandelt werden. 

Was heiftt denn aber das fur das Erdenleben? Der Mensch ist eigent- 
lich, wenn er sich nicht dazu bequemt, eine gewisse Gelassenheit zu 
entwickeln gerade in bezug auf sein Schicksal, wenn er mit seinem 
Schicksal grollt, wenn er, von sich aus naturlich, mit seinem Schicksal 
unzufrieden ist, wenn er in das Schicksal durch subjektive Entschlusse 
hineinpfuscht, da ist der Mensch eigentlich so, wie wenn er fortwah- 
rend die Gotter storen wiirde bei der Bildung seines Schicksals. Man 
kann eigentlich nur in seinem Schicksal leben, wenn man mit Gelas- 
senheit das Leben hinnehmen kann. Und empfinden, wie das Schick- 
sal wirkt, das gehort eben zu den Dingen, die mit starken Prufungen 
der Menschennatur verknupft sind. Und kann der Mensch wirklich 
dazu gelangen, es mit seinem Schicksal ernst zu nehmen, dann wird er 
gerade aus dem Erleben seines Schicksals die grofiten Antriebe erfahren 
konnen, die starksten Impulse aufnehmen konnen, um mit der gei- 
stigen Welt zu leben. Und dann wird der Mensch zunachst eine Emp- 
findung bekommen, aus dem Leben heraus eine Empfindung bekom- 
men, wie Schicksalszusammenhange sind. 

Den neuzeitlichen, modernen Menschen ist ja diese Feinheit, Zart- 
heit der Empfindung vielfach verlorengegangen. Sie empfinden grob. 
Aber nehmen Sie einmal an, der Mensch lalk sich in einer zarteren 
Empfindung darauf ein, innerlich sein Verhaltnis zu uberschauen, das 
er zu einem Menschen gehabt hat, der in der Jugend ihm Vorbild, 
Lehrer oder irgend etwas war. Es ist ja nicht ausschliefilich so, dafi 



die Menschen auf solche, die ihre Lehrer waren, nur so zuruckblicken 
miissen, dafi sie sie eigentlich verachten, sondern es gibt ja auch durch- 
aus die Moglichkeit und die Falle, wo die Menschen mit einer gewissen 
inneren Befriedigung zuruckblicken auf solche, die ihre Erzieher, ihre 
Vorbilder waren. Da kann sich dann dieses Zuruckblicken im intimen 
inneren Erleben in einer gewissen Weise vertiefen. Man kann finden, 
wie man zum Beispiel zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre 
empfand: Das, was diese verehrte Lehrerautoritat machte, das musse 
man auch machen, man konne gar nicht anders, als das auch machen. 
Oder man fiihlt, wenn diese verehrte Lehrerindividualitat etwas lehrt, 
etwas sagt, als ob man das schon gehort hatte, als ob das nur Wieder- 
holung ware. Das gehort sogar zu den schonsten Errungenschaften des 
Lebens, wenn man auf so etwas hinsehen kann wie auf eine Wieder- 
holung. Und dann kommt man darauf: Da mufi ja etwas zugrunde 
liegen. Und da kann man schon mit dem gesunden Menschenverstand 
sagen: In diesem Leben kann natiirlich da nichts zugrunde liegen. Da 
wird man durch den gesunden Menschenverstand auf friihere Erden- 
leben verwiesen. So werden auch viele Menschen durch ihren gesunden 
Menschenverstand auf friihere Erdenleben verwiesen. 

Nun, was liegt vor, wenn man in dieser Weise auf einen Lehrer oder 
auf einen Erzieher zuruckblicken kann? Da liegt das vor, meine lieben 
Freunde: Der Mensch hat in diesem Leben diesen Erzieher durch das 
Schicksal erhalten. Es ist ja nun einmal ein Karma, einen Lehrer durch 
ein Schicksal zu erhalten. Das weist zuriick auf friiheres Erdenleben. 

In der Regel - das zeigt nun die okkulte Beobachtung - ist es nicht 
so, dafi in diesem friiheren Erdenleben der Lehrer bereits Lehrer war 
des Betreffenden, sondern er stand zu ihm in einem ganz anderen Ver- 
haltnisse. Man nimmt die Gedanken auf, wenn man einem Lehrer oder 
einem Erzieher gegenubersteht - wenn auch im Bilde -, man nimmt in 
der richtigen Padagogik gerade die Gedanken, die Vorstellungen auf. 
Wenn das der Fall ist, so fiihrt das in der Regel zuriick auf ein friiheres 
Erdenverhaltnis, wo man nicht Gedanken, sondern Gefuhle aufgenom- 
men hat von der betreffenden Personlichkeit, wo man weniger Gele- 
genheit hatte, Gedanken aufzunehmen, als vielmehr Gefuhle aufzu- 
nehmen von der betreffenden Personlichkeit, die in der mannigfaltig- 



sten Weise durch das Leben vermittelt sein konnen. Wir konnen das- 
selbe auch fin* das jetzige und ein folgendes Erdenleben charakteri- 
sieren. 

Nehmen wir einmal an, jemand hat in diesem Erdenleben Gele- 
genheit, viel innere herzliche Sympathie zu haben fiir diesen oder jenen 
Menschen, mit dem er heute nicht sonderlich in ein Lebensverhaltnis 
kommt, dem er nur begegnet, aber der ihm ungeheuer sympathiser! 
ist. Es kann dann so sein, dafi diese Sympathien, die da entwickelt wer- 
den in dem jetzigen Erdenleben, dazu fiihren, daft der Betreffende, der 
diese Sympathien entwickelt, in einem folgenden Erdenleben den, fur 
den er die Sympathien entwickelt, zum Lehrer hat, zum Erzieher hat. 

Und was ist da objektiv dann geschehen? Wenn man zu jemandem 
Gefiihlssympathien entwickelt, dann hangt das ab von dem, was die 
Wesenheiten der zweiten Hierarchie, die Wesenheiten der Exusiai, 
Dynamis, Kyriotetes im Menschen und um den Menschen herum fiir 
ihn entfalten. 

Wenn dann im nachsten Leben der Einfluft nicht auf dem Um- 
weg der Gefiihle, sondern auf dem Umweg der Gedanken und Vor- 
stellungen geschieht, dann haben die Wesenheiten der zweiten Hier- 
archie dasjenige, was sie in einem vorhergehenden Leben getan haben, 
an die Wesenheiten der dritten Hierarchie, an Angeloi, Archangeloi, 
Archai abgegeben, und die wirken jetzt im Menschen darinnen. 

So dafi, denken Sie, das folgende vorliegt: Wenn unser Karma von 
einem Erdenleben zum anderen sich entwickelt, dann bedeutet das, 
daft Taten, wirkliche Taten ubergehen von einer Hierarchie auf die 
andere, daft im Kosmos, im geistigen Kosmos etwas ungeheuer Bedeu- 
tungsvolles geschieht. 

Wir blicken also gewissermafien, wenn wir auf das Schicksal des 
Menschen sehen, wie durch einen Schleier in ein weitausgebreitetes Welt- 
geschehen. Das kann schon, wenn wir uns das so recht zum Bewufksein 
bringen, im allerhochsten Grade einen sehr starken Eindruck auf den 
Menschen machen. Sie brauchen sich das wirklich nur recht gemiits- 
mafiig vorzustellen. 

Stellen Sie sich vor, Sie uberschauen das schicksalsmafiige Leben 
eines Menschen. Man sollte das schicksalsmafiige Leben eines Men- 



schen wahrhaftig nicht gleichgiiltig Uberschauen, denn indem man auf 
das Schicksal eines Menschen hinschaut, iiberschaut man eigentlich 
etwas, was an Taten sich von der obersten Hierarchie in die unterste, 
von der untersten wiederum zuriick in die oberste ergiefk. Auf ein 
Weben und Arbeiten und Leben in der Reihenfolge der Hierarchien 
schaut man, wenn man auf das Schicksal eines Menschen hinschaut. 
Man sollte im Grunde genommen das Schicksal eines Menschen mit 
einer ungeheuren inneren Pietat, mit tiefer innerer Ehrfurcht betrach- 
ten, weil man, indem man das Schicksal eines Menschen betrachtet, vor 
der ganzen Welt der Gotter steht. 

Das habe ich eigentlich etwas zur Empfindung bringen wollen, als 
ich meine Mysterien verfafke, wo Sie immer finden Bilder, die im 
Erdenleben vor sich gehen, und Bilder, die driiben in den geistigen 
Welten vor sich gehen. Und ich habe in meinen Mysterien auch an- 
schaulich gemacht, wie nicht nur schliefilich die oberen Hierarchien, 
sondern auch die Elementarwesen, und wie das Ahrimanische und Lu- 
ziferische in das Leben und Weben der Taten, die von oben nach unten, 
von unten nach oben erfliefien, sich hineinmischen, wenn das Schick- 
sal des Menschen sich erfiillt. 

Denken Sie an die Szenen, die sich abspielen fur Strader und Ca- 
pesius im Ubersinnlichen, wo sie als ganz andere Wesensformen auf- 
treten, aber dieselben sind. Das ist ja nur die andere Seite, die wirklich 
im Menschen ist, dasjenige, was in der Welt der Gotter, und nicht in 
der Welt der Erdenreiche, der Mineralien, der Tiere, der Pflanzen, der 
Berge, der Wolken und Baume und so weiter ist. Wie mit heiliger 
Scheu hinzuschauen auf die Schicksale der Menschen, das ist auch 
etwas, was wir uns aneignen miissen, was die Zeit sich aneignen mufi. 
Wenn man Biographien liest, die unsere heutigen materialistisch ge- 
sinnten Menschen schreiben, so ist es eigentlich f urchtbar, denn die wer- 
den ohne heilige Scheu vor dem Schicksal desjenigen geschrieben, fiir 
den man diese Biographie schreibt. Eigentlich sollten Biographen wis- 
sen, dafi, indem sie in ein Menschenleben auch nur schildernd hineingrei- 
fen, sie in einer unsichtbaren Weise in alle Hierarchien hineingreifen. 

Durch solche Erwagungen kommt man zu der Gefuhlsseite der An- 
throposophie, wird gewahr, wie alles, was als Anthroposophisches an 



uns herankommt, audi unser Gefiihl beruhren muft, wie wir nicht nur 
etwas lernen, sondern wie wir auch angeregt werden, iiber die Welt 
Gefuhle zu entwickeln, Gefuhle, die uns eigentlich erst richtig in das 
Menschenleben hereinstellen. Und ohne dafi wir auf solche Gefuhle 
gefuhrt werden, kannen wir eigentlich jene Gesetzmafiigkeit nicht 
durchschauen, die das Karma des Menschen durchzieht. 



Die kosmische Form des Karma 
und die individuelle Betrachtung 
karmischer Zusammenhange 



VIERZEHNTER VORTRAG 



Dornach,4. Juni 1924 

Wenn wir die Wirkungsweise des Karma betrachten, so miissen wir 
ins Auge fassen, wie das menschliche Ich, das ja die eigentliche Wesen- 
heit, die innerste Wesenheit des Menschen darstellt, gewissermafien 
drei Werkzeuge hat, durch die es sich darlebt in der Welt: den phy- 
sischen Leib, den atherischen Leib und den astralischen Leib. Der 
Mensch tragt eigentlich den physischen Leib, den atherischen Leib und 
den astralischen Leib an sich. Er ist keiner dieser Leiber, denn er ist im 
eigentlichen Sinne das Ich. Und das Ich ist es auch, welches Karma 
erleidet und Karma bildet. 

Nun handelt es sich aber darum, dafi man das Verhaltnis des Men- 
schen als des Ich-Wesens zu diesen drei, ich mochte sagen, werkzeug- 
lichen Gestaltungen, zu dem physischen, dem atherischen und dem 
Astralleib, in Betracht Ziehen kann, um gerade daraus Grundlagen fur 
das Wesen des Karma zu erlangen. Und man wird mit Bezug auf das 
Karma einen Gesichtspunkt fur die Betrachtung des Physischen, des 
Atherischen, des Astralischen im Menschen gewinnen, wenn man fol- 
gendes beriicksichtigt. 

Physisches, wie wir es sehen im mineralischen Reiche, Atherisches, 
wie wir es wirksam finden im pflanzlichen Reiche, Astralisches, wie 
wir es auch wirksam finden im tierischen Reiche, wir finden das alles 
im Umkreise des Menschen auf der Erde. Wir haben im Kosmos rings 
um die Erde, ich mochte sagen, jenes Weltenall, nach dem sich die 
Erde nach alien Seiten fortsetzt. Wir spiiren schon eine gewisse Ver- 
wandtschaft dessen, was auf der Erde vorgeht, mit dem, was in dem 
Umkreise des Kosmos vorgeht. Aber die Frage entsteht doch fur die 
Geisteswissenschaft: Ist diese Verwandtschaft, ich mochte sagen, so 
trivial, wie sie die heutige naturwissenschaf tliche Weltanschauung vor- 
stellt? 

Die heutige naturwissenschaftliche Weltanschauung untersucht, was 
auf der Erde lebt und auch nicht lebt, nach den physischen Eigenschaf- 
ten. Sie untersucht dann die Sterne, die Sonne, Mond und so weiter, 



und sie findet ja - und ist besonders stolz darauf, das gefunden zu ha- 
ben dafi eigentlich diese Weltenkorper im Grunde genommen das- 
selbe seien wie die Erde. 

Zu dieser Anschauung kommt man aber nur durch eine Erkennt- 
nis, die nirgends den Menschen selber erfaflt, die eigentlich nur das 
Auftermenschliche erfafit. In dem Augenblicke, wo man den Menschen 
als drinnenstehend im Weltenall wirklich erfafit, in dem Augenblicke 
kann man ja die Beziehungen finden zwischen den einzelnen mensch- 
lichen werkzeuglichen Gliedern, dem physischen Leib, dem atherischen 
Leib, dem Astr alleib, und den entsprechenden Entitaten, dem entspre- 
chenden Wesenhaften im Kosmos. 

Nun finden wir fiir den atherischen Leib des Menschen draufien 
im Kosmos iiberall den Weltenather. Gewift, der atherische Leib des 
Menschen hat eine bestimmte menschliche Gestaltung, er hat in sich 
gewisse Bewegungsformen und so weiter, die anders sind als beim 
Weltenather. Aber immerhin ist es durchaus so, dafi der Weltenather 
gleichartig mit dem ist, was im menschlichen atherischen Leib sich 
findet. Ebenso konnen wir von einer Ahnlichkeit desjenigen sprechen, 
was im menschlichen astralischen Leibe sich findet, und einem gewis- 
sen Astralischen, das draufien im Kosmos durch alle Dinge und alle 
Wesen hindurch wirkt. Dabei kommen wir nun auf etwas aufieror- 
dentlich Wichtiges, auf etwas, was in seiner Wesenheit dem heutigen 
Menschen eigentlich ganz fremd ist. 

Gehen wir von einer schematischen Vorstellung aus: Wir denken 
uns auf der Erde den Menschen mit seinem atherischen Leibe (siehe 
Zeichnung, Mitte), dann im Umkreise der Erde den Weltenather (gelb), 
der von einerlei Art ist mit dem menschlichen Ather. Nun haben wir 
auch im Menschen den astralischen Leib (dunkle Schraffierung inner- 
halb des Gelben). Im kosmischen Umkreis ist auch Astralitat, aber wo 
soli man sie finden? Wo ist sie? Sie ist schon zu finden, nur mufi man 
darauf kommen, was im Kosmos die Astralitat verrat, was sie offen- 
bart: Irgendwo, mufi man sagen, ist die Astralitat. Aber ist die Astra- 
litat im Kosmos ganz unsichtbar, ganz unwahrnehmbar, oder ist sie 
doch irgendwie wahrnehmbar? Naturlich, an sich ist auch der Ather 
fiir physische Sinne zunachst unwahrnehmbar. Wenn Sie, wenn ich 



mich so ausdriicken darf, ein kleines Stuck Xther anschauen, so sehen 
Sie mit den physischen Sinnen nichts, Sie sehen einfach durch; es ist 
der Ather wie nichts. Wenn Sie aber den gesamten Umkreis des Athers 
ins Auge fassen, so ist der Grund, warum Sie den blauen Himmel sehen, 
der eigentlich ja auch nicht da ist, der, dafi Sie da das Ende des Athers 
wahrnehmen. Sie nehmen also den Ather wahr als Blau des Himmels. 
Die Wahrnehmung der Blaue des Himmels ist richtig die Wahrneh- 
mung des Athers. So dafi wir schon sagen konnen: Indem wir die Blaue 
des Himmels wahrnehmen (siehe Zeichnung, blau), nehmen wir den 
Ather um uns herum wahr. 

Wir sehen zunachst durch den Ather durch. Das lafit er sich gefal- 
len zunachst, aber er macht sich doch selber wahrnehmbar in der Blaue 
des Himmels. Das Dasein der Blaue des Himmels wird daher fur die 
Wahrnehmung des Menschen in der richtigen Weise ausgedriickt, wenn 
man sagt: Der Ather ist zwar nicht wahrnehmbar, aber er erhebt sich zur 
Wahrnehmbarkeit wegen der grofien Majestat, mit der er sich im Wel- 
tenall hinstellt, indem er sich kundgibt, of fenbart in der Himmelsblaue. 

In der physischen Wissenschaft denkt man materialistisch iiber die 
Himmelsblaue nach. Nun ist es fur die physische Wissenschaft schwer, 



iiber die Himmelsblaue in verniinftiger Weise nachzudenken, einfach 
aus dem Grande, weil ja die physische Wissenschaft sich klar sein raufi: 
Dort ist nichts vom Physischen, wo die Blaue des Himmels ist. Aber 
immerhin, man renkt sich den Verstand aus, urn zu erklaren, wie Licht- 
strahlen auf eine besondere Weise gebrochen werden und reflektiert 
werden, um diese Blaue des Himmels hervorzurufen. Aber hier beginnt 
eben bereits das Waken des Ubersinnlichen. Und im Kosmos ist es so, 
dafi schon das Obersinnliche wahrnehmbar wird, nur mufi man aus- 
findig machen, wo es wahrnehmbar wird. 

Der Ather wird also durch die Himmelsblaue wahrnehmbar. Nun 
ist irgendwo das Astralische des Kosmos. Der Ather guckt durch die 
Himmelsblaue in die Sinnlichkeit herein. Wo guckt denn das Astralische 
des Kosmos in die Sichtbarkeit, in die Wahrnehmbarkeit herein? 

Sehen Sie, in Wirklichkeit ist jeder Stern, den wir am Himmel 
glanzen sehen, ein Einlafkor fur das Astralische, so daft iiberall, wo 
Sterne hereinglanzen, das Astralische hereinglanzt. Sehen Sie also den 
gestirnten Himmel in seiner Mannigfaltigkeit - da die Sterne in Grup- 
pen gehauft, dort mehr zerstreut, voneinandergestellt dann miissen 
Sie sich sagen: In dieser wunderbaren Leuchtekonfiguration macht sich 
der unsichtbare, der Obersinnliche Astralleib des Kosmos sichtbar. Da- 
her darf man auch nicht die Sternenwelt ungeistig ansehen. Hinauf- 
schauen in die Sternenwelt und von brennenden Gaswelten zu reden, 
das ist geradeso - verzeihen Sie den paradoxen Vergleich, aber er ist 
absolut bis aufs i-Tupfelchen stimmend -, wie wenn Sie aus Liebe je- 
mand streichelt und die Finger etwas auseinanderhalt beim Streicheln, 
und Sie sagen: Das, was Sie da spiiren im Streicheln, das sind kleine 
Bander, die Ihnen iiber die Backe gelegt werden. Ebensowenig wie Ih- 
nen kleine Bander iiber die Backe gelegt werden beim Streicheln, eben- 
sowenig sind da oben diejenigen Wesenhaftigkeiten, von denen die 
Physik spricht; sondern der Astralleib des Weltenalls, der iibt fort- 
wahrend seine Einfliisse, so wie das Streicheln auf Ihrer Backe, auf die 
Atherorganisation aus. 

Nur ist er auf sehr starke Dauer organisiert. Daher dauert das Hal ten 
eines Sternes, was immer ein Beeinflussen des Weltenathers von seiten 
der astralischen Welt ist, langer als das Streicheln. Das Streicheln 



wurde der Mensch nicht so lange aushalten, aber es ist eben so, dafi 
das im Weltenall langer dauert, weil im Weltenall gleich Riesenmafie 
auftreten. So dafi also in dem Sternenhimmel eine Seelenaufierung 
des Weltenastralischen zu sehen ist. 

Es ist damit zu gleicher Zeit ungeheures, und zwar sogar seelisches 
Leben, wirklich seelisches Leben, in den Kosmos hineingebracht. Den- 
ken Sie doch nur einmal, wie tot der Kosmos ist, wenn man da hin- 
ausschaut und nur brennende Gaskorper sieht, die leuchten! Denken 
Sie sich, wie lebendig das alles wird, wenn man weifi: Diese Sterne sind 
der Ausdruck der Liebe, mit der der astralische Kosmos auf den athe- 
rischen Kosmos wirkt! Das ist ein ganz richtiger Ausdruck. 

Aber nun denken Sie an die ratselhaften, nur durch physische Dinge, 
bei denen man ja eigentlich doch nichts begreift, erklarten Vorgange 
des Aufleuchtens gewisser Sterne zu bestimmten Zeiten. Sterne, die 
noch nicht da war en, sie leuchten auf, sie verschwinden wiederum. 
Also auch kurzes Streicheln ist im Weltenall vorhanden. In Epochen, 
in denen, ich mb'chte sagen, die Gotter hereinwirken wollen aus der 
astralischen Welt in die atherische Welt, da sieht man solche aufleuch- 
tenden und gleich wiederum sich abdampfenden Sterne. 

So haben wir in uns durch unseren astralischen Leib Wohlbefinden 
in der mannigfaltigsten Art; so haben wir im Kosmos durch den astra- 
lischen Leib die Konfiguration des Sternenhimmels. Kein Wunder da- 
her, dafi eine alte instinktiv hellsehende Wissenschaft dieses dritte 
menschliche Glied den astralischen Leib genannt hat, denn es ist von 
gleicher Art mit dem, was sich in den Sternen offenbart. Nur das Ich 
finden wir in diesem Umkreis nicht sich offenbarend. Warum? Nun, 
warum das so ist, das finden wir gerade heraus, wenn wir darauf hin- 
sehen, dafi dieses Ich des Menschen, so wie es sich auf der Erde - also 
in dem Kosmos, der eigentlich eine dreigliedrige Welt ist, eine phy- 
sische, eine atherische, eine astralische -, so wie es sich da aufiert, ja 
immer die Wiederhoiung fruherer Erdenleben ist. Und es ist immer 
wieder im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt drinnen. 

Da aber, wenn man es beobachtet, hat fur dieses Ich die atherische 
Welt, die wir im Umkreise der irdischen haben, keine Bedeutung; 
der atherische Leib wird ja bald nach dem Tode abgelegt. Nur die 



astralische Welt, die durch die Sterne hereinschaut, die hat fur das 
Ich in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt eine Bedeutung. 
Und in dieser Welt, die da hereinscheint durch die Sterne, in dieser 
Welt leben dann die Wesen der hoheren Hierarchien, mit denen der 
Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sein Karma formt. 

Aber wenn wir dieses Ich betrachten in seinem aufeinanderfolgen- 
den Sich-Entwickeln durch Leben zwischen Geburt und Tod und zwi- 
schen Tod und neuer Geburt, so konnen wir ja gar nicht im Raume 
bleiben. Zwei Erdenleben, die aufeinanderfolgen, konnen ja nicht in 
demselben Raume sein, also auch nicht in dem Weltenall, das auf 
Gleichzeitigkeit, auf Raumlichkeit angewiesen ist. Da kommen wir 
aus dem Raume heraus, kommen in die Zeit hinein. Und in der Tat, 
man kommt aus dem Raume heraus, man kommt in den reinen Zeiten- 
fluft, wenn man das Ich in den aufeinanderfolgenden Erdenleben be- 
trachtet. 

Nun denken Sie aber: Im Raume ist ja naturlich auch die Zeit vor- 
handen; aber man hat gar keine Mittel, um innerhalb des Raumes die 
Zeit als solche zu erleben. Man hat keine Mittel. Man mufi die Zeit 
immer durch den Raum und seine Vorgange erleben. Sie schauen, 
wenn Sie die Zeit erleben wollen, zum Beispiel die Uhr an, oder schauen 
meinetwillen auch den Sonnengang an, die Uhr ist ja nur ein irdisches 
Abbild des Sonnenganges. Aber was sehen Sie denn da? Sie sehen Zei- 
gerstellungen oder Sonnenorte: Raumliches. Dadurch, dafi sich die 
Orte der Zeiger oder der Sonne andern, also dadurch, das Raumliches 
in Veranderung vor Ihnen steht, haben Sie eine Ahnung von der Zeit. 
Aber da im Raum ist ja eigentlich nichts von der Zeit. Da sind nur 
verschiedene raumliche Anordnungen, verschiedene Zeigerstellungen, 
verschiedene Sonnenorte. Die Zeit erleben Sie erst im seelischen Erle- 
ben. Da aber erleben Sie die Zeit wirklich, und da kommen Sie auch 
aus dem Raum heraus. Da ist die Zeit eine Realitat. Die Zeit ist inner- 
halb der Erde gar keine Realitat. 

Was mufi man denn daher erleben, wenn man aus dem Raum, in 
dem man zwischen Geburt und Tod lebt, eintreten will in die Raum- 
losigkeit, in der man zwischen dem Tod und einer neuen Geburt lebt, 
was mull man erleben? Ja, meine lieben Freunde, man muE sterben! 



Und nehmen Sie nur in aller Scharfe, nehmen Sie in aller Tiefe dieses, 
dafi man auf der Erde die Zeit nur durch den Raum erlebt, durch 
Raumorte, durch Stellungen von raumlichen Dingen, dafi man die 
Zeit auf der Erde gar nicht in ihrer Wirklichkeit erlebt, dann werden 
Sie ja im Grunde ein anderes Wort finden fur etwas, was da ist, wenn 
Sie sagen: Um in die Zeit als Wirklichkeit hineinzukommen, mulS man 
aus dem Raume heraus, alles Raumliche wegschaffen - und das heifit: 
sterben! 

Nun haben wir den Blick hinzuwenden auf diese kosmische Welt, die 
uns im Umkreis des Irdischen umgibt, mit der wir ahnlich sind durch 
unseren Atherleib, mit der wir ahnlich sind durch unseren astralischen 
Leib, und wir schauen auf das Geistige dieser kosmischen Welt. Es hat 
Volker gegeben, Menschengruppen gegeben, die haben nur auf das 
Geistige dieser raumlich-kosmischen Welt hingeschaut. Da verging 
ihnen die Moglichkeit, Gedanken zu haben uber die wiederholten Er- 
denleben. Denn Gedanken iiber die wiederholten Erdenleben hatten 
nur diejenigen Menschen und Menschengruppen, welche die Zeit in 
ihrer Reinheit, in ihrer Raumlosigkeit vorstellen konnten. Und wenn 
wir dasjenige aussondern, was wir als irdische Welt und ihre Umge- 
bung, kurz, als unseren Kosmos, als unser Universum haben, und das 
Geistige davon erblicken, so haben wir ungefahr dasjenige, von dem 
wir sagen konnen: Es mull da sein, damit wir als irdische Menschen 
in unser Dasein hereintreten konnen. Es mufi da sein. 

Ja, in dieser Vorstellung: All das, was ich jetzt charakterisiert habe, 
mufi da sein, damit wir als Erdenmenschen in das irdische Dasein her- 
eintreten konnen -, liegt ungeheuer viel. Es liegt namentlich dann un- 
geheuer viel darinnen, wenn wir das Geistige von alldem, was so cha- 
rakterisiert ist, vorstellen. Und wenn wir dieses Geistige in dieser, 
ich mochte sagen, Abgeschlossenheit in sich, in dieser Reinheit in sich 
vorstellen, dann haben wir ungefahr das, was diejenigen Volker, die 
sich auf die Anschauung des Raumes beschrankt haben, Gott genannt 
haben. 

Diese Volker haben wenigstens in ihren Weisheitslehren empfun- 
den, dafi der Kosmos durchwallt und durchwebt ist von einem Gott- 
lichen, und dafi von diesem Gottlichen dasjenige unterschieden werden 



kann, was auf der Erde selber in unserer Umgebung in der physischen 
Welt ist. Dann kann das, was sich als das Atherische offenbart in die- 
sem Kosmischen, Gottlichen, Geistigen, das uns in der Blaue des Him- 
mels anblickt, unterschieden werden; es kann weiterhin das Astralische 
in diesem Gottlichen, das uns durch die Konfiguration des Sternen- 
himmels anblickt, unterschieden werden. 

Versetzen wir uns so recht in die Situation, dafi wir auf der Erde 
stehend als Menschen im Weltenall, uns sagen: Wir Menschen haben 
den physischen Leib - wo ist das Physische im Weltenall? Da komme 
ich zuriick auf das, was ich schon angedeutet habe. Die physische Wis- 
senschaft mochte im Weltenall alles dasjenige suchen, was auch auf 
Erden ist. Aber die eigentliche physische Organisation ist nicht im 
Weltenall. Der Mensch fangt an mit der physischen Organisation, 
hat dann die atherische, dann die astralische; das Weltenall fangt 
gleich mit der atherischen Organisation an. Da draufien ist nirgends 
das Physische. Das Physische ist nur auf der Erde, und es ist einfach 
Phantastik, vom Physischen im Weltenall zu sprechen. Im Weltenall 
ist das Atherische, und dann das Astralische. Was es als drittes noch 
hat, wird noch heute vor unsere Seelen hintreten. Aber die Dreiglie- 
derung des aufierirdischen Kosmos ist anders als die Dreigliederung des 
Kosmos, zu dem wir die Erde dazurechnen. 

Wenn wir uns aber mit einer solchen Empf indung hinstellen auf die 
Erde, wenn wir empf inden das Physische unseres unmittelbaren Erden- 
wohnortes, empfinden das Atherische, das auf der Erde ist und im 
Weltenall, und von der Erde und aus dem Weltenall zusammenwirkt 
als Atherisches, wenn wir schauen auf das Astralische, welches durch 
die Sterne auf die Erde herunterglanzt, am intensivsten aus dem Son- 
nenstern herunterglanzt, wenn wir auf all das hinschauen und uns die 
Majestat dieses Weltengedankens vor die Seele stellen, dann finden wir 
es wohl berechtigt, dafi in jenen Zeiten, in denen aus einem mehr in- 
stinktiven Hellsehen heraus nicht nur Abstraktionen gedacht worden 
sind, sondern die Majestat von Vorstellungen empfunden werden 
konnte, den Menschen begreiflich gemacht worden ist: Solch einen 
majestatischen Gedanken in seiner Fiille, man kann ihn nicht immer- 
fort denken; man mufi ihn einmal ins Auge fassen, in seiner ganzen 



ungeheuren Glorie auf die Seele einwirken lassen und dann ihn im 
Inneren des Menschen - ohne durch das Bewufitsein ihn zu verderben, 
zu korrumpieren - wirken lassen. Und wenn wir nachdenken, durch was 
das alte instinktive Hellsehen eine soiche Gesinnung wahrgemacht hat, 
so bleibt uns in der gegenwartigen Zeit von alldem, was da zusammen- 
geflossen ist, um diesen Gedanken wahrzumachen innerhalb der 
Menschheit, die Einsetzung des Weihnachtsfestes. 

Wenn der Mensch in der Weihnachtsnacht sich vorstellt, wie er auf 
Erden steht mit seinem physischen, mit seinem atherischen, mit seinem 
astralischen Leib, verwandt ist mit dem dreigliedrigen Kosmos, der ihm 
in seinem Atherischen in der Blaue des Himmels so majestatisch, aber 
auch so zauberisch-magisch in der Nacht erscheint, wie er gegeniiber- 
steht dem Astralischen des Weltenalls in den hereinglanzenden Ster- 
nen: dann empfindet er in dieser Heiligkeit des Umkreises im Zusam- 
menhange mit dem, was im Irdischen ist, wie er in die Raumlichkeit 
hereinversetzt ist mit seinem eigentlichen Ich-Wesen. Und dann darf er 
anschauen das Weihnachtsmysterium, das geborene Kind, den Mensch- 
heitsreprasentanten auf der Erde, der, insofern er seine Kindheit an- 
tritt, in diese Raumlichkeit hereingeboren wird. Und er sagt, wenn er 
den Weihnachtsgedanken in seiner Fiille und in dieser seiner Majestat 
im Anblicke des zu Weihnachten geborenen Kindes erblickt: Ex deo 
nascimur. - Aus dem Gottlichen bin ich geboren, dem Gottlichen, das 
den Raum durchwellt und durchwebt. 

Aber dann, wenn der Mensch dieses empfunden hat, sich inner- 
lich durchdrungen hat damit, dann kann er sich erinnern an dasjenige, 
was ihm als Wahrheit iiber den Sinn der Erde durch Anthroposophie 
aufgegangen ist. Dieses Kind, zu dem wir hinblicken, ist ja die aufiere 
Umhiillung desjenigen, was eben hineingeboren wird in den Raum. 
Und woraus wird es geboren, um hineingeboren zu werden in den 
Raum? Das kann nach unseren heutigen Ausfiihrungen nur die Zeit 
sein. Aus der Zeit heraus wird es geboren. 

Und wenn wir dann das Leben dieses Kindes verfolgen, seine Durch- 
geistigung mit der Christus-Wesenheit, dann kommen wir darauf : von 
der Sonne kommt dieses Wesen, dieses Christus- Wesen. Und wir blik- 
ken jetzt zur Sonne hinauf und sagen uns: Indem wir zur Sonne hin- 



aufblicken, miissen wir an dem Sonnenschein die fur das Raumliche 
verborgene Zeit erblicken. Im Inneren der Sonne ist die Zeit. Und aus 
dieser im Inneren der Sonne webenden Zeit heraus ist der Christus in 
den Raum hineingekommen auf die Erde. Und was haben wir nun in 
dem Christus auf der Erde? Wir haben in dem Christus auf der Erde 
dasjenige, was sich von aufierhalb des Raumes mit der Erde verbindet, 
was von aufierhalb kommt. 

Nun denken Sie einmal, wie sich uns die Vorstellung des Welten- 
alls gegeniiber der gewohnlichen Vorstellung verwandelt, wenn wir 
all das wirklich nehmen, was wir jetzt vor unsere Seele haben hintre- 
ten lassen! Da haben wir im Weltenall die Sonne mit alldem, was uns 
zunachst im Verein mit der Sonne im Universum, im Kosmos erscheint, 
dasjenige, was eingeschlossen ist innerhalb der Blaue des Himmels, die 
Sternenwelt. Da haben wir auch irgendwo die Erde mit der Mensch- 
heit. Aber indem wir von der Erde zur Sonne hinaufschauen, blicken 
wir zugleich in den Flufi der Zeit hinein. 

Daraus folgt jetzt etwas sehr Bedeutsames. Es folgt das, dafi der 
Mensch zur Sonne nur dann richtig blickt, wenn er, indem er auch 
meinetwillen nur im Geistigen zur Sonne aufblickt, den Raum ver- 
gifSt und nur auf die Zeit Riicksicht nimmt. Die Sonne strahlt damit 
nicht nur das Licht aus, sondern den Raum selber. Und wenn wir in die 
Sonne schauen, schauen wir aus dem Raume heraus. Deshalb ist die 
Sonne dieser ausgezeichnete Stern, weil man durch sie aus dem Raum 
herausschaut. Aber aus diesem Aufierhalb-des-Raumes ist der Christus 
zu den Menschen gekommen. Der Mensch war, als das Christentum 
auf Erden durch den Christus begriindet wurde, allzulange schon in 
dem blofien Ex deo nascimur. Er war ihm verwandt geworden. Er hatte 
die Zeit vollig verloren. Er war zu einem volligen Raumwesen ge- 
worden. 

Wir verstehen so schwer mit dem heutigen zivilisatorischen Be- 
wufksein die alten Uberlieferungen, weil diese eigentlich iiberall mit 
dem Raum rechnen und nicht mit dem Zeitlichen, mit dem Zeitlichen 
nur wie mit einem Anhangsel des Raumlichen. 

Da kam der Christus und brachte den Menschen wiederum das Zeit- 
liche. Und indem sich das Menschenherz, die Menschenseele, der Men- 



schengeist mit dem Christus verbinden, gewinnen sie wiederum den 
Strom der Zeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Was konnen wir Menschen 
anderes tun als, wenn wir sterben, also aus der Raumeswelt hinaus- 
gehen, uns anklammern an dasjenige, was uns dann wieder die Zeit 
gibt, da die Menschheit zur Zeit des Mysteriums von Golgatha so stark 
Raumeswesen geworden ist, dafl ihr die Zeit abhanden gekommen war! 
Der Christus hat den Menschen wiederum die Zeit gebracht. 

Und wollen die Menschen beim Hinausgehen aus dem Raum nicht 
auch mit ihrer Seele ersterben, dann miissen sie in dem Christus sterben. 
Wir konnen immerhin Raumesmenschen sein, dann konnen wir sagen: 
Ex deo nascimur. - Dann konnen wir zu dem Kinde hinblicken, das aus 
der Zeit heraus in den Raum dringt, um mit den Menschen den Chri- 
stus zu vereinigen. 

Aber wir konnen nicht an die Grenze des irdischen Lebens, an das 
Sterben denken seit dem Mysterium von Golgatha, wenn wir nicht den 
Verlust der Zeit mit dem Verlust des Christus biifien wollen, wenn wir 
nicht hereingebannt werden wollen in den Raum und als Gespenst im 
Raume bleiben wollen. Da miissen wir in dem Christus sterben. Da 
miissen wir uns durchdringen mit dem Mysterium von Golgatha. Da 
miissen wir zu dem Ex deo nascimur das In Christo morimur dazu- 
finden. Da miissen wir zu dem Weihnachtsgedanken den Osterge- 
danken hinzubringen. 

Und so lafit das Ex deo nascimur den Weihnachtsgedanken vor un- 
sere Seele treten, so lafit das In Christo morimur den Ostergedanken 
vor unsere Seele treten. 

Wir konnen sagen: Auf der Erde hat der Mensch sein Physisches, 
sein Atherisches, sein Astralisches. Das Atherische ist auch draufien im 
Kosmos; das Astralische ist auch draufien in dem Kosmos (siehe Zeich- 
nung Seite 248, rot),* das Physische ist allein auf der Erde, es gibt drau- 
fien im Kosmos kein Physisches. So miissen wir sagen: Erde: Physi- 
sches, Atherisches, Astralisches; Kosmos: das Physische ist nicht da, 
aber das Atherische und das Astralische. 

Dreigegliedert ist aber auch der Kosmos. Was er unten nicht hat, 
das setzt er oben an. Bei ihm ist das Atherische das Unterste; auf der 
Erde ist das Physische das Unterste. Auf der Erde ist das Astralische 




das Hochste; im Kosmos ist das Hochste dasjenige, was ja der Mensch 
heute nur in Rudimenten in sich hat, dasjenige, woraus einmal gewo- 
ben sein wird sein Geistselbst. Wir konnen sagen: Im Kosmos ist die 
Geistselbstigkeit als drittes. 

Und jetzt erscheinen tins die Sterne als die Aufierungen von irgend 
etwas. Ich vergleiche sie mit dem Streicheln; die Geistselbstigkeit, die 
dahinter ist, ist das streichelnde Wesen. Nur dafi da das streichelnde 
Wesen nicht eine Einheit ist, sondern die ganze Welt der Hierarchien. 
Schaue ich einen Menschen an seiner Gestalt nach, schaue ich seine 
Augen, die mir entgegenleuchten, hbre ich seine Stimme, so ist das die 
Aufierung des Menschen. Schaue ich in die Weltenweiten hinauf , schaue 
ich auf die Sterne, so sind es die Aufterungen der Hierarchien, die Emp- 
findung erregenden Lebensaufierungen der Hierarchien. Schaue ich in 
die Unendlichkeit des blauen Weltenf irmaments hinein, so sehe ich nach 
auflen sich offenbaren deren atherischen Leib, der aber das Unterste ist 
fur diese ganze hierarchische Welt. 

Dann aber ahnen wir, wenn wir in den Kosmos und seine Weiten 
hinausschauen, etwas, was nun iiber das Irdische hinausgeht, so wie die 
Erde mit ihren physischen Substanzen und Kraften unter das Kosmische 
hinuntergeht. Und die Erde hat ein Unterkosmisches im Physischen, 
der Kosmos hat ein Uberirdisches in der Geistselbstigkeit. 



Erde 



Kosmos 



Physisches-Unterkosmisches 

Atherisches 

Astralisches 



Atherisches 
Astralisches 

Oberirdisches-Geistselbstigkeit 



Die physische Wissenschaft spricht von einer Bewegung der Sonne. 
Sie kann das. Denn man kann ja innerhalb des Raumesbildes, das uns 
als Kosmos umgibt, an gewissen Erscheinungen sehen, daft die Sonne in 
Bewegung ist. Aber es ist eben nur das in den Raum hereinragende Ab- 
bild der Sonnenbewegung. Und wenn man von der wirklichen Sonne 
spricht, so ist es einfach ein Unsinn, zu sagen, die Sonne bewegt sich 
im Raume. Weil der Raum von der Sonne ausgestrahlt wird! Die Sonne 
strahlt nicht nur das Licht aus, die Sonne macht auch den Raum. Und 
die Bewegung der Sonne selber ist nur innerhalb des Raumes eine 
raumliche; aufterhalb des Raumes ist sie eine zeitliche. Das, was da von 
der Sonne erscheint, daft sie dem Sternbilde des Herkules zueilt, das ist 
nur ein Abbild einer zeitlichen Entwickelung des Sonnenwesens. 

Ja, seinen intimen Jiingern hat der Christus gesagt: Sehet hin auf 
das Leben der Erde. Es ist verwandt mit dem Leben des Kosmos. Inso- 
fern ihr schaut auf die Erde und den umliegenden Kosmos, ist es der 
Vater, der dieses Weltenall durchlebt. Der Vatergott ist der Gott des 
Raumes. Ich aber habe euch zu kiinden, daft ich von der Sonne ge- 
kommen bin, von der Zeit, von der Zeit, die den Menschen nur auf-- 
nimmt, wenn er stirbt, Ich habe euch mich selbst gebracht aus der Zeit 
heraus. Nehmet ihr mich auf, sagte der Christus, so nehmet ihr die 
Zeit auf und verfallt nicht dem Raume. Aber da miiftt ihr auch den 
Obergang finden von der einen Dreiheit - dem Physischen, Athe- 
rischen, Astralischen - zu der anderen Dreiheit: dem Atherischen, 
Astralischen bis zu der Geistselbstigkeit. Die Geistselbstigkeit ist eben- 
sowenig im Irdischen zu finden, wie das Physisch-Irdische im Kosmos 
zu finden ist. Aber ich bringe euch von ihm die Botschaft, denn ich 
bin aus der Sonne. 

Ja, die Sonne hat einen dreifachen Aspekt. Lebt man innerhalb der 
Sonne und sieht von der Sonne auf die Erde (siehe Zeichnung, rot), so 



hat man Physisches, Atherisches, Astralisches zu sehen. Oder man 
schaut auf dasjenige, was in der Sonne selber ist, dann hat man fort- 
wahrend zu sehen Geistselbstigkeit. Man sieht Physisches, wenn man 
sich an die Erde erinnert oder hinschaut auf sie. Schaut man weg, so 
blickt man nach der anderen Seite auf die Geistselbstigkeit. Man pen- 
delt hin und her zwischen dem Physischen und der Geistselbstigkeit. 
Stabil bleibt dazwischen nur das Atherische und das Astralische. Sieht 
man aber hinaus in das Weltenall, dann verschwindet das Irdische voll- 
standig. Atherisches, Astralisches und Geistselbstigkeit ist da. Das wird 
Euer Anblick sein, wenn Ihr in die Sonnenzeit kommt zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt. 

Man stelle sich also vor, der Mensch kapsele sich ganz ein mit seiner 
Seelenverfassung in dem Erdenwesen: er kann das Gottliche empfin- 
den, denn aus dem Gottlichen heraus ist er geboren. Ex deo nascimur. 

Stellen wir uns vor, er kapsele sich nicht blofi innerhalb der Rau- 
meswelt ein, sondern er nehme an den Christus, der aus der Zeitenwelt 
in die Raumeswelt hereingekommen ist und die Zeit selber in den Raum 
der Erde gebracht hat. Damit iiberwindet er im Tode den Tod. Ex deo 
nascimur. In Christo morimur. 

Aber der Christus bringt die Botschaft: Dann, wenn der Raum 
iiberwunden ist und man die Sonne als den Schopfer des Raumes 
kennenlernt, in der Sonne sich fiihlt durch den Christus, in die leben- 
dige Sonne sich hineinversetzt fiihlt, dann verschwindet das Physisch- 
Irdische; das Atherische, das Astralische ist da. Das Atherische lebt auf, 
jetzt nicht als Himmelsblaue, sondern als hellrotliche Erglanzung des 
Kosmos. Und aus diesem Hellrotlichen glanzen nicht die Sterne her- 
unter, sondern die Sterne beruhren uns mit ihren Liebewirkungen. Und 
der Mensch kann sich fuhlen - wenn er sich in all das wirklich hinein- 
versetzt - stehend auf der Erde, das Physische abgestreift, das Athe- 
rische da, ihn durchstrahlend und ausstrahlend als das Lilarotliche; die 
Sterne nicht glanzende Punkte, sondern Liebesstrahlungen wie das 
menschliche Liebestreicheln. 

Aber indem man dieses empfindet, das Gottliche in sich, das gott- 
liche Weltenfeuer als das Wesen des Menschen aus ihm herausflam- 
mend, sich fiihlend im atherischen Weltenall, erlebend die Geistes- 



aufierungen im astralischen Welten-Erstrahlen: dann bringt das her- 
vor in dem Menschen das innere Erleben des Geist-Erstrahlenden, zu 
dem der Mensch berufen ist im Weltenall. 

Als diejenigen, denen Christus das verkiindet hatte, geniigend lange 
sich durchdrungen hatten von diesem Gedanken, da empfanden sie die 
Wirkung dieses Gedankens in den feurigen Zungen des Pfingstfestes. 
Da empfanden sie das Sterben durch das Abfallen und Abtropfen des 
Physischen der Erde. Da empfanden sie aber: das ist nicht der Tod, 
sondern fur das Physische der Erde geht die Geistselbstigkeit des Uni- 
versums auf : Per spiritum sanctum reviviscimus. 

So kann man hinblicken auf diese Dreigliederung der einen Jahres- 
halfte: Weihnachtsgedanke - Ex deo nascimur; Ostergedanke - In 
Christo morimur; Pfingstgedanke - Per spiritum sanctum reviviscimus. 

Und es bleibt die andere Halfte des Jahres. Versteht man sie eben- 
so, so geht fiir den Menschen auch wiederum die andere Seite seines 
Lebens auf. Versteht man jene Beziehung des Physischen zum Seeli- 
schen des Menschen und zum Oberphysischen, welche die Freiheit in 
sich schliefk, deren der Erdenmensch teilhaftig wird auf der Erde, dann 
versteht man in den Zusammenhangen zwischen Weihnachts-, Oster- 
und Pfingstfest den freien Menschen auf der Erde. Und versteht man 
ihn aus diesen drei Gedanken, dem Weihnachtsgedanken, dem Oster- 
gedanken und dem Pfingstgedanken heraus, und lafit sich dadurch 
auffordern, das ubrige Jahr zu verstehen, so tritt die andere Halfte des 
menschlichen Lebens auf, die ich Ihnen andeutete dadurch, dafi ich 
sagte: Blickt man hin auf das menschliche Schicksal - die Hierarchien 
erscheinen dahinter, die Arbeit, das Weben der Hierarchien. Deshalb 
ist es so grofi, wirklich in ein menschliches Schicksal hineinzublicken, 
weil man sieht, wie die ganzen Hierarchien dahinterstehen. 

Aber es ist ja im Grunde genommen die Sprache der Sterne, die 
uns aus dem Weihnachts-, Oster- und Pfingstgedanken entgegentont: 
aus dem Weihnachtsgedanken, insofern die Erde ein Stern im Welten- 
all ist, aus dem Ostergedanken, insofern uns der glanzendste Stern, die 
Sonne, seine Gnadengaben gibt, aus dem Pfingstgedanken, indem uns 
dasjenige, was jenseits der Sterne verborgen ist, in die Seele hereinleuch- 
tet und in den feurigen Zungen wiederum herausleuchtet aus der Seele. 



Wenn Sie das, was in dieser Art nun von dem Vater, dem Trager 
des Weihnachtsgedankens, der aber den Sohn schickt, damit der Oster- 
gedanke voll werde, und dann von diesem Sohne, der wiederum die 
Kunde von dem Geist bringt, damit im Pfingstgedanken das mensch- 
liche Leben auf Erden sich in Dreiheit vollende, wenn Sie dieses aus- 
meditieren, wenn Sie dariiber recht nachdenken, dann bekommen Sie 
zu all den geschilderten Grundlagen, die ich Ihnen zum Begreifen des 
Karma gegeben habe, eine Empfindungsgrundlage. 

Versuchen Sie es einmal, den Weihnachts-, Oster- und Pfingstge- 
danken, so gewendet, wie wir ihn heute gewendet haben, so recht auf 
menschliches Gefiihl, auf menschliche Empfindung wirken zu lassen. 
Versuchen Sie das, vertiefen Sie diese Ihre Empfindung. Und wenn wir 
nach meiner Reise, die ich nun genotigt bin, gerade zu Pfingsten wegen 
des Landwirtschaftlichen Kursus zu unternehmen, wiederum zusam- 
menkommen, dann bringen Sie diese Empfindung, die fortleben soil 
als der warme, der feurige Pfingstgedanke, mit, und dann werden wir 
uber das Karma weitersprechen konnen. 

So aber wird Ihr Verstandnis recht befruchtet sein durch das, was 
der Pfingstgedanke ist. Wie einstmals von der Einsetzung des Pfingst- 
festes bei der ersten Feier des Pfingstfestes aus jedem der Jiinger etwas 
geleuchtet hat, so sollte eigentlich der Pfingstgedanke wieder lebendig 
werden auch fur anthroposophisches Verstandnis. 

Es sollte etwas leuchtend werden aus Ihren Seelen heraus. Deshalb 
gab ich Ihnen als Pfingstempfindung mit fur die weitere Fortsetzung 
der Karmagedanken, die fur die andere Halfte des Jahres sind, das- 
jenige, was ich heute liber den Zusammenhang von Weihnachts-, Oster- 
und Pfingstgedanken zu sagen habe. 



FUNFZEHNTER VORTRAG 



Dornach, 22Junil924 



Betrachtungen karmischer Fragen sind ja nicht ohne weiteres so leicht 
anzustellen, und in der Besprechung desjenigen, was zum menschlichen 
Karma gehort, ist im Grunde genommen immer ein starkes Verantwort- 
lichkeitsgefiihl tatig, mufi wenigstens tatig sein. Es handelt sich ja dabei 
tatsachlich um ein Hineinschauen in die tiefsten Zusammenhange des 
Daseins in der Welt. Denn innerhalb des Karma, innerhalb des Karma- 
verlaufes spielen sich diejenigen Dinge und Vorgange ab, welche die 
anderen Erscheinungen der Welt, selbst die Naturerscheinungen eigent- 
lich tragen. So dafi man ohne das Verstandnis des Karmaverlaufes in 
der Welt und in der Menschheitsentwickelung im Grunde unmoglich ver- 
stehen kann, warum die aufiere Natur eben in der Gestalt vor uns sich 
ausbreitet, wie das der Fall ist. Wir haben Beispiele hingestellt von einem 
gewissen Karmaverlauf . Diese Beispiele wurden von mir sorgf altig aus- 
gewahlt, um dazustehen so, daf5 wir nunmehr, wenn wir jetzt den Ober- 
gang suchen zu der Betrachtung des individuellen Karma, ankniipfen 
konnen an dasjenige, was mit diesen Beispielen hingestellt worden ist. 

Nun mochte ich eine einleitende allgemeine Bemerkung hier ma- 
chen, schon aus dem Grunde, weil ja heute und wohl auch in den nach- 
sten Vortragen Freunde anwesend sein werden, die im Verlaufe der 
Betrachtungen, der Vortrage, die in den letzten Wochen und Monaten 
gerade in Beziehung auf das Karma stattgefunden haben, nicht da 
waren. Es handelt sich ja immer darum, dafi eingesehen werde, wie 
schwerwiegend eigentlich alles das genommen werden mufi, was mit 
unserer Weihnachtstagung zusammenhangt. Es sollte das Bewufitsein 
wirklich ein durchgreifendes sein, dafi mit dieser Weihnachtstagung 
im Grunde eine vollige Neugriindung der Anthroposophischen Gesell- 
schaft stattgefunden hat. Und es sollte durchaus so sein, dafi nicht in 
die alten Gewohnheiten, auch nicht in die alten Denkgewohnheiten 
zuriickgef alien werde gegeniiber den starken Veranderungen, die in 
der neuerlichen Handhabung des anthroposophischen Weisheitsgutes 
eingetreten sind. Wir miissen uns namlich dariiber auch klar sein, dafi 



dasjenige, was gerade in den Betrachtungen, die seit der Weihnachts- 
tagung hier gepflogen werden, gesagt worden ist, nicht anders von 
jemand anderem gegenuber dieser oder jener Zuhorerschaft vorge- 
bracht werden kann, nicht in einer anderen Weise, als hochstens, wenn 
dazu Vorlagen vorhanden sind, durch Vorlesen des genauen Wort- 
lautes, der hier gesprochen wird. 

In einer freien Weise kann das nicht wiedergegeben werden zu- 
nachst. Wiirde es wiedergegeben, so mufke ich mich dagegen wenden. 
Denn es handelt sich wirklich darum, dafi bei diesen schwierigen und 
schwerwiegenden Dingen jedes Wort und jeder Satz, die hier gespro- 
chen werden, genau abgewogen werden miissen, damit die Art und 
Weise klar werde, wie die Dinge begrenzt werden miissen. Wenn also 
irgend jemand vorhat, in einer anderen Form die Dinge, die hier be- 
sprochen werden, an irgendeine Zuhorerschaft weiterzugeben, so miiftte 
er erst sich mit mir in Verbindung setzen und anfragen, ob das moglich 
ist. Es mufi in der Zukunft ein einheitlicher Geist, ein realer einheit- 
licher Geist in die ganze anthroposophische Bewegung hineinkommen. 
Sonst verfallen wir durchaus in diejenigen Fehler, in die namentlich eine 
Anzahl unserer Mitglieder verfallen ist, die da glaubten, das anthro- 
posophische Weisheitsgut wissenschaftlich bearbeiten zu miissen, und 
wir haben ja wirklich erfahren konnen, wieviel Abtragliches, wieviel 
der anthroposophischen Bewegung Abtragliches da eigentlich - ich sage 
es unter Anfiihrungszeichen - «geleistet» worden ist. 

Naturlich sind in die Bedingungen, von denen ich hier rede, ganz 
vertrauliche Mitteilungen ja nicht einbegriffen; aber auch bei denen 
sollte sich der Betreffende, der sie macht, seiner Verantwortung voll 
bewuiSt sein. Denn es beginnt einmal in dem Augenblicke, wo so ge- 
sprochen wird, wie jetzt von dieser Stelle aus gesprochen wird, es be- 
ginnt da eben einmal im eminentesten Sinne dasjenige, was ich als 
Verantwortlichkeitsgefiihl gegenuber den Mitteilungen aus der geisti- 
gen Welt bezeichnen mufi. Es ist ja auch sonst schwierig, iiberhaupt 
hier iiber diese Dinge zu sprechen. Aber eben die Begrenztheit unserer 
Einrichtungen lalk etwas anderes nicht zu, als eben getan wird. Es ist 
schwierig, iiber diese Dinge zu sprechen, denn eigentlich sollten diese 
Vortrage nur vor solchen Zuhorern gehalten werden, die vom Anfange 



bis zum Ende einer Vortragsreihe dabei sind. Jeder, der spater kommt, 
hat ja selbstverstandlich Schwierigkeiten des Verstandnisses. 

Nun kann man dem ja dadurch entgegenkommen, dafi vollbewufit 
ist in den Seelen der Freunde, dafi solche Schwierigkeiten bestehen. 
Dann ist ja alles gut, wenn ein voiles Bewufitsein da ist. Aber das ist 
eben nicht immer der Fall. Und es kann auch nicht iiber diese Dinge, die 
die zartesten sind innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung, die 
richtige Denkweise Platz greifen, wenn doch auf der anderen Seite, wie 
es auch seit der Weihnachtstagung ist, immer wiederum die Usancen 
fortdauern, die eben friiher da waren: Eifersiichteleien, gegenseitige 
Rankiinen und so weiter. Fur die anthroposophische Entwickelung ist 
eben durchaus eine gewisse Gesinnung, ein gewisser Ernst absolut not- 
wendig. 

Solche Dinge habe ich ja friiher, als ich noch nicht das Vorstands- 
amt innehatte, als Lehrender vorgebracht. Aber ich mufi sie jetzt so 
vorbringen, dafi sie tatsachlich dasjenige darstellen, was von dem Vor- 
stande am Goetheanum ausgehend in der Anthroposophischen Gesell- 
schaft leben mufi. 

Nun, ich denke, dafi die Worte, die ich gesprochen habe, verstan- 
den werden konnen. Sie sind ja gesprochen, um eben gegeniiber einer 
solchen Vortragsreihe, wie diejenige ist, der wir hier gegemiberstehen, 
den notigen Ernst vor die Seele der Freunde hinzustellen. 

Das Karma ist ja etwas, was in allem Erleben der Menschen unmit- 
telbar wirksam ist, was sich aber verbirgt hinter den aufieren Erleb- 
nissen in alldem, was zum Unbewufiten und Unterbewufiten der 
menschlichen Seele gerechnet werden mufi. Wenn man eine Biographie 
liest, so miifite das eigentlich, falls das Lesen mit wirklichem innerem 
Anteil an demjenigen geschieht, was erzahlt wird, es miifite das Lesen 
einer Biographie ganz besonders geartete Empfindungen beim Leser 
hervorrufen. Wenn ich beschreiben soil, wozu man beim Lesen einer 
Biographie kommen kann, so ist es dieses: Wer eine Biographie mit 
wirklicher Aufmerksamkeit verfolgt, der wird sich sagen miissen: Im- 
mer wieder und wieder kommen in einer Biographie Ansatze vor zum 
Darstellen von Lebensereignissen, die nicht eigentlich in einer fort- 



dauernden Erzahlungsentwickelung begriindet sind. Man hat, wenn 
man eine Biographie vor sich hat, eigentlich das Leben eines Menschen 
nur in einer gewissen Weise vor sich. Ins Leben eines Menschen spielen 
nicht nur diejenigen Tatsachen hinein, die er im Wachzustande erlebt, 
also: erster Tag - jetzt kommt die Nacht; zweiter Tag - jetzt kommt 
die Nacht; dritter Tag - jetzt kommt die Nacht und so fort, sondern 
es ist so, dafi wir ja nur aufierlich erfiihlen konnen, was an den 
Tagen geschehen ist, falls wir nicht eine geisteswissenschaftliche Bio- 
graphie schreiben, was ja unter Umstanden gegenuber der heutigen 
Zivilisation eigentlich eine vollige Unmoglichkeit ist. Wir schreiben 
also in die Biographie das hinein, was an den Tagen wahrend des 
Wachzustandes des Menschen geschehen ist, uber den wir die Bio- 
graphie schreiben. 

Was aber das Leben eigentlich formt, was dem Leben Gestalt gibt, 
was dem Leben die schicksalsmafiigen Impulse einpflanzt, das ist ja 
nicht sichtbar in den Tagesereignissen, das spielt als Impulse zwischen 
den Tagesereignissen in der geistigen Welt, wenn der Mensch selber in 
dieser geistigen Welt vom Einschlaf en bis zum Aufwachen drinnen ist. 
Im wirklichen Leben sind diese Schlafesimpulse durchaus darinnen; 
wenn wir die Biographien erzahlen, sind sie nicht darinnen. Was be- 
deutet denn das Erzahlen einer Biographie? 

Nichts Geringeres eigentlich bedeutet es gegenuber dem Leben des 
Menschen, als wenn wir zum Beispiel die Raffaelsche Sixtinische Ma- 
donna nehmen, sie an die Wand hangen, gewisse Flachen mit weilSem 
Papier verkleben, so dafi man sie nicht sieht und nur gewisse Flachen 
ubrigbleiben. Derjenige, der das anschaut, mufi doch das Gefiihl be- 
kommen: Da mufi ich noch etwas anderes sehen, wenn das ein Ganzes 
sein soil. 

Dieses Gefiihl mufite eigentlich jeder haben, der unbefangen eine 
Biographie liest. Es kann ja der heutigen Zivilisation gegenuber nur im 
Stile angedeutet werden, aber das sollte auch geschehen. Es sollte im 
Stile angedeutet werden. Es sollte angedeutet werden, dafi immerzu in 
das Leben des Menschen Impulse hineinspielen, die gewissermafien aus 
dem Unpersonlichsten des seelisch-geistigen Erlebens heraufkommen. 
Dann, wenn wenigstens das geschieht, meine lieben Freunde, dann wird 



man schon sich zu dem Gefiihl hinaufschulen, dafi aus einer Biogra- 
phie Karma sprechen mufi. Es ware ja natiirlich abstrakt, wenn man so 
sprechen wollte, dafi man in einer Biographie irgendeine Szene aus 
dem Leben eines Menschen erzahlte und dann sagte: Nun ja, das kommt 
aus einem vorigen Erdenleben, da war es so, und das gestaltet sich jetzt 
so herein. - Das ware ja natiirlich abstrakt. Das wurden die meisten 
Menschen wahrscheinlich sehr sensationell finden, aber damit wiirde 
in Wahrheit keine hohere Geistigkeit erreicht werden, als sie erreicht 
wird durch unsere Philisterbiographien, wie sie im heutigen Zeitalter 
geschrieben werden; denn alles, was im heutigen Zeitalter auf diesem 
Gebiete geleistet wird, ist Philisterwerk. 

Nun kann man dasjenige, was da in der Seele eintreten soli, da- 
durch in sich besonders heranerziehen, dafi man, ich mochte sagen, eine 
gewisse Liebe gewinnt fur tagebuchartige Aufzeichnungen der Men- 
schen. Tagebuchartige Aufzeichnungen konnen zwar sehr philistros ge- 
schrieben sein, aber wenn sie nicht gedankenlos geschrieben oder ge- 
lesen werden, wird derjenige, der nicht selbst ein Philister ist, in der 
tagebuchartigen Aufzeichnung selbst eines Philisters beim Obergang 
von einem Tag zu dem anderen Empfindungen haben, die schon her- 
anreichen zu dem Erfiihlen des Karma, der schicksalsmafiigen Zusam- 
menhange. 

Ich habe manche Menschen kennengelernt - ihre Zahl ist gar nicht 
so gering -, die hielten sich fur fahig, eine Goethe-Biographie zu schrei- 
ben. Man konnte sagen, ahnungslos fiihlen sich diese Leute fahig, eine 
Goethe-Biographie zu schreiben. Denn die Schwierigkeit wachst in 
dem Grade, in dem man hineinsieht in die Zusammenhange des Daseins, 
und insbesondere hineinsieht in die karmischen Zusammenhange des 
Daseins. 

Nehmen Sie in der Empfindung nur alles das zusammen, was ich 
hier vorgebracht habe. Nehmen Sie das, was ich hier vorgebracht habe 
in derjenigen Stunde, wo ich Sie ausdrucklich aufgefordert habe, mich 
nicht verstandesgemafi zu verstehen, sondern die Dinge in Ihr Herz 
aufzunehmen, und wenn ich wieder reden werde, aus dem Herzen den 
folgenden Vortrag entgegenzunehmen. Erinnern Sie sich, dafi ich das 
gesagt habe, weil man Karma nicht wirklich erfiihlen kann, wenn man 



sich ihm blofi auf verstandesmafiigem Wege nahern will. Wer nicht 
erschiittert werden kann von mancherlei karmischen Zusammenhan- 
gen, die hier vorgebracht werden, der kann iiberhaupt Karma nicht 
betrachten, der kann aber auch nicht vorriicken zu einer individuellen 
Betrachtung der karmischen Zusammenhange. 

Und so wollen wir den Ubergang finden von den bisherigen Be- 
trachtungen zu dem, was uns nun dazu bringen kann, gegenuber einem 
Ereignisse im Leben eines Menschen zu sagen: Darinnen spricht sich 
Karma in einer gewissen Weise aus. 

Wenn ich bedenke, was ich in den sieben weimarischen Jahren, in 
denen ich im Goethe- und Schiller- Archiv gearbeitet habe, was ich da 
im Verhaltnis zu Goethe alles durchgemacht habe - und bei der Schil- 
derung meines Lebensabrisses kommt ja gerade jetzt dieses als Auf- 
gabe, es zu iiberdenken dann sage ich mir mit Bezug auf die Karma- 
frage: Eine der schwierigsten Fragen in irgendwelchen Darstellungen 
ist, zu schildern, was Goethe in seiner Seele durchgemacht hat zwischen 
dem Jahre 1792 und 1800. Dieses Kapitel in einer Goethe-Biographie 
zu schreiben, auch nur durchzudenken, es so zu sehen, da$ man darin- 
nen Karma wirksam f indet, gehort wirklich zu dem Allerschwierigsten. 

Nun mufi man einmal zunachst auf das hinschauen, worin sich Kar- 
ma im Leben eines Menschen fur die Anschauung, wenn auch fiir die 
okkulte, fiir die hohere Anschauung, auslebt. Der Mensch lebt ja zwi- 
schen dem Einschlafen und Aufwachen aufierhalb seines physischen 
und Atherleibes in seinem Ich und in seinem astralischen Leibe. Er lebt 
mit dem Ich und mit dem astralischen Leibe in der geistigen Welt. Ein- 
fach diese Tatsachen, die sich da im Einschlafen und Aufwachen ab- 
spielen, ganz sachgemafi zu iiberschauen, gehort wiederum zu dem 
Schwersten geisteswissenschaftlicher Untersuchungen. Denn sehen Sie, 
was da geschieht, das stellt sich in folgender Weise dar. Ich werde es 
heute skizzenhaft darstellen. 

Sie werden fiihlen, wenn Sie all das zusammennehmen, was in der 
Anthroposophie bisher vor Ihre Seele getreten ist, dafi die Dinge den 
Eindruck des Begreif lichen machen. Aber um sie zu finden, dazu ge- 
horen aufierordentlich schwierige geisteswissenschaftliche Untersu- 
chungen. 




Wenn ich eine Art Schema des Menschen hinzeichne, so haben wir 
zunachst in dieser Grenzangabe, die ich hingezeichnet habe, dasjenige, 
was des Menschen physischer Leib ist. In diesem physischen Leib lebt 
der Atherleib (siehe Zeichnung, lila) und der astralische Leib (gelb). 
Und es lebt darinnen das Ich. 

Betrachten wir einmal jetzt den einschlafenden Menschen. Das, 
was ich hier aufgezeichnet habe, bleibt im Bette liegen. Was geschieht 
mit dem astralischen Leib und mit dem Ich? Der astralische Leib und 
das Ich, die ich wiederum skizzenhaft andeuten will, sie gehen durch 
das Haupt des Menschen und eigentlich durch alles das, was Sinnes- 
system des Menschen ist, also in gewissem Sinne schon aus dem gan- 
zen Korper, aber hauptsachlich aus dem Haupte heraus, und sind dann, 



schematisch gezeichnet, aufierhalb des Menschen. So daft wir sagen 
konnen, wenn wir von dem Ich zunachst absehen: Der astralische 
Leib verlaftt beim Einschlafen den Menschen durch das Haupt. Eigent- 
lich verlaftt er ihn durch alles, was Sinnesorgan ist. Da die Sinnesorgane 
hauptsachlich im Haupte konzentriert sind, so geht eben die Haupt- 
masse des astralischen Leibes durch das Haupt heraus. Aber es gehen 
in gewissem Sinne - weil ja der Warmesinn zum Beispiel iiberall ver- 
teilt ist, der Drucksinn auch -, es gehen nach iiberall Strahlungen, die 
schwach nachfolgen; aber das Ganze ruft doch den Eindruck hervor, 
daft durch das Haupt des Menschen hindurch beim Einschlafen der 
astralische Leib herausgeht. Ebenso das Ich, das - wenn ich mich jetzt 
raumlich ausdriicke -, etwas grofter als der astralische Leib und nicht 
ganz im Inneren geschlossen, aus dem Menschen herausgeht. Das ist 
der einschlafende Mensch. 

Betrachten wir aber jetzt den aufwachenden Menschen. Wenn wir 
den aufwachenden Menschen betrachten, so finden wir, daft der astra- 
lische Leib zunachst durch die Gliedmaften, und zwar zuerst durch die 
Fingerspitzen und Zehenspitzen an den Menschen herankommt, und in 
dieser Weise durch die Gliedmaften nach und nach sich im Menschen 
ausbreitet. Also gerade von der anderen Seite kommt er her. Auch das 
Ich kommt von der anderen Seite, nur daft das Ich jetzt nicht so den 
astralischen Leib umschliefit, sondern indem es zuruckkommt, mehr 
eingeschlossen ist von dem astralischen Leib (blau). 

Wir wachen auf, und indem wir aufwachen, stromen der astralische 
Leib und das Ich durch die Fingerspitzen, durch die Zehenspitzen in 
uns ein. Sie brauchen, um den Menschen ganz wiederum bis zum Haupte 
zu erfiillen, eigentlich den ganzen Tag; und wenn sie beim Haupte 
angelangt sind, dann ist eigentlich auch schon wiederum der Moment 
vorhanden, wo sie den Menschen verlassen. Daraus ersehen Sie, daft 
Ich und astralischer Leib eigentlich immer stromend sind. 

Nun konnen Sie eine Frage aufwerfen: Ja, dann aber haben wir, 
wenn wir gerade eine halbe Stunde nach dem Aufwachen sind, unseren 
astralischen Leib, und ich meine jetzt immer auch das Ich mit, doch nur 
das Stuckchen bis hierher (zu den Handgelenken) - wir sind noch nicht 
weiter damit gekommen - und unten bis zu den Knocheln des Fuftes. 



Das ist auch so. Wenn jemand - ich will annehmen, daft er ein solch 
anstandiger Mensch ist - mindestens urn sieben Uhr aufwacht und 
wach bleibt, dann wird er um halb acht Uhr seinen astralischen Leib 
erst bei seinen Fufiknocheln und vielleicht hier bei den Handgelenken 
haben. Und so geht es langsam bis abends. 

Sie konnen sagen: Ja, aber wie kommt es denn dann, daft wir als 
ganzer Mensch aufwachen? Wir haben doch das Gefiihl, wir sind so- 
gleich als ganzer Mensch aufgewacht - und eigentlich sind um ein 
Viertel nach sieben Uhr erst unsere Finger und unsere Zehen aufge- 
wacht und so weiter, und um zwolf Uhr ist es bei den meisten Men- 
schen - eben bei den anstandigen Menschen - noch gar nicht weiter, 
als daft sie in ihrem astralischen Leib erst drinnen sind wie in einem 
Sitzbade. - Es ist so. 

Und die Frage, die da aufgeworfen werden kann, sie muft damit 
beantwortet werden, daft man darauf aufmerksam macht, daft im Gei- 
stigen eben andere Gesetze herrschen als in der physischen Welt. In 
der physischen Welt ist ein Korper nur da, wo er eben ist. Das ist in 
der geistigen Welt nicht der Fall. In der geistigen Welt ist es so, daft, 
wenn unser Astralleib auch erst die Zehenspitzen und die Fingerspitzen 
eingenommen hat, er doch schon in dem Raum des ganzen Korpers 
wirkt. Das ist das Merkwiirdige. Spuren kann man ihn schon; wenn 
er iiberhaupt nur ankommt, kann man ihn schon im ganzen Korper 
spuren. Aber seine Realitat, seine eigentliche Substanz breitet sich erst 
langsam aus. Mit dieser Erscheinung und ihrem Verstandnis hangt 
aufterordentlich viel zusammen. Es hangt vor alien Dingen viel zu- 
sammen mit Bezug auf die Beurteilung der menschlichen Organisation 
in ihrem gesunden und kranken Zustande. Sie miissen bedenken: Die 
ganze Zeit des Schlafens ist in dem, was da im Bette liegt und was doch 
nicht der Mensch ist, sondern nur der physische und der Atherleib, 
eine Art pflanzlich-mineralischer Tatigkeit, wenn auch in mensch- 
licher Organisation. Die kann normal oder unnormal sein, gesund oder 
krankhaft. 

Wenn der Astralleib beginnt, von den Gliedmafien herein aufzu- 
tauchen, so werden gerade in den Morgenstunden hingestrahlt die un- 
gesunden Erscheinungen zu einer ganz besonderen Art von Wahrneh- 



mung. Daher ist es schon bei der Beurteiiung von Krankheiten un- 
geheuer wichtig, die Gefiihle des Patienten beim Aufwachen zu erfah- 
ren, wenn sein astralischer Leib dasjenige, was ungesund ist in ihm, 
heraufstdfit. 

Nun aber weiter. Wenn wir einschlafen, dann gehen wir mit un- 
serem Ich und mit unserem astralischen Leib aus unserem physischen 
und Atherleib heraus in die geistige Welt hinein. Da bleibt noch die 
Nachwirkung dessen, was wir bei Tag durchgemacht haben. Aber es 
bleiben nicht die Gedanken in der Form, wie wir sie denken, auch 
nicht in der Form von Worten. Alles das bleibt nicht. Ich mochte sa- 
gen, es hangt nur wie Reste noch daran an diesem astralischen Leib, 
wenn er da hinausgeht. 

Und sogleich beginnt, wenn dieser astralische Leib aus dem Men- 
schen herausgeht, sogleich beginnt das Karma sich zu bilden, wenn 
auch zunachst eben bildhaft. Das Karma beginnt sich zu bilden. Das- 
jenige, was wir bei Tage vollbracht haben an Gutem und Bosem, was 
wir zunachst in den uns gewohnten Vorstellungen iiberschauen, es 
fangt sogleich an, wenn wir einschlafen, sich in die karmische Ent- 
wickelungsstromung umzusetzen. Und das dauert eine Weile nach dem 
Einschlafen. Da ubertont dieses Umsetzen in das Karma alles iibrige, 
was an Tatsachen wahrend des Schlafens mit uns geschieht. 

Dann aber beginnt, wenn man weiter den Schlaf fiihrt (siehe Zeich- 
nung Seite 259, Pfeile), das Untertauchen des Menschen zunachst in 
diejenigen Erlebnisse, die einem vorigen Erdenleben angehoren, dann 
weiter, die einem zweitletzten Erdenleben angehoren, dann weiter ei- 
nem drittletzten und so weiter. Und wenn der Mensch am Aufwachen 
ist, dann ist er auch vorbeigegangen an seinem ersten individuellen 
Erdenleben. Da kommt er noch in dasjenige Erleben, wo er noch nicht 
abgeschieden ist vom allgemeinen Weltenall, wo er das noch mitmacht, 
wo noch von individuellem Erdenleben nicht gesprochen werden kann. 
Und erst wenn er so weit ist, kann er wiederum zuriickgehen in seine 
physische Organisation, in seine Atherorganisation. 

Nun entsteht wieder eine Frage, eine recht bedeutungsvolle Frage: 
Wenn wir aber nur ein kurzes Schlafchen machen, ein Nachmittags- 
schlafchen zum Beispiel, wie ist es dann? Oder gar, wenn wir zum 



Beispiel wahrend eines Vortrages kurz einnicken, aber wirklich schla- 
fen, und diese ganze Sache nur zwei, drei Minuten, vielleicht nur eine 
Minute oder eine halbe Minute dauert? Da waren wir eine halbe Mi- 
nute, wenn es ein wirklicher Schlaf ist, zwischen dem Einschlafen und 
Aufwachen in der geistigen Welt. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, fur dieses ganz kurze Schlafchen - 
auch wahrend eines Vortrages - gilt ganz genau dasselbe wie fur den 
Nachtschlaf meinetwillen eines Siebenschlafers - eines menschlichen 
Siebenschlafers meine ich. 

Es ist namlich so, dafi in dem Momente, wo der Mensch eingeschla- 
fen ist, auch nur fur den kiirzesten Schlaf, der ganze Schlaf eine Ein- 
heit ist, und der astralische Leib ist ein unbewufker Prophet, iiber- 
schaut den ganzen Schlaf bis zum Aufwachen hin, natiirlich perspek- 
tivisch. Es konnen eben die weiteren Dinge undeutlich sein, wie wenn 
einer kurzsichtig ist und in eine Allee hineinschaut, da sieht er die letz- 
ten Baume nicht. So kann auch der astralische Leib im Unbewulken - 
bildlich gesprochen - kurzsichtig sein. Er sieht nicht bis dahin, wo die 
ersten individuellen Erdenleben auftreten. Das sind spezielle Dinge. 
Aber im ganzen und groJRen ist die Sache so, dafi wir beim kiirzesten 
Schlafchen mit ungeheurer, rasender Schnelligkeit alle unsere Erden- 
leben durchlaufen. Das ist etwas aufierordentlich Bedeutsames. Natur- 
lich wird die Sache sehr, sehr undeutlich; aber wenn jemand wahrend 
eines Vortrages einschlaft, hat ja der Vortragende - oder diejenigen, 
die es mit anschauen - die Sache vor sich. Bedenken Sie, die ganze Er- 
denentwickelung mit alldem, was in dem vorangegangenen Leben der 
Betreffende durchgemacht hat, das hat er vor sich. Nur weil es dann 
mit rasender Schnelligkeit geht, wenn wahrend eines Vortrages einge- 
nickt wird, ist es undeutlich, spielt eben rasch eins in das andere hinein, 
aber es ist dennoch so, dafi es da ist. Daraus ersehen Sie aber, dafi 
Karma eigentlich fortwahrend dasteht. Es ist da. Es ist gewissermafien 
in der Weltenchronik niedergeschrieben. Und der Mensch hat bei jedem 
Schlaf Gelegenheit, an dieses Karma heranzutreten. Das ist eines der 
grofien Geheimnisse des Daseins. 

Sehen Sie, derjenige, der diese Dinge vom Standpunkte der Initia- 
tionswissenschaft aus unbefangen iiberschauen kann, der sieht auf der 



einen Seite mit einer ungeheuren Andacht, ich mochte sagen, Erkennt- 
nisandacht auf dasjenige hin, was in einer menschlichen Erinnerung 
leben kann, was da unten in der Seele an Erinnerungsgedanken auf- 
tauchen kann. Es spricht diese Erinnerung nur vom eben erlebten Er- 
dendasein, aber dennoch, in diesen Erinnerungen lebt eben ein mensch- 
liches Ich. Und waren diese Erinnerungen nicht da - ich habe das an- 
gedeutet in friiheren Vortragen ware eigentlich das menschliche Ich 
nicht voll da. Da unten, da ist irgend etwas, was in uns immer wieder 
und wieder diese Erinnerungen hervorrufen kann. 

Aber indem wir mit der Aufienwelt durch unsere Sinne und durch 
unseren Verstand verkehren, bilden wir uns Ideen, Vorstellungen der 
Aufienwelt, Vorstellungen, die uns Bilder geben sollen von demjenigen, 
was da draufien ist. 

Wieder konnen wir schematisch das so zeichnen, dafi wir sagen: 
Da schaut der Mensch in die Welt hinaus (siehe Zeichnung). Es ent- 




stehen ihm Bilder in seinen Gedanken (lila), in denen sich ihm das- 
jenige darstellt, was er in der Aufienwelt sieht. Da lebt der Mensch in 
seinem Korper. Es steigen ihm aus dem Korper Gedanken auf, die sei- 
nen eigenen Erinnerungsschatz enthalten. Wenn wir auf unseren Erinne- 
rungsschatz hinschauen, dann sagen wir uns: Er stellt dasjenige dar, so 
gut er es kann nach unserer geistig-seelisch-leiblichen Organisation, was 
wir durchlebt haben in diesem Erdendasein. 

Aber schauen wir jetzt an, was da auf der anderen Seite stent. Wir 
bedenken gewohnlich nicht, dafi wir in dem, was da auf der anderen 
Seite steht, ja nur einen gewissen Ausschnitt aus dem Erdendasein, zu- 
nachst aus der Erdenumgebung und Himmelsumgebung haben. Wenn 
jemand in Danzig geboren ist, so fallen seine Augen und seine iibrigen 
Sinne auf andere Vorgange und andere Dinge, als wenn er in Hamburg 
oder in Konstantinopel geboren ist. Das aber geht durch das ganze 
Leben hindurch. Wir konnen sagen, die Welt bietet uns die verschie- 
densten Ausschnitte, und nicht von zwei Menschen sind diese Aus- 
schnitte einander gleich, selbst wenn sie in einem Dorfe geboren wer- 
den und in einem Dorfe sterben, wenn sie also einander nahe sind. Es 
ist der Ausschnitt, den sie vom Leben haben, bei dem einen und bei 
dem anderen durchaus verschieden. 

Und machen wir uns nur einmal klar, was das eigentlich bedeutet. 
Die Welt bietet uns einen bestimmten Teil ihrer selbst dar, den wir 
sehen. Anderes sehen wir niemals, nehmen es niemals wahr. Es ist un- 
geheuer bedeutungsvoll, den Gedanken in diese Richtung zu lenken, 
wie einem Menschen die Welt eine Summe von Eindnicken darbietet, 
auf die er in den Erfahrungen seines Lebens angewiesen ist. Derjenige, 
der nicht tief denkt, wird mit einer solchen Sache bald fertig. Wer tief 
denkt, wird nicht bald fertig. Der sagt sich namlich, indem er dies 
iiberdenkt, etwas ganz Besonderes. Er sagt sich: Das verwirrt mich so, 
dafi ich zunachst nicht einmal einen Ausdruck dafur finden kann. Ich 
kann das gar nicht aussprechen zunachst, was da vorliegt. Denn wie 
soli ich dafur einen richtigen Ausdruck finden, dafi der Kosmos, die 
Welt, jedem Menschen nur ein Stuck darbietet, das mehr oder weniger 
zusammenhangt, also die Menschen so spezifiziert? Wie soli ich das 
ausdriicken? 



Natiirlich, wenn ich so abstrakt beschreibe, wie ich es jetzt tue, gebe 
ich den nachsten Tatbestand. Aber damit habe ich ja noch eigentlich 
gar nichts gesagt. Es ist damit noch gar nichts Besonderes ausgespro- 
chen. Ich muft den Tatbestand erst wirklich aussprechen, erst formu- 
lieren. Wie mufi ich denn das sagen, was da vorliegt? 

Sehen Sie, wir werden zu einer Formulierung, zu einer Art, dies 
zu sagen, kommen, wenn wir wiederum auf die Erinnerung sehen. Was 
kommt denn da, wenn wir uns an etwas erinnern, gedachtnisgemafi aus 
den Tiefen unserer Organisation herauf? Was kommt da herauf? Das- 
jenige, was unsere menschliche Wesenheit erlebt hat. Da unten ist un- 
sere menschliche Wesenheit; irgendwo, wo wir sie nicht ergreifen kon- 
nen, da ist unsere menschliche Wesenheit. Die strahlt herauf in den 
Erinnerungsgedanken. Das strahlt aus unserem Inneren herauf in unser 
Bewufksein. Was strahlt denn da herein? Der Mensch ist ja zunachst 
so klein, wenn das alles herauf strahlt, und alles, was aufier dem Men- 
schen im Kosmos ist, so grofi, so riesengrofi! Aber da kommen immer 
diese Ausschnitte herein. Und der Tatbestand ist gar kein anderer als: 
da tauchen Gedanken auf. 

Wir wissen nur, weil wir die entsprechenden Dinge erlebt haben, 
dafi sie von unseren Erlebmssen stammen. Da herein kommen auch 
Gedanken, ganz auf dieselbe Weise wie unsere Erinnerungen, kommen 
aber von aufien herein. Wie kommen sie herein? Da unten ist der 
Mensch - hier ist die ganze Welt der Hierarchien (siehe Zeichnung 
Seite 264). Sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist ein Eindruck von 
Grofie, der uns da kommt, wenn wir mit der Initiationswissenschaft be- 
ginnen uns zu sagen: Um uns herum sind diese Teile der Welterkenntnis 
ausgebreitet, und hinter alidem, was da von aufien einen Eindruck 
macht, leben die Hierarchien so wahr, wie hinter dem, was als Erinne- 
rungen auftaucht, der einzelne Mensch lebt. 

Und so wie es davon abhangt, wie lebhaft die Sache erfahren wor- 
den ist, ob wir etwas aus der Erinnerung heraufholen, ob jetzt eine 
Veranlassung dazu da ist, daft gerade der eine Gedanke aus der Erin- 
nerung auftaucht, der andere nicht, oder alle anderen nicht und so wel- 
ter, so ist es auch hier. Derjenige, der diesen Tatbestand erkennen lernt, 
der weifi: Wenn das auftaucht, ist es ein Wesen aus der Hierarchie der 



Angeloi; wenn ein anderes auftaucht, ist es ein Wesen aus der Hier- 
archie der Exusiai und so weiter. 

So kommen wir zu der Formulierung: Dasjenige schauen wir im 
Erdendasein, was den Geistwesen gefallt, uns zu zeigen (siehe Zeich- 
nung Seite 264). 

Indem ein gewisses Stiick der Welt wahrend unseres Erdendaseins 
sich uns offenbart, lernen wir darinnen erkennen, daft gerade dieses 
Stiick aus der unendlichen Reihe der Moglichkeiten, die der Kosmos 
enthalt, ausgewahlt worden ist von irgendwelchen Mitgliedern der 
Hierarchien, um uns dieses von unserer Geburt bis zum Tode hin zu 
zeigen. Der eine bekommt dies, der andere jenes gezeigt. Dafi er das 
eine oder das andere gezeigt bekommt, das steht im Bereiche der Uber- 
legung der Hierarchien. 

Die Hierarchien erinnern sich, geradeso wie unser Mensch sich er- 
innert. Was bildet die Grundlage fur die Erinnerung der Hierarchien? 
Die Grundlage fur die Erinnerung der Hierarchien bildet das Zuriick- 
blicken auf unsere vorigen Erdenleben. Die schauen zuriick. Je nach- 
dem sie dies oder jenes erschauen aus unserem vorigen Erdenleben, 
bringen sie uns das entsprechende Stiick des Kosmos vor die Seele hin. 
Schon in dem, was wir von der Welt sehen, liegt Karma, uns zuerteilt 
durch die Welt der Hierarchien. 

Erinnerung da drinnen an unser kurzes jetziges Erdenleben in un- 
serem menschlichen Gedachtnisse, Erinnerung der Hierarchien da 
draufien an dasjenige, was Menschen jemals getan haben, Auftauchen 
der Erinnerungsgedanken, Einpragen der Erinnerungsgedanken in der 
Form dessen, was der Mensch zunachst vom Kosmos uberschaut, Ge- 
staltung des menschlichen Karma - ein Gedanke von erschiitternder 
Klarheit; denn er lehrt uns, dafi der ganze Kosmos im Dienste des Wir- 
kens der Hierarchien steht im Verhaltnisse zum Menschen. 

Wozu ist von diesem Gesichtspunkte aus der Kosmos da? Damit die 
Gotter in dem Kosmos ein Mittel haben, um die erste Form des Karma 
an den Menschen heranzubringen. Warum sind Sterne, warum sind 
Wolken? Warum ist Sonne und Mond? Warum sind Tiere der Erde? 
Warum sind Pflanzen der Erde? Warum sind Steine der Erde? Warum 
sind Fliisse und Bache und Strome? Warum ist Fels und Berg? Warum 



ist alles das, was im Kosmos um uns herum ist? Das alles ist Vorrat 
fiir die Gotter, um uns die erste Form unseres Karma, je nachdem wir 
unsere Taten verrichtet haben, vor Augen zu fiihren. Welt ist die Vor- 
ratskammer fiir die Demonstrationen im Karma von seiten der Gotter. 

So sind wir in die Welt hineingestellt, und so konnen wir eine Be- 
ziehung zu den eigentlichen Geheimnissen unseres Daseins im Verhalt- 
nisse zur Welt gewinnen. Und so werden wir finden, wie wir durch 
die verschiedenen Formen des Karma werden hindurchgehen konnen. 

Ich mochte sagen: Zuerst tritt an uns das kosmische Karma her an. 
Es wird immer individueller und individueller werden. Wir werden 
das Karma in seinem innersten Wesen wirksam finden. 

In diese Geheimnisse des Daseins hineinzuleuchten, lag schon in 
den Absichten de,r Weihnachtstagung und ist wohl damals schon in 
der ganzen Haltung der Weihnachtstagung vor die Seelen der damals 
versammelten Freunde getreten. Die ganze Gestaltung der Anthropo- 
sophischen Gesellschaft, meine lieben Freunde, war dazumal ein Wag- 
nis. Denn durch diesen Saal, in dem diese Weihnachtstagung war und 
begriinden sollte die Neugestaltung der Anthroposophischen Gesell- 
schaft, durch diesen Saal ging das reale, bedeutsame Dilemma: Wird 
es moglich sein, dasjenige, was nunmehr, wenn die Weihnachtstagung 
wahr sein soli in ihrem Fortwirken, wirklich herauszuholen aus den 
geistigen Wei ten und es zur Mitteilung zu bringen? Oder aber werden 
versiegen die Quellen, die der Erforschung der geistigen Welt zu- 
grunde liegen miissen? Aber es mufite diese innere Krisis in der an- 
throposophischen Bewegung da sein, mit vollem Bewufitsein aufge- 
fafit werden. Es mufite diesen beiden Moglichkeiten entgegengeschaut 
werden. 

Heute darf gesagt werden: In der geistigen Welt ist die Entschei- 
dung dahin getroffen worden, dafi gerade seit jener Weihnachtstagung 
die Quellen der geistigen Welt mehr eroffnet sind als vorher, dafi also 
die Grundlagen da sind, wenn sie verstanden werden von der Gesell- 
schaft, um im wesentlichen die anthroposophische Bewegung zu ver- 
tiefen. 

Und es kann ja wirklich gesehen werden - ich habe das schon letzten 
Freitag erwahnt -, wo jetzt auftritt an den verschiedenen Orten der 



mehr esoterische Ton, der durch all unser anthroposophisches Wirken 
seit Weihnachten herrscht, es kann iiberall gesehen werden, dafS die 
Herzen diesem mehr esoterischen Tone entgegenkommen. 

Aber man mochte auch, dafi alles dasjenige, was ich auch mit den 
letzten Worten angedeutet habe, entsprechend verstanden werde. Es 
mufite eben einmal gesagt werden und ist ja von mir auch schon an 
verschiedenen Orten gesagt worden. 



SECHZEHNTER VORTRAG 



Dornach,27. Juni 1924 



Die Auseinandersetzungen iiber das Karma konnen nur langsam und 
allmahlich in das Verstandnis dieser weltgrundlegenden und kompli- 
zierten Gesetzmafiigkeit hineinfiihren. Ich mochte heute zunachst dar- 
auf verweisen, wie wir betonen mufiten, dafi mitarbeiten an der Ge- 
staltung des Karma des Menschen in dem Leben zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt zunachst die Menschen selber, die Menschen, 
die in diesem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind, 
in demjenigen Zustande, den ich da geschildert habe. Zusammen arbei- 
ten da die Menschen mit anderen Menschen, mit denjenigen Menschen, 
mit denen sie vorzugsweise karmisch verbunden sind. So dafi wir in 
der Gestaltung des Karma in dem Leben zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt sehen Menschengruppen, karmisch verbundene Men- 
schengruppen, und wir konnen schon sagen: Deutlich voneinander glie- 
dern sich ab in diesem rein geistigen Leben die Menschengruppen, die 
miteinander etwas zu tun haben. Das schliefit ja nicht aus, dafi wir auch 
in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und insbe- 
sondere in diesem Leben teilhaben an der ganzen Menschheit, dafi wir, 
weil wir innerhalb einer Menschengruppe stehen, oder sagen wir einer 
Seelengruppe, dadurch nicht ausgeschlossen sind von dem Anteilneh- 
men an der Gesamtmenschheit. 

Aber in alle diese Gruppen, bis herein in das individuelle Schicksal 
des einzelnen Menschen, arbeiten die Wesenheiten der hoheren Hier- 
archies Und diese Wesenheiten der hoheren Hierarchien, die also mit 
dem Menschen zusammen karmagestaltend sind zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt, die wirken nun auch herein in dasjenige Le- 
ben, das wir zwischen der Geburt und dem Tode verbringen, indem sich 
ja das Karma auf moralische Art auslebt, im Schicksal der Menschen 
auslebt. Und wir mussen heute einmal die Frage beantworten: Wie 
spielt die Arbeit, das Wirken der Hierarchien eigentlich herein in das 
Leben der Menschen? 

Da mufi man schon sagen, wenn man heute mit Initiationswissen- 



schaft redet, dafi diese Frage eigentlich eine herzeinschneidende ist; 
denn Sie konnen ja schon ahnen, meine lieben Freunde, aus dem, was 
ich im Laufe der letzten Vortrage gesagt habe, dafi das aufiere natur- 
hafte Geschehen im Zusammenhange steht mit dem Karmageschehen 
der Menschheit. 

Derjenige, der seinen Blick eben nicht blofi auf das naturhafte Ge- 
schehen hinwendet, sondern der seinen Blick auf das gesamte kosmisch- 
menschliche Geschehen hinwendet, der sieht den Zusammenhang zwi- 
schen dem, was namentlich innerhalb von Menschengruppen und Men- 
schenmassen auf Erden vorgeht in irgendeinem Zeitalter, und was sich 
in einem anderen Zeitalter als Naturvorgange abspielt. Wir konnen ja 
manchmal hinschauen auf Naturereignisse, die hereinspielen in das 
Erdenleben. Wir schauen hin auf die verheerenden Vulkanausbriiche, 
wir schauen hin auf dasjenige, was durch die naturlichen Elementar- 
ereignisse bewirkt wird in Uberschwemmungen, in ahnlichen Erschei- 
nungen. 

Wir stehen zunachst, wenn wir diese Ereignisse blofi naturhaft auf- 
fassen, doch vor etwas, was unbegreiflich ist gegeniiber dem Gesamt- 
eindrucke, den wir von der Welt erhalten. Denn wir blicken da auf 
Ereignisse, die eben hereinbrechen in die Weltenordnung, und denen 
gegeniiber der Mensch eigentlich gewohnlich so steht, dafi er das Be- 
greifen aufgibt, dafi er nur das Ungliick, die Schicksalsereignisse ein- 
fach hinnimmt. Die geisteswissenschaftliche Untersuchung fiihrt aber 
da schon rein durch sich ein Stiickchen weiter. Denn sie liefert uns 
merkwurdige Anschauungen gerade mit Bezug auf solche elementa- 
rischen Naturereignisse. 

Wirlassen den Blick hinschweifen iiber die Erdoberflache. Wir fin- 
den gewisse Gegenden der Erdoberflache geradezu mit Vulkanen be- 
sat. Wir finden an anderen Stellen der Erdoberflache die Moglichkeit 
erdbebenartiger Katastrophen oder anderer Katastrophen. Und wenn 
wir dann gerade mit Bezug auf solche Dinge die karmischen Zusam- 
menhange verfolgen, wie wir sie in historischer Beziehung fur manche 
historischen Personlichkeiten in den verflossenen Vortragen verfolgt 
haben, dann stellt sich uns etwas sehr Eigentiimliches heraus. Dann 
finden wir die merkwurdige Tatsache: Da oben in der geistigen Welt 



zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben Menschenseelen in 
Gruppen zusammenhangend nach ihrem Karma, ausarbeitend nach 
ihren vergangenen karmischen Zusammenhangen ihre zukiinftigen 
karmischen Zusammenhange. Und wir sehen solche Menschengruppen, 
Gruppen von Menschenseelen bei ihrem Heruntersteigen aus dem vor- 
irdischen Dasein in das irdische Dasein geradezu hinwandern an die 
Orte, die in der Nahe von Vulkanen liegen, oder da Hegen, wo erd- 
bebenartige Katastrophen eintreten konnen, urn dasjenige Schicksal zu 
empfangen aus den elementarischen Naturereignissen heraus, das durch 
soiche Wohnplatze kommen kann. Ja wir finden sogar, daft in diesem 
Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wo der Mensch 
ja ganz andere Anschauungen und Empfindungen hat, von den Seelen, 
die zusammengehoren, zuweilen solche Orte aufgesucht werden, um das 
Schicksal, das man auf diese Weise erleben kann, eben zu erleben. Denn 
dasjenige, was hier auf Erden wenig Anklang findet in unseren See- 
len, etwa der Satz: Ich wahle mir ein grofies Ungluck, um vollkom- 
mener zu werden, weil ich sonst unvollkommen bhebe gegenuber dem, 
was in meinem vergangenen Karma liegt -, dieses Urteil, das, wie ge- 
sagt, wenig Anklang findet innerhalb des Erde'nlebens, es ist da, es ist 
als ein vollgiiltiges Urteil da, wenn wir in dem Leben zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt stehen. Da suchen wir auch einen Vulkanaus- 
bruch, da suchen wir auch ein Erdbeben, um auf dem Wege des Un- 
gliickes den Weg zur Vollkommenheit zu finden. 

Wir miissen uns eben durchaus diese zwei verschiedenen Beurtei- 
lungsarten des Lebens, diejenige von der geistigen Welt aus und die- 
jenige von der physischen Welt aus, zu eigen machen. 

Aber weiter miissen wir uns in diesem Zusammenhange etwa so 
fragen: Da draufien fliefien die Naturerscheinungen ab, die alltag- 
lichen, die den verhaltnismafiig regelmafiigen Gang gehen, insofern 
die Sternenwelt daran beteiligt ist; denn diese Sternenwelt verfliefit 
mit einer gewissen Regelmafiigkeit, namentlich was Sonne und Mond 
anbetrifft, was die iibrigen Sterne betrifft, mit Ausnahme der frag- 
wiirdigen Meteoren- und Kometenwelt, die schon in einer merkwiirdi- 
gen Weise hereinplatzt in das regelmaftige rhythmische Geschehen des 
Kosmos. 



Aber nur eigentlich dasjenige, was wir Wind und Wetter nennen, 
dasjenige, was in Gewitter und Hagelschlagen, iiberhaupt in dem Kli- 
matologischen und Meteorologischen sich hereinmischt in unser na- 
tiirliches Dasein, das durchbricht diesen regelmafligen rhythmischen 
Gang alltaglich. Wir sehen das. Wir sind zunachst diesem aufieren 
Gang der Naturereignisse hingegeben. Dann wohl, wenn wir den Drang 
haben nach dem Geistigen, dann horen wir wohl auch zu, wenn aus der 
Initiation heraus die Mitteilung gemacht wird: Es gibt nicht nur diese 
aufierlich sichtbare Welt, es gibt eine Welt des Obersinnlichen. In dieser 
Welt des Ubersinnlichen leben die Wesen der hoheren Hierarchien. 
Und wir kommen in den Bereich dieser hoheren Hierarchien in dem 
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ebenso, wie wir in 
den Bereich der drei Naturreiche, des mineralischen, des pflanzlichen, 
des tierischen, in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode 
kommen. 

Wir horen uns das an. Wir versuchen uns die Vorstellung zu bilden, 
dafi es sozusagen diese zweite Welt gibt, bleiben dann aber oftmals da- 
bei, die zwei Welten eben einfach nebeneinanderzustellen, sie nicht in 
unseren Vorstellungen miteinander zu verbinden. 

Aber erst dann bekommen wir eine reale Anschauung iiber diese 
beiden Welten, wenn wir sie zusammenschauen konnen, wenn wir ihr 
Zusammenwirken ins Seelenauge fassen konnen. Denn dieses Wirken 
miissen wir ja durchschauen, wenn wir die Gestaltung des Karma ver- 
stehen wollen. In dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Ge- 
burt wird dieses Karma bereitet. Aber durch die Wirksamkeit der ho- 
heren Hierarchien auch in dem Leben zwischen Geburt und Tod wird 
das Karma hier auf Erden ausgebildet. 

Wir miissen uns also fragen: Wie wirken in das Erdenleben herein 
diese hoheren Hierarchien? 

Nun, sehen Sie, diese hoheren Hierarchien wirken in das Erden- 
leben so herein, dafi sie die Vorgange des Irdischen beniitzen, um in die- 
sen Vorgangen des Irdischen zu wirken. 

Wir werden, was da vorliegt, am leichtesten verstehen, wenn wir 
zunachst unseren Blick auf dasjenige hinwenden, was sich eben in der 
Sternenwelt und in der irdischen Welt vor unseren Sinnen ausbreitet. 



Wir schauen wahrend des taglichen wachenden Lebens die Sonne liber 
uns. Wir nehmen wahr in nachtlichen Stunden das Scheinen des Mon- 
des, das Scheinen der Sterne. Vergegenwartigen wir uns einmal, meine 
lieben Freunde, wie wir da hinausschauen in die Welt, wie wir auf un- 
sere Sinne wirken lassen dasjenige, was iiber uns ist, dasjenige, was 
auf der Erde um uns ist in den Naturreichen. Und vergegenwartigen 
wir uns, dafi diese Sinneswelt ja fur sich ebensowenig einen Sinn hat wie 
die Form eines menschlichen Leichnams. Wenn wir im ganzen Um- 
kreis auf dasjenige sehen, was es auf der Erde an Kraften aufSer dem 
Menschen gibt, so finden wir zwar alle die Krafte, die in einem Leich- 
nam sind, aber wir finden nicht die Krafte des lebendigen Menschen. 
Der Leichnam, der vor uns liegt, ist ein Unsinn; er hat nur einen Sinn 
als ein Uberbleibsel vom lebendigen Menschen. Und niemand kann als 
verniinftig angesehen werden, der da glaubt, der Leichnam konnte fur 
sich bestehen als irgendein Zusammenhang von Tatsachen, der in sich 
begriindet ist. Er kann eben nur als Cfberbleibsel da sein, er kann eben 
nur eine Form zeigen, die von etwas ist, das nicht mehr in ihm sichtbar 
ist. Ebenso wie man auf verniinftige Weise vom Leichnam auf den 
lebendigen Menschen gefiihrt werden mufi, ebenso mufi man von alle- 
dem, was man im Umkreise des physisch-sinnlichen Daseins sieht, zur 
geistigen Welt gefiihrt werden. Denn dieses physisch-sinnliche Dasein 
hat eben an sich ebensowenig einen Sinn wie der Leichnam. 

Wie wir vom Leichnam zum lebendigen Menschen hingelenkt wer- 
den in unseren Vorstellungen, wie wir sagen: Das ist der Leichnam eines 
Menschen so sagen wir gegeniiber der Natur: Das ist die Offenba- 
rung gottlich-geistiger Machte. - Kein anderes kann verniinftig sein, 
ja es ist nicht einmal gesund, anders zu denken. Es bezeugt ein krank- 
haftes Denken, wenn man anders denkt. 

Aber was fur eine geistige Welt haben wir zu vermuten hinter dieser 
physisch-sinnlichen Welt? Diejenige geistige Welt, sehen Sie, die wir 
hinter dieser physisch-sinnlichen Welt zu vermuten haben, ist die, wel- 
che wir als die zweite Hierarchie kennengelernt haben: Exusiai, Dy- 
namis, Kyriotetes. 

Die zweite Hierarchie, sie steht hinter alledem, was sonnenbeschie- 
nen ist. Und was ist denn nicht sonnenbeschienen und sonnenerhalten 



im Umkreise desjenigen, was wir durch unsere Sinne darleben? Alles 
ist sonnenbeschienen und sonnenerhalten. 

Diese Wesenheiten der zweiten Hierarchie haben vorzugsweise in 
der Sonne ihren Wohnsitz. Von der Sonne aus beherrschen sie die sicht- 
bare Welt, die ihre Offenbarung ist. So dafi wir sagen konnen: Haben 
wir hier die Erde, haben wir auf die Erde herabschauend irgendwo die 
Sonne, so haben wir hinter dem Sonnenwirken, in dem Sonnenwirken, 
durch das Sonnenwirken das Wirken der zweiten Hierarchie, der Exu- 
siai, Kyriotetes, Dynamis. 




Auf den Strahlungen, die die Taten der zweiten Hierarchie sind, 
werden alle sinnlichen Eindriicke getragen, die auf den Menschen aus- 
geiibt werden konnen, alle die Eindriicke, die wahrend des Tages im 
Wachen an unsere Sinne herankommen. So daft wir in einem gewissen 
Sinne richtig sprechen, wenn wir sagen: In und durch und hinter dem 
Wirken des Sonnenhaften im Umkreise unseres physisch-sinnlichen 
Daseins stent die ubersinnliche Welt der zweiten Hierarchie. 

Nun haben wir einen anderen Zustand unseres irdischen Daseins. 
Wir haben das letzte Mai von einem gewissen Gesichtspunkte aus 
schon uber diesen anderen Zustand gesprochen. Wir haben den Zu- 
stand, wo wir schlafen. Dieser Zustand, wo wir schlafen, wie stellt er 
sich kosmisch, wie stellt er sich im kosmischen Gegenbilde dar? Fassen 
wir das einmal ins Auge. 



Da haben wir - wenn wir dies das Erdoberflachenstuck nennen 
(siehe Zeichnung Seite 278, kreisformige Linie oben), auf dem wir le- 
ben so, dafi wir unseren physischen Leib und unseren Atherleib im Bette 
liegen (links), unseren astralischen Leib und unser Ich draufien haben 
(rechts) -, da haben wir es im Kosmos damit zu tun, dafi die Sonne hin- 
ter dem Irdischen steht, dafi die Erde erst die Sonnenstrahlen durch 
sich durchgehen lassen mufi, bis sie zu uns kommen. Da ist alles Sonnen- 
hafte erdbedeckt. 

Sehen Sie, in alien alten Mysterien gait eine bestimmte Lehre, die, 
wenn man sie in ihrem Inhalte gewahr wird, eigentlich einen tief er- 
schiitternden Eindruck macht. Derjenige, der in ein altes Mysterium 
eingefuhrt worden ist, Schiiler geworden ist, nach und nach in die In- 
itiations wissenschaft hineingekommen ist, der kam auf einer gewissen 
Stufe seiner inneren Entwickelung dazu, dafi er die Eindriicke, die er 
empfing, so charakterisierte - nun, meine lieben Freunde, geben Sie 
acht darauf, wie ich etwa den Monolog eines solchen alten Initiierten, 
den er nach dem Erreichen einer gewissen Initiationsstufe hatte spre- 
chen konnen, jetzt vor Ihnen spreche -, solch ein Initiierter wiirde also 
etwa so gesagt haben: Wenn ich wahrend des Tages auf freiem Felde 
stehe, den ahnenden Blick nach aufwarts richte, mich den Eindriicken 
der Sinne hingebe, so sehe ich die Sonne. Ich nehme sie wahr in ihrer 
blendenden Starke am Mittag, und ich ahne und schaue hinter der 
blendenden Starke der Sonne am Mittag das Wirken von geistigen We- 
senheiten der zweiten Hierarchie im Sonnenhaften. Vor meiner Initia- 
tion schwand hinunter das Sonnenhafte mit dem abendlichen Unter- 
gange der Sonne. In dem Erscheinen der Abendrote verschwand das 
Scheinen der Sonne. Und ich machte vor meiner Initiation den Nacht- 
weg durch, indem Finsternis um mich ward, und am Morgen erinnerte 
ich mich an diese Finsternis, wenn die Morgendammerung kam und 
aus der Morgendammerung heraus wiederum die Sonne erschien, um 
ihren Weg zu machen zur blendenden Helle des Mittags. Jetzt aber, 
nachdem ich die Initiation erlangt habe, ist es so: Wenn ich die Mor- 
genrote erlebe, und die Sonne aus der Morgenrote wiederum zu ihrem 
Tagesgange sich anschickt, wird in mir die Erinnerung an das nacht- 
liche Leben wach. Ich weifi, was ich wahrend des nachtlichen Lebens 



erlebt habe. Ich erinnere mich ganz genau, daft ich geschaut habe, wie 
nach und nach ein blaulich glimmerndes Licht von der Abenddamme- 
rung aus weiterhin ging von Westen nach dem Osten, und wie ich 
schaute, woran ich mich jetzt genau erinnere, um die Mitternachts- 
stunde die Sonne am entgegengesetzten Himmelspunkte, gegeniiber dem 
Punkte, wo sie in ihrer glanzenden Mittagsstarke war, in ihrem Glim- 
men, das so moralisch eindrucksvoll ist, hinter der Erde. Ich habe ge- 
sehen die Sonne um Mitternacht. 

Solch einen Monolog, der vollen Wahrheit entsprechend, haben 
solche Initiierten durchaus in ihrer Meditation ausgesprochen. Denn 
dieses Sprechen eines solchen Monologes war ja nichts anderes als das 
Sich-zum-Bewufitsein-Bringen desjenigen, was da war. Und wenn wir 
noch bei Jakob Bohme in einem Buch lesen, das er geschrieben hat: 
«Die Morgenrote im Aufgang», dann konnen wir daraus den erschiit- 
ternden Eindruck gewinnen, daf5 diese Worte, die in dem Buche «Die 
Morgenrote im Aufgang» stehen, die Oberbleibsel einer wunderbaren 
alten Lehre sind. 

"Was ist die «Morgenr6te im Auf gang» fiir Initiierte? Die «Morgen- 
rote im Aufgang» ist die Veranlassung zu kosmischer Erinnerung an 
das Schauen der Sonne um Mitternacht hinter der Erde, bedeckt von 
der Erde, durchglimmend durch die Erde. Wenn wir die gelbweifte 
Sonnenscheibe hellglanzend am Mittag erblicken im gewohnlichen An- 
schauen, im initiierten Anschauen erblicken wir die blaulich-violette 
Sonne an der entgegengesetzten Stelle des Himmels, indem uns die Erde 
erscheint wie ein durchsichtiger Korper, durch den hindurch eben die 
weifilich-gelbe Sonnenscheibe des Mittags, auf der anderen Seite blau- 
lich-rotlich gefarbt, glimmend erscheint. Aber dieses blaulich-rdtlich 
glimmende Erscheinen - ich mufi das paradoxe Wort aussprechen -, das 
ist ja nicht so, wie es ist. Es ist ja wirklich so, wie wenn wir zunachst, in- 
dem wir diese Sonne um Mitternacht schauen, schauen wiirden etwas, 
was in der Feme undeutlich ist. Und wenn man sich mit der Initiation 
gewohnt, dasjenige, was zunachst wie in der Feme undeutlich erscheint, 
genauer und immer genauer anzuschauen mit dem initiierten Blicke, 
dann wird dasjenige, was da ein blaulich-rotlicher Schein ist, immer 
mehr und mehr Gestalt und Form annehmen, sich iiber den ganzen 




278 



abgewendeten Himmel ausbreiten, der von der Erde bedeckt ist, der 
wird bevolkert. Und so wie, wenn wir in einer sternenhellen Nacht 
aus unserem Haus hinaustreten, uns der majestatische Anblick des Ster- 
nenhimmels gewahrt wird mit den einzelnen funkelnden, leuchtenden 
Punkten, und der Mond vielleicht in der Mitte erscheint, so wird dem 
initiierten Blicke auf der abgewendeten Seite durch die durchsichtig 
gewordene Erde hindurch erscheinend eine ganze Welt, die sich her- 
auserhebt wie aus Wolken, die sich zu lebensgeformten Gestalten bilden: 
Alles dasjenige, was in der zweiten Hierarchie, in der Welt der Exusiai, 
Kyriotetes, Dynamis lebt - da erscheinen sie, diese Wesenheiten! 

Und wenn wir immer genauer und genauer zusehen, wenn wir die 
Seelenruhe gewinnen konnen, da zuzusehen - und das ganze spielt sich 
ja ab nach Vorbereitungen, nach Meditationsvorbereitungen, denn be- 
wufit wird es eigentlich in der Morgendammerung, in der Nacherinne- 
rung, aber da hat man es vor sich, so dafi man weifi, man hat es geschaut 
wahrend der Nacht -, so spielt sich da noch ein anderes ab. Es ist, als 
ob aus dem, was da erscheint auf der abgewendeten Seite der Erde, was 
ich hier andeute in einer solchen wolkenartigen Zeichnung (hell-lila, 
rot und blau), - das ist durchaus alles webende, wesende Welt der We- 
senheiten der zweiten Hierarchie, als ob aus dieser webenden, wesenden 
Welt der zweiten Hierarchie gewissermafien herausstrahlt eine Welt 
anderer Wesenheiten. Ich will schematisch das, was da herausstrahlt, 
durch die Erde zunachst durchstrahlt, so andeuten (gelb). Oh, das ist 
wirklich eine Welt von Wesenheiten, die in dieser Konstellation, in 
dieser nachtlichen Konstellation durch die Erde so durchwirkt, dafi sie 
gewissermafien in ihrem Dasein heranschwebt an den Menschen, weg- 
schwebt - wieder zuruck! Wir sehen die gewissermafien in dieser Linie 
webend-wesenden Wesen der zweiten Hierarchie entlassen, fortwah- 
rend entlassen eine andere Hierarchie, auf und ab schwebend, heran 
zum Menschen, wiederum zuruck. Und wir lernen nach und nach das- 
jenige kennen, was da eigentlich ist. 

Wir haben den ganzen Tag bewufk gelebt, liegen jetzt im Schlafe. 
Das heiftt, unser physischer und unser Atherleib liegen auf sich ange- 
wiesen, wie eine mineralische und pflanzliche Welt wirksam, im 
Schlafe. Aber wir haben den ganzen Tag gedacht, Vorstellungen sind 



den ganzen Tag durch unsere Menschenwesenheit gegangen, sie haben 
ihre Spuren zuriickgelassen im physischen und Atherleib. Wir wiirden 
uns des Morgens nicht erinnern an dasjenige, was die Erlebnisse un- 
seres Erdendaseins waren, wenn nicht zuruckblieben die Spuren der 
Eindrucke, die wir dann heraufholen in den Erinnerungen. Da sind sie, 
diese Spuren, in dem, was vom Menschen in nachtlichen Stunden im 
Bette liegenbleibt, von dem er weg ist. Da spielt sich namentlich im 
atherischen Leibe ein merkwurdiges Geschehen ab: Das Nachklingen, 
Nachwehen, Nachvibrieren, Nachwellen desjenigen, was der Mensch 
wachend vom Morgen bis zum Abend gedacht hat. 

Und wenn Sie dasjenige nehmen, was iiber eine Erdenflache hin 
schlaft auf der Erde, was da alles in diesen - nehmen wir jetzt nur 
zunachst die Atherleiber — , was in diesen Atherleibern webt und west 
als Nachklange desjenigen, was all diese schlaf enden Menschen, die iiber 
eine Erdflache hin schlaf end sind, gedacht haben: so sind das Bilder 
desjenigen, was in den Tagesstunden auf Erden vor sich gegangen ist. 

Und diejenigen Wesenheiten, die da auf und ab schweben, die be- 
schaftigen sich wahrend unserer Schlafstunden mit demjenigen, was da 
als Spuren in unserem Atherleib zuriickgeblieben ist. Das wird ihre 
Welt. Das wird ihre Welt, die ihre Erfahrung jetzt ist, die sie beschaf- 
tigt. Und uns geht die Tatsache auf, vor der wir mit scheuer Ehrfurcht 
stehen: Du hast deinen Leib im Bette zuriickgelassen - da ist er. Er 
tragt in sich die Spuren des Tageslebens. Er ist der Acker deiner Vor- 
stellungsfruchte vom Tage. Diesen Acker betreten die Wesenheiten der 
dritten Hierarchie, Angeloi, Archangeloi, Archai. Da drinnen erleben 
sie, wahrend du aufierhalb deines physischen und Atherleibes bist, das- 
jenige, was durch Menschen wahrend der wachenden Tagesstunden in 
Vorstellungen erlebt worden ist. 

Und wir schauen eben in scheuer Ehrfurcht hin auf eine solche Er- 
denflache, in der Menschenleiber zuriickgelassen sind im Schlafe, und 
hinwandelnd nach demjenigen, was sich da als Nachklange des Tages- 
lebens abspielt: Angeloi, Archangeloi, Archai. Und ein wunderbares 
Leben sehen wir sich vor uns entwickeln, das sich abspielt zwischen 
den Wesenheiten der dritten Hierarchie und unseren hinterlassenen Ge- 
dankenspuren. 



Wir schauen hin auf dieses Feld und vernehmen, wie wir als Men- 
schen in den geistigen Kosmos hineingestellt sind: dafi wir den Engeln 
Arbeit schaffen fur unsere Schlafstunden, wahrend wir wachen. Ja, 
wir schaffen den Engeln Arbeit fur die Schlafstunden, wahrend wir 
wachen. 

Und jetzt geht uns etwas auf iiber unsere Gedankenwelt. Jetzt geht 
uns das iiber unsere Gedankenwelt auf: Ja, diese Gedanken, die dir 
durch den Kopf gehen, die enthalten ja die Friichte, die du in deinen 
eigenen Atherleib und physischen Leib hineinsenkst, welche Engel 
wahrend der nachtlichen Zeit pflikken, um sie hinauszutragen in den 
Kosmos und dort den Weltenwirkungen einzuverleiben. 

Noch ein anderes sehen wir. Wahrend wir sehen, dafi diese Wesen- 
heiten der dritten Hierarchie, Angeloi, Archangeloi, Archai, so heraus- 
schweben aus den Wesenheiten der zweiten Hierarchie und ihrem Tun, 
schauen wir, wie hinter dem Weben (siehe Zeichnung Seite 278, hell- 
lila, unten) Wesenheiten von besonderer Majestat und Grofie sich hin- 
zugesellen zu dem Wirken der zweiten Hierarchie. Wir schauen hin 
auf das blaulich-rotliche Sich-Formen der Wesenheiten der zweiten 
Hierarchie, aber wir sehen hineinspielen wie von hinten her in dieses 
Weben und Leben der zweiten Hierarchie ein anderes, und werden bald 
gewahr, dafi das zum Teil wie blitzartig hineinschlagt (rot) in das We- 
ben und Wesen der zweiten Hierarchie, aber durchschlagt bis nun auch 
in den abgewendeten Teil der Erde hinein und zu tun hat jetzt nicht 
mit dem, was im Bette liegengeblieben ist, sondern mit demjenigen, was 
herausgetreten ist mit unserer Ich-Organisation und unserem astra- 
lischen Leibe. 

Und wie man hinschauen kann auf dasjenige, was im Bette liegen- 
geblieben ist, wie auf ein Feld, wo die Gedankenfriichte des mensch- 
lichen Tageswirkens von den Engeln, Erzengeln und Urkraften ge- 
pfluckt werden fiir das kosmische Weltenwirken, so konnen wir 
schauen, wie sich zu tun machen, gemeinsam ihr Wirken miteinander 
verbindend, die Wesen der zweiten Hierarchie, Exusiai, Dynamis, Ky- 
riotetes, und der ersten Hierarchie, Seraphim, Cherubim, Throne, mit 
unserem Astralleibe und mit unserem Ich. 

Da sagt sich der Initiierte in der Morgenerinnerung: Da habe ich 



gelebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit meinem Ich und mit 
meinem astralischen Leibe. Da fiihlte ich mich wie eingewoben, wie 
einverleibt in dasjenige, was Seraphim, Cherubim und Throne zusam- 
men mit Kyriotetes, Dynamis, Exusiai wirken. Dadrinnen bin ich, und 
da schaue ich hiniiber auf meinen physischen Leib und Atherleib: da 
sehe ich dariiber weben das gelblich-weiflliche Wirken der meine Ge- 
dankenfriichte pflegenden Wesenheiten der dritten Hierarchie, An- 
geloi, Archangeloi, Archai. Verbunden weifi ich mich mit den Wesen- 
heiten der ersten und zweiten Hierarchie. Schauend in machtigen Geist- 
wolken iiber meinem Leibe, den ich verlassen habe, erblicke ich das We- 
ben und Wesen der dritten Hierarchie. 

Und so, meine lieben Freunde, konnen Sie eine konkrete Vorstel- 
lung bekommen, wie in der Initiationsanschauung imaginativ-bildlich 
die Wesenheiten der drei Hierarchien innerhalb des Bildes der phy- 
sischen Welt, nur eben, wenn diese physische Welt in Nacht gehullt 
ist, auf der abgewandten Seite der Erde, erscheinen. Und wir konnen 
uns vorstellen, dafi das Wissen, die Anschauung von diesen erhabenen 
Tatsachen immer mehr und mehr sich einlebte in die Herzen und in die 
Seelen derjenigen, die einmal der alten Initiationswissenschaft teil- 
haftig waren. 

Es kann sich wiederum einleben in die Herzen und Seelen derjeni- 
gen, die eingefuhrt werden in die moderne Initiationswissenschaft. 

Aber stellen wir uns vor, dafi diese machtige Imagination vor des 
Menschen Seele hintritt, so vor des Menschen Seele hintritt, dafi man 
jetzt ihr Dasein in der folgenden Weise aussprechen mufi. Da stelle 
man sich die menschliche Seele vor, leibfrei, befreit vom physischen 
und Atherleib, webend in den Ausstrahlungen der Seraphim, Cheru- 
bim und Throne, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai. Denken wir uns, in 
einem plastischen Gebilde, mit Farben begabt (siehe Zeichnung), wurde 
dieses in einem alten Mysterium dargestellt sein fur die Menge, die nicht 
eingeweiht war; man hatte versucht, dasjenige, was in solcher majesta- 
tischer Grofte der Eingeweihte sah von der abgewendeten Seite der 
Erde, plastisch darzustellen. Und um zu zeigen, daft das zugleich die- 
jenige Welt ist, in der das Karma mit den Wesenheiten der beiden 
hochsten Hierarchien ausgearbeitet wird, hat man an diese Plastik die 




hochsten Initiierten hingestellt, diejenigen, die wahrend ihres Erden- 
daseins schan teilhaftig waren derjenigen Anschauung, in die sonst der 
Mensch eintritt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und es 
stehen also dann die hochsten Initiierten davor (obere Kreise). 

Dann errichtete man eine andere Plastik mit Menschenbildern her- 
um. Da stellte man hin die etwas niedrigeren Initiierten (untere Kreise), 
diejenigen, die es noch zu tun hatten mit dem menschlichen physischen 
und atherischen Leibe. 

Und man hatte, indem man die Menschen hineinfugte in diese Dar- 
stellung, damit ein Abbild desjenigen, was in den Mysterien von den 
Initiierten geschaut wurde. Das war der Anfang des Altars, der um- 
rahmt ist nach vorne und an dem die Kultushandlung verrichtet wird 
von der hohen und niedrigen Priesterschaft, als Abbild desjenigen, was 
geschaut werden kann von der Initiationswissenschaf t. Und heute noch, 
wenn Sie in katholische Kirchen hineingehen, so haben Sie, wenn Sie 
aus dem Schiff der Kirche hinausblicken nach dem Altar, ein schwa- 
ches Abbild desjenigen, was da einmal inauguriert wurde durch die 
Initiationswissenschaft, und Sie bekommen einen Eindruck von der 
Entstehung eines Kultus. Ein Kultus entsteht nicht dadurch, dafi man 
ihn ausdenkt, denn dann ist er kein Kultus. Ein Kultus entsteht da- 
durch, daft er das Abbild ist von demjenigen, was in der geistigen Welt 
vorgeht. 



Wenn ich nur ein Beispiel gebrauchen darf, ich mochte sagen, wenn 
ich neben diesem Kultus, der ja das Umfassendste einer Weihehand- 
lung darstellt, die ich jetzt nicht erortern will, wenn ich nur einen klei- 
nen Kultusausschnitt nehme, der schon eingezogen ist in die Gemein- 
schaft fur christliche Erneuerung und den ja die meisten von Ihnen 
wohl kennen: wenn ich vor Sie hinstelle die Erinnerung an dasjenige, 
was Sie als Totenkultus gesehen haben - als Kultus bei einer Krema- 
tion, wo die meisten von Ihnen da waren, oder bei einer Begrabnis- 
feier -, dieser Kultus, ausgebildet im Sinne unserer Christengemein- 
schaft, was ist das? 

Sie sehen ihn verlaufen, den Kultus. Sie sehen da vorne den Sarg 
stehen, in dem die irdischen Oberreste des Toten sind. Sie sehen davor 
einen gewissen Kultus sich abspielen. Sie horen gebetartige Formeln 
durch den Priester gesprochen. Es konnte auch noch komplizierter 
sein, aber in seiner Einfachheit, so wie es jetzt ist, kann ja schon das- 
jenige, was dadurch erobert werden soli, fur die Menschheit erobert 
werden. Was ist das? 

Meine lieben Freunde, wenn hier ein Spiegel ist, hier irgendein Ge- 
genstand oder ein Wesen, so sehen Sie hier das Spiegelbild darin. Sie 
haben zwei, das Wesenhafte und das Spiegelbild. So haben Sie zwei, 
wenn ein Totenkult sich abspielt. Dasjenige, was der Kult ist, der vor 
dem Sarge durch den Priester gehalten wird, das ist nur eine Spie- 
gelbild. Das ist ein wirkliches Spiegelbild und ware nicht eine Reali- 
tat, wenn es nicht ein Spiegelbild ware. Was spiegelt es? Dasjenige, 
was der Priester hier tut, indem er vor der Leiche steht, seinen Kultus 
verrichtet, das hat sein Ursprungsbild in der anstofienden ubersinn- 
lichen Welt, wo, wahrend wir hier vor dem physischen Leibe und dem 
eigentlich noch immer anwesenden Atherleibe den irdischen Kultus ver- 
richten, der himmlische Kultus verrichtet wird von der anderen Seite, 
von den Wesenheiten der anderen Seite des Daseins, wo das Seelisch- 
Geistige empfangen wird mit dem Empfangskultus, wie wir hier mit 
dem Abschiedskultus vor der Leiche stehen. Nur dann ist ein Kultus 
eine Wahrheit, wenn er diesen realen Ursprung hat. 

Und so sehen Sie, wie in das irdische Leben das iiberirdische Leben 
hereinspielt, das iiberirdische Leben iiberall da ist. Verrichten wir 



einen wahren Totenkult, so korrespondiert diesem Totenkult die iiber- 
sinnliche Handlungsweise. Das wirkt zusammen. Und ist Andacht, 
Wahrheit, Wiirdigkeit in dem Totengebet, so klingen in dem Toten- 
gebet die Gebete der Wesenheiten der hoheren Hierarchien in der iiber- 
sinnlichen Welt mit. Sie vibrieren mit. Da spielt geistige Welt und 
physische Welt zusammen. 

Es spielt iiberall geistige Welt und physische Welt zusammen. So 
spielt sie zusammen in realster Weise, wenn im Irdischen das Abbild 
desjenigen erscheint, was im Uberirdischen zwischen Tod und neuer 
Geburt gewoben wird mit den Wesenheiten der hoheren Hierarchien: 
das Karma. 



SIEBZEHNTER VORTRAG 



Dornach, 29. Junil924 

Nachdem ich vorgestern versucht habe, gewissermaften das kosmisch- 
kultische Bild vor Ihre Seele hinzustellen, das uns darstellt den Men- 
schen in Verbindung mit den Wesenheiten der geistigen Welt, so daft 
aus dieser Verbindung nicht nur die Ausarbeitung des Karma stammt, 
sondern auch das Einleben des Karma wahrend des physischen Erden- 
daseins, mochte ich heute einen Gedanken aufnehmen, der schon an- 
geklungen hat eben in dem vorgestrigen Vortrage. Ich sagte, daft ge- 
rade der gegenwartige Zeitpunkt der Menschheitsentwickelung im tief- 
sten Sinne des Wortes dem Kenner der Initiationswissenschaft weltge- 
schichtlich-karmische Fragen auf die Seele legt. Und ehe wir zu den 
Betrachtungen der Karmaerkenntnis kommen, wollen wir auch noch 
von diesem eigentlich die ganze zivilisierte Menschheit der Gegenwart 
angehenden weltgeschichtlichen Standpunkte das Karma betrachten. 

Es ist ja wirklich so, daft heute Dinge in der Welt vor sich gehen, 
die schon das gewohnliche Bewufttsein, ich mochte sagen das Herz, das 
mit dem gewohnlichen Bewufttsein verbunden ist, nahe beriihren. Ober 
der Zivilisation Europas schwebt eine schwere Wolke, und in gewis- 
sem Sinne ist es eigentlich sogar staunenswert, wie wenig die Mensch- 
heit im allgemeinen sich darauf einlassen will, diese schwere Wolke, 
die iiber der Zivilisation Europas schwebt, zu fiihlen, zu empfinden. 

Wir brauchen zunachst nur an alles das zu denken, was heute aus 
einer gewissen Lebensanschauungsart grofter Teile der Menschheit her- 
vorgeht. Sehen wir nur hin nach dem, was im Osten Europas aus dem 
Christentum gemacht worden ist, sehen wir hin, wie ja in nicht ganz 
unglaubhafter Weise zu uns nun die Kunde dringt, daft von dem ge- 
genwartigen Regime Sowjetruftlands Tolstois Schriften eingestampft 
werden sollen, unsichtbar gemacht werden sollen fiir alle Zukunft. 
Wenn auch natiirlich solche Dinge nicht gleich in der Art zutage treten, 
wie es angekiindigt wird, so diirfen wir uns doch nicht dem Ernste des 
Augenblicks verschlieften, des weltgeschichtlichen Augenblicks, in dem 
wir leben, und wir sollten die Mahnung der Initiationswissenschaft 



horen, die sie eigentlich taglich geben mochte: dafi heute schon die Zeit 
ware, wo die mannigfaltigsten kleinen Angelegenheiten, die die Men- 
schen beschaftigen, ein wenig schweigen sollten und moglichst viele 
Seelen sich den grofien Angelegenheiten zuwenden sollten. Das Inter- 
esse fur die grofien Angelegenheiten ist aber eher im Schwinden als im 
Zunehmen begriffen. 

Und so sehen wir, wie heute Weltanschauungen, die schaffend auf- 
treten - wenn das auch Schaffen im Vernichten ist -, rein herausgebo- 
ren sind aus einem leidenschaftlichen, emotionellen Menschheitsele- 
mente, aus einem Menschheitselemente, das durchaus auf luziferischen 
Bahnen wandelt. Und wir haben bei einem grofien Teile der Mensch- 
heit heute zu verzeichnen, dafi abgewiesen wird alles, was Realitat ist: 
denn es ist ja nicht wahr, dafi von den materialistischen Weltgestalten 
die Materie anerkannt wird. Die Materie erkennt man ja nur dann an, 
wenn man den schaffenden Geist innerhalb der Materie gewahr wird. 
Wer also den schaffenden Geist in der Materie ableugnet, erkennt ja 
auch die Materie nicht an, sondern ein Gotzenbild von der Materie. 

Der Gotzendienst, der auf diese Weise entsteht, ist ein viel greu- 
licherer als der Gotzendienst einer primitiven Menschheit, von dem als 
einem Kindheitsstadium der Zivilisation so oft gesprochen wird. Phan- 
tastische Vorstellungen von einem Nichtwirklichen beherrschen ja auf 
der einen Seite die Menschheit. 

Gewifi, solche Dinge waren mannigfaltig da in der weltgeschicht- 
lichen Entwickelung der Menschheit. Aber gerade die geisteswissen- 
schaftliche Betrachtung, wie solche Dinge mit dem Ganzen der Welt- 
ordnung zusammenhangen, macht darauf aufmerksam, wie ernst eine 
Betrachtung iiber diese Dinge eigentlich sein miifite. 

Und so miissen wir schon einmal den Blick auf dasjenige hinwen- 
den, was dadurch entsteht, dafi gewissermafien soziale Weltenordnun- 
gen unter dem Einflufi materialistisch-phantastischer Vorstellungen 
geschaffen werden, die ganz und gar aus der verirrten Menschennatur 
herausgeboren sind, die nichts mit irgendeiner Realitat zu tun haben, 
die nirgends urstanden als im Menschen selber. 

Nachdem wir in dieser Weise ein Historisches, das aber ein Gegen- 
wartiges ist, hingestellt haben, stellen wir ein Natiirlich-Elementa- 



risches hin, auf das wir auch schon das letzte Mai hingewiesen haben, 
ein Natiirlich-Elementarisches, wie es dann zutage tritt, wenn Men- 
schengruppen durch elementarische Naturereignisse, Erdbeben, Vul- 
kanausbruche oder ahnliches, plotzlich aus dem irdischen Dasein her- 
ausgerissen werden. 

Da erfahren wir, eine solche elementarische Katastrophe habe in der 
Welt stattgefunden. Eine grofie Anzahl von Menschen habe dabei den 
Tod gefunden oder sei in dem Leben sonst beeintrachtigt worden. 

Dann sehen wir von solchen elementarischen Naturereignissen auf 
dasjenige hin, was mehr zusammenhangt mit unserer ganzen Kultur. 
Wir sehen zum Beispiel, wie durch dieses oder jenes Eisenbahnungliick 
sich karmische Wirkungen ausgestalten, wo wiederum, jetzt durch 
Kultureinrichtungen, gewissermafien jah abgeschnitten wird der Le- 
bensfaden in der karmischen Auswirkung. Und nehmen wir die Be- 
trachtung des Karma ernst, so miissen wir auf der einen Seite fragen: 
Wie stellt sich das Karma dann, wenn rein Emotionelles, Phantasti- 
sches, das nur im Inneren des Menschen Dasein hat, nicht aufierlich 
lebt, wenn sich bei den Teilnehmern an einer solchen sozialen Erden- 
ordnung Karma da nun auslebt? Und wie gestaltet sich das Karma, 
wenn der Lebensfaden jah durch natiirliche oder zivilisatorische Ele- 
mentarereignisse abgeschnitten wird? 

Hier liegt einer der Punkte, meine lieben Freunde, an dem in der 
Tat die Initiationswissenschaft tief einschlagt in das menschliche Ge- 
fiihls- und Gemiitsleben. Fur das gewohnliche Bewufksein entstehen ja 
die Fragen nicht: Wie lebt sich so etwas in den aufeinanderfolgenden 
Erdenleben der Menschen aus? - Und fur das gewohnliche Bewufksein 
entsteht nicht, namentlich nicht bei elementaren Zivilisationskatastro- 
phen, die Frage nach dem menschlichen Schicksal im weiteren Sinne. 
Denn man halt ja im gewohnlichen Bewufksein sozusagen das Schick- 
sal bei einem Menschen fur abgeschlossen, den eine solche Katastrophe 
befallen hat. 

Initiationswissenschaft hat ja auf der einen Seite das, was sich ge- 
wisserma/Sen im Vordergrunde des Lebens auf der Erde bei den Men- 
schen abspielt, und sie hat im Hintergrunde schaubar dasjenige, was 
sich als die Taten der Gotter mit den Menschenseelen abspielt. Und 



gerade aus dem, was sich im Hintergrunde abspielt, erhalt Initiations- 
wissenschaft ihre Vorbedingungen fiir ihre Schatzung des Erdenlebens. 
Denn wir werden in der weiteren Karmabetrachtung sehen, wie gerade 
im Erdenleben sich manches in der einen und der anderen Weise gestal- 
ten mufi, damit die Dinge, die hinter den Erdenleben gottlich sind, 
menschlich gestaltet werden konnen, allerdings auch nach dem Willen 
der Gotter. 

Denn sieht man nach dem Hintergrunde, so sieht man allerdings 
alles das, was Menschenseele mit Menschenseele karmisch gestaltet zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt. Man sieht auch das zusam- 
menfassende Wirken der Menschenseelen mit den Wesenheiten der 
hoheren Hierarchien, wie wir das angefuhrt haben; aber man sieht auf 
der anderen Seite iiberall das Hineinspielen luziferischer und ahri- 
manischer Machte. Man sieht innerhalb jenes Gotterorganismus, der 
hinter dem Erdenorganismus steht, die Berechtigung des Hineinspielens 
luziferischer und ahrimanischer Wesenheiten. Man weifi, fiir die tiefere 
Geistordnung der Welt miissen Luzifer und Ahriman da sein. Und 
trotzdem man dieser Notwendigkeit gegeniibersteht, sieht man manch- 
mal mit tiefster Bestiirzung das Luziferische und Ahrimanische herein- 
ragen in die irdische Welt. Dafi mancherlei zusammengeschaut werden 
mufi, wenn man den Blick ausdehnt uber die irdische Welt hinein ins 
Geistige, was fiir das gewohnliche Bewufitsein nicht zusammengeschaut 
zu werden braucht, das ist dasjenige, auf das man aufmerksam sein 
soil. 

Und daher war es auch, dafi, wenn in alten Zeiten, wo die Initia- 
tionswissenschaft schon so heilig war in ihrer Art, wie sie es wieder- 
um werden soil, dafi in jenen alten Zeiten, wenn irgendwo die Frage 
entstanden ist, ob einer ein Initiierter ist, die Menschen wufiten, wie sie 
sich einer solchen Sache entsprechend zu verhalten hatten. Und wenn 
auf dem Lebenswege ein Mensch, der das Leben ernst nahm, einen an- 
deren traf, der das Leben auch ernst nahm, sie aber yerschiedener 
Meinung waren uber einen Initiierten, dann konnte man in jenen alten 
Zeiten oftmals - wenn Unwissenheit herrschte bei dem einen, ob irgend- 
eine dritte Personlichkeit ein Initiierter ist - das Wort horen: Hast du 
ihm denn auch in die Augen geschaut? - Denn an dem, was durch die 



Vertiefung des Lebensernstes der Blick erhalt, an dem wurden in alten 
Zeiten, in denen hellseherische Zivilisationen iiber die Erde hin waren, 
die Initiierten erkannt. Und etwas Ahnliches wird schon wieder werden. 
Man wird wiederum, ohne dafi deshalb der Humor des Lebens verlo- 
renzugehen braucht, zu dem Ernste des Lebens zuriickkehren miissen. 

Es kann ja aber wirklich mancherlei von dem heraufgeholt werden, 
was jetzt geschieht, in Verbindung mit dem, was allerdings zu alien 
Zeiten geschehen ist, was aber jetzt wie ein grofies Ratsel vor die 
Menschheit hintreten mufi. Denn sehen wir uns einmal den Tatbestand 
an. Malen wir uns irgendeinen Tatbestand hin. 

Wir haben irgendeine Gegend von einem machtigen Erdbeben be- 
troffen. Zahlreiche Menschen gehen gemeinsam zugrunde. Wenn man 
die Sache vom Standpunkte der Geisteswissenschaft betrachtet, so 
kann man nicht etwa immer sagen, bei diesen Menschen sei der kar- 
mische Faden fur dieses Erdenleben vollig abgelaufen. Schauen wir 
hin nach dem karmischen Faden dessen, was da zugrunde geht. Fur 
alte Leute, die allerdings ihr irdisches Karma fur dieses Leben bald aus- 
gelebt haben wurden, wird der Lebensfaden vielleicht nur um Monate 
oder um wenige Jahre gekiirzt. Jiingere Leute, in der Vollkraft des 
irdischen Lebens, die viel daran gedacht haben, was sie in den nachsten 
Jahren vollbringen wollten fur sich, ihre Familie, fiir eine weitere 
Menschheit, werden verkiirzt in ihrem Lebensfaden um viele Jahre. 
Kinder, die eben in der Erziehung begriffen sind, fiir die man an der 
Seele tun will, was sie eben in das Menschenleben einfiihren soli, sie 
werden neben alten Leuten weggerissen vom irdischen Dasein. Saug- 
Hnge, die kaum der Mutterbrust entwachsen sind, und solche, die es 
noch nicht sind, werden mit alten und jungen Leuten hinweggerissen. 
Da entsteht das grofte Ratsel: Wie wirkt da Karma in einem solchen 
Ereignisse? 

Und schauen wir auf den Unterschied hin, der da besteht zwischen 
einem solchen elementarischen Ereignisse und einem durch die Zivi- 
lisation hervorgerufenen Elementarereignisse, etwa einer groften Eisen- 
bahnkatastrophe: es ist schon ein Unterschied, ein Unterschied, der ge- 
rade dann wichtig und wesentlich wird, wenn man die Betrachtung 
auf den Boden des Karma bringt. 



In der Regel wird es so sein, dafi, wenn durch irgendein Erdbeben 
Menschen gemeinschaftlich zugrunde gehen in der Art, wie ich es 
eben geschildert habe, sie in irgendeiner Weise karmisch verkniipft 
sind - so wie eben die Menschen, die gemeinsam eine Gegend bewoh- 
nen, mehr oder weniger doch in der Regel karmisch verkniipft sind, 
jedenfalls etwas miteinander zu tun haben -, so dafi sie in einem gewis- 
sen gemeinsamen Lebensschicksale, in das sie hineingetragen worden 
sind dadurch, dafi sie alle herabgestiegen sind an einem gewissen Er- 
denort von dem vorirdischen Dasein zum irdischen Dasein, in diesem 
gemeinsamen Lebensschicksale der Zerreiflung ihres Lebensfadens ent- 
gegengehen. 

Sehen wir dagegen eine Eisenbahnkatastrophe, so werden wir in 
der Regel finden, dafi nur wenige von den Menschen, die diese Eisen- 
bahnkatastrophe trifft, eigentlich zusammengehoren. Wer findet sich 
denn in einem Eisenbahnzuge zusammen? In der Regel nicht Men- 
schen, die irgend etwas miteinander zu tun haben, sondern die nur 
zusammengetragen, zusammengefiihrt werden, ohne gerade irgendwie 
auch nur ein solches Band zu haben, das ganz gewifi immer da ist, wenn 
eine Erdbebenkatastrophe irgendeine Gegend trifft. Man mochte sa- 
gen, von dem Schicksal werden an einen Fleck zusammengetragen die- 
jenigen, die gemeinschaftlich bei einer Eisenbahnkatastrophe zugrunde 
gehen. Sehen wir da nicht ein ganz verschiedenes Waken des Karma 
in dem einen und in dem anderen Falle? 

Und blicken wir hin mit dem Auge der Initiationswissenschaft auf 
eine solche verheerende Erdbebenkatastrophe. Wir erblicken durchaus 
da nicht Menschen, welche bei ihrer Geburt ihr Karma so zugeschnit- 
ten hatten, dafl der irdische Lebensfaden in derjenigen Zeit ablaufen 
mufite, wo die gemeinsame Katastrophe eintrat. Die Menschen wur- 
den gewissermaflen durch ein solches Ereignis aus ihrem Karma her- 
ausgerissen. 

Wie konnten sie herausgerissen werden? Nach der Gotter Rat- 
schlufi ist das Ausleben des Karma dasjenige, worauf es ankommt. Se- 
hen Sie, alles, was in solchen Naturereignissen wie Erdbeben, Vulkan- 
ausbruchen, Oberschwemmungen und dergleichen, eintritt, das liegt 
nicht im fortdauernden Gang der naturgesetzlichen Erdenentwicke- 



lung, sondern da greift, allerdings nach Naturgesetzen, in die Erden- 
entwickelung etwas ein. 

Dasjenige, was da eingreift in die Erdenentwickelung, das war ein- 
mal der Entwickelung giinstig, notwendig, forderlich in der Zeit, als 
die Menschheit nicht in der heutigen Form der Geburt und dem Tode 
unterlag. Und wollen wir uns etwas Bestimmtes unter dem eben Ge- 
sagten vorstellen, dann blicken wir in die alte Mondenzeit zuriick. In 
der alten Mondenzeit, die der Erdenzeit vorangegangen ist, unterlag 
der Mensch nicht so der Geburt und dem Tode, da$ er wie durch einen 
jahen Obergang durch eine Geburt respektive durch eine Empfangnis 
hereingefuhrt wurde ins physische Dasein und durch den Tod hinaus- 
gefuhrt wurde aus dem physischen Dasein. Der Ubergang war ein viel 
sanfterer. Es war mehr eine Transformation, eine Metamorphose, als 
ein Sprung. Der irdische Mensch, eigentlich der mondliche Mensch, 
war nicht so materiell wie der heutige. Der Mensch in der geistigen 
Welt war nicht so vergeistigt wie der heutige. 

Das, was so als Menschheit auf dem Monde lebte, das brauchte auch 
ganz andere Naturgesetze - Naturgesetze, welche das Mondenleben in 
einer unabanderlichen Bewegung zeigten, innerlich bewegt und spru- 
delnd, wellend, wogend. Was dazumal innerlich sprudelnd, wellend, 
wogend war, es ist heute zum Teil, aber auch nur zum Teil in dem 
Mond, der unser Begleiter im Weltenall ist, Erstarrtes. Aber das Er- 
starrte des Mondes, das eigentlich eine Verhornung ist, weist zuriick auf 
alte innerliche Beweglichkeit des Mondes. Die macht sich im irdischen 
Wirken geltend, wenn solche Elementarereignisse auftreten, wie ich sie 
angefiihrt habe. Da sind nicht die gewohnlichen Erdennaturgesetze 
tatig, da beginnt der alte Mond, der allerdings in der fur ihn heute be- 
rechtigten Gestalt drau&en im Weltenall kreist, der aber Krafte zu- 
riickgelassen hat in der Erde, nachdem er von ihr ausgetreten ist, zu 
rumoren. 

Und nun erinnern Sie sich, wie ich auseinandergesetzt habe, da$ 
mit dem Karma des Menschen diejenigen Wesenheiten zusammenhan- 
gen, die einstmais die grofien Urlehrer der Menschheit waren, die der 
Menschheit die urspriingliche grofie Weisheit gebracht haben, die nicht 
in einem physischen Korper auf Erden iebten, sondern in einem athe- 



rischen, und die in einem bestimmten Zeitpunkte von der Erde ausge- 
zogen sind und heute den Mond bewohnen, so daft wir sie in derjenigen 
Zeit treffen, in der Anfangszeit, die wir durchmachen zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt. Das sind die Wesenheiten, die mit einer 
richtigen inneren seelisch-geistigen Schrift tief in den Weltenather ein- 
schreiben, was Menschenkarma ist. 

Aber es gibt, ich mdchte sagen, eine Verschworung im Weltenall, 
die darinnen gipfelt, dafi nicht nur das benutzt wird, was mit dem 
heute berechtigten Monde unsere Erde begleitet, sondern auch das- 
jenige, was als Mondenhaftes rumorend in der Erde zuriickbleiben 
kann, zuriickgeblieben ist. Das aber wird von den ahrimanischen Mach- 
ten benutzt. Und da konnen ahrimanische Machte in den Lebensfaden 
der Menschheit eingreifen. Und so kann man auch sehen, wie ahrima- 
nische Machte es sind, die ihr in einem solchen Falle wolliistig befriedig- 
tes Antlitz hervorstrecken aus den Tiefen der Erde, wenn solche Na- 
turkatastrophen eintreten. 

Daher sieht man mit Hilfe der Initiationswissenschaft in einem sol- 
chen Falle, wie der Mensch, der dabei zugrunde geht, einen Teil seines 
Karma abgewickelt hat, bis zu dem Momente, wo der Lebensfaden jah 
abgeschnitten wird. Dann ware noch vorhanden ein Stuck des Lebens, 
ein groiSeres oder geringeres Stiick, je nachdem Greise, Erwachsene oder 
Sauglinge hinweggerissen werden aus dem Leben; dann ware die Mog- 
lichkeit vorhanden, dafi der Lebensfaden, das ganze Leben in seinen 
Ereignissen weiter fortginge - und jah greift ein, gerade in die physische 
Organisation des Menschen, wie in einen Augenblick zusammenge- 
drangt dasjenige, was hatte geschehen sollen diese ganze Zeit hindurch. 

Denken Sie einmal, meine lieben Freunde, was da eigentlich vorliegt. 
Nehmen wir an, ein Mensch mit dreifiig Jahren wird von einer solchen 
Katastrophe erfafit. Er hatte, wenn er von der Katastrophe nicht er- 
f afk worden ware, nach seinem Karma meinetwillen das fiinfundsech- 
zigste Jahr erreicht. Es liegt eine Fiille von Ereignissen, die er durch- 
gemacht hatte im Leben, vor. Die sind alle nur der Moglichkeit nach 
da. Aber in seinem Karma, in der Konstitution seines atherischen, seines 
astralischen Leibes, in der Konstitution seiner Ich-Organisation liegt 
das alles darinnen. Und was ware gewesen bis zum fiinfundsechzigsten 



Jahre? Neben dem Aufbauen ware fortwahrend der Organismus abge- 
baut worden; ein langsamer Abbau hatte stattgefunden, bis der Abbau 
vollendet gewesen ware im fiinfundsechzigsten Lebens jahre, ein Abbau, 
subtil und langsam. 

Dieser langsame Abbau, der noch fiinfunddreifiig Jahre umfaflt 
hatte, der in dem langsamen Tempo vor sich gegangen ware, das einem 
solch langeren Verlaufe entspricht, wird gewissermafien in einem 
Augenblicke vollzogen, zusammengedrangt in einen Augenblick. Das 
kann man dem physischen Leibe beifugen. Das kann man nicht dem 
atherischen, nicht dem astralischen Leib, nicht der Ich-Organisation 
beifugen. 

Und anders als mit ausgelebtem Karma betritt ein Mensch, wenn 
das vorliegt, was hier geschildert worden ist, die geistige Welt. Es wird 
dadurch etwas hineingetragen in die geistige Welt, was sonst nicht 
darinnen ware: ein atherischer Leib, der noch auf Erden hatte sein kon- 
nen, ein Astralleib, eine Ich-Organisation, die noch auf Erden hatten 
sein konnen. Statt dafi sie auf Erden verbleiben, werden sie in die gei- 
stige Welt hineingetragen. Fur Irdisches Bestimmtes wird in die gei- 
stige Welt hineingetragen. Und so sehen wir von jeder solchen elemen- 
tarischen Katastrophe in die geistige Welt irdisches Element einflieften. 
Menschen, die in dieser Weise in ihrem Karma durch die ahrimanischen 
Machte abgebogen worden sind, sie kommen also in diesem Zustande in 
der geistigen Welt an. 

Nun miissen wir uns eine Frage vorlegen, die aus dem hervorgeht, 
meine lieben Freunde, daft wir ja lernen miissen, wenn wir Geisteswis- 
senschaft ernsthaftig nehmen, vom Gesichtspunkte der geistigen Welt 
und der geistigen Wesenheiten in der geistigen Welt gerade so zu fra- 
gen, wie man mit dem gewohnlichen Bewufttsein f ragt fur die physisch- 
irdische Welt und die Wesenheiten der physisch-irdischen Welt. Daher 
darf die Frage aufgeworfen werden: Wie nehmen es die Wesenheiten 
der drei Hierarchien auf, dafi zu ihnen Menschen hinaufkommen, die 
in dieser Weise Irdisches in die geistige Welt hinauftragen? 

Und es entsteht fur diese Wesenheiten die Aufgabe, dasjenige, was 
da scheinbar zum t)blen gewendet ist, was scheinbar gegen die Welten- 
ordnung gewendet ist, wiederum in die Weltenordnung hineinzubrin- 



gen. Zu rechnen haben die Gotter nun mit dem, was da vorliegt, um 
das Ahrimanisch-Bose in ein hoheres Gutes zu verwandeln. Wir kom- 
men dann zu der Vorstellung, in welcher Art fur die Weltenordnung 
in bezug auf irgendeine Sache diejenigen Menschen besonders auser- 
sehen sind, die in einer solchen Art in der geistigen Welt ankommen, 
wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen sind. Da liegt fur die 
geistigen Wesenheiten der hoheren Hierarchien das Folgende vor. 

Da haben sich solche Wesenheiten zu sagen: Da war ein Mensch in 
seiner vorigen Inkarnation. Durch diese vorige Inkarnation und das, 
was ihr vorangegangen ist im Gesamtleben des Menschen, hat sich 
eine gewisse Tatsachenwelt vorbereitet, eine Welt von Erlebnissen in 
der gegenwartigen Inkarnation. Von dem, was sich da vorbereitet hat, 
ist aber nur der erste Teil zum Ausdruck gekommen, der zweite Teil 
kommt nicht zum Ausdruck. Daher haben wir hier einen Teil eines 
menschlichen Lebenslaufes, der eigentlich karmisch entsprechen sollte 
diesem Lebenslauf hier (es wird gezeichnet), der ihm aber nicht ent- 
spricht, sondern wir haben nur ein Stuck hier. Das eine Stuck hier ent- 
spricht also irgendwie dem friiheren Erdenleben, aber nicht dem vol- 
len friiheren Erdenleben. 

Da haben denn die Gotter hinzuschauen auf dieses friihere Erdenle- 
ben und zu sagen: Da ist etwas, was nicht Wirkungen erfahren hat, die 
es erfahren sollte. Da sind unverbrauchte Ursachen. Und dasjenige, 
was da als unverbrauchte Ursachen vorhanden ist, das konnen jetzt 
die Gotter nehmen, herantragen an den Menschen und ihn damit ge- 
rade in bezug auf seine Innerlichkeit fur das nachste Erdenleben ver- 
starken. So dafi gewissermafien die Gewalt dessen, was da als Ursache 
gewaltet hat in einer friiheren Inkarnation, jetzt um so wuchtiger in 
ihm hervorbricht in der nachsten Inkarnation. Da tritt dann der 
Mensch, wahrend er sonst, wenn ihn nicht eine solche Katastrophe be- 
fallen hatte, vielleicht mit geringwertigen Fahigkeiten hatte in der 
Welt auftreten konnen, oder auch wohl mit Fahigkeiten, die auf einem 
ganz anderen Gebiete gelegen waren, als sie dann liegen, wenn er eben 
in der nachsten Inkarnation auftritt, da tritt der Mensch als ein an- 
derer auf zum Ausgleiche des Karma. Aber er tritt auch auf mit beson- 
deren Eigentumlichkeiten. Denn gewissermafien ist sein astralischer 



Leib verdichtet, weil unverbrauchte Ursachen in ihn eingegliedert 
sind. 

Konnen Sie sich da verwundern, meine lieben Freunde, dafi die Le- 
gende existiert von einem Philosophen, der sich selber in den Krater 
eines Vulkans gesturzt hat? Was kann die Ursache sein fur einen sol- 
chen Entschluft bei jemandem, der in die Geheimnisse der Welt ein- 
geweiht ist? Da kann nur die Ursache vorliegen, daft da durch mensch- 
lichen Willen selber etwas herbeigefiihrt wird, was sonst nur herbei- 
gefiihrt werden kann durch elementare Naturereignisse: das plotzliche 
Hinweggerafftwerden dessen, was langsam noch erst hinweggerafft 
werden sollte. Und so kann wohl dasjenige, was von einem solchen 
Philosophen erzahlt wird, der Absicht entspringen, mit besonderen 
Fahigkeiten in einer nachsten Inkarnation in der Welt zu erscheinen. 
Die Welt bekommt eben eine andere Gestalt, wenn wir in solcher Weise 
auf die tiefen Fragen des Karma eingehen. 

So sehen wir zunachst, ich mochte sagen, prinzipiell, wie es sich 
mit solchen elementarischen Katastrophen verhalt. Aber sehen wir 
nach einem anderen hin. Sehen wir darauf hin, wie in einer Zivilisa- 
tionskatastrophe durch das ahrimanische Wesen Menschen, die nicht 
sehr stark karmisch verbunden sind, gewissermafien auf einen Haufen 
zusammengetrieben werden, um einen gemeinschaftlichen Untergang 
zu finden. 

Der Fall liegt dann ganz anders. Auch da haben wir die ahrima- 
nischen Machte im Spiele, aber mit Menschen, die zunachst mit den 
karmischen Faden nicht als Gruppen zusammenhangen, die aber aller- 
dings gerade dadurch wieder zusammengefiihrt werden. Und jetzt tritt 
etwas ein, was sich von dem anderen bei Naturkatastrophen wesentlich 
unterscheidet. 

Eine Naturkatastrophe ruft in dem Menschen, der von ihr befal- 
len wird, eine verscharfte Erinnerung an alles dasjenige hervor, was 
in seinem Karma als Ursache enthalten ist. Denn wenn der Mensch 
durch die Pforte des Todes tritt, wird er eben erinnert an alles, was in 
seinem Karma enthalten ist. Eine Verstarkung davon, eine deutliche 
Erinnerung tritt in der Menschenseele durch eine Naturkatastrophe 
ein, bei der der Mensch zugrunde geht. 



Eine Eisenbahnkatastrophe, iiberhaupt eine zivilisatiorische Kata- 
strophe ruft im Gegenteil Vergessen des Karma hervor. Dadurch aber, 
dafi Vergessen des Karma auftritt, tritt eine starke Empfanglichkeit 
auf fur die Eindriicke, die der Mensch nach dem Tode neu hat aus der 
geistigen Welt. Und die Folge davon ist, dafi ein solcher Mensch jetzt 
sich selber fragen mufi: Wie steht es mit dem, was unverbrauchtes Kar- 
ma in mir ist? 

Und wahrend insbesondere die intellektuellen Eigenschaften eines 
Menschen bei einer Naturkatastrophe in seinem Astralleibe verdichtet 
werden, werden die Willenseigenschaften des Menschen bei Zivilisa- 
tionskatastrophen verdichtet und verstarkt. So wirkt das Karma. 

Nun aber schauen wir hinweg von diesen Katastrophen. Schauen 
wir auf das hin, was durch eine Gruppe von Menschen in fanatischer 
Weise an Emotionellem entwickelt wird, wie ich es charakterisiert 
habe, wo nur dasjenige sich auswirkt, was aus dem Menschen kommt, 
wo der Mensch ganz im Irrealen lebt und noch dazu zerstorend wirkt. 
Sehen wir uns solch ein phantastisch verzerrtes Zivilisationsgebilde an, 
als das der heutige europaische Osten nach dem Westen hinblickt, und 
sehen wir darauf hin, was da geschieht, wenn Menschen, die solchen 
Zusammenhangen angehoren, durch die Pforte des Todes ziehen. 

Da wird auch in die geistige Welt, geradeso wie bei den anderen 
Katastrophen, etwas hineingetragen. Aber Luziferisches wird hinein- 
getragen. Dasjenige wird hineingetragen, was in der geistigen Welt 
verfinsternd und verheerend wirkt. Denn bei Naturkatastrophen und 
Zivilisationskatastrophen ist es immerhin Helligkeit, die von der irdi- 
schen Welt in die geistige hineingetragen wird. Aus Zivilisationsver- 
irrungen wird Finsternis in die geistige Welt hineingetragen. Die Men- 
schen treten ein durch die Pforte des Todes in die geistige Welt wie in 
einer schweren, f insteren Wolke, in der sie ihren Weg durchzumachen 
haben, Denn das Licht, das Luzifer in den Emotionen der Menschen 
auf Erden anstiftete, das wirkt als die dichteste Finsternis in der geisti- 
gen Welt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes in diese geistige 
Welt eingetreten ist. Und hinein kommen in die geistige Welt diejenigen 
Krafte, die aus dem Inneren des Menschen gewissermafien in diese gei- 
stige Welt hineinkommen; Leidenschaften, die nur im Menschen selber 



wirken sollten, werden hineingetragen in die geistige Welt, strahlen in 
der geistigen Welt. 

Das wiederum sind solche Krafte, die sich durch Ahrimans Macht 
in der geistigen Welt umgestalten lassen dazu, eben die Mondenent- 
wickelung, die in der Erde noch vorhanden ist, zu beniitzen. Hier 
reicht wirklich Luzifer dem Ahriman die Hand. 

Was durch blofie emotionelle Kulturimpulse hinaufgetragen wird 
in die geistige Welt, aber eigentlich nur aus dem verirrten irdischen Be- 
wufksein entsteht, das ist dasjenige, was umgestaltet in Vulkanaus- 
briichen, in Erdbeben aus dem Inneren der Erde nach oben lodert. Und 
wir lernen aus solchen Voraussetzungen heraus die Frage stellen nach 
dem Erdenkarma, nach dem Vdlkerkarma, und damit auch nach dem 
individuellen Menschenkarma, insofern dieses individuelle Menschen- 
karma verknupft ist mit Volkerkarma, mit Erdenkarma. Wir lernen 
die Frage so stellen, dafi wir Saaten suchen in luziferischen Auswir- 
kungen in irgendeinem Erdengebiete, wo alte Kultur zerstort wird aus 
Menschenemotionen heraus, wo wilde Instinkte phantastisch Neues 
schaffen wollen, aber nur zerstorend wirken konnen. Und wir miissen 
uns fragen: Wo auf der Erde wird einstmals feuerlodernd oder boden- 
wellend dasjenige hervorbrechen, was jetzt in den wilden Leidenschaf- 
ten der Menschen lodert? 

Initiationswissenschaft darf und mufi, wenn sie auf manches Ele- 
mentarereignis hinschaut, ihre Frage stellen: Wann ist dieses Elemen- 
tarereignis vorbereitet worden? In Kriegsschauern und Kriegsgreueln, 
in anderen Greueln, welche innerhalb der zivilisatorischen Entwicke- 
lung der Menschen aufgetreten sind! Denn so hangen die Dinge zu- 
sammen. Das sind die Dinge, die sich im Hintergrunde des Daseins voll- 
ziehen. Vor einer solchen Betrachtung bleiben nicht vereinzelt die Er- 
eignisse stehen, die da hervortreten. Sie erscheinen im grofien Welten- 
zusammenhange. Aber wie stellen sie sich in die einzelnen Menschen- 
schicksale hinein? Nun, meine lieben Freunde, die Gotter sind ja da, die 
mit der Menschheitsentwickelung in Verbindung sind. Ihre Aufgabe 
ist es, wie ich schon erwahnt habe, immerdar dasjenige, was auf diese 
Weise geschieht, wiederum ins Giinstige, ins Menschenschicksal-F6r- 
dernde umzuwandeln. 



So etwas geschieht unaufhorlich im Zusammenhange der irdisch- 
geistigen Welt, dafi Menschenschicksale entrissen werden den Luzifer- 
schwingen und den Ahrimankrallen, denn die Gotter sind gut. Und 
was durch Ahriman oder Luzifer an Ungerechtigkeit in der Welt hin- 
ter den Kulissen des Daseins begriindet wird, das, meine lieben Freunde, 
wird durch die guten Gotter wiederum in die Bahn der Gerechtigkeit 
geleitet, und zuletzt ist der karmische Zusammenhang ein guter und 
ein gerechter. 

Und abgelenkt wird unser Blick, der ja allerdings verstandnisvoll 
beim Menschenkarma sein mufi, voll Verstandnis sein mufi, aber ab- 
gelenkt wird unser Blick vom Menschenschicksal nach dem Gotter- 
schicksal. Denn indem wir Kriegsgreuel, Kriegsschuld, Kriegsunholde 
im Zusammenhang mit natiirlichen und elementarischen menschen- 
mordenden Katastrophen verfolgen, sehen wir sich ausleben den Kampf 
der guten Gotter mit den nach zwei Seiten hin bosen Gottern. Wir 
sehen hinaus iiber das Menschenleben in das Gotterleben hinein, und 
sehen das Gotterleben auf dem Hintergrunde des Menschenlebens. Und 
wir sehen es vor alien Dingen nicht mit den ausgedorrten theoretischen 
Anschauungen, sondern wir sehen es mit Herz und Anteil, wir sehen 
es so, dieses Gotterleben, dafi wir es im Zusammenhang betrachten kon- 
nen wiederum mit dem, was im individuellen Karma der Menschen 
auf Erden vor sich geht, weil wir menschliches Schicksal mit Gotter- 
schicksal verflochten schauen. 

Dann aber, wenn wir auf solches hinschauen, dann wird uns die 
Welt, die hinter dem Menschen liegt, erst ganz nahegeruckt. Denn 
dann zeigt sich uns ja etwas, was man nur mit dem allerallertiefsten 
Anteil betrachten kann. Dann zeigt sich, wie das Menschenschicksal 
eingebettet liegt in dem Gotterschicksal, wie in gewissem Sinne Gotter 
lechzen nach dem, was sie mit den Menschen vorzunehmen haben aus 
dem Verlaufe ihres eigenen Kampfes heraus. Und indem wir uns sol- 
chen Vorstellungen nahen, kommen wir mit ihnen wiederum zuriick 
zu dem, was nun auch in den alten Hellseherzeiten durch die Mysterien 
in die Welt getreten ist. 

Derjenige, der in die alten Mysterien eingeweiht wurde, er ist zu- 
nachst eingefiihrt worden in die Welt der Elemente; da hat er gesehen, 



wie allmahlich sein Inneres, aber in seiner moralischen Qualitat, nach 
aufien riickt. Dann aber lernte er, und das war ein gewichtiges, ein ge- 
waltiges Wort, das der Schiiler der alten Mysterien gesprochen hat, die 
«unteren und die oberen Gotter», die ahrimanischen und die luzife- 
rischen Gotter kennen. In der Gleichgewichtslage gehen die guten Got- 
ten Und indem der alte Mysterienschuler kennenlernte, was der neue 
wiederum kennenlernen mufi, wurde eben ein Mensch nach und nach in 
die Tiefen des Daseins eingeweiht. Denn dann, wenn man diesen Zu- 
sammenhang durchschaut, dann kommt man zu der merkwiirdigen, die 
Welt aber belebend aufklarenden Anschauung: Wozu ist die Summe 
des Ungliicks in der Welt? Damit die Gotter Gluck daraus machen 
konnen! Denn blofies Gluck fiihrte nicht hinein in das Weltendasein. 
Gluck, das aus Ungliick spriefit beim Durchgange der Menschen durch 
die Sinnenwelt, fuhrt erst hinein in die Tiefen der Welt. 

Uberall miissen wir, wo es sich urn die Betrachtung des Karma han- 
delt, nicht blofi an theoretische Begriffe appellieren, uberall miissen 
wir, wo es sich um Karma handelt, an den ganzen Menschen appellie- 
ren. Denn Karma kann man nicht erkennen lernen, ohne dafi bei der 
Erkenntnis das Herz, das ganze Gemiit, der Wille des Menschen betei- 
ligt ist. Lernt man aber auf diese Weise Karma kennen, wie es richtig 
ist, dann vertieft sich auch dieses Menschenleben. Und dann erst wer- 
den gewichtig genug die Verhaltnisse des Lebens genommen, die die 
Menschen karmisch zusammenfiihren. 

Dann allerdings gibt es Augenblicke, die bei dem nicht oberflach- 
lichen Menschen auch da sein miissen, in denen das Karma einen schwer 
driicken kann. Aber alle diese Augenblicke werden wieder ausgeglichen 
durch diejenigen, in denen das Karma ihm Fliigel gibt, so dafi er sich 
mit seiner Seele aus dem irdischen Reiche in das gottliche Reich erhebt. 
Und wir miissen die Verbindung der Gotterwelt mit der Menschenwelt 
tief im Inneren fiihlen, wenn wir vom Karma in wahrem Sinne des 
Wortes reden wollen. 

Denn dasjenige, was hier auf Erden an uns, um uns ist in einem 
Erdenleben, das ist zunachst das, was da zugrunde geht auf dem Wege 
zwischen Tod und neuer Geburt. Das aber, was bleibt, das ist dasjenige, 
bei dem uns die Gotter, das heifit die Wesen der hoheren Hierarchien, 



an der Hand haben. Und niemand wird gegeniiber der Erkenntnis des 
Karma die rechte Seelenstimmung entwickeln, der nicht Karmaer- 
kenntnis als cine Handreichung von seiten der Gotter ansieht. 

Versuchen Sie es daher, meine lieben Freunde, Karmaerkenntnis so 
aufzufassen, dafi diese Karmaerkenntnis bei Ihnen das Gefuhl hervor- 
ruft: Indem ich mich dabei heiligem Geistesboden nahere, auf dem mir 
iiber das Karma etwas klarwerden kann, mufi ich die Hand der Gotter 
ergreifen. 

So real mussen die Empfindungen werden, wenn wir an wirkliche 
Erkenntnisse der geistigen Welt - und solche sind die Karmaerkennt- 
nisse - herandringen wollen. 



HINWEISE 



Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange Band 1-6: Urn den Zusammenhang 
der Dornacher Karmavortrage nicht zu unterbrechen, wurde von dem in der Gesamtausgabe 
sonst befolgten Grundsatz eine Ausnahme gemacht, Der Vortrag Bern 25. Januar 1924 (fruher 
in Band I, Ausgaben 1958 und 1964) und die Vortrage Bern 16. April, Stuttgart 9. April und 
1. Juni 1924 sind nunmehr in Band VI eingeteilt. 

Textunterlagen: Die Vortrage wurden von der Berufsstenographin Helene Finckh stenogra- 
phisch aufgenommen und in Schreibmaschinenschrift iibertragen. Dieser Ubertragung liegt 
der gedruckte Text zugrunde. 1973 wurden zum ersten Mai seit der ersten Drucklegung im 
Jahre 1934 auch die Original- Stenogramme, die erhalten sind, fur die Neuauflage herange- 
zogen. Dabei stellte sich heraus, dafi bei der Ubertragung in Maschinenschrift, die nach Aus- 
sage der Stenographin in Zeitnot und Nachtarbeit erfolgen mufite, einige Fehler entstanden 
waren, die korrigiert werden konnten. Die Textveranderungen gegenuber fruheren Auflagen 
sind auf diese Tatsache zuriickzufuhren. Erheblichere Veranderungen werden in den Hinwei- 
sen angefuhrt, ebenso Stellen, wo das Stenogramm mehrdeutig ist. Die 6. Auflage von 1988 
ist ein auf Druckfehler durchgesehener und bei den Hinweisen leicht erganzter photomecha- 
nischer Nachdruck der 5. Auflage. 

Die Zeichnungen im Text wurden nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners ausgefiihrt von 
Assja Turgenieff. 

Die Titel der Abteilungen wurden von Marie Steiner fur die 1. Auflage (1934) geschaffen. 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

zu Seite 

15 Ein vor Beginn des eigentlichen Votrags gegebener Bericht iiber eine Reise nach Prag ist 
abgedruckt in GA 260 a «Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Ge- 
sellschaft...», S. 192. 

lch habe . . . bingewiesen aufHarun al Rase hid: Siehen den Vortrag Dornach 16. Marz 
1924, in «Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange* Bd.I, S.170ff. , 
GA Bibl.-Nr.235. 

16 So haben wir ja bei Garibaldi kennengelemf. Siehe den Vortrag Dornach, 22. Marz 
1924, in obigem Band S. 184 ff. 

17 Francis Baco von Verulam, 1561-1616, englischer Staatsmann und Philosoph. 

19 Johann Amos Comenius, 1592-1670. «Pansophiae prodromus», Oxford 1639. 

Bund der «Mdhrischen Briiden: Aus der hussitischen Bewegung hervorgegangene 
Gemeinde, die sich 1467 von der katholischen Kirche vollig lossagte. Comenius war der 
letzte Bischof der alteren Brudergemeinde, die sich noch zu seinen Lebzeiten aufloste. 
Neu begrundet wurde sie im 18. Jahrhundert durch Graf Zinzendorf in Herrnhut. 



19 Johann Valentin Andreae, 1586-1654. Die «Chymische Hochzeit Christiani Rosen- 
kreuz», erschien in Straflburg 1616, und «Allgemeine und Generalreformation der 
ganzen weiten Welt» (Ubersctzung einer Schrift des Italieners Boccalini) in Kassel 
1614. 

20 verfolgen Sie nur die Brief e: Welche Briefe gemeint sind, konnte nicht festgcstellt 
werden. 

22 Karl Marx, 1818-1883, Begriinder des wissenschaftlichen Sozialismus. 
Friedrich Engels, 1820-1895, Sozialist. 

23 und man bewahrt sich am besten. . . : «Vor Irrtumern», wurde vom Herausgeber ein- 
gefugt. 

23 f. daJS ich des ofteren von Otto Hausner . . . gesprochen babe: Otto Hausner, 1827-1890. 

Erwahnt im Vortrag Dornach 9. November 1918, in «EntwickIungsgeschichtIiche 
Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils», GA Bibl.-Nr. 185a, 1963, S. 18, und 
«Mein Lebensgang», GA Bibl.-Nr. 28, IV.Kap. S.88. 

24 Ban der Arlbergbahn: Alpenbahn zwischen Innsbruck und Bludenz, Bauzeit 1880-84. 

25 Rede, . . . die auch ah Broschiire erschienen ist: Otto Hausner, «Deutschtum und Deut- 
sches Reich>, Wien 1880. 

26 Gallus, der Heilige, aus Irland (Hibernien). Griinder des Klosters St. Gallen. Gestorben 
ca.627. 

Columban: Columbanus, um 550-615. Irischer Monch, der mit zwolf Schiilern, dar- 
unter Gallus, seit 595 missionierend durch Franken, Burgund, Alemannien und die 
Lombardei zog. 

29 seit der Dornacher Weihnachtstagung: Siehe dazu «Die Weihnachtstagung zur Begriin- 
dung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft», Grundsteinlegung, Vortrage 
und Ansprachen, Statu tenberatung, 24. Dezember 1923 bis 1. Januar 1924, GA Bibl.- 
Nr. 260. 

29f. es gab nach dem Jahre 1918 allerlei Bestrebungen: Vgl. dazu die Reihe im Rahmen 
der Rudolf Steiner Gesamtausgabe «Das lebendige Wesen der Anthroposophie und 
seine Pflege», insbesondere «Anthroposophische Gemeinschaftsbildung», GA Bibl.- 
Nr. 257. 

32 daji die Seele des NLuawija in der Seele des Wbodrow Wilson wiedererschienen ist: 
Vgl. dazu den Vortrag Dornach, 16. Marz 1924, in «Esoterische Betrachtungen karmi- 
scher 2usammenhange» Bd. I, S. I68ff. 

35 Jakob Bohme, 1575-1624. 

Jakob Balde, 1604-1668. Deutscher und neulateinischer Dichter, lehrte und predigte 
in Innsbruck, Ingolstadt, Miinchen, Neustadt/Donau. 



36 einen bekannten Arzt: Es war dies der Homoopath Emit Schlegel, 1852-1935, Arzt in 
Tubingen. - Dr. Steiner hatte ihn im November 1905 von Stuttgart aus besucht. Auf 
die Zusendung der Schrift von Jakob Lorber «Eine Geister-Szenerie. Gewahsamer Hin- 
tritt des Robert Blum. Seine Erfahrungen und Fuhrungen imjenseits», 2 Bde., Bietig- 
heim/Wurtt. 1898, antwortete Rudolf Steiner am 14. Dezember 1905 u.a. «Die Schrift 
iiber Blum werde kh gewifi lesen; ich hoffe, dafi es schon in den Weihnachtstagen 
wird geschehen konnen.» 

36 Robert Blum, 1807-1848. Abgeordneter fur Leipzig in der Frankfurter Nationalver- 
sammlung. Er wurde am 9- November 1848 in Wien standrechtlich zum Tode verurteilt 
und erschossen. 

37 Leopold von Ranke, 1795-1886. «Die romischen Papste, ihre Kirche und ihr Staat 
im 16. und 17. Jahrhundert», 3 Bde., Berlin 1834-36. 

38 Friedrich Christoph Schlosser, 1776-1861, Professor der Geschichte in Heidelberg. 

39 ff. Conrad Ferdinand Meyer, 1825-1898. «Der Heilige», Novelle, Leipzig 1880; «Jtirg 

Jenatsch», eine Bundnergeschichte, Leipzig 1876. 

42 die Individualist . . . lebte dazumal ...in einem gewissen Verhaltnisse zu einem Papste: 
Gregor I., Papst von 590-604. 

Ein Genosse . , . begriindete das Bistum Canterbury: Der Monch Augustin, der 596 
zusammen mit einigen Benediktinern vom Papst Gregor I. nach England geschickt 
worden war. 

43 Thomas Becket, 1 1 18-1 1 70, Erzbischof. Er wurde am Altar der Kathedraie von Canter- 
bury am 29. Dezember 1170 erschlagen. 

47 Osterkurs fur Arzte und Medizinstudenten vom 21.-25. April 1924. Veroffentlicht in 
«Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst», GA Bibl.- 
Nr.316. 

51 Jobann Heinrich Pestalozzi, 1746-1827. 
52 ff. C. F. Meyer: Siehe den Hinweis zu S. 39. 

59 Publius Cornelius Tacitus, um 55-120. «Germania» («De otigine, situ, moribus ac 
populis Germanorum»), aus dem Lateinischen ubersetzt von Dr. Max Oberbreyer, 
Univ. Bibl. Leipzig o. J. 

dajS er ... Cbristus uberhaupt nur ganz vorilbergebend erwahnt: In den «Annalen» 
des Tacitus findet sich im 15. Buch, Nr. 44, lediglich die Bemerkung: «Der, von wel- 
chem dieser Name ausgegangen, Christus, war unter der Regierung des Tiberius vom 
Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden. » 

der jiingere Plinius: Cajus Cacilius Secundus, 62 n. Chr. bis um 114. 



60 Beatrix von Tuscien, um 10 1 5 - 1075 , Tochter des Herzogs Friedrich von Oberlothringen 
und Cousine Kaiser Heinrichs III. In erster Ehe vermahlt mit Bonifatius III. von Tus- 
cien, in zweiter Ehe mit ihrem Vetter Gottfried dem Bartigen von Lothringen. Von 
Heinrich III. (1017-1056) gefangengesetzt, wurde sie jedoch nach dessen Tode von 
seiner Gattin Agnes, der Regentinmutter Heinrichs IV., wieder befreit und ihr Gemahl 
erhielt das ihm entrissene Lothringen zuruck. 

60 Mathilde, Markgra'ftn von Tuscien, 1046-1115. Sie entstammte der ersten Ehe der 
Beatrix. 1069 vermahlte sie sich mit ihrem Stiefbruder, dem Herzog Gottfried dem 
Buckligen von Lothringen, trennte sich aber bereits 1071 wieder von ihm. Als treue 
Anhangerin des Papsttums unterhielt sie freundschaftliche Beziehungen zu Papst 
Gregor VII. Dieser weilte auf ihrem Schlofi Canossa, als Heinrich IV. (1050-1106) dort 
anlangte und bei strenger Kalte vom 25.-27. Januar 1077 barfufl im Hofe des Schlosses 
seinen Bufigang tat, um die Losldsung vom papstlichen Bann zu erlangen. - Als Mathil- 
de beim zweiten Zuge Heinrichs nach Italien dem Papst 1081 auf ihrem Schlofi Zu- 
fluchr gewahrte, wurde sie vom Kaiser geachtet und ihr Land verwustet. - Auch nach 
dem Tode Gregors VII. (1085) hielt sie zum Papsttum, vermachte alle ihre Guter noch 
zu Lebzeiten der romischen Kirche und ging sogar im Interesse der Kirche 1089 eine 
Scheinehe mit dem jungen Herzog von Welf ein, um dem Kaiser bei seinem dritten 
Zuge nach Italien Widerstand leisten zu konnen. 

62 Ralph Waldo Emerson, 1803-1882. «Representative Men», 1850; deutsche Uber- 
setzung von K. Federn, Halle 1897. 

Herman Grimm, 1828-1901. Er ubersetzte aus Emersons «Representative Men» die Ab- 
schnitte iiber Goethe und Shakespeare und nahm sie in seine «Ftinfzehn Essays. Dritte 
Folge* auf. 

64 Leitsatze: «Anthroposophische Leitsatze», GA Bibl.-Nr.26. 

66 Abschiedsworte nach dem Vortrag in «Die Konstitution. . .», GA 260a, S. 217. 

71 Julian Apostata, 332-363; romischer Kaiser von 361-363. 

dafi ich in Stuttgart einmal vorgetragen habe . . . auch bei der Weihnachtstagung: Siehe 
die Vortrage vom 30. Dezember 1910 in «Okkulte Geschichte. Esoterische Betrach- 
tungen karmischer Zusammenhange von Personlichkeiten und Ereignissen der Welt- 
geschichte», GA Bibl.-Nr. 126, 1975, S.8lff., und vom 29. Dezember 1923 in «Die 
Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung und als Grundlage der Erkenntnis 
des Menschengeistes*, GA Bibl.-Nr. 233, 1962, S.94ff. 

72 die «Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreuz»: Siehe den Hinweis zu S. 19. 

73 Henrik Ibsen, 1828-1906, norwegischer Dramatiker. 

74 Basilius Valentinus, lebte seit 14 13 im Peterskloster zu Erfurt. Die wichtigsten seiner 
Schriften sind u. a. «Der Triumphwagen des Antimons», «Vom grofien Stein der alten 
Weisen», «Offenbarung der verborgenen Handgriffe». Gesammelt erschienen seine 
Schriften am vollstandigsten von Petraus in Hamburg 1717 und 1740 in 3 Banden. 

75 f. Frank Wedekind, 1864-1918, Dichter und Schauspieler. «Hidalla», Schauspiel, Miin- 
chen 1904. 



80 Friedrich Holderlin, 1770-1843. 



Robert Hamerling, 1830-1889, osterreichischer Dichter . 

83 Lucius Domitius Nero, 37-68, romischer Kaiser von 54-68. 

84 «Welch ein Kunstler. . .»: Vgl. die «Annalen» des Tacitus; Supplemente der vom 16. 
Buch verlorenen Teile (66-68 n. Chr.) Nr. 12. 

85 Karl Julius Schrder, 1825-1900, Professor fur Literatur an der Technischen Hochschule 
in Wien. Lehrer und Freund Rudolf Steiners. Siehe «Mein Lebensgang», GA Bibl.- 
Nr.28. 

Kronprinz Rudolf von Osterreich, 1858-1889. 

96 dieses Goetheanum: Das erste Goetheanum, ein in Holz kunstlerisch gestalteter Bau, 
der unter der Leitung von Rudolf Steiner in denjahren 1913-1922 erbaut worden war. 
Der im Innern noch nicht ganz fertiggestellte, aber seit 1920 in Betrieb genommene 
Bau wurde in der Silvesternacht 1922/23 durch Brand vernichtet. 

109 Bocklins «Toteninseh: Das Bild befindet sich im Basler Kunstmuseum. 

110 Epimetheus: Bruder des Prometheus in Goethes «Pandora, ein Festspiel». 

113 von praktischen Karmailbungen: Bei Begriindung der damaligen Deutschen Sektion 
der Theosophischen Gesellschaft hatte Dr. Steiner fur seinen Vortrag am 20. Oktober 
1902 den Titel gewahlt «Praktische Karma-Ubungen». Vgl. dazu auch die Karma- 
vortrage vom 31. Marz 1924 in Prag, enthalten in GA Bibl.-Nr.239, und vom 16. April 
1924 in Bern, in GA Bibl.-Nr. 240. 

1 18 werde auch das noch in meinem «Lehensgang» zu erzUhlen haben: Siehe «Mein Lebens- 
gang», Kapitel XII, GA Bibl.-Nr. 28. 

meine erste Mysteriendichtung «Die P forte der Einweihung»: Erstauffuhung dieses 
Dramas in Munchen 1910. - Siehe «Vier Mysteriendramen*, (1910-13), GA Bibl.- 
Nr. 14. 

138 Aristoteles in seiner «Physiognomik»: Vgl. dazu die Ausfuhrungen Rudolf Steiners im 
Vortrag vom 15. Januar 1918 in «Wesen und Bedeutung der illustrativen Kunst», 
Dornach 1940. 

154 So erzahlt zum Beispiel noch Rousseau: Bezieht sich auf eine Stelle in Blavatskys «Isis 
entschleiert»: «Jaques Pelissier ... sagt, dafi Menschen durch festes Anblicken von 
Tieren oculis intends nach einer Viertelstunde deren Tod verursachen konnen. Rousseau 
bestatigt dies aus seiner eigenen Erfahrung in Egypten und dem Osten, indem er 
mehrere Kroten auf diese Weise totete, Aber, als er es zuletzt in Lyon versuchte, 
drehte sich die Krote, da sie fand, dafi sie seinem Blick nicht entgehen konnte, urn, 
blies sich auf und starrte ihn mit so feurigem Blicke ohne Bewegung ihrer Augen an, 
daft eine Schwache iiber ihn kam, die sogar bis zur Ohnmacht fiihrte, so dafi man ihn 
einige Zeitlangfiir tot glaubte.» H. P. Blavatsky, «Isis entschleiert», Leipzig o. J., S. 399. 
(Bei dem erwahnten Rousseau handelt es sich nicht etwa um Jean-Jacques Rousseau. 
D.H.) 



156 Ich habe es in fruheren Zeiten ja auch hier beschrieben: Siehe die Vortrage vom 25 . Au- 
gust 1918 in «Die Wissenschaft vom Werden des Menschen», GA Bibl.-Nr. 183; vom 
8. Juli 1921 in «Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist*, I.Teil, GA Bibl.- 
Nr. 205; und vom 25. November 1923 in «Mysteriengestaltungen», GA Bibl.-Nr. 232. 

161 Raimundus Lullus, Ramon Lull, 1234-1315. «Ars magna Lulli - Die grofie Kunst.» - 
Vgl. dazu die ausfuhrliche Darstellung Rudolf Steiners im Vortrag vom 5- Januar 1924 
in «Mysterienstatten des Mittelalters. Rosenkreu2ertum und modernes Einweihungs- 
prinzip* im Bande «Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung», GA 
Bibl.-Nr. 233. 

163 Vorbi/d des Strader: Es handelt sich um den Professor der Philosophic in Miinster 
Gideon Spicker, 1840-1912, Verfasser des von Rudolf Steiner verschiedentlich erwahn- 
ten Werkes «Vom Kloster ins akademische Lehramt», Stuttgart 1908. 

164 Jakob Frohschammer, 1821-1893. Das genannte Werk ist in Miinchen 1877 erschienen. 

174 ich zitiere ein berilhmtes romantisches Wort: Prolog und Schlufi des Lustspiels «Kaiser 
Octavianus* von Ludwig Tieck. 

Mondbeglanzte Zaubernacht, 
die den Sinn gefangenhalt, 
wundervolle Marchenwelt, 
steig' auf in der alten Pracht. 

180 Ich habe in jenem Kurs, . . . dem sogenannten tFranzdsischen Kurs», darauf hinge- 
wiesen: Siehe den Vortrag vom 15. September 1922 in «Philosophie, Kosmologie und 
Religion*, GA Bibl.-Nr. 215. 

die Sonne scheine iiber Gute und Bose: Siehe die Ode «Das G6ttliche» von Goethe: 

Es leuchtet die Sonne 
iiber Bos' und Gute 
und dem Verbrecher 
gl anzen, wie dem Besten 
der Mond und die Sterne. 

182/183 jene Szene, in der Wagner in derPhiole den Homunkulus herstellt: «Faust» II. Teil, 
2. Akt: Laboratorium. 

194 Daraus hat ein Professor . . . gemacht: Gemeint ist der Professor fur Anatomie in 
Gottingen, Dr. Hugo Fuchs, der sich zum heftigen Gegner der Anthroposophie ent- 
wickelte. 

204 iiber das 49. Jahr hinaus das Leben geschenkt: In fruheren Auflagen stand «be- 
schrankt». Im Stenogramm stehen beide Worte nebeneinander. 

210 Zeichnung: Die Farbangaben dienen der Kennzeichnung, und stehen in keinem Zu- 
sammenhang mit anderweitigen Angaben Rudolf Steiners fur die Farben der Planeten. 



213 Francois Marie Arouet de Voltaire, 1694-1778. 



2l6f. Eiiphas Levi, 1810-1875. Pseudonym fur den Abbe Alphonse Louis Constant; Verfasser 
von «Dogme et Rituel de la Haute Magie», 1854-56, «La clef des Grands Mysteres», 
1861. 

218 Ich habe Sie ... auf dasjenige verwiesen, was in den ... hybernischen Mysterien vor- 
gegangen ist: Siehe die Vortrage vom 7., 8. und 9- Dezember 1923 in «Mysterien- 
gestaltungen», GA Bibl.-Nr. 232; und die Vortrage vom 27., 28. und 29. Dezember 
1923 in «Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung und als Grundlage 
der Erkenntnis des Menschengeistes», GA Bibl.-Nr. 233. 

219 Victor Hugo, 1802-1885. 

233 Denken Sie an die Szenen: Siehe das vierte Bild des ersten Mysteriendramas «Die 
Pforte der Einweihung» in «Vier Mysteriendramen», (1910-13), GA Bibl.-Nr. 14. 

256 aus dem Unpersdnlichsten: In den friiheren Auflagen hiefi es «aus den Untiefen». Das 
Stenogramm ist undeutlich. 

277 Jakob Bohme, 1575-1624. «Aurora oder die Morgenrote im Aufgang», geschrieben 
1612, erster Druck 1656. 

279 18.-21. Zeile von oben: Korrektur gemafi Stenogramm. 

284 dieser Kultus ... im Sinne unserer Christengetneinschaft: Die «Christengemeinschaft» 
als Bewegung fur religiose Erneuerung, mit ihrem Hauptsitz in Suttgart, wurde im 
September 1922 begriindet. Erster Erzoberlenker war Dr. Friedrich Rittelmeyer. 

296 da/S die Legende existiert von einem Philosophen; Des Empedokles von Agrigent, um 
500 v. Chr. , von dem es heilk, dafi er sich in den Krater des Atna gesturzt habe. Siehe 
die Fragmente zu dem Drama «Der Tod des Empedokles* von Friedrich Holderlin. 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Auto biograp hie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap,, 1925) 



Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und verkauf- 
lich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophischen) 
Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vor- 
tragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - wegen man- 
gelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir ware es am 
liebsten gewesen, wenn miindlich gesprochenes Wort miindlich gespro- 
chenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck 
der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu 
korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mit- 
glieder* nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem 
Jahre ja fallen gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in 
das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewulksein der gegenwartigen Zeit verfolgen will, 
der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. In 
ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnis- 
streben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mirin«geistigem 
Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie - 
allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die « Anthroposophie* aufzubauen und da- 
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der 
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat, trat 
nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mit- 
gliedschaft heraus als Seelenbedurfnis, als Geistessehnsucht sichoffenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel uberhaupt in dem Lichte dargestellt zu horen, 
das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen 
uber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 



Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortr agen waren nur Mit- 
glieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie be- 
kannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf 
dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage 
war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fur die 
Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art uber Dinge sprechen, die 
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an be- 
stimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in 
der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergrunden stammt. Die 
ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und 
arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich 
hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in 
meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die 
Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend 
einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft 
kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten 
Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb 
konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu 
drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke 
nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hinge - 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vor- 
lagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil fiber den In halt eines sole hen Privatdruckes wird ja allerdings 
nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils- 
Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermeisten dieser 
Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des 
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und 
dessen, was als « anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus 
der Geist-Welt sich findet.